Interview mit Tom Angelripper von Sodom

31 Jahre auf dem Buckel und 14 Studioalben in der Diskografie – das ist die beeindruckende Bilanz, die die Thrash-Urgesteine SODOM vorweisen können. Nach Label-Insolvenz, Drummerwechsel und aufwändigen Band-History-Projekten konnte sich das Ruhrpott-Trio in den letzten zwei Jahren neben ausgiebigen Live-Aktivitäten wieder ganz darauf konzentrieren, neue Songs zu schreiben – herausgekommen ist „Epitome Of Torture“. Alle Infos dazu und noch viel mehr verriet uns Bandleader und Szene-Original Tom Angelripper.


Servus Tom! Bist du schon in Aufbruchstimmung, wo jetzt das neue Album in den Startlöchern steht?
Ja, in der Promo-Phase ein paar Wochen vor Veröffentlichung geht’s richtig ab – viele Interviews, viele Sachen, die zu klären und zu erledigen sind. Aber es ist schön, ich freu‘ mich darüber, da kommt wieder ein bisschen Alarm bei uns rein.

Macht es also auch nach all den Jahren noch Spaß?
Klar, und dann sind wir jedes Wochenende noch unterwegs. Letzte Woche waren wir in Frankreich, es kommen also immer noch die Wochenend-Shows dazu. Es ist schön, auf jeden Fall.

Diesmal hat es nur zweieinhalb Jahre gedauert, bis ein neues Album rauskam, das ist eine sehr vertretbare Zeit. Die Abstände zwischen den letzten beiden Platten waren da schon deutlich größer. Wie kam es dazu? Habt ihr absolute Priorität auf ein neues Album gelegt oder ging das von selbst? Vielleicht auch, weil ihr keine aufwändigen anderen Projekte nebenher mehr auf dem Tisch liegen hattet, wie zuvor z. B. die beiden History-DVDs?
Die beiden History-DVDs haben uns damals natürlich etwas zurückgeworfen, was das Songwriting angeht, das kam sicherlich dazu. Auch die „Final Sign Of Evil“, die wir mit Chris Witchhunter (SODOM-Schlagzeuger bis 1992 – mf) eingespielt haben, war sehr zeitintensiv, aber es kam bei uns ja immer etwas heraus. Allerdings hast du natürlich schon recht: Vier Jahre oder mehr zwischen zwei Alben ist zu lang. Eine Profi-Band wie SODOM sollte in der Lage sein, jedes oder spätestens alle zwei Jahre eine Album zu machen. Die andere Seite ist, dass wir Optionen von der Plattenfirma haben müssen, die diese ziehen muss, vorher können wir nichts veröffentlichen. Aber wir wollen ab jetzt auch wirklich in regelmäßigen Abständen ein neues Album machen.

SODOM-Fans dürfen sich also wieder eher auf eine neue Platte freuen?
Absolut. Wir wollen wirklich versuchen, nächstes Jahr ein neues Album zu machen. Wir haben jetzt bereits wieder ein paar Songs geschrieben. Der Drummerwechsel hat uns beim letzten Mal auch ein bisschen zurückgeworfen, sonst hätte das schon eher passieren können. Mit Bobby (Schottkowski, SODOM-Schlagzeuger bis 2010 – mf) hatten wir damals auch schon wieder ein paar neue Stücke angefangen, aber er hat ja dann die Band verlassen. Dann kam noch die „In War And Pieces“-Tour dazwischen, da mussten wir den Nachfolge-Trommler neu anlernen – all das wirft dich immer wieder ein wenig zurück, und jeder von uns merkt natürlich, wie schnell so ein Jahr vergeht, ohne dass man eigentlich was geschafft hat. Aber nächstes Jahr wollen wir, wie gesagt, so schnell wie möglich eine neue Platte angehen. Wenn die Plattenfirma grünes Licht gibt, ist es dann so weit.

