Caliban w/ All That Remains & Support

  • München, Backstage
  • 16. Dezember 2010

Trotz des heftigen Wintereinbruchs im Dezember nahm ich am 16.12. die Reise nach München auf mich, um mir die deutschen Metalheroen NEAERA und CALIBAN, die schwedischen Melodic-Metaller von SOILWORK und die amerikanischen Metalcoreler von ALL THAT REMAINS anzusehen, nicht zuletzt, weil ich die letzten beiden, im Gegensatz zu NEAERA und CALIBAN, noch nie live bestaunen durfte. Wegen einer Verspätung meines Zuges von 45 Minuten kamen wir erst gegen 19 Uhr am Backstage München an. Der Konzertbeginn war für 18.30 Uhr angesetzt, und offensichtlich wurde auch wirklich pünktlich auf die Sekunde begonnen, denn um 19 Uhr waren keine Anzeichen mehr ersichtlich, dass dort gerade eine Band gespielt hatte – auch zahlreiche Nachfragen halfen nicht weiter, gesehen hatten die schottischen Deathcoreler von BLEED FROM WITHIN wohl nur sehr wenige.

Los ging es dann für mich mit NEAERA, die ihrerseits ebenfalls sehr zügig um 19.15 Uhr begannen. Die fünf Mannen aus dem Ruhrpott waren an diesem Abend glänzend aufgelegt und zeigten sich in bestechender Form und Spiellaune. Auch kam ihnen zu Gute, dass der Sound im Münchner Backstage schon zu dieser verhältnismäßig frühen Zeit extrem gut abgemischt war. Zwar war es während NEAERAs Konzert noch recht leer, doch dafür blieb den abgehenden Metallern mehr Raum im Mosh Pit, der auch ausgiebig genutzt wurde. Frontmann Benni Hilleke war einmal mehr mitverantwortlich dafür, da er das Publikum ununterbrochen und unnachgiebig pushte, noch mehr Einsatz forderte, sich selber vollkommen verausgabte und sich zur großen Freude der Fans in den vorderen Reihe auch für eine Runde Crowd Surfing nicht zu schade war. NEAERA spielten außerdem eine recht homogene Mischung aus Songs von ihrem gerade releasten Album „Forging The Eclipse“, dem 2007er-Album „Armamentarium“ und einigen metalcore-lastigeren Liedern aus weiter vergangenen Jahren. Im Hinblick darauf, dass NEAERA so einen frühen Slot im Line-Up bespielten, gab es hier wirklich absolut nichts zu meckern – als Warm-Up für das, was noch kommen sollte, konnte sich der Auftritt wirklich sehen lassen. Der einzige Wermutstropfen war aus meiner Sicht, dass NEAERA das live stets absolut mächtige „Synergy“ nicht spielten.

Tracklist NEAERA:
01. Heaven’s Descent
02. Harbinger
03. Walls Instead Of Bridges
04. Eight Thousand Sorrows Deep
05. In Defiance
06. Armamentarium
07. Spearheading The Spawn

Nun waren die Schweden von SOILWORK an der Reihe. Mein erster Gedanke beim Blick auf das Line-Up war schon Wochen vor dem Konzert: „Die passen da doch nicht wirklich rein.“, denn SOILWORK spielten schon immer eher einen recht melodischen Metal der schwedischen Schule, der an sich mit dem Sound von CALIBAN und ALL THAT REMAINS wenig bis nichts gemein hat. Und so ganz wurde ich den Eindruck auch während des Gigs nicht los. Zwar war Frontmann Björn Strid genauso gut aufgelegt wie die Jungs von NEAERA, und ließ auch bei seinen Ansagen erkennen, dass er offensichtlich große Freude daran hatte, gerade in Deutschland auf Tour zu sein und sein zu können, und die anfangs doch recht verhaltene Stimmung wurde mit fortschreitender Zeit deutlich besser, aber die ganz große Begeisterung konnten SOILWORK trotz durchaus energiegeladener Vorstellung nicht entfachen. Das darf aber natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass SOILWORK eigentlich alles zu bieten hatten, was eine gute Show braucht, unter Anderem einen Sänger, der schwierige Gesangspassagen mühelos meisterte, eine Reihe cooler und groovender Songs, sowie Gitarristen, die das Ganze mit einer ordentlichen Portion Enthusiasmus unterstützten(wobei man auch über den ein oder anderen Spielfehler hinwegsehen konnte).

