Konzertbericht: ASP w/ Mantus

07.11.2012 München, Muffathalle


Von innen nach außen und zurück. So könnte man in Kurzform die musikalische Reise der Frankfurter Gothic-Novel-Rocker ASP in den letzten beiden Jahren zusammenfassen. Im Oktober 2011 kehrte die Gruppe nach längerer Abstinenz und in neuer Besetzung nach München zurück, um eines ihrer besten Konzerte in der bayerischen Landeshauptstadt abzuliefern. Konsequenterweise folgte anno 2012 das prompte Comeback in der Muffathalle. Und es war nicht die einzige Rückkehr: War „fremd“ im Vorjahr noch die in sich gekehrte Einleitung eines neuen Zykluses von Frontmann Alexander F. Spreng, so ist die neue EP „GeisterErfahrer“ sein salziger Finger in den offenen Wunden der Gesellschaft. Und mit eben jener Veröffentlichung beantwortet der Sänger und Texter in Personalunion schlussendlich auch seine vor Jahren rhetorisch gestellte Frage nach dem fehlenden Kettenglied in „Wer sonst?“ mit einem einfachen „Ich“. ASP verbindet Neues mit Altem – und findet zum Schwarzen Schmetterling zurück.

Nach Lahannya 2011 hatten ASP dieses Jahr MANTUS im Gepäck. „Mantus?“ werden die meisten fragen. Ja, denn trotz insgesamt 12 Alben in 12 Jahren (!) von 2000 bis heute hat es die Band rund um Martin Schindler bis dato nicht geschafft, nennenswert in der hiesigen Musiklandschaft in Erscheinung zu treten. Die unverweigerliche Frage nach dem Warum beantworteten die Musiker selbst. Neben Sänger Martin agierte Chiara Amberia als weibliche Sängerin, die allerdings erst 2012 zu MANTUS stieß. Gleichzeitig war diese Support-Show der erste Auftritt der Musiker in München – wohl gemerkt nach 12 Jahren. Und bereits der erste Song offenbarte, warum bis dato niemand auf die Idee kam, die Musiker in das Herz Bayerns zu holen. Musik, Gesang und Instrumente agierten allesamt völlig eigenständig aneinander vorbei. Besonders schlimm wirkte sich dies auf Chiaras Performance aus, die stimmlich entblößt nur gegen Ende ein wenig überzeugen konnte, als sie von Gitarre und Bass aufgefangen wurde. Textlich gab es ebenfalls wenig zu holen, scheiterte beispielsweise die versuchte Gesellschaftskritik an der uninspirierten Umsetzung. Entsprechend mau fielen die Publikumsreaktionen auf die deutschsprachigen Düsterschlager aus. In der Schule hätte man gesagt: Setzen, 6, Chance verpasst.