Lass uns mal ein paar Worte zum Artwork verlieren. Es ist wieder sehr modern geworden, wie schon beim vorherigen Album. Wer hat es kreiert und wie ist der Kontakt zustande gekommen?
Meran Karanitant hat das gemacht. Meran wohnt in Leverkusen und ich kenne ihn schon seit ein paar Jahren. Er hat uns auch die Plattform für unsere Homepage zur Verfügung gestellt, er hat das „Agent Orange“-Re-Release gemacht und schon für viele andere Bands gearbeitet. Mit ihm war ich also in Kontakt und er meinte, er wolle das dann auch alles aus einem Guss machen. Es ist ja nicht nur das Cover, sondern auch das ganze Drumherum mit Booklet, Vinyl-Gestaltung und so weiter. Ich war am Anfang erst ein bisschen skeptisch, weil er vom Stil her anders ist als Eliran Kantor, der die „In War And Pieces“ gestaltet hat, und er ist vom Stil her auch anders als ein Andreas Marschall (mehrfacher SODOM-Cover-Artworker – mf), der das alles von Hand zeichnet und gar nicht mit Photoshop arbeitet. „Epitome Of Torture“ war jetzt eine Kombination aus beidem. Ich hab‘ die fertige CD gerade bekommen – wenn ich das so in der Hand habe, sieht das alles schön aus. Du hast den Knarrenheinz drauf und diese Endzeitstimmung, die ich haben wollte. Ich wollte diesen desolaten Zustand unserer Welt kurz und knapp einfließen lassen und der Knarrenheinz muss natürlich vorne drauf. Alles in allem, wenn man sich das Booklet, das Poster und den Rest anschaut, ist es schön einheitlich geworden.

Welche Anhaltspunkte hatte er denn zum Arbeiten? Nur die Songtitel oder auch die Lyrics und die Songs an sich?
Ich hab‘ ihm die Texte geschickt, die konnte er sich durchlesen, um zu wissen, wohin die Reise geht. Wir haben natürlich auch darüber gesprochen und ich hab‘ ihm gesagt, dass Endzeitstimmung und Chaos Themen sind, wie zum Beispiel in den alten Mad-Max-Filmen. Auf dem Cover ist es letztendlich ein Panzer geworden, ursprünglich war ein Katapult geplant, also eine Kombination aus moderner Waffentechnik und altertümlichen Waffen, wie man das bei Mad Max auch sieht, aber damit hätte man das Motiv nicht so dreidimensional darstellen können.

Mit dem Panzer auf der einen und dem Knarrenheinz mit der Axt und der Säge auf der anderen Seite ist das auch so ganz gut gelungen, auch in Bezug auf den Albumtitel „ Epitome Of Torture“. Was bedeutet der Titel für dich?
Das ist ein Titel, den wir erst später hatten. Wir hatten zunächst mal die Songs und uns dann entschieden, welcher Song und welcher Text eigentlich am besten dazu passen kann. Die Texte waren schon vorher fertig, wie meistens, und der Titel zieht sich wie ein roter Faden nicht nur durch den Song „Epitome Of Torture“, sondern auch durch das ganze Album. Es thematisiert den aktuellen Zustand unserer Welt und die Kriegsgefahr, die jetzt auch wieder ganz aktuell ist. All das sind Dinge, die mich aufreiben, die mich traurig stimmen, und darüber schreibe ich dann eben. Ich will nicht sagen, dass es ein Konzeptalbum ist, aber alles, bei dem man sagt: „Das gibt’s doch gar nicht!“, oder „Das kann doch gar nicht sein, das so was abgeht!“, das sind Sachen, die ich dann aufgreife und auch immer gerne aufschreibe, ohne politisch aktiv zu sein oder Ähnliches. Ich beschreibe das dann so, wie ich es sehe.

