Dissection

  • München, Titanic City
  • 04. Dezember 2004

4. Dezember 2004. In einem kleinen Club names „Titanic City“ in München haben sich um die 200 Fans eingefunden, um den (im Übrigen innerhalb einer Stunde ausverkauften) ersten von zwei Gigs der schwedischen Legende DISSECTION in München zu sehen – als Support fungieren, mit ihrem aktuellen Album „Casus Luciferi“ im Gepäck, eine Underground-Band namens Watain, sowie die bayerischen Dark Fortress.

Nach einer mehr als ordentlichen Show der Lokalmatadore läuft es für WATAIN im Anschluss alles andere als rund. Nach nur zwei Songs brechen die Schweden ihre Show ab. Als offizieller Grund wird schlechter Sound genannt, aber es gibt wohl auch Zoff in der ersten Reihe, weil ein betrunkener Fan es gewagt hat, das Equipment der Band anzufassen.

Wie auch immer, WATAIN haben ihre Entscheidung getroffen. Zuerst versuchen es diverse Mitarbeiter des Clubs, sie zur Rückkehr zur Bühne zu bewegen. Ohne Erfolg. Plötzlich schreitet Jon Nödtveidt höchstpersönlich durch die dicht gedrängte Fanmenge zum Dressing-Room von WATAIN.

Zwei Minuten später kommt er wieder heraus – man sieht ihm sofort an, dass er wütend ist, weil er es nicht geschafft hat, WATAIN zur Rückkehr auf die Bühne zu bewegen. Für einen Perfektionisten wie Jon, der seinen Fans selbst auf der Bühne nur das Ultimum bieten will, eine Niederlage.

Nur zehn Minuten später stehen also schon DISSECTION auf der Bühne, dabei ist es gerade mal halb acht. Ohne großes Hallo oder Brimborium beginnen sie ihren Gig. Es wird eine einzigartige Show – wahrscheinlich aufgrund der immensen Wut, die Jon an diesem Abend vor sich her schiebt.

Es ist brütend heiß im Club, die Gäste stapelten sich quasi, aber jeder starrt auf die Bühne, denn ohne auch nur die geringste Pause schreddert die Band einen Klassiker nach dem anderen herunter. Auch den Bandmitgliedern läuft der Schweiß in Strömen vom Körper, aber Jon gönnt den anderen nicht einen Schluck Flüssiges zwischendurch: Als Set Teitan nach einem Becher am Bühnenrand greift, muss er ihn noch vor dem ersten Schluck fallen lassen, um seinen Einsatz nicht zu verpassen. So jagt Jon die Band von Wut getrieben durch den Gig, bis man als Zuschauer nicht mehr weiß, wo hinten oder vorne ist.

Gerade in diesem Gemütszustand kommen Textpassagen wie „No time passed, our victory is eternal,  our scorn, our silence…“ besonders gut; ein gewaltiges, langes „Silence“, bei welchem man das Gefühl hat, der Abgrund öffnet sich und man wird hineingesogen. Unfassbar, welche Auswirkungen Jon’s Aggressivitätslevel auf die Authentizität seiner Songs an diesem Abend hat.

Alle Klassiker werden gespielt. Wahrscheinlich, um die durch den Quasi-Ausfall von Watain gewonnene Zeit zu füllen, baut Jon in seine Songs dabei längere Soli ein, zum Teil wohl spontan, aus dem Nichts heraus improvisiert. Seine Bandkollegen sind zum Zerreißen gespannt, ständig auf Jon Nödtveidt fokussiert, um die Einsätze perfekt zu erwischen.

Jon selbst scheint über unendliche Energiereserven zu verfügen. Nicht für eine Sekunde hat man das Gefühl, dass er innehält. Nein, er spielt seine Gitarre akkurat wie ein schweizer Uhrwerk und schreit dazu seine Message von Dunkelheit und Verderben in die Menge – ein Ohren- und Augenschmaus der besonderen Art. Selbst die instrumentalen Stücke werden gespielt, dazu auch das sehr gewöhnungsbedürftige „Maha Kali“.Nachdem selbst das Tormentor-Cover „Elisabeth Bathori“ noch einen Platz im Set gefunden hat und wirklich alle Songs der ersten beiden Alben, die die Band je für Live-Auftritte geprobt hatte, durch sind, ist es trotz allem noch nicht mal 22:00 Uhr.

Und so geschieht noch etwas Außergewöhnliches an diesem Abend: Ein Besucher hatte im Suff immer wieder „The Somberlain“ gebrüllt, obwohl der Song schon längst durch war – wahrscheinlich einfach, weil es sein Lieblingssong ist, wer weiß. Doch nachdem alle Songs gespielt sind und der Betrunkene erneut „The Somberlain“ in die Menge brüllt, zeigt Jon spontan auf ihn, ruft ebenfalls „The Somberlain“ und beginnt, den Song erneut zu spielen. Und so geht es für eine Weile auf Zuruf weiter: Die Fans schreien die Namen ihrer Lieblingssongs, Jon pickt einen heraus und spielt ihn, so dass am Ende einige Favoriten der Fans wie auch „Where Dead Angels Lie“ doppelt gespielt wurden.

Wie sie gekommen waren, ohne große Worte, verlassen Dissection irgendwann die Bühne und hinterlassen ihre Fans großteils sprachlos. Man hat nach diesem Gig das Gefühl, dass alle anderen Bands kaum mehr als Dilletanten sind, was das Vermitteln von wahrhaft sananistischer Botschaften und so akkurat wie leidenschaftlich gespieltem Black Metal betrifft.

Nicht viele Bands konnten je so eine unfassbare Live-Stimmung sowohl in die kleinen Clubs als auch auf die großen Bühnen bringen. Kein Wunder also, dass diese Konzerterinnerung heute noch so frisch ist
, als wäre all das nicht vor über 12 Jahren passiert, sondern gestern.

Dieser Konzertbericht ist Teil unseres Specials „Eleven to kill the ten: Zum 11. Todestag von Jon Nödtveidt“


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