Konzertbericht: Cemetery Skyline w/ Royal Sorrow

18.05.2026 München, Backstage (Halle)

Als CEMETERY SKYLINE in der Pandemie 2020 gegründet wurden, hätte wohl niemand gedacht, dass aus dem Gothic-Rock-Projekt mehr würde als ein Studioprojekt – schließlich kommen nahezu alle Mitwirkenden nicht nur aus bekannten, sondern auch live extrem aktiven Bands. „Aber dann bekamen wir dieses tolle Angebot, und es ist gutes Geld, und es macht Spaß“, erklärte Mikael Stanne 2024 im Interview erfrischend ehrlich, wie es zur Live-Premiere auf einem Festival in Finnland kam. Auf die Frage, ob eine Tour folgen wird, antwortete er damals noch: „Es ist wirklich interessant. Ich hoffe trotzdem, dass wir nicht auf Tour gehen werden.“

Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung: Kaum zwei Jahre später touren CEMETERY SKYLINE als Headliner durch Europa – in kleinem Rahmen, mit nur einer Support-Band und in vergleichsweise kleinen Hallen, gemessen daran, wo diese Herren mit ihren Hauptbands spielen. Auch hält sich das Publikumsinteresse überraschenderweise in Grenzen – zumindest in München finden sich allenfalls 200 Fans in der Backstage Halle ein. Der Stimmung soll das, wie sich später zeigt, keinen Abbruch tun.

Zunächst aber gehört die Bühne dem Opener ROYAL SORROW. Die Finnen bewegen sich irgendwo im weiten Feld des modernen „Prog“ Metal – zumindest merkt man schnell, dass Bands wie LEPROUS, TESSERACT oder VOLA zu den Einflüssen des Quartetts zählen. Moderner (steriler) Gitarrensound, stark rhythmisierendes Riffing, ausladende Gitarrensoli und vornehmlich Klargesang (mit viel Unterstützung vom Band) sind als Komponenten in dem Genre durchaus bewährt – bei ROYAL SORROW wird daraus aber leider nicht mehr als die Summe der Bestandteile. Wiedererkennungswert, große musikalische Momente oder echte Progressivität fehlen hier nämlich ebenso wie über das Normalmaß hinausgehende technische Brillanz. Dass Fronter Markus Hentunen aussieht und zur Musik agiert, als wäre er eigentlich das sechste Mitglied von TAKE THAT, wäre vor Metal-Publikum vermutlich das K.-o.-Kriterium – im heutigen Setting bekommen ROYAL SORROW immerhin Höflichkeitsapplaus. Zu mehr reicht es aber nicht.

Wer sich nun besorgt in der halbleeren Halle umsieht und angesichts der lichten Reihen auch beim Headliner eine Stimmung wie bei der Meisterfeier des FC Bayern erwartet, irrt gewaltig: Schon zum Intro erklingt stürmischer Jubel, und auch zwischen den Songs bekommen CEMETERY SKYLINE frenetischen Applaus und nicht enden wollende Hey-Hey-Sprechchöre. Da wohl auch der Band die Vorverkaufszahlen bekannt waren, dürfte die augenscheinliche Überraschung und Freude der Musiker über dieses warme Willkommen absolut authentisch sein: Mit dieser Kulisse war nun wirklich nicht zu rechnen.

Neben der All-Star-Besetzung (die auf den Vorverkauf offensichtlich wenig Auswirkungen hatte) rechtfertigt die Performance aber wirklich jede Euphorie: Gewohnt sympathisch führt Tausendsassa Mikael Stanne (DARK TRANQUILLITY, THE HALO EFFECT, GRAND CADAVER) durch ein Set jener Band, bei der er erstmalig überhaupt nicht growlt. Für massig Goth-Rock-Vibe sorgt – neben den Outfits mit Hüten, Sonnenbrillen und Stannes Sakko – vor allem Markus Vanhalla: Der spielfreudige Finne avanciert in der Rolle als alleiniger Gitarrist noch mehr zur Rampensau als eh schon bei seinen anderen Bands (INSOMNIUM, OMNIUM GATHERUM). Aber auch AMORPHIS-Keyboarder Santeri Kallio gibt CEMETERY SKYLINE nicht nur musikalisch, sondern schlicht durch seine Coolness an den Tasten Klasse.

Eine echte Legende ist Schlagzeuger Vesa Ranta (ehemals SENTENCED) – entsprechend viel Extra-Applaus bekommt dieser bei der Bandvorstellung. Auf ein SENTENCED-Cover warten Fans allerdings vergeblich – wennschon Markus Vanhalla zum gespielten Ärgern von Vesa Ranta kurz dazu ansetzt. Ebenso bleibt der Zwischenruf „Mourning Palace“ in Anspielung auf Bassist Victor Brandt (DIMMU BORGIR oder „from the foggy castle“, wie es Stanne ausdrückt) unerhört. Stattdessen bekommen die Fans – neben dem gesamten Debüt-Album „Nordic Gothic“ sowie zwei überraschend harten B-Seiten-Tracks von der Deluxe-Edition („Dream Delusion“, „Nothing From This World“) noch „I Drove All Night“ zu hören – geschrieben von Rob Orbison, „destroyed by Céline Dion“, wie Stanne mit einem Augenzwinkern erklärt. Nach Album-Hit „Violent Storm“ ist die Show dann auch schon vorbei. Nicht „schon“, weil CEMETERY SKYLINE etwa zu kurz gespielt hätten – mit gut 60 Minuten haben die Skandinavier für eine Band mit nur einem Album wirklich ein anständiges Set zusammenbekommen – sondern weil diese Show so verdammt kurzweilig war.

  1. Behind The Lie
  2. Torn Away
  3. The Darkest Night
  4. Never Look Back
  5. Dream Delusion
  6. Anomalie
  7. When Silence Speaks
  8. Nothing From This World
  9. The Coldest Heart
  10. I Drove All Night (ROY-ORBISON-Cover)
  11. In Darkness
  12. Alone Together
  13. Violent Storm

Dass CEMETERY SKYLINE als Outro die ’90er-Dream-House-Hymne „Children“ (Robert Miles) gewählt haben, und Mikael Stanne selbst nach allen Verbeugungen und Abschiedsworten bis zum Songende auf der Bühne verweilt, ist sinnbildlich für diesen Abend: An CEMETERY SKYLINE haben nicht nur die Fans eine riesige Freude, sondern mindestens genauso, wenn nicht mehr, auch alle Beteiligten auf der Bühne. Insofern darf man gespannt sein: Dieses Projekt hat weit mehr Potenzial, als die nackten Zahlen dieser Tour abbilden – sofern die Hauptbands der involvierten Musiker dies zulassen.

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Moritz Grütz

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