Inspirationen für böse Texte gibt es ja leider genug, wie du selbst gesagt hast.
Leider. Jeder von uns will in einer friedlichen Welt leben, gar keine Frage. Schau‘ dir Nordkorea an, was da jetzt schon wieder mit diesen Drohungen abgeht, das sind Sachen, die greife ich auf. Ich muss natürlich versuchen, irgendwie einen Songtext daraus zu basteln. Ich schreibe ja keinen Text für eine Zeitung und keine Abhandlung, ich schreibe einen Songtext. Das ist für mich dann immer eine Gratwanderung: Möglichst nicht zu viel verraten, trotzdem einen guten Text schreiben, ohne persönliche Meinung – die interessiert auch keinen – aber schon mit erhobenem Zeigefinger.


Also doch nicht nur einen beschreibenden Ansatz.
Viele Metalbands haben einfach nur Floskeln drin. Ich will jetzt keine Bandnamen nennen, außer Manowar vielleicht. Für mich ist der Text genauso wichtig wie die Musik. Da kommen dann solche Titel wie zum Beispiel „Katjusha“. Dazu wurde ich inspiriert, als wir letztes Jahr in Israel spielen sollten. Kurze Zeit, nachdem wir uns dazu entschieden hatten, gab es einen Raketenangriff auf Tel Aviv – da hab‘ ich gesagt, ich bleib‘ zuhause. Das klappt dann mal wieder nicht, das holen wir dann in diesem Jahr nach. Und danach befasst man sich damit. Was ist denn „Katjusha“? „Katjusha“ wurde damals aus der Stalinorgel abgeschossen, das Thema hatten wir schon, ist gleichzeitig aber auch ein Mädchenname und ein russisches Volkslied – absurd! Das ganze Leben ist absurd, was im Moment alles abgeht, und das schreibe ich auf.

Wenn du Texte über so konkrete Objekte mit Kriegsbezug wie eine bestimmte Raketenwerferserie, die Atombombe von Hiroshima oder Flugzeugmodelle aus dem Vietnamkrieg schreibst, scheint da auf deiner Seite auch eine gewisse Faszination zu sein, oder?
Es fasziniert natürlich auch. Der Horror und die Grausamkeit faszinieren die Menschen. Beim Song „Cannibal“ geht es um diesen Kannibalen von Rotenburg, diese Geschichte konnte ich damals gar nicht glauben. Die habe ich dann wieder aufgegriffen. Das kann man sich gar nicht vorstellen! Da meldet sich einer übers Internet: „Du kannst mich umbringen und dann auffressen.“ Unfassbar! Das ist krank, die ganze Welt ist mittlerweile krank und mich wundert auch gar nichts mehr. Dadurch bekomme ich die Gelegenheit, zu jedem Album zwölf neue Texte zu schreiben. Ich muss mir nichts aus den Fingern saugen, das kommt dann eben. Ich häufe dann viel an und gehe lange damit schwanger. Manchmal stehe ich nachts auf und schreibe es einfach auf, so die ersten Zeilen. Man kann sich ja nicht einfach so vor ein leeres Word-Dokument oder ein leeres Blatt Papier setzen mit dem Vorhaben, sofort einen Text zu schreiben. So funktioniert’s natürlich auch nicht.

Klar, man muss warten, bis man einen Geistesblitz kriegt.
Genau. Klar, man hat natürlich Termine und so weiter, die Deadline für ein Album zum Beispiel, aber ich schreibe ja jetzt schon wieder Texte, damit ich dann auch was habe, wenn es so weit ist.