Wie man sein Publikum erfolgreich mit Ungehörtem konfrontiert, bewiesen ASP wiederum direkt zu Beginn mit dem Titeltrack ihrer neuen EP „GeistErfahrer“. Zwar ließ der Sound anfangs noch zu wünschen übrig, so dass textlich bestenfalls Bruchstücke zu verstehen waren, doch die Botschaft für den musikalischen Rahmen des Abends war deutlich: Es sollte wahlweise zu elektronischem Rock oder rockigem Elektro gefeiert werden. Genau wie „GeistErfahrer“ setzten „Carpe Noctem“ und „Weichen(t)stellung“ da an, wo ASP mit „Wechselbalg“ und „Eisige Wirklichkeit“ auf „fremd“ aufhörten. Konsequenterweise waren es eben jene rockigen Vorzeigestücke der jüngeren Vergangenheit, die den Abend mit einleiteten.
Dabei zeigte sich Sänger ASP im Vergleich zum Vorjahr allerdings weniger euphorisch und blieb eher bewegungsarm. Stimmlich kam ihm dies zu Gute, musste er sich doch weniger um seinen Atem und seine Kondition sorgen. Für das Publikum gab es indes mit „Demon Love“ zunächst nur eine echte Verschnaufpause. Besonders hellhörig dürften die meisten ASP-Fans schließlich wieder bei „ÜberHärte“ geworden sein. Ungewoht (und vielleicht etwas zu) metallisch beschrieb der Frankfurter dabei das, was vielen in der heutigen Ellbogengesellschaft zu fehlen scheint: die nötige Härte. Und auch ASP selbst schien etwas gefehlt zu haben, sang er doch im folgenden „Schwarzen Schmetterling“ den Refrain im Gegensatz zum Vorjahr wieder selbst und bezeichnete sich somit als eben diesen zentralen Punkt seiner ersten Schaffensphase, der auch im Rahmen von „fremd“ nicht gänzlich verschwunden ist. War dies eine Rückkehr zu seinem alten Ego, eine Hommage an vergangene Zeiten oder eine neue magische Verbindung zwischen Alt und Neu? Es sind Fragen und Kleinigkeiten wie diese, welche die Faszination des Künstlers ausmachen – besonders für seine eingefleischtesten Fans.
Doch nicht nur jene hatten ihre Freude am folgenden Hitdreier mit „Wer sonst?“, „Und wir tanzten“ und „Werben“. Alle drei Songs avancierten nach ihrer Veröffentlichung zu Szenehits und werden inzwischen untrennbar mit ASP verbunden. So wundert es wenig, dass es genau diese Lieder sind, die auch bei der x-ten Liveaufführung zu Selbstläufern mutierten, selbst wenn Gastmusiker wie Ally an der Geige oder eine Duettpartnerin fehlen. Wenn der wiederentdeckte Schwarze Schmetterling dazu einen seiner stimmlich hervorragenden Tage erwischt und „Und wir tanzten“ von einer fulminanten Lichtshow untermalt wird, dann gibt es in diesen Sphären wenige Musiker und Combos, die den Szeneveteranen das Wasser reichen können.

Doch auch das Gesamtkunstwerk ASP ist nicht frei von Makeln: So gerät „Unverwandt“ ohne Liveunterstützung an der Geige zu synthesizergetrieben und auch „Rücken an Rücken“ nebst weiblichem Fan als Bindeglied zwischen Sänger und Publikum ist musikalisch für ASP-Verhältnisse keine Besonderheit. Darüber hinaus wirkten die verständlichen Textinhalte der neuen Stücke teils sehr nach einfachen Reimschemata aufgebaut, was aber durchaus im Sinne des Erfinders sein kann. Die Veröffentlichung der EP wird hier in Kürze für endgültige Klarheit sorgen.
Der Münchner Konzertabend fand indes erwartungsgemäß mit einigen Klassikern wie „Ich will brennen“ und „Ich bin ein wahrer Satan“ einen mehr als würdigen Abschluss. Der mächtige Rausschmeißer „Schwarzes Blut“ nebst dem lautstarken Publikumschorus „Vorwärts, abwärts“ war dabei wenig sinnbildlich. So marschierten ASP über rund zwei Stunden konsequent durch eine erstaunlich rocklastige Show. Und in dieser Form wird es für das fast komplett neu formierte Livequintett in Zukunft allenfalls weiter bergauf gehen. Unter anderem mit der Veröffentlichung von „GeistErfahrer“, wenn auch die Texte in voller Pracht zu erleben sind.

Anm. des Redakteurs: Bei den in diesem Bericht verwendeten Bildern handelt es sich um Archivaufnahmen, da die Band ASP anno 2012 keine Fotografen im Bühnengraben erlaubte.

Setlist:
01. GeistErfahrer
02. Welcome
03. Wechselbalg
04. Eisige Wirklichkeit
05. Krabat
06. Demon Love
07. Carpe Noctem
08. FremdkörPerson, erstens
09. ÜberHärte
10. Schwarzer Schmetterling
11. Wer sonst?
12. Und wir tanzten
13. Werben
14. Unverwandt
15. Denn ich bin der Meister
16. Weichen[t]stellung (GeistErfahrer Reprise)

17. Rücken an Rücken
18. Ich will brennen

19. Ich bin ein wahrer Satan
20. Schwarzes Blut

Publiziert am von und Uschi Joas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.