Konzertbericht: ASP w/ Faun, Letzte Instanz

2010-07-03 München, Tollwood

Selbst vor Konzerten auf dem Münchner Tollwood macht der momentan deutschlandweite Fußball-Hype im Zuge der WM nicht Halt. So war zunächst angedacht, dass der knapp 4-stündige Abend mit FAUN, LETZTE INSTANZ und ASP pünktlich zum Abpfiff des Deutschlandspiels um 17.45 Uhr beginnen sollte. Da auf der Leinwand im Zelt nach Miroslav Kloses 4:0 allerdings noch die gesamte Nachspielzeit übertragen wurde, dauerte es bis knapp 18 Uhr, ehe Oliver Sa Tyr und seine Bandkollegen unter zunächst verhaltenem Applaus und vor relativ spärlicher Kulisse die Bühne betraten.

Im Mittelpunkt des knapp 30-minütigen Auftritts stand neben den bekannteren Hits der Band wie z.B. „Rosmarin“ und „Wind & Geige“ besonders das neue Bandmitglied namens Rairda. Sie ersetzte erst vor wenigen Wochen Sandra Elflein, die auf Grund von Schwangerschaft und gesundheitlichen Komplikationen die Gruppe kurzfristig verlassen musste. Im Vergleich zur Akustiktour hielt sich Oli mit seinen meist unterhaltsamen Ansagen, geprägt von meist staubtrockenem Humor, dieses Mal auffällig zurück – und selbst an der Harfe sah man ihn nicht. Diesen Part übernahm überraschend der Neuankömmling. Etwas sperrig begann die Setliste mit drei langsameren Stücken, darunter u.a. „Andro“, zu denen sich nur die vordersten Reihen etwas im Takt wiegten. Ähnlich balladesque ging es allerdings nicht weiter, so dass besonders nach „Rosmarin“ die stetig wachsende Zuschauermenge langsam in Wallung kam. Unter dem Strich hat mich der Auftritt der Faune allerdings nicht von den Socken gehauen. Dafür fehlte besonders der Charme bzw. das Flair der Akustiktour und früherer Auftritte auf der Pagan Folk-Tour mit Omnia. Als Opener ging die Show allerdings in Ordnung, was besonders die Publikumsreaktionen am Ende unterstrichen.

01. PEARL
02. Andro
03. Zeitgeist
04. Rosmarin
05. Tinta
06. Iyansa
07. Wind & Geige
08. Rhiannon

Die Letzte Instanz hatte in den letzten Jahren im Hinblick auf ihr Standing im Folkrock-Bereich schwer zu kämpfen. Während andere Genrevertreter sich immer weiter entwickelten und die Spitzenpositionen der Charts eroberten, fand man die jüngsten Veröffentlichungen der Dresdener Kombo namens „Schuldig“ und „Wir sind Gold“ dort nicht vor. Zu unspektakulär und vergleichsweise soft gerieten die Produktionen auf CD. Nach dem Abgang von Schlagzeuger Speck T.D., der nun den Takt bei In Extremo angibt, holte man den ehemaligen Subway to Sally und Blue Men Group-Drummer David Pätsch an Bord. Dieser gab an jenem Abend in München sein gelungenes Debüt.
Mit „Mein Engel“ fand man sofort den richtigen Einstieg für einen sehr überzeugenden Auftritt, geprägt von mitreißenden Mittelalter- und Klassikrhythmen gepaart mit einer ambitionierten Bühnenshow. Mit viel Energie und Leidenschaft waren besonders Sänger Holly und Benni Cellini auf seinem „Thron“ am Werk. Leider wirken einige der übrigen größtenteils kahlköpfigen Bandmitglieder in ihren schwarzen Hosen und Shirts insgesamt zu uniform und austauschbar, aber auf die powervollen Stücke – gekrönt vom einzigartigen „Stimmlein“ – hatte dies keine negativen Auswirkungen. Weitere Highlights der Setliste waren das relativ neue „Maskenball“ und „Komm!“. Vom bereits im kommenden Herbst erscheinenden Album „Heilig“ (dem vierten Studiowerk in den letzten fünf Jahren) stellte die Instanz ein sehr vielversprechendes Stück vor, in dem Gott und die Kirche thematisiert werden. Zum Abschluss durften sich alle Zuschauer noch „für weniger als 23 Minuten“ (Zitat: Holly) mit ausgestreckten Armen an den Händen fassen und den Auftritt gemeinsam mit der Band zu „Wir sind allein“ ausklingen lassen. Als kleines Extra gab es noch die von Subway to Sally an gleicher Stelle im vorletzten Jahr ebenfalls eingesetzten Feuerspucker und einige kleine Pyroeffekte.

01. Mein Engel
02. Flucht ins Glück
03. Maskenball
04. Ohne Dich
05. Ein Stück von „Heilig“
06. Finsternis
07. Komm!
08. Stimmlein
09. Mein Todestag
10. Wir sind allein
11. Rapunzel

Als Headliner des Abends hatten sich die Veranstalter für ASP entschieden, die erst letzten November im Münchner Backstage vor restlos ausverkauftem Haus in der bayerischen Landeshauptstadt gastierten. Auf neues Material von Alexander Spreng wartet man bereits seit geraumer Zeit vergebens, denn außer der neuen EP „Wer sonst?“ (feat. Micha Rhein) gab es im letzten Jahr trotz diverser Ankündigungen und Gerüchte nichts zu vermelden.
Insofern war es wenig überraschend, dass die Setliste im Vergleich zum letzten Gastspiel relativ ähnlich war und nur die Reihenfolge der Songs getauscht wurde. Schön zu sehen bzw. zu hören war, dass der an sich akustische Krabat Liederzyklus inzwischen fest in das Rockprogramm integriert und von den ASP-Jüngern akzeptiert wurde. So lag das Publikum seinem buchstäblichen „Meister“ direkt beim ersten Song zu Füßen, ehe bei „Sing Child“ und „Ich bin ein wahrer Satan“ die Stimmung ihre ersten Höhepunkte erreichte.
Wie beim letzten Mal führte der Auftritt die Menge auch zurück in die sehr elektronischen Anfangsjahre von ASP bis hin zum sehr intensiven „Und wir tanzten (Ungeschickte Liebesbriefe)“. Gegen Ende gab es für alle angereisten Fans wiederum ein besonderes Special: die völlig unerwartete und stimmungsvolle Live-Premiere von „Rain“. Um kurz vor 22 Uhr wurden die größtenteils schwarze Menge mit „Ich will brennen“ sschließlich stilecht in die laue Münchner Sommernacht entlassen.Im Vergleich zum Backstage-Auftritt wirkte das Publikum dieses Mal enthusiastischer, was auch spürbar auf die Band nebst gut gelauntem Frontmann abfärbte. Leider fehlte mir – besonders dank einiger technischer Probleme – wieder das gewisse Etwas, welches z.B. Unheilig bei seinen letzten Touren (und nicht erst seit seiner steigenden Bekanntheit) auf die Bühne gezaubert hat.

So blieb unter dem Strich ein netter Konzertabend, der allerdings bis auf den hervorragenden Auftritt der Letzten Instanz keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterließ – obwohl die Musik von ASP alle Möglichkeiten dafür bietet und die akustisch gehaltenen „Dunkelromantischen Herbstabende“ aus dem Jahr 2008 zu meinen wertvollsten Konzerterfahrungen aller Zeiten zählen.

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