Ihr habt mit „S.O.D.O.M.“ jetzt nach über 30 Jahren auch so etwas wie eine eigene Bandhymne – wie kam es dazu?
Da haben wir mit der Musik angefangen – wir machen ja ganz normal Musik im Proberaum, noch ganz klassisch, also ohne uns MP3s hin und her zu schicken oder so. Wir treffen uns immer ganz altertümlich und old-school-mäßig im Proberaum und da kamen dann beim Jammen ein oder zwei Riffs von dem Song zustande, zu denen ich einfach nur „S.O.D.O.M“ gesungen habe, das kam mir so als Eingebung. Für mich war das nur so ein Pilotgesang, aber die Jungs fanden’s geil und meinten, ich solle doch mal so einen Text dazu schreiben – „S.O.D.O.M.“. Da dachte ich mir dann: 30 Jahre SODOM, da kann man so eine Art Tribute an mich selbst, an meine Fans, an unsere Karriere, an unsere Ex-Musiker, die alle schon mitgespielt haben, einfach so ’nen Song machen – auch in dem Stil, in dem ich früher die Texte geschrieben habe, mit mehr Floskeln und auch mal harten Wörtern. Hauptsache, es reimt sich, Hauptsache, es groovt ein bisschen, und das passt eben. So ist der Song entstanden und ich bin total begeistert davon. Ich denke schon, der wird es auch live schaffen und der wird es auch schaffen, bei den SODOM-FANS so eine Hymne zu werden.

Damit nimmst du meine nächste Frage schon vorweg. Siehst du jetzt schon Songs, die es dauerhaft in die Live-Setlist schaffen werden, also praktisch bei jeder Show gespielt werden, oder macht ihr das eher an den Publikumsreaktionen fest?
Ja, ein paar Songs müssen das schon. Ich glaube, „Stigmatized“ könnte es werden, „Epitome Of Torture“ könnte es werden, es könnte auch „The Final Bullet“ werden, die werden wir natürlich draufschaffen. Wenn man mit einem Song aus dem Studio kommt, ist der live nicht immer unbedingt umzusetzen. Da funktioniert einer nur mit zwei Gitarren, ein anderer funktioniert live nicht wegen der Bass- und Gesang-Gegentaktung, da bin ich nicht so der Freak, aber das kristallisiert sich schon raus. Wir wollen darauf achten, dass die kommende Setlist drei, vier, vielleicht sogar fünf Stücke vom neuen Album enthält. Allerdings wollen wir trotzdem auch noch mal zurückblicken, denn es gibt noch Klassiker auf anderen Alben von uns, die wir auch mal wieder spielen könnten. Auch hier hat uns der Drummerwechsel ein wenig zurückgeworfen, aber wir wollen zusehen, dass wir die Standard-Setlist im Laufe des Jahres umbauen und live wieder attraktiver werden.

Stichwort Live-Shows: Über den Frühling und Sommer spielt ihr ausschließlich Festivalshows – gibt es da ein oder mehrere Festivals, auf die ihr euch besonders freut?
Nee, also ich freu‘ mich immer auf jedes Festival. Ob das jetzt ein kleiner Club ist oder eine große Bühne, ich mache da überhaupt keinen Unterschied. Für mich ist jede Show etwas Besonderes. Ich freu‘ mich natürlich, mal wieder auf dem With Full Force zu spielen. Auf den großen Festivals trifft man ja auch jedes Mal den einen oder anderen von anderen Bands, das ist immer lustig. Da freu‘ ich mich dann auch immer drauf, aber ob groß oder klein, im Prinzip ist das ziemlich gleichwertig.

Ihr seid ja auch eine Band, die auf kleinen und großen Bühnen funktioniert.
Wir haben jetzt vor Kurzem in London im Underworld gespielt, da war’s auch packenvoll, allerdings stehst du dann direkt neben den Leuten. Du stehst ihnen direkt gegenüber. Die packen dich an, die greifen dir in die Gitarre – ist nicht schlimm, kann man machen. Ich finde diesen direkten Kontakt zu den Leuten gut. Ich bin der Meinung, die Art von Musik, die wir machen, gehört eigentlich dahin, weil wir da unseren Ursprung haben – auf den kleinen Bühnen.

