CD-Review: Dissection - Reinkaos

Besetzung

Jon Nödtveidt - Gesang, Gitarre
Set Teitan - Gitarre, Gesang
Brice Leclercq - Bass
Tomas Asklund - Schlagzeug

Gastmusiker:
Erik Danielsson  - Gesang
Whiplasher - Gesang
Nyx 218 - Gesang (Track 11)

Tracklist

01. Nexion 218
02. Beyond The Horizon
03. Starless Aeon
04. Black Dragon
05. Dark Mother Divine
06. Xeper-i-Set
07. Chaosophia
08. God Of Forbidden Light
09. Reinkaos
10. Internal Fire
11. Maha Kali


Knapp zwei Jahre nach ihrem Meisterwerk „Storm Of The Lights Bane“ war von den aufstrebenden DISSECTION mit einem Schlag nurmehr ein Scherbenhaufen übrig: Im Oktober 1997 wurde Fronter Jon Nödtveidt wegen Beihilfe zum Mord an Josef Ben Meddour zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, die Band, von Nödtveidt federführend geleitet, in der logischen Konsequenz aufgelöst.

Entsprechend groß war die Aufregung unter den Fans, als sich nach Nödtveidts vorzeitiger Entlassung 2004 die Kunde verbreitete, dass damit auch die Wiedergeburt von DISSECTION anstehe. Auf das auf der „Rebirth Of DISSECTION“-DVD festgehaltene Live-Comeback im komplett erneuerten Lineup folgte 2006 das lange erwartete dritte Studio-Album – und für viele Fans die wohl größte denkbare Enttäuschung.

Wer sich von „Reinkaos“ nämlich ein zweites „The Somberlain“ oder „Storm Of The Lights Bane“ oder auch nur einen logischen Nachfolger der beiden Werke erwartet hatte, für den dürften bereits die ersten Töne des Openers „Nexion 218“ nur schwer zu verkraften gewesen sein: Vom furios-melodischen Black Metal, für den DISSECTION früher gefeiert wurden, ist im neuen, vergleichsweise „soften“ und eher rockig angelegten Sound der Band so gut wie nichts mehr zu finden. Vergleiche mit den Frühwerken erübrigen sich also: Wer so an „Reinkaos“ herangeht, kann nur verlieren.

Betrachtet man das Album jedoch losgelöst von der vorangegangenen Diskographie der Band, dafür vielmehr im Lichte der Biographie von Komponist Nödtveidt, wohnt dem Werk eine schlichtweg einzigartige Atmosphäre inne.

Schon früh entwickelte der Schwede reges Interesse am Satanismus und schloss sich bereits 1995 dem damals eben erst gegründeten Misanthropic Luciferian Order, kurz MLO, an. Nachdem DISSECTION 2004 wieder ins Leben gerufen waren, agierten diese fortan als „klangliche Propagandaeinheit“ des MLO, wie Nödtveidt es formulierte. Es überrascht deswegen wenig, dass Frater Nemidial, der Verfasser einer zentralen Publikation des MLO mit dem Titel „Liber Azerate“, maßgeblich an den Texten von „Reinkaos“ mitwirkte. Mag man von der Satanismus-Begeisterung im Black Metal halten, was man will – die so erlangte Authentizität macht die „Reinkaos“-Texte zumindest spannender als pseudo-satanische Lyrics, wie man sie bei Bands wie Dark Funeral und Konsorten findet.

Auch musikalisch betrachtet entpuppt sich „Reinkaos“ im Ganzen als schlüssiger als die meisten Veröffentlichungen, die man sonst so zu hören bekommt: Über 43:01 Minuten hinweg klingt das sehr Aktustik-Gitarren-lastige „Reinkaos“ wie aus einem Guss. Trotzdem reicht das atmosphärische Spektrum vom aggressiven „Xeper-I-Set“ über das schmissige „Black Dragon“ bis zum epischen „Maha Kali“. Kein Song muss ohne zumindest ein Riff auskommen, das im Ohr bleibt – von den Melodien, die eine tiefe Verneigung vor dem schwedischen Melodic Death Metal darstellen und an Lässigkeit kaum zu überbieten sind, ganz zu schweigen. Abgerundet wird dieser Eindruck von Perfektion durch einen Sound, der seinesgleichen sucht: Kristallklar und definiert, dennoch lebendig und nicht totproduziert, setzt er die elf Songs grandios in Szene.

Dass Jon Nödtveidts Selbstmord im Jahr 2006 keine spontane, sondern eine von langer Hand geplante Tat gewesen sein soll, um nach Vollendung aller zu erreichenden Ziele seinem Leben eigenmächtig ein Ende zu setzen, rückt „Reinkaos“ nochmal in ein anderes Licht: Wir hören hier das Werk eines Mannes, der damit selbst so zufrieden war, dass er darin den nicht mehr zu überbietenden schöpferischen Höhepunkt seines Lebens sah. Allein dieser Umstand gebietet es, bei „Reinkaos“ zweimal hinzuhören. Es lohnt sich. Obwohl das Album so anders klingt? Nein. Weil es so anders klingt.

Bewertung: 10 