Konzertbericht: Candlemass w/ Powerwolf

2007-09-02 Hamburg, Markthalle

Endlich wieder Konzertzeit! Zwischen Saxon im März und diesem zweiten September hatte nur Wacken gelegen, ansonsten war für mich tote Hose, da wurde das Konzert von CANDLEMASS und POWERWOLF zum Pflichttermin. Doch irgendwie schien der Abend unter keinem guten Stern zu stehen: Dem Konzert ging ein Mini-Zerwürfnis mit meinen Eltern voraus, ich vergaß meine Ohrstöpsel zu Hause, und dann wurde der Einlass auch noch um eine halbe Stunde nach hinten verlegt, wodurch ich mir vor der Halle die Beine in den Bauch stand. Gut, das könnte alles noch als PP (persönliches Pech) durchgehen, doch dann kam das dickste Stück: Obwohl dies vorher über Mail mit der entsprechenden Kontaktperson geklärt war, stand ich nicht auf der Gästeliste – irgendwer in der Ablaufkette (nach meinem Kontaktmann) hatte da geschludert. Zum Glück hatte ich gerade genug Geld dabei, um mir die Eintrittskarte zu leisten, sonst wäre der Abend ins Wasser gefallen. Angesäuert und so gut wie pleite begab ich mich dann in die altehrwürdigen Hallen.

Da folgte schon die nächste Überraschung: Aufgrund der mauen Kartenverkaufszahlen (es war wirklich verdammt leer) wurde das Konzert von der „Großen Halle“ ins wesentlich kleinere MarX im gleichen Hause verlegt, das wohlwollend mit „gemütlich“ umschrieben werden kann, die Luft darin bei Konzerten „entschlackend“ – es handelt sich hierbei um einen beinahe winzigen Saal, der bei Veranstaltungen regelmäßig zur finnischen Sauna mutiert (wer hats erfunden?!). Andererseits bietet das MarX immer ein sehr intimes Erlebnis, da man den Musikern quasi auf den Füßen steht, nur der Höhenunterschied von etwa einem halben Meter trennt Protagonisten und Publikum. Als einziger neben einem netten Kerl im Rollstuhl in der erste Reihe stehend erwartete ich nun den Auftritt von POWERWOLF.

Wenig später ging’s dann auch endlich los – auf der Bühne zumindest. Soweit ich das mitbekam, verhielt sich das Publikum leider ziemlich passiv, was sich erst nach einigen Liedern besserte. Dafür war oben umso mehr los. Hatte im Forum nicht mal jemand gesagt, POWERWOLF würden nicht das übliche Posing bei Auftritten abziehen? Okay, üblich war das Posing wirklich nicht, dafür gab’s aber gleich eine Familienvorteilspackung davon. Die ganze Bande zog ständig abenteuerliche Grimassen und hüpfte quer über die Bühne (so gut das auf diesem Miniteil im MarX eben geht), wobei sich besonders Keyboarder Falk hervortat, der, sofern er mal nichts zu tun hatte, wild zwischen den übrigen Bandmitgliedern umhersprang und abfeierte. Musikalisch lieferten die Herren eine sehr solide Leistung, auch wenn ich an einigen wenigen Stellen das Gefühl hatte, dass Attila heute nicht 100% seiner stimmlichen Leistung bringen konnte. Und irgendwie kam vor der Bühne auch nie Stimmung auf; höchstens ab und an ein Fotograf verirrte sich neben mir direkt an die Bühne. So konnten natürlich auch Brecher wie „Prayer in the Dark“ oder „Saturday Satan“ vom neuen Album ihre Wirkung nicht voll entfalten – sehr, sehr schade. Nichtsdestotrotz ließ sich Gesangskugel Attila nicht von spaßigen Ansagen in deutsch mit rumänischem Akzent abhalten; unter anderem wurde das Lied „In Blood we trust“ dem Roten Kreuz gewidmet (!). Spaß machten die Lieder sowieso, allen voran die eben genannten und Stücke wie „Mr. Sinister“ oder „We take it from the Living“. Etwas ungünstig gelöst war das Ende des Auftritts: Während noch der letzte Teil von „Lupus Dei“ vom Band lief, verabschiedete sich die Band, und während das Sample immernoch lief, ging schon das Licht wieder an und der Auftritt endete einfach nur mit Stille – kein dicker Applaus am Ende, keine Verbeugung, das geschah alles noch mit Musik im Hintergrund. Wie gesagt, nicht gut gelöst, meiner Meinung nach. Auch fehlte nach dem Ende des Auftritts jeglicher Kontakt zu den Leuten vor der Bühne – „Arbeit getan, und jetzt lasst uns in Ruhe“, so kam das in etwa rüber. Trotzdem boten POWERWOLF an diesem Abend einen guten Auftritt, der leider vom Publikum, soweit ich das beurteilen kann, nicht genug gewürdigt wurde.

