Interview mit Jørgen Munkeby von Shining (Nor)

Bereits ihr letztes Album, „Blackjazz“, sorgte für einigen Wirbel in der Metal-Welt. Nun melden sich die norwegischen Black-Jazzer mit einer Live-CD/DVD zurück, die es in sich hat. Wie schon im Gespräch zum Album, präsentierte sich Bandleader Jørgen Munkeby auch in unserem aktuellen Interview als äußerst mitteilungsfreudig und sympathische Persönlichkeit. Doch lest selbst, was der Multiinstrumentalist über den Aufwand, eine gute Live-CD zu produzieren, zu berichten hat:

Hey Jørgen! Wie geht es? Ich hoffe, bei dir ist alles okay?
Hi! Schön, mit dir zu reden! Ich bin glücklich mit der Veröffentlichung unseres Live-Albums und der Live-DVD, mir geht es also wirklich gut!

Wir haben ja letztes Jahr schon ein Interview geführt, als euer letztes Album „Blackjazz“ rauskam. Was hat sich im SHINING-Lager seitdem getan?
Ich persönlich habe die letzten acht Monate lang den Großteil jeden Tages am Live-Album und dem Konzert-Film gearbeitet. Man muss sich da wirklich reinhängen und hart arbeiten, damit es sich so gut anhört und so großartig aussieht… von den Kosten eines solchen Projektes ganz zu schweigen!
Produziert wurde nicht nur in meinem Studio in Norwegen, sondern auch in Hollywood und London, ich hatte also wirklich keine Zeit für irgendwas anderes, als ständig um die Welt zu reisen und an „Live Blackjazz“ zu arbeiten!

Wie interpretierst du den Untertitel „The Shape Of Blackjazz To Come“? Ist es eine Referenz zu “The Shape Of Jazz To Come” von Ornett Coleman?
Ja, wir spielen hier mal wieder mit historischen Sätzen und Titeln. Auf unserem letzten Album „Blackjazz“ haben wir einen neuen Titel und einen neuen Genrenamen erfunden, indem wir die legendären und Genre-definierenden Alben „Black Metal“ und „Free Jazz“ kombiniert haben. Der neue Titel „Live Blackjazz“ ist ein Wink in Richtung „Live-Evil“ von Miles Davis und „Live Evil“ von Black Sabbath“, beides sind sehr berühmte Live-Alben. Der Untertitel spielt natürlich auch wieder mit einigen klassischen Albumtiteln.

Das Album ist jetzt seit kurzem veröffentlicht. Verkaufen sich Live-CDs heutzutage gut?Wir hoffen, dass wir eine Menge von diesen CDs und DVDs verkaufen können. Alben an sich verkaufen sich dieser Tage aber nicht besonders gut. Dank der momentan extrem schwachen Wirtschaftslage im Musikbusiness muss in der Regel jede Produktion so günstig wie möglich sein. Darunter leidet immer auch die Qualität, übrig bleibt oft ein amateurhaftes Ergebnis.
Seit es so viel teurer ist, einen Konzertmitschnitt zu produzieren und es auch immer schwerer wird, einen guten Sound hinzubekommen, sind Live-Releases oft Schrott, was Bild und Ton angeht. Außer natürlich, du bist eine Band auf dem Level von Muse, Nine Inch Nails oder U2.
Das hat dazu geführt, dass wir heute in der unglücklichen Situation sind, dass die Leute von Live-Releases schon vorab schlechte Bild- und Ton-Qualität erwarten, was es wiederum schwerer macht, eine gute Live-Veröffentlichung zu bewerben. In unserem Fall aber haben wir uns wirklich alle Mühe gegeben, diesen Release so gut zu machen, wie es Menschen möglich ist: Wir haben acht Monate extrem hart gearbeitet und haben mehr Geld reingesteckt, als ein normaler Mensch jemals in sowas investieren würde. Das ist aber eben auch eine Haupt-Veröffentlichung von uns und nicht irgendwas, um die Zeit zwischen zwei Studioalben zu überbrücken. Insofern hoffe ich wirklich, dass wir einen ganzen Haufen von diesen CDs und DVDs verkaufen werden!