Sind neben den diesjährigen Festivalauftritten noch weitere Touraktivitäten geplant, etwa Hallenshows oder eine Hallentour?
Diesen Monat gehen wir zunächst nach Südamerika für eine kleinere Tour. Meine Idee ist ja immer noch das Thema Big Four: Kreator, Sodom, Tankard, Destruction. Das würde ich gerne machen. Meine Idee ist, zum Ende des Jahres – nach Weihnachten oder so – ein paar Shows zu spielen. Mit dem Package kann man mit drei, vier Shows schon mal ganz Deutschland abdecken. Da sind wir gerade in Gesprächen, ich bin mit Schmier (Sänger/Bassist von Destruction – mf) und Gerre von Tankard in Kontakt, Mille (Petrozza, Sänger/Gitarrist von Kreator – mf) muss ich noch rankriegen. Das wäre mein Traum.
So eine normale Tour zu fahren mit Band XY, beispielsweise Overkill – nur als Beispiel – ich weiß nicht, ob das immer läuft oder ob wir mit „In War And Pieces“ mal wieder Glück hatten. Aber mittlerweile ist in Deutschland ja jede Band unterwegs, und zwar immer, deshalb kann man das gar nicht genau planen. Aber ich glaube, mit so einem Package kann man wirklich mal etwas für die Fans machen und sagen: „Ihr bekommt ein One-Price-Ticket und seht alle vier Bands auf einer großen Bühne.“ Da will ich hin, das versuche ich zumindest. Ob ich das schaffe, weiß ich nicht. Mal sehen.

Das Publikum wäre ja auf jeden Fall vorhanden, nicht nur in Deutschland.
Absolut, das denk‘ ich mir auch. Man muss es ja nicht am Strang machen, man kann immer mal wieder hier und da eine Show spielen, man muss nicht für vier Wochen unterwegs sein. Aber wie gesagt: Ich arbeite dran, aber es ist nichts spruchreif.


Okay, dann lass‘ uns mal über die Albumproduktion reden. Ihr habt wieder mit Waldemar Sorychta gearbeitet, der auch schon die „In War And Pieces“ produziert hat. Da wart ihr für die Aufnahmen, wie ich gelesen habe, gar nicht in einem Studio. Wie habt ihr es dieses Mal gehandhabt?
Im Studio waren wir diesmal auch nicht, haben also im Proberaum aufgenommen. Es funktioniert natürlich heute, aber der Unterschied zur „In War And Pieces“ ist – da habe ich mit Waldemar oft darüber gesprochen – dass ich es nicht ganz so digital haben wollte. Ich wollte da einfach ein bisschen mehr Dreck und Schmutz obendrauf haben. Wir haben etwas mehr mit dem Gesangssound experimentiert, auch mit dem Basssound, mit Re-Amping über die Anlage mit Raummikrofon, damit es ein bisschen analoger klingt. Digital Recording ist heute üblich und auch bezahlbar, das muss man natürlich auch berücksichtigen, aber ich habe Waldemar gesagt, dass SODOM ein bisschen anders klingen müsse. Natürlich klingen viele Gitarren gleich bei vielen Bands, weil die Plugins alle gleich sind, das ist heute so. Ich bin da gar nicht so ein Technik-Freak und gar nicht so auf dem Laufenden, aber diesmal haben wir versucht, alles etwas rauer und authentischer zu halten. Dieser typische SODOM-Spirit sollte mehr rüberkommen. Die „In War And Pieces“ – natürlich ein Hammer-Album – die klang mir zu… viele haben gesagt: zu Metalcore-lastig.

Für SODOM-Verhältnisse vielleicht, ja.
Manchmal verschwimmen die Grenzen vom Thrash Metal zum Metalcore, da ist das ziemlich klar. Ich wollte einfach, dass wir ein bisschen anders klingen und das ist, glaube ich, diesmal dadurch gelungen, dass wir den Bass etwas lauter geschraubt haben. Waldemar war gar nicht damit einverstanden, aber ich hab‘ gesagt: „Mach‘ ruhig den Bass mal ein bisschen lauter.“ (lacht) Das ist natürlich mit Kompromissen verbunden und das eine oder andere wird dann ein bisschen leiser, aber ich hab‘ gesagt: „Mach‘ das mal ruhig. Hör‘ dir mal alte Venom-Sachen an, da geht das auch.“