Die Amis von ALL THAT REMAINS waren schon eher prädestiniert dafür, das Publikum mitzureißen. In der Zwischenzeit war das Publikum im Backstage ordentlich angewachsen, sodass wir nach kurzer Trink- und Esspause während der Umbauzeit eine deutlich größere Menschenmenge umgehen mussten, um nach vorne zu gelangen. Sehr gespannt war ich auf ihren Auftritt, da mich ihre neuerliche musikalische Entwicklung ganz und gar nicht vom Hocker zu werfen vermochte –meiner Meinung nach waren und sind ALL THAT REMAINS immer dann am Besten, wenn sie bedingungslos die Keule auspacken, was auf ihren letzten beiden Alben nicht mehr oft der Fall war. Offensichtlich gab es auch noch etwas anderes, was die Motivation eines Teils der Band an diesem Abend etwas hemmte, denn das Klampfer-Duo Oli Herbert und Mike Martin kam einem derart lustlos und demotiviert vor, dass es furchtbar mitanzusehen war. Während Ersterer sich wenigstens noch zu gelegentlichem Headbangen erbarmte, stand Rhythmusgitarrist Martin meist nur auf einer Stelle, zog ein grimmiges Gesicht, wippte von vorne nach hinten und jagte eifrig Feedbacks und einige Spielfehler durch die Boxen – es war wohl auch ein wenig Alkohol im Spiel. Ganz anders dagegen Sänger Phil Labonte, der mit seiner tief ins Gesicht gezogenen Baseball-Kappe seine Visage zwar fast komplett verhüllte, aber ansonsten mächtig gut drauf war. Dass die Mukke der Amis aus Massachussetts perfekt ins Billing passte, spiegelte sich auch im Moshpit wieder, der inzwischen die komplette untere Ebene des Backstage ausfüllte und auch einiges an Intensität gewann, wenngleich an diesem Abend keine Violent Dancer im Publikum vertreten waren.

Erfreulicherweise scheinen sich ALL THAT REMAINS ihrer Stärken bewusst zu sein: Neben den Krachern „This Calling“ (bei dem allerdings deutlich hörbar war, dass Drummer Shannon Lucas die Bassdrum bei Weitem nicht so schnell bearbeitete wie auf der Platte), „Become The Catalyst“ und dem extrem schnellen und melodischen Hit „Six“ spielten ALL THAT REMAINS außerdem noch „Whispers“ – alle diese Songs stammen vom 2007er-Werk „The Fall Of Ideals“ – das mit seinem cleanen Sing-Along-Refrain natürlich einer DER prädestinierten Livesongs der Band ist. Ein weiteres Highlight des Gigs war das unheimlich intensive Ende von „Focus Shall Not Fail“, das (auch dank Phil Labontes famoser Gesangsleistung) dermaßen böse und Death Metal-lastig klang, dass es ein Genuss war. Positiv konnte sich auch Basserin Jeanne Sagan bemerkbar machen, denn ihre Rolle als Background-Shouterin füllt sie mit einer solchen Energie aus, dass sie Phil Labonte sehr häufig sogar übertönte (und das lag nicht an der Abmischung der Mikros). Auch die „softeren“ Songs der Amis kamen deutlich besser rüber, als ich das erwartet hatte, und so bleiben mir ALL THAT REMAINS auch als Liveband in sehr positiver Erinnerung.