Nun waren CANDLEMASS an der Reihe. Mit dem erstklassigen neuen Album „King of the Grey Islands“ im Gepäck rockten sie von Anfang an gut los. Und bevor ich weiter berichte, lasst mich eine Frage stellen: Wer ist eigentlich Messiah Marcolin? Ich hatte mir kurz vor dem Konzert noch einmal das Video zum Song „Black Dwarf“ angesehen, und nachdem ich vorher schon die neuen Lieder mit dem kongenialen Robert Lowe am Mikro gehört hatte, empfand ich Marcolins Stimme als geradezu nervig. Und auch live räumt der Neue voll ab, mit einer mitreißenden Gesangsleistung und einer Bühnenpräsenz, deren Facetten von Luftgitarreneinsätzen über Armeausbreiten und Augenverdrehen bis zu minimalistischer, dadurch aber umso wirkungsvollerer Gestik reichten – zwischenzeitlich sang er sogar mitten aus dem Publikum heraus. Wow! Ich möchte mir spontan erlauben zu sagen, dass CANDLEMASS mit Robert Lowe einen Ersatz für den divenhaften Marcolin gefunden haben, der diesen bei weitem übertrifft. Und die Musik des Fünfers ist eh über jeden Zweifel erhaben. Neben reichlich geilem Material vom neuen Album („Emperor of the Void“, „Devil Seed“, besonders aber das spitzenmäßige „Of Stars and Smoke“) gab’s natürlich auch die absoluten Bandklassiker „At the Gallows End“ und „Solitude“. Mittlerweile war das MarX nun zur Sauna geworden und brachte Zuschauer wie Band gehörig ins Schwitzen. Trotzdem gingen die Schweden um Robert Lowe gut auf der Bühne ab, mal vom irgendwie festgewachsenen Leadgitarristen Lasse, der (vielleicht wegen der häufigen Pedalbenutzung) den ganzen Auftritt über in seiner Ecke verblieb – sein Gitarrenspiel war allerdings über jede Kritik erhaben, seine absolut geniale Mimik dabei sowieso, und wenn er mal Besuch von einem anderen Bandmitglied bekam, interagierte er hervorragend mit diesem. Beim letzten Song erlaubte sich dann Schlagzeuger Jan Lindh noch einen Spaß mit Robert Lowe und zählte das Lied mitten in der Ansage an.

Insgesamt boten CANDLEMASS hier einen ganz starken Auftritt mit astreinem Sound und erstklassiger Instrumental- und vor allem Gesangsleistung – Robert Lowe ist das neue, im übertragenen Sinne ansehnliche Gesicht von CANDLEMASS, und mit ihm zusammen darf man sich auf weiteres großartiges Material freuen. Gerne wieder!

Setlist Powerwolf (nicht ganz richtig geordnet):

We take it from the Living
Prayer in the Dark
Mr. Sinister
Saturday Satan
We came to take your Souls
In Blood we trust
Lucifer in Starlight
Lupus Dei

Setlist Candlemass:

Well of Souls
At the Gallows End
Solitude
Emperor of the Void
Devil Seed
Mirror Mirror
Bells of AcheronOf Stars & Smoke
Sorcerers Pledge
—-
Embracing the Styx
Black Dwarf
Edgar Grey
—-
Samarithan

Geschrieben am 2. September 2007 von Metal1.info

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.