Alter Bridge w/ The New Black

  • München, Theaterfabrik
  • 25. November 2010

Betrachtet man sich das Publikum der mit etwa 800 bis 1000 Personen sehr gut gefüllten Theaterfabrik genau, so liegt die Vermutung nahe, dass viele der anwesenden Gäste nicht erst seit der Gründung von ALTER BRIDGE im Jahre 2004 auf schrabbigen Post-Grundge-Sound mit zum Teil christlichen Texten stehen. Ein nicht zu verachtender Anteil der Konzertbesucher an diesem Abend ist nicht zum Kreis der jugendlichen, sondern eher der betagten Rock-Liebhaber zu zählen und damit alt genug, die Vorgänger-Band von ALTER BRIDGE, nämlich CREED, zu ihrer Hochzeit um die Jahrtausendwende herum erlebt zu haben. Wobei… der Begriff ‚Vorgänger-Band‘ trifft es eigentlich gar nicht (mehr). Viel passender ist es inzwischen, von ‚Parallel-Projekt‘ zu sprechen, seitdem sich CREED letztes Jahr wieder reformiert haben. Die beiden Bands, welche ganz offensichtlich erfolgreich koexistieren können, unterscheiden sich lediglich durch ihre Sänger, Scott Stapp (CREED) und Myles Kennedy (ALTER BRIDGE).

Doch bevor letzterer die Bühne stürmt, versucht erst einmal die Vorband THE NEW BLACK dem Publikum einzuheizen. Diese deutschen Jungs sind übrigens nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen, australischen Kapelle. Überpünktlich, um 19:50 Uhr, beginnen die Musiker rund um Frontmann Markus Hammer ihr 40-minütiges Set, das hauptsächlich aus Songs aus dem aktuellen Album ‚Divine‘ besteht. Ihren Sound beschreiben sie auf ihrer Homepage eigentlich perfekt: „Stell dir vor, Black Label Society laden den Kerl von Nickelback ein, um ein paar Thin Lizzy-Coverversionen zu zocken. Dabei tragen alle ihre Pantera-Shirts.“ In der Theaterfabrik trägt heute niemand ein Pantera-Shirt – das heißt mit anderen Worten: der Sound von THE NEW BLACK geht bei den meisten Zuschauern zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Ganz netter Rock, ja, aber im Gedächtnis bleibt er nicht wirklich hängen. Eigentlich traurig, dass der erinnerungswürdigste Teil der Performance zwei leicht bekleidete, blonde Tänzerinnen sind, die gegen Ende des Auftritts auf der Bühne die Hüften schwingen und das Haar schwirren lassen. Mit dem Song ‚Everlasting‘ verabschiedet sich der Opener schließlich unter verhaltenem Applaus.
Die Umbaupause nutzen einige Fans, um sich am Merchandise-Tisch mit warmen Klamotten für den Winter einzudecken. Wer nicht frieren will und sich in einen ALTER BRIDGE-Hoodie kuscheln möchte, der muss dafür sage und schreibe 60 Euro hinlegen. Da überlegt man es sich gleich zweimal, ob man nicht doch lieber bibbern möchte. Auch die Longsleeves mit 45 Euro oder die T-Shirts mit 30 Euro sind nicht gerade kostengünstig. Man merkt: die Band ist inzwischen in Deutschland etabliert und scheut sich deshalb nicht davor, die Preise noch einmal ein Stückchen anzukurbeln, verglichen mit ihrem letzten Gig in München vor zwei Jahren. Jeder der damals bereits anwesend war hat hohe Erwartungen, denn 2008 strotzte der Auftritt im Backstage Werk vor unglaublich viel Kraft und Leidenschaft.

Um Punkt 21:00 Uhr ist es dann soweit – Myles Kennedy, seines Zeichens ehemaliger Sänger der MAYFIELD FOUR, betritt alleine, nur mit seiner Gitarre bewaffnet, die Bühne. Mit ‚Slip To The Void‘ hat man sich für ein großartiges, sehr atmosphärisches und ruhiges Intro entschieden. Während Myles die ersten Verse in sein Mikrofon flüstert, lauscht das Publikum andächtig. Sogar in den ersten Reihen bewegt sich kaum jemand. Als dann jedoch der Rest der Band erscheint und der Song schließlich an Fahrt aufnimmt, ändert sich das schlagartig. Die Halle explodiert mit einem Male in einer lauten Eruption und wird nur noch von einem durchströmt: purer Energie.
Insgesamt 20 Songs geben ALTER BRIDGE zum Besten. Die Setlist unterscheidet sich dabei nur geringfügig von den bisherigen Gigs dieser Europa-Tournee, but never change a winning team, right? Auffallend ist, dass verhältnismäßig wenige Songs aus dem aktuellen Album ‚AB III‘ gespielt werden – nur fünf an der Zahl. Vom ersten Album, ‚One Day Remains‘, gibt es genauso viele Stücke. Diese Klassiker stellen zugleich die Highlights des Abends dar. Während das sonst so explosive ‚Metalingus‘ zwar hinter den Erwartungen zurück bleibt und etwas zu routiniert und einstudiert wirkt, überzeugt ‚Broken Wings‘ auf ganzer Linie. Nach dieser Ballade weist Myles auf die You Tube-Videos zu diesem Song hin und meint sinngemäß: „Ihr Leute singt immer lauter als ich selbst – ich kann meine eigene Stimme gar nicht verstehen!“ Einen weiteren Höhepunkt stellt ‚One Day Remains‘ dar. Dieses Lied über das Sich-Lebendig-Fühlen erntet einen langen, frenetischen Applaus, welcher nur von den Ovationen nach Mark Tremontis epischem Gitarren-Outro zu ‚Blackbird‘ getoppt wird. Der Großteil der Setlist stammt vom gleichnamigen Album, doch es ist einer der Klassiker vom Erstlingswerk, der heute die lautesten Sing-Alongs erntet: ‚Open Your Eyes‘. Erst mehrere Minuten nachdem die Band die Bühne verlassen hat, wechselt der nachhallende Chor aus hunderten von Kehlen schließlich in „Zugabe“-Sprechgesänge.

Diese gibt es dann auch in Form der aktuellen Single ‚Isolation‘ und des ALTER BRIDGE-Songs mit der wohl positivsten Botschaft, nämlich ‚Rise Today‘. Dieser Feel-Good-Track hat sich schon in der Vergangenheit als optimaler Konzert-Abschluss bewährt und schickt die Münchner auch heute mit einem guten Gefühl nach Hause, als Tremonti um 22:45 Uhr sein letztes Gitarrensolo beendet. Zu bemängeln gibt es an diesem Abend lediglich kleine, musikalische Unsauberkeiten, vor allem was das Tempo einiger Songs des ersten Drittels der Setlist angeht. Ansonsten kann man Myles höchstens noch den Vorwurf machen, bei den Balladen etwas geistesabwesend und ungewohnt leidenschaftslos gewirkt zu haben, aber alles in allem wussten ALTER BRIDGE zu überzeugen.

01. Slip To The Void
02. Buried Alive
03. Before Tomorrow Comes
04. Find The Real
05. Brand New Start
06. White Knuckles
07. All Hope Is Gone
08. Metalingus
09. Ghost Of Days Gone By
10. Broken Wings
11. Ties That Bind
12. Coming Home
13. One Day Remains
14. Know It Hurts
15. Come To Life
16. Blackbird
17. Watch Over You (Acoustic)
18. Open Your Eyes

19. Isolation
20. Rise Today


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