Der Aufwand hat sich in meinen Augen/Ohren wirklich gelohnt: Die CD/DVD ist beeindruckend gut produziert, besser als viele DVDs richtig bekannter Bands… Hattet ihr für die Aufnahmen so ein hohes Budget oder waren die Leute, die daran gearbeitet haben, einfach so gut?
Danke, freut mich wirklich, das zu hören! Ein besonders großes Budget hatten wir nicht, nein. Ich denke, in die meisten gut produzierten Live-CDs und DVDs haben das Zehnfache von unseren finanziellen Mitteln gesteckt. Die haben aber auch keinen Typen, der sich acht Monate lang jeden Tag hinsetzen und daran arbeiten kann, was ich eben nach der Show getan habe. Auch alle anderen, die an der Produktion beteiligt waren, haben großartige Arbeit geleistet! Der Video-Editor hat sich den Arsch wund geschuftet, der Mischer hat beim Mix gezaubert und der Farbkorrektur-Typ hat unglaubliches Zeug mit dem Video gemacht. Ich bin überglücklich mit dem Team, das wir für diese Produktion hatten.

Kannst du uns etwas über die Aufnahmen erzählen? Wo ist gefilmt worden, und warum gerade da? Ihr habt letztes Jahr auch beim Wacken Festival gespielt und viele Bands würden einfach die Aufnahmen von da nehmen, um eine DVD zu machen…
Wie ich schon gesagt habe finde ich, dass es sehr schwer ist, eine Live-Veröffentlichung gut aussehen und zu klingen zu lassen. Dafür braucht man einen guten Plan und volle Kontrolle über alle technischen Faktoren bei der Aufnahme. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, das Ganze in unserer Heimatstadt zu machen. Ich habe die Videos von unserem Wacken-Auftritt gesehen und die Audioaufnahmen angehört. Aus dem Material hätten wir niemals etwas so hochweriges wie „Live Blackjazz“ machen können.

War es schwierig, eine Show vor einer Kamera zu spielen und zu wissen, dass alles, was man macht und sagt später auf der DVD sein wird? Und auch, dass jedes technische Problem die Aufnahme ruinieren könnte?
Ja, diese Dinge sind oft das Schwierigste an Konzerten. Ich meine, die Instrumente zu spielen ist schon lange kein Problem mehr… es kommt allein auf die mentalen Faktoren an. Wenn du frierst, wenn du krank bist, wenn du müde oder genervt bist, wenn Freunde in der Halle sind, wenn vor dir mehr als 10000 Leute stehen, wenn da weniger als 100 Leute stehen, wenn es aufgenommen wird… Solche Sachen können es schwieriger machen, konzentriert zu bleiben und ein gutes Konzert zu spielen. Vor dem Konzert hab ich den Jungs aber gesagt, dass wir das aufgenommene Material wahrscheinlich eh nicht für irgendwas verwenden werden, nur um ihnen zu helfen, zu vergessen, dass das Konzert aufgenommen und gefilmt wird. Aber ich habe gewusst, dass wir es nehmen werden.

Die Setlist beinhaltet neben all den Hits vom neuen Album auch einige alte Songs. Ich finde es sehr interessant zu hören, wie die alten Lieder im neuen SHINING-Gewand klingen. War es deine Intention, sowas wie eine 2011-Version von den alten Sachen zu machen?
Ja, auf jeden Fall! Sean Beaven, der das Live-Album und unser letztes Album abgemischt hat, hat mich gefragt, ob er versuchen soll, den alten Soundmix für die älteren Songs zu verwenden. Wir haben darüber geredet und sind zu dem Entschluss gekommen, dass wir alles in den „Blackjazz“-Sound packen wollen. Als wir die Lieder vor dem Konzert mit der Band vorbereitet haben, haben wir auch die Arrangements und den Sound der Songs abgestimmt, so dass sie besser zu den „Blackjazz“-Songs passen. Ich persönlich finde die neuen Versionen sogar cooler als die Versionen auf den älteren Alben.

Warum habt ihr gerade diese Songs ausgewählt?
Wir haben einfach die Songs genommen, die wir selbst am meisten mögen. Die Setlist auf der DVD ähnelt auch stark der Setlist, die wir auf der ganzen Tour gespielt haben. Wir haben daran für die DVD-Aufnahme nicht mehr viel geändert… ich denke, es repräsentiert ziemlich genau, was unsere Konzerte ausmacht.