Habt ihr euch dann auch mal gefetzt? Du hast ja beim letzten Album schon durchblicken lassen, das Waldemar nicht nur der Typ hinterm Mischpult ist, sondern auch Mitspracherecht hat.
Ja, der war richtig Produzent, also wirklich der erste Produzent, den wir seit vielen Jahren mal wieder hatten. Er produziert richtig und geht dann auch ans Eingemachte. Er kennt die Stärken und Schwächen eines jeden Musikers und weiß, wie weit er gehen kann. Beim Gesang ging er ganz weit, er hat mich also bis aufs Blut gereizt, bis ich einen Take gesungen habe, denn er dann als gut befunden hat. Aber da war ich natürlich auch richtig drauf, er versucht also wirklich alles rauszuholen. Er hat gesagt, ich müsse jede Zeile mal in verschiedenen Versionen singen, ob Screaming, Shouting, Grunzen, alte Sodom-Stücke, neue Sodom-Stücke – wir haben dafür schon unsere eigenen Vokabeln entwickelt. So kann er sich das beim Mixen dann entsprechend rausholen.Er geht auch ins Arrangement rein, wir haben zum Beispiel Refrains verändert, an eine andere Stelle gesetzt oder verdoppelt. Wir haben mit ihm die Vorproduktion gemacht, er ist da also schon richtig involviert. Es ist schwer, mit so einem zu arbeiten, man hat es lieber auch einfacher, aber das Ergebnis zählt, und zu 80 % hat er dann auch recht gehabt.

Gerade bei deinem Gesang ist mir aufgefallen, wie ungemein variabel er diesmal ist, zum Beispiel in „Stigmatized“.
Da haben mich sogar manche gefragt, welcher Gastsänger das war.

Ehrlich? Hehe.
Ja, ich kenn‘ das auch. Ich will nicht sagen, dass ich Death Metal erfunden hab‘, aber ich bin aus der Zeit und ich kenn‘ das natürlich, und das passt halt zu dem Song. Man muss als Sänger auch variieren können und gerade diese Kombination ist typisch für uns, denke ich – der variable Gesang sowie die harten Gitarrenriffs und die melodischem Gitarrensoli, die Bernemann unwahrscheinlich gut kann. Das war schon immer unser Ding. Ich bin ein Sänger, der verschiedene Sachen singen kann. Ich will mich nicht auf eine Note festlegen, ich will mal wirklich auch experimentieren. Ob das jetzt zwei oder sogar mal drei Oktaven sind – ich will mich nicht selbst loben, aber ich kann das. Das macht die Sachen dann auch vielfältiger.
Der Unterschied bei dem neuen Album ist hingegen, dass wir auch wieder mal schneller spielen, die Songs wieder etwas einfacher strukturiert haben und das Gewicht einfach auf die wichtigen Sachen legen, anstatt hier und da noch einen Break einzubauen, den eh keiner nachvollziehen kann. Schön nach vorn auf die Fresse. Ich kenne so viel bessere Musiker als wir, die aber nicht in der Lage sind, einen Song zu schreiben. Ich glaube, das ist unser Vorteil: Wir können gute, eingängige Songs schreiben. Bei „In War And Pieces“ waren manchmal Sachen drin, die ich selbst nicht nachvollziehen konnte. „Warum ist das jetzt da?“ Wir müssen einen Songs, wenn’s geht, auch mal live präsentieren können. Deshalb haben wir jetzt von vornherein gesagt: Lasst uns ruhig ein wenig abspecken und dafür mehr auf den Punkt kommen. Thrash lebt ja von der Präzision, und wenn man tatsächlich ufta-ufta-ufta spielt und auch durchhält wie bei „Stigmatized“, dann zeichnet das einen Drummer aus, nicht wahr? Es kommt darauf an, dass er auch im Takt bleibt und nicht, ob er hier noch mal ein Becken haut oder da noch mal einen Fill reinpackt. Das kann mittlerweile jeder Trommler, aber das ist nicht das Ausschlaggebende bei uns.

