Amenra w/ Scott Kelly, The Black Heart Rebellion, Oathbreaker

  • Brüssel, Ancienne Belgique
  • 22. Dezember 2012

450 km für ein Konzert zu fahren mag auf den ersten Blick vielleicht etwas übertrieben oder zumindest nur gerechtfertigt sein, wenn einen dafür ein ganz besonderes Erlebnis erwartet. Der Besuch der AMENRA Show zur Veröffentlichung des neuen Albums „Mass V“ schien für mich genau zu einem solchen Erlebnis werden zu können, weswegen ich mich kurzerhand entschloss, einen vorweihnachtlichen Wochenendausflug nach Brüssel zu unternehmen.
Wer mit der Live Show der Belgier vertraut ist, versteht vielleicht meine Beweggründe. Allen anderen sei die Live DVD 23:10 ans Herz gelegt, die eindrucksvoll die Magie der Konzerte von AMENRA einfängt.

Nach einer 4-stündigen Zugfahrt und Hotelübernachtung stand nach einem verregneten Besuch der Altstadt gegen 17h der erste Programmpunkt im Rahmen der Releaseshow an: Eine Lesung des Musikjournalisten und Grafikers Edwin Pouncey zu seinem Artikel über „Subterranean Metal“ welcher 2005 im englischen Magazin „The Wire“ veröffentlicht wurde. Frei von Charisma und rhetorischem Talent wurden knapp zwei Stunden Bandnamen und Mitglieder samt Stilbeschreibungen und Hörbeispielen von Bands aus dem Drone und Black Metal Underground vorgestellt. Was mit Bands wie SunnO))) und Earth 2.0 noch recht interessant begann, wurde spätestens beim Überleiten zum Lieblingsgenre des Autors – dem truen Underground Black Metal Norwegens – sehr sehr anstrengend. Einziger Lichtblick war eine enthusiastische Erwähnung der Norweger von „Furze“ die ich mal zur Besprechung vorliegen hatte und von denen ich nun weiß, dass sie zumindest einer gut findet.

Die ausufernden und leider wenig begeisternden Ausführungen sowie ein kurzer Besuch der „Church Of Ra“ Ausstellung (Künstler aus dem Umfeld von AMENRA) führten leider dazu, dass wir den Auftritt der ersten Band OATHBREAKER verpassten und nur die Videoübertragung in die Konzertvorhalle mitbekamen.

The Black Heart Rebellion
Die Belgier von THE BLACK HEART REBELLION bildeten zum heftigen Death Metal/Hardcore von Oathbreaker einen deutlichen Kontrast. Mit viel Rhythmuseinsatz und weitgehend klarem Gesang, schafften es die fünf Jungs immer wieder das Publikum zu überzeugen. Dennoch war die Stimmung während des gesamten Auftritts eher abwartend und zurückhaltend. Dies lag vielleicht auch an der sehr von Wovenhand inspirierten Gestik und Dramaturgie des Sängers, welche nicht so recht zum restlichen Auftritt der Band passen wollte. Insgesamt ein eher unspektakuläres, aber solides Konzert.

Setlist THE BLACK HEART REBELLION:
01. Ein Avdat
02. Avraham
03. Crawling
04. Circe
05. Animal
06. The Land

