Konzertbericht: ASP w/ Lahannya

2011-10-27 Muffathalle, München

Es gibt sie doch: die Schwarze Szene in München. Und diese Szene existiert nicht nur – nein, sie lebt, bzw. sie brennt. Denn am 27. Oktober 2011 feierten die Gothrocker ASP ihr Comeback in der bayerischen Landeshauptstadt. Apropos abstinent: Mehr als vier Jahre sind seit dem letzten regulären Studioalbum „Requiembryo“ vergangen. Nun haben ASP den Schmetterlingszyklus abgeschlossen und sind mit ihrer neuesten Veröffentlichung „fremd“. Das Konzertereignis bzw. -feeling war hingegen keinesfalls ungewohnt und neu, sondern vertraut und von ungeheurer Atmosphäre geprägt.

Doch bevor Alexander Spreng und seine neu formierte Band die Bühne betraten, eröffneten LAHANNYA als Support den Abend. Nicht zum ersten Mal spielte die britische Sängerin mit ihren Mitmusikern im Vorprogramm der Frankfurter. So versprühten Lahannya eine gewisse Eingespieltheit und Routine bei ihrer rund 45-minütigen Show. Allerdings ging die Stimme der blaugesträhnten Frontfrau im allgemeinen Soundnirwana unter und auch das Münchner Publikum schien so rein gar keine Lust auf die mehrheitlich belanglosen Rockkompositionen zu haben. Jedenfalls gab es keinerlei Reaktionen auf die Musik und so dümpelte der Auftritt ohne nennenswerte Highlights vor sich hin. Wenige Minuten, nachdem Lahannya die Bühne wieder verlassen hatten, schien das Gastspiel bei den meisten Konzertbesuchern bereits wieder vergessen zu sein.

Die Umbaupause war angenehm kurz, bevor sich die Halle verfinsterte und die ersten Takte von „A Prayer For Sanctuary“ erklangen. ASP eröffneten ihre diesjährige Toursetliste genau wie ihr neuestes Album bzw. den neuen Bandzyklus. Ausnahmsweise bot dabei sogar der gern inflationär verwendete Bühnennebel vor den Scheinwerfern einen echten Mehrwert: Er hüllte die Bühne in ein atmosphärisches Dunkel, in dem die Musiker nach und nach erschienen, während das Intro zu hören war. Nachdem Mastermind ASP himself als Letzter aus dem Dunkel des Bühnenrandes trat, wurden die anfänglichen Gebete der Fans erhört und der rein instrumentale Auftakt ging fließend in die Singleauskopplung “Wechselbalg“ über. Es dauerte nicht lange, bis die beinahe ausverkaufte Muffathalle im kollektiven Schwarz stimmungstechnisch kochte, wie es München bis dato selten oder nie erlebt hatte.
Im Gegensatz zum Ende der Akustik-Tour 2011 wirkte besonders Sänger ASP frisch, hervorragend gelaunt und bei bester Stimme. Wie ein Derwisch huschte er teils mit dem Mikroständer in der Hand von einem Ende der Bühne zum anderen. Mit „Sing Child“ und „Duett“ hielten die Gothrocker das Tempo anfangs auf höchstem, liveerprobtem Niveau, bevor mit „Demon Love“ die erste Verschnaufpause folgte. Zwischen den Stücken nutzte ASP die Gelegenheit, um charmant seine beiden neuen Gitarristen Lutz Demmler und Sören Jordan vorzustellen, welche sich sonst überwiegend im Hintergrund hielten. Als zweiter Sänger bei „Duett“ sprang Bassist Tossi ein und dieser machte seinen Job wie schon bei „Zaubererbruder“ auf der Akustik-Tour hervorragend, wenngleich ohne einen Funken mehr Emotion als unbedingt notwendig. Überraschenderweise fehlte Ex-Gitarrist Matse zu keiner Sekunde. Die Truppe in neuem Line-Up wirkte harmonisch und spielte wie aus einem Guss. Selbst als gegen Ende bei „Ich will brennen“ ASP selbst einmalig seinen Einsatz am Mikro verpasste, wurde dies ohne Probleme kompensiert.
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Allgemein wirkte es so, als ob ASP an diesem Abend machen konnten, was sie wollten: Das Publikum fraß dem schwarzen Schmetterling vergangener Tage bereitwillig aus der Hand – und das zu Recht. Die neuen Songs wie „Eisige Wirklichkeit“ und „FremdkörPerson“ fügten sich stimmig zum Rest der hervorragend gewählten Setliste und erwiesen sich als absolut livetauglich. Von „fremden“ Zügen keine Spur, im Gegenteil. Selbst Bekanntes wie „Und wir tanzten“ lebte an diesem Abend neu auf, u.a. dank lupenreinem Sound und perfekt dosierten Effekten. Vor „Werben“ wurde schließlich Sängerin Lahannya nochmals für ein Duett zurück auf die Bühne geholt und konnte erstmals stimmlich als weiblicher Gegenpart zur männlichen Leadstimme überzeugen.
Bei „Kokon“ und „Schwarzes Blut“ genügten bereits die ersten elektronischen Klänge über die Lautsprecher, um im schwarzen Volk wahlweise für wildes Gespringe, Getanze oder Gesinge zu sorgen. Die Schwarze Szene in München wirkte nie lebendiger und die Atmosphäre selten griffiger, selbst für Außenstehende, die nicht in Lack und Leder an der Absperrung der ersten Reihe klebten.
Lediglich die rund 10-minütige Version von „Unverwandt“ als Abschluss trübte den ansonsten rundum gelungenen Eindruck etwas. Zu lang und zu ereignislos zog sich die Ballade unnötig in die Länge. Ein „BaldAnders“ oder „How Far Would You Go“ an der gleichen Stelle wären als rockiges Ausrufezeichen passender gewesen. Auch die Choreografie im Zugabenblock bei „Rücken an Rücken“, als ASP vom Publikum abgewandt sang, wirkt nicht gerade zukunftsträchtig oder notwendig. Mit „Ich will brennen“ entschädigten die Musiker aber sofort, bevor „Schwarzer Schmetterling“ als dritte und letzte Zugabe das tatsächliche Ende einläutete. Der Refrain blieb an dieser Stelle den mitsingenden Fans vorbehalten.

Ob neuer Zyklus oder gewohnter Sound: ASP kamen, sahen und München brannte lichterloh. Was ein Sound, was ein Licht, was ein Publikum.

01. A Prayer For Sanctuary
02. Wechselbalg
03. Sing Child
04. Duett (Minnelied der Incubi)
05. Demon Love
06. Wer sonst
07. Eisige Wirklichkeit
08. Und wir tanzten
09. Werben
10. FremdkörPerson
11. Kokon
12. Ich bin ein wahrer Satan
13. Schwarzes Blut
14. Krabat
15. Unverwandt

16. Nie mehr
17. Sanctus

18. Rücken an Rücken
19. Ich will brennen

20. Schwarzer Schmetterling

Publiziert am von und Uschi Joas

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