Euer Schlagzeuger Makka ist jetzt auch schon seit über zwei Jahren dabei, also nicht mehr wirklich neu, aber es ist sein erstes Studioalbum mit SODOM. Wie war das für ihn?
Ach, der war total glücklich. Man muss dazusagen, dass er jetzt schon lange nichts mehr gemacht hatte. Bei vielen Bands, bei denen er zuvor gespielt hat, war er nur als Studio- und Session-Trommler unterwegs, auf Tourneen oder als Aushilfe, und jetzt konnte er wirklich auch mal mitarbeiten. Er hat gerade das Album bekommen und gesagt, dass er so glücklich sei, jetzt eine Platte zu haben, an der er selbst mitgewirkt hat und auf der sein Gesicht drauf ist unter dem SODOM-Banner. Für ihn ist das mittlerweile wirklich etwas ganz Neues und er ist total stolz, dass wir das Album gemacht haben. Was die Aufnahmen angeht, war er an einem Tag fertig. Ich kam mit einem Kollegen, um noch Fotos zu machen, da hatte er schon abgebaut. Er ist wirklich ein Tier und ein astreiner Trommler, der auch mitarbeitet und die Songs schnell beherrscht und auch drauf hat, während Bernemann und ich immer sagen: „Äh, wie war das noch gleich?“ Wenn wir jetzt die Songs im Proberaum noch mal spielen, dann überlegen wir schon: „Was war denn da?“ Er hingegen könnte das ganze Album jetzt direkt noch mal neu trommeln. Er ist da wirklich einer, der übt und es auch ernst nimmt. Die Fans haben ihn auch akzeptiert. Am Anfang hat er sich deswegen Gedanken gemacht, zum Beispiel wegen seiner kurzen Haare, da habe ich ihm versichert: Du überzeugst musikalisch, das ist wichtig.


Was der Akzeptanz noch im Wege hätte stehen können, ist die Tatsache, dass Bobby so lange in der Band war.
Ja, das ist bitter, der war über 15 Jahre in der Band, keiner hat also so lange getrommelt wie Bobby. Selbst Witchhunter hat nur zehn Jahre geschafft. Bobby war ein cooler Trommler, gar keine Frage, er hat auch seine Fans gehabt, sowohl durch das Trommeln bei SODOM als auch durch seine DVDs, die er beim RockHard macht. Er ist ein bekanntes Gesicht, aber es kommt auch in der besten Ehe vor, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht. Es war bitter für alle Beteiligten, für ihn wahrscheinlich mehr wie für mich, weil ich dann auch immer nach vorne schaue und mich nicht unter Druck setzen lasse. Es war rein persönlich, nicht musikalisch – obwohl wir musikalisch, finde ich, mit Makka besser sind. Aber wenn es mit Bobby damals keine persönlichen Diskrepanzen gegeben hätte, wäre er jetzt noch in der Band, gar keine Frage.

Du hast gesagt, ihr habt das Material ganz klassisch in Proberaum-Jams erarbeitet. Hat sich Makka da auch ins Songwriting eingebracht?
Ja, natürlich, er ist auch Mit-Songwriter. Man kann natürlich sagen, Schlagzeug ist keine Musik, das sehe ich aber anders. Wenn er entscheidet, an einer Stelle einen Doublebass-Part zu spielen, dann spielt man da die Gitarre und den Bass auch anders. Da kommt das eine zum anderen. Wenn Bernemann mit einem Riff ankommt und fragt, was man dazu trommeln könne, kommen schon wieder neue Ideen zusammen. Ein Drummer ist also immer am Songwriting beteiligt, jedenfalls bei uns. Makka ist auch Metaller, er ist ein Old-Schooler, er ist einer von uns, der so ungefähr weiß, wo es lang geht und auch, was wir machen wollen. Wenn er also etwas anbietet, dann können wir das auch annehmen, dann haben wir Ideen dazu.

