Deep Purple w/ Marillion

  • München, Olympiahalle
  • 19. November 2010

Am 19.11. ist es soweit, man muss eigentlich fast von „mal wieder“ zu sprechen. Denn DEEP PURPLE finden ihren Weg nach nur zwei Jahren Abwesenheit zurück in die Münchner Olympiahalle. Mit dabei sind die Retro-Proggies MARILLION, seit 1979 aktiv sollten auch sie keine Vorstellung mehr benötigen (was sich noch Irrtum herausstellen wird). Auf die Bretter geht es für die Truppe aus Aylesbury um 20:00 Uhr, sodass nach dem Einlass um 18:30 Uhr genug Zeit bleibt, um sich in der Halle einzufinden. Ein kurzer Abstecher zum Merchandise vor der Show offenbart eine dezente, bescheidene Auswahl an T-Shirts, einige CDs und die inzwischen obligatorisch gewordene Band-Tasse nebst signierten Drumfellen, insgesamt ein sympathisch nüchternes Programm.

Wenn ich oben von einem Irrtum bezüglich der Bekanntheit (oder, sagen wir, Popularität) MARILLIONs spreche, meine ich damit, dass der Zuspruch, den die Band verdient hätte, mehr oder minder ausbleibt. Dabei kombiniert die Truppe um Sänger Steve Hogarth auf ziemlich unvergleichliche Weise Elemente, die eigentlich so gar nicht zusammenpassen dürften: Die Songs sind gleichermaßen instrumental komplex wie melodiös und ohrwurmtauglich, die Stimmung der Musik ebenso beruhigend wie aufregend. Wer mit modernem, geglättetem Progressive Rock, der zwar keine echten Kanten hat, dafür aber eine Menge Vielfalt und Gefühl birgt etwas anfangen kann, muss hier von der ersten Sekunde an mit möglichst drei statt zwei Ohren zuhören. Wer dazu Spaß an elegischen, psychedelisch angehauchten Gitarrensoli hat, wie sie etwa auch Porcupine Tree von Pink Floyd übernommen haben, ist von der Musik schon hellauf begeistert, obwohl damit der visuelle Höhepunkt dieser Show noch gar nicht erwähnt ist: Neben der stimmungsvollen Lightshow, die meist in satten Blautönen gehalten ist, kann auf der Bühne nämlich vor allem Sänger und Gelegenheits-Gitarrist Steve Hogarth glänzen. Stolpert er zu Anfang der Show noch als alter Mann auf die Bühne, steif und mit Krückstock, mit Mantel und Brille, durchlebt er im Laufe der Show eine Verjüngung, die sich sowohl im Stageacting, das immer expressionistischer die Songs unterstreicht, als auch in den Songs und den Vocals selbst widerspiegelt. Hierbei intoniert er mit voller, variabler Stimme die typischen berührenden MARILLION-Gesangsmelodien.

Wie diese Band bewegende, oftmals sehr intime Melodien aus dem Pop, instrumentalen Anspruch und nicht zuletzt die erwähnten schlichtweg genialen Soli kombiniert, ist beeindruckend – qualitativ, und wenn nicht DEEP PURPLE folgen würden, könnten MARILLION heute auch selbst den Headliner-Slot einnehmen. Das sehen die restlichen Anwesenden in der Olympiahalle leider zu einem großen Teil etwas anders, soweit sie denn überhaupt schon eingetroffen sind (viel mehr als die Hälfte dürften von Halle und Tribüne noch nicht gefüllt sein). Zwar geht der Zuspruch im Laufe durchaus über Höflichkeits-Applaus hinaus, angemessen erscheint er aber trotzdem nicht. Warum wird nicht ganz klar, ob die Leute es schlicht und ergreifend noch nicht von der Arbeit in die Halle geschafft haben, ob sie die Band nicht kennen und auch nicht kennenlernen wollen oder ob ihnen die Musik nicht DEEP PURPLE genug ist, es klappt auf jeden Fall nicht.