Amenra
Während die Auftritte von Oathbreaker, The Black Heart Rebellion und später auch der von Scott Kelly im 280 Personen umfassenden, kleinen Club stattfanden, hatten AMENRA ihren Auftritt in die große Halle gelegt. Bereits wenige Tage nach Bekanntgabe des Konzertes ausverkauft, präsentierte sich der Konzertraum mit großer Bühne und bis auf den letzten Platz gefüllt.
Pünktlich um 21:30 Uhr betrat Gitarrist … die Bühne und legte direkt mit dem gewaltigen Anfangsriff von „The Pain. It Is Shapeless. We Are Your Shapeless Pain.“ los. Alleine schon die einzelne Gitarre vermochte den Raum völlig in Beschlag zu nehmen, was die Wucht der ersten gemeinsamen Akkorde der gesamten Band nur umso eindrucksvoller erscheinen ließ.
Untermalt von Videoeinspielungen auf der Bühnenrückwand steigerte sich die Band beständig und die fast schon gespenstische Ruhe zwischen den Stücken unterstrich die Intensität des Auftrittes. Zu Beginn von „Aorte. Nous Sommes Du Même Sang” wurde eine zweite, transparente Leinwand zwischen Band und Publikum von der Bühnendecke herabgelassen. Auf diese wurden nun ebenfalls Videosequenzen und Bilder projiziert, sodass der räumliche Eindruck der Videosequenzen zusätzlich verstärkt wurde und die Band nun durch wenige Strahler dezent angeleuchtet, hauptsächlich als Schatten in dieser Komposition wahrgenommen wurde. Der erste neue Track „Boden“ – eingeläutet durch rhythmisches Schlagen von metallenen Stangen – wurde durch die Einspielung des offiziellen Videos auf der Rückwand und der dazu passenden Bäume des Waldes auf der vorderen Leinwand perfekt in Szene gesetzt. Durch die abgestimmten Bewegungen der beiden Projektionen, bekam man als Zuschauer immer wieder das Gefühl, die gesamte Bühne – ja, der gesamte Raum, würde sich bewegen.
Weiterer Höhepunkt war der Gastauftritt von Scott Kelly beim ebenfalls neuen Stück „Nowena | 9.10“. Der Neurosis Frontmann war durch seine wuchtige Gestalt auch als Schatten sofort gut zu erkennen und ergänzte sich mit Sänger Colin van Eeckhout nach anfänglichen Lautstärkeproblemen hervorragend. Mittlerweile war eine weiter Leinwand zwischen Band und Schlagzeug von der Bühnendecke gelassen worden auf welcher eine dritte Projektion gezeigt wurde.
Die Band war während ihres gesamten Auftritts gewohnt distanziert und schaffte es dennoch das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Immer wieder gelang es dem Quintett die magische, okkulte Stimmung, die der Musik innewohnt auch auf das Publikum zu übertragen, sodass auch ohne Requisiten stellenweise der Eindruck einer Messe statt eines Konzertes erzeugt wurde. Wer spektakuläre Inszenierungen wie auf der Live DVD 23:10 erwartete, bekam zwar eine deutlich puristischere aber nicht minder eindrückliche 90 minütige Show geliefert.

Setlist AMENRA:
01. The Pain. It Is Shapeless. We Are Your Shapeless Pain.
02. Razoreater
03. À Mon Âme
04. Aorte. Nous Sommes Du Même Sang
05. Boden
06. Terziele
07. Am Kreuz
08. Nowena | 9.10
09. Silver Needle. Golden Nail

Scott Kelly
Zurück im kleineren Club fanden sich deutlich weniger Besucher ein als noch bei den Konzerten vor dem Auftritt von AMENRA anwesend waren. Diejenigen, die sich allerdings dazu entschieden, sich die Ausflüge des Neurosis Frontmannes SCOTT KELLY in die Welt der Singer/Songwriter anzusehen, bekamen eine sehr emotionale und persönliche Show zu sehen, die zu dem Besten gehört, was ich bisher live erleben durfte. Allein mit einer Westerngitarre und seiner unglaublich tiefen und emotionalen Stimme, schaffte es SCOTT KELLY eine derart düstere und melancholische Stimmung zu erzeugen, dass das Publikum während des gesamten Konzertes völlig andächtig schwieg. Die kurzen Passagen, in denen der zugegebenermaßen vom Leben heftig gezeichnete Frontmann die Hintergründe und persönlichen Passagen zu einzelnen, wenigen Stücken erzählte, wurden vom Publikum dankbar angenommen. Allein das deutliche Überziehen der vorgesehenen Spielzeit und die etwas ratlose und nach längerem Überlegen gewählte letzte Zugabe zeigten, dass auch der Sänger sichtlich Gefallen an seinem Auftritt in Brüssel hatte. Ob es nicht zur Stimmung der Stücke oder zum Image passt ist mir bis jetzt nicht klar, jedenfalls hätte sich jeder andere Künstler deutlich mehr feiern lassen, als es der Amerikaner tat. Letztes Stück gespielt, ein Wink zum Soundmann und SCOTT KELLY trat in den nicht ausgeleuchteten Teil der Bühne um sein Equipment zu verstauen, während die anwesenden Fans sehnlichst aber recht resigniert und schließlich erfolglos versuchten, ihn zu einem weiteren Stück zu animieren.

Ein nahezu perfektes Konzerterlebnis, dass die weite An- und Abreise mehr als Wert war. Für mich das Konzert-Highlight des Jahres.

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