Gegen 22.30 Uhr war es dann letztendlich Zeit für die Ruhrpottler von CALIBAN. Es war das mittlerweile dritte Mal, dass ich sie sehen konnte, und wenn ich beim zweiten Auftritt schon das Gefühl bekommen hatte, dass bei CALIBAN ein Auftritt dem anderen ziemlich gleicht, so verfestigte er sich nach diesem Abend deutlich. Das geht schon mit der Kluft der Band los (ein ärmelloses schwarzes Hemd mit Kragen, auf dem sich auf der linken Seite das Bandlogo und auf der rechten Seite der Name des jeweiligen Bandmitglieds befindet) – da fehlt nur noch eine Rückennummer, und man könnte sie von einer Fußballmannschaft kaum noch unterscheiden. Dazu kommt, dass ihre Setlist sich von Gig zu Gig auch nie unterscheidet, wenn man sich also einmal gemerkt hat, wie alles abläuft, weiß man auch, wies beim nächsten Mal kommt. Andererseits hat das auch seinen Sinn, denn so bauen CALIBAN stets einen Spannungsbogen auf, der die Stimmung im (diesmal gar nicht mal so jungen) Publikum immer wieder zum Überkochen bringt. Mit dem langsamen „Love Song“ geht’s los, bevor mit „No One Is Safe“ der gigantische Circle Pit eröffnet wird und die obligatorische Wall Of Death zu „I’ve Sold Myself“ folgt. So beteiligte sich das Publikum auch diesmal an Letzteren, und das in einer Art und Weise, dass selbst CALIBAN-Sänger Andy Dörner nichts mehr daran auszusetzen hatte (was sonst eigentlich nie vorkommt) und sich in der Folge auch mit seinen manchmal etwas nervigen Ansagen zurück hielt. Zwar gab es mehr als nur ein paar Verletzte (mindestens ein halbes Dutzend Fans musste mit blutenden Nasen, Cuts im Gesicht, Prellungen oder beschädigten Brillen den Moshpit verlassen), das tat der Stimmung aber keinen Abbruch.

An der spielerischen Darbietung und dem Enthusiasmus mangelt es CALIBAN sowieso nie, Andy Dörner ist eine stimmliche Urgewalt und Klampfer Dennis Schmidt hat inzwischen genug Gesangsstunden absolviert, um die Refrains in stimmungsvoller Manier zu interpretieren (Absolutes Highlight diesmal: „Nothing Is Forever“). Lead-Gitarrist Marc Görtz zeigte sich ebenso gewohnt bewegungsfreudig und schaffte es mehrmals, seinen Gitarrenspin durchzuziehen, ohne sich zu verspielen. Bei „Nowhere To Run, No Place To Hide“ konnte man von der Empore im Backstage aus beobachten, wie JEDER einzelne Kopf vor der Bühne mitnickte – ein echt beeindruckendes Bild. Zum Ende des Gigs überraschten CALIBAN dann mit der Aussage, sie wären gerade dabei, eine Cover-CD aufzunehmen und zeigten prompt eine Metalcore-Darbietung von Rammsteins „Sonne“ – ganz interessante Idee, aber an das Original kommt es dann sicher nicht ran. Nach einer kurzen Spielpause kamen CALIBAN noch einmal für einen Song zurück auf die Bühne. Sicher hätten sie an diesem Abend auch noch eine Stunde weiter machen können, wenn sie denn gewollt hätten, denn auch wenn es für die Band nach eigener Aussage das Highlight der Tour war, waren die letzten Wochen und Monate für die Band wohl sehr tourintensiv, und für eine weitere Zugabe reichte es dann nicht mehr – was aber auch niemanden wirklich störte.

Alles in Allem war es also ein rundum stimmiger Abend, mit einer kleinen Ausnahme vielleicht (Das nächste Mal sollte man vielleicht eine passendere Band als SOILWORK auswählen). Etwas bedenklich auch, dass keiner der Mitarbeiter (weder die an der Bar noch die Ordner) im Backstage eine verlässliche Aussage darüber machen konnte, wo sich die Sanitäter befinden. Andererseits war das an diesem Abend auch nicht nötig, vernünftige Getränkepreise (und gutes Bier) sorgten dafür, dass auch das Drumherum stimmte und man zufrieden nach Hause fahren konnte.

Tracklist CALIBAN:
01. Love Song
02. No One Is Safe
03. Life Is Too Short
04. I’ve Sold Myself
05. My Time Has Come
06. Nothing Is Forever
07. I Will Never Let You Down
08. It’s Our Burden To Bleed
09. All I Gave
10. Nowhere To Run, No Place To Hide
11. Song About Killing
12. Sonne
13. Zugabe


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