Setlist MARILLION:
01. The Invisible Man
02. Kayleigh
03. King
04. Gazpacho
05. Easter
06. Afraid of Sunlight
07. Hooks In You
08. Neverland

Die überwiegende Anzahl der Fans trauert MARILLION, nachdem diese nach einer Stunde Spielzeit pünktlich die Bühne verlassen, dementsprechend wohl kaum nach. Ebenso pünktlich sind um 21:30 Uhr dann DEEP PURPLE dran, zwar ist die Halle auch jetzt nicht gerade überfüllt, die Euphorie der Fans dafür aber deutlich gesteigert. Und dann geht es los – Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Steve Morse & Don Airey machen sich bereit, über eine Stunde und 40 Minuten zu demonstrieren, wozu man (in Gillans und Glovers Fall) auch mit 65 noch in der Lage sein kann, wenn das Songmaterial stimmt. Besonders beeindruckend agiert hierbei Ian Gillan: Trotz vieler Pausen hinter der Bühne in Instrumental-Passagen gibt sich der Mann große Mühe, die Energie, die DEEP PURPLE damals wie heute auszeichnet(e), auf die Bühne zu bringen. Gesanglich kann man ihm angesichts seines Alters wohl keinen Vorwurf machen, wenn die Performance insgesamt etwas ruhiger und entspannter ausfällt, dennoch ist es eben noch unverkennbar Ian Gillan, der da singt, und darauf kommt es schließlich an. Doch auch Roger Glover lässt sich nicht lumpen, was Aktivität auf der Bühne angeht, nicht nur, dass er gerne mal von Bühnenrand zu Bühnenrand springt, auch wenn er sich auf seinem angestammten Platz vor Ian Paice einfindet, wirkt er äußerst agil und hat sichtlich Spaß daran, die alten Klassiker herunterzuspielen. Und obwohl auch Keyboarder Don Airey bisweilen regelrecht manisch über die Tasten fegt, ist der große Sympathiebolzen auf der Bühne doch zweifellos Gitarrist Steve Morse, der mit einem regelrechten Dauergrinsen eine Menge zum Eindruck beiträgt, dass die Herren immer noch heiß sind auf das, was sie tun. Bei so viel Spielspaß sollte auch der eingefleischteste DEEP PURPLE-Fan langsam damit klarkommen, dass Ritchie Blackmore (seit Ewigkeiten) nicht mehr auf der Bühne steht.
Am klaren, in angenehmer Lautstärke gehaltenen Sound gibt es ebenso wenig zu meckern wie an der Setlist – wenig überraschend, denn hier können DEEP PURPLE einfach wenig falsch machen. Ob nun ein „Fireball“, ein „Strange Kind Of Woman“ oder ein „Space Truckin’“, es gibt genau die Nummern, die man sich von der Hard Rock-Legende erwartet. Dazwischen luken auch aktuellere Songs wie „Rapture Of The Deep“ und „Silver Tongue“ hervor, im Klassiker-Hagel werden diese aber ebenso abgefeiert wie ihre alten Verwandten. Einen der Höhepunkte der Show stellt der geniale Instrumental-Part in „Perfect Strangers“, der jede Frage, wie man Power und Atmosphäre effizient kombinieren kann, restlos beantwortet. Und selbst „Smoke On The Water“, dessen Studio-Version schon so häufig Ohrenschmerzen verursacht hat (effektiver kann man einen Song bspw. im Radio gar nicht totspielen), zeigt live eindrücklich auf, warum es zu Recht zu den größten Klassikern der Rock-Geschichte zählt.

Nach den unverzichtbaren Zugaben „Black Night“ und „Hush“, die die Stimmung nochmal final zum Brodeln bringen ist – es zieht sich durch den Abend – pünktlich um 23:10 Uhr Schluss, kurz bevor man sich überlegt, dass Tribünenkarten vielleicht doch nett gewesen wären. Und der Abend lässt nur ein einziges Resümee zu: Wer nicht dabei war, sollte sich, falls DEEP PURPLE deutsche Bühnen weiter derart beackern, sputen und die möglichst nächste Gelegenheit wahrnehmen – 2010 funktioniert die Band noch optimal, aber es steht zu befürchten, dass sie irgendwann doch deutlich abbaut. Der 19.11. bleibt dennoch ein denkwürdiger Abend.

Setlist DEEP PURPLE:
01. Highway Star
02. Hard Lovin‘ Man
03. Maybe I’m A Leo
04. Strange Kind Of Woman
05. Rapture Of The Deep
06. Fireball
07. Silver Tongue
08. Contact Lost
09. When A Blind Man Cries
10. Well Dressed
11. Almost Human
12. Lazy
13. No One Came
14. Key
15. Perfect Strangers
16. Space Truckin‘
17. Smoke On The Water

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18. Black Night
19. Hush


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