Unsere Zeit ist bald zu Ende, deshalb noch ein letzter Themenwechsel zu eurem Label SPV. Wie läuft es da mittlerweile? 2009 kam ja die Insolvenz und ihr wusstet nicht, wie es weitergeht.
Ja, das war eine schlimme Zeit und hat uns auch ein bisschen zurückgeworfen. Erst kam auch keine Option, dann wollten sie uns noch mal… wir hätten SPV natürlich verlassen können, aber mittlerweile bin ich sehr glücklich, dass sie wieder auf die Füße gekommen sind. SPV ist jetzt halt abgespeckt, es ist ein kleineres Label geworden, aber ich bin lieber bei einem kleinen Label, bei dem man sich auch um uns kümmert. Zu Nuclear Blast hätten wir natürlich auch gehen können, die würden uns mit Kusshand nehmen, aber ich bin froh, dass sich SPV bekrabbelt hat, das ist eine ganz stolze Leistung. Ob man jetzt alles dem Insolvenzverwalter ankreiden kann oder ob der geholfen hat, das weiß ich nicht – die internen Sachen kriegen wir selbst gar nicht mit. Bei SPV habe ich aber meinen Ansprechpartner, mit dem ich per du bin und der auch Metaller ist. Wir wissen, wovon wir reden, und damit bin ich zufrieden.

Ihr seid ja nun auch schon sehr lange bei SPV.
Ja, ich sag‘ mal, Plattenfirmen haben – ob jetzt SPV oder generell – immer auch einen bitteren Beigeschmack bezüglich der Frage, ob stets alles so richtig koscher gelaufen ist, wie es sein sollte. Wir waren allerdings immer – auch damals noch zu Manfred Schütz‘ Zeit – ein gutes Zugpferd, wir haben immer unser Geld bekommen, wir konnten immer unsere Platten machen, was will man mehr? Klar, wir haben damals in jungen Jahren auch alle Verträge unterschrieben, die kamen. Mittlerweile lass‘ ich das auch vom Anwalt checken und opfere das bisschen Geld, dann kann man verhandeln und etwas Vernünftiges dabei herausholen. Außerdem kann es in dem Moment, in dem die Plattenfirma eine Option ausspricht, mit der davor herausgekommenen Platte ja gar nicht so schlecht gelaufen sein.

Klar, und wie du schon gesagt hast, ihr seid ja auch ein Name in der internationalen Metal-Szene.
Das ist aber keine Garantie für hohe Verkaufszahlen, die Zeiten sind natürlich vorbei. Allerdings sind wir froh, dass wir immer noch gut verkaufen. Es gibt auch Bands, bei denen es nicht mehr so läuft. Dazu läuft unser Live-Geschäft gut, wir werden jedes Wochenende gebucht – mal sehen, wie es weitergeht.

Okay, Tom, wir sind am Ende angelangt, vielen Dank! Möchtest du zum Abschluss noch etwas loswerden? Das letzte Wort gehört dir.
Wie immer möchte ich mich bei meinen Fans bedanken! Wir sind nach 31 Jahren noch da und das wäre ohne unsere Fans gar nicht möglich. Das vergessen immer viele, aber ich weiß genau, die Fans zahlen die Preise, die kaufen die CDs, die kommen zum Konzert, die halten uns die Stange, und es ist ganz wichtig, dass man das einfach nicht vergisst. SODOM ist eine Band und speziell ich bin eine Person, die das wirklich nicht vergisst. Ich achte darauf, nach einer Show immer etwas zurückzugeben – mal ein Bierchen, eine Signing-Session oder ein Plektrum verschenken, das ist ganz, ganz wichtig. Wir haben eine feste Fangemeinde und ich hoffe, dass wir sie mit dem neuen Album nicht enttäuschen. Ich kann mich bei ihnen einfach nur bedanken!