Habt ihr die Songs für die Live-Umsetzung in Details geändert, oder spielt ihr alles wie auf dem Album?
Wir haben gerade bei den alten Liedern wirklich viel geändert, die Songs von „Blackjazz“ hingegen sind fast identisch mit den Versionen auf dem Album. Jeder Song hat da andere Bedürfnisse, vor allem die mit ausschweifender Instrumentierung. Während Livekonzerten improvisieren wir normalerweise aber ziemlich viel, sowohl während als auch zwischen den Songs. Das ist ein weiterer Grund, warum ich die DVD so mag, denn man sieht und hört all die improvisierten Stellen.

Ihr habt kürzlich mehere Konzerte in Deutschland abgesagt. Wieso?
Es hat sich rausgestellt, dass die Werbung für zwei der drei Shows nicht gut lief und es gab einige Verwirrung bezüglich falscher Informationen, die an unsere Booking-Agentur geschickt wurden. Deswegen haben wir alle drei Deutschlandkonzerte auf Anfang 2012 verschoben. Es ist ganz einfach Geld- und Zeitverschwendung, Konzerte zu spielen, die nicht richtig beworben wurden. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir bald wieder in Deutschland sein werden und die Konzerte großartig werden.

Gibt es denn schon konkrete neue Termine für die Konzerte und vielleicht auch für weitere Konzerte in anderen deutschen Städten? Eure DVD macht ja schon Lust, euch mal wieder live zu sehen…. ;)
Wie gesagt, es wird sehr bald neue Deutschland-Termine geben, ich weiß aber nicht genau wann. Wir werden es aber auf www.shining.no und www.facebook.com/shiningnorway bekanntgeben, sobald wir selbst mehr wissen.

Ok, noch eine weitere Frage zur näheren und ferneren Zukunft: Habt ihr bei all den Arbeiten am Live-Album schon Zeit gefunden, an neuem Material zu arbeiten? Kannst du uns etwas über die Pläne bezüglich des nächsten SHINING-Studio-Albums erzählen?
Nun, es wird auf jeden Fall ein weiteres Studioalbum geben. Im Moment habe ich aber nur grobe Strukturen für drei Lieder. Es ist noch etwas zu früh, um darüber zu reden, wie es werden wird, aber ich habe so ein Gefühl, dass es kurze und schnelle Songs werden. Sobald die Nachwirkungen des Live-Releases nachlassen, werde ich dann auch wieder an neuen Songs arbeiten.

Ok, das war auch schon meine letzte Frage, danke dir fürs Beantworten! Möchtest du unseren Lesern noch etwas sagen?
Ja, ich würde ihnen gerne sagen, dass ich persönlich denke, dass „Live Blackjazz“ das Beste ist, was wir bisher gemacht haben. Ich kann die CD und DVD also nur dringend empfehlen!

Zumindest der Empfehlung kann ich mich vorbehaltslos anschließen. Zum Abschluss des Interviews würde ich mit dir gerne das traditionelle Metal1.info Brainstorming machen. Bitte entscheide dich für einen der beiden Begriffe und begründe deine Wahl:

E-Mail oder Telephon: Telephon. E-Mail ist für faule und ängstliche Menschen. Jeder bekommt viel zu viele E-Mails, wenn du also gehört werden willst, greif zum Telefon. Es vermeidet auch eine Menge möglicher Missverständnisse.
Jazz oder Metal: Beides: Anstatt nur Jazz oder nur Metal hören, warum nicht Jazz-Metal hören?
Online- oder Print-Magazin: Print-Magazin. Ich muss zugeben, dass ich lieber auf Papier lese… Ich verbringe schon genug Zeit am Computer, wenn ich an meiner Musik arbeite.
Winter oder Sommer: Eigentlich keines von beidem. Ich bevorzuge den Frühling.
MP3 oder Vinyl: Wieder keines von beidem: Tatsächlich besitze ich wesentlich mehr CDs als MP3s oder Schallplatten.
Stadt oder Land: Ich lebe lieber in der Stadt. Meine Lieblingsstadt ist Hollywood, Los Angeles.
Elche – Essen oder Touristenattraktion: Ganz klar Essen. Elchfleisch ist wirklich mein Lieblingsfleisch.

Ok, das wars dann schon wieder, danke für deine Zeit, und bis zum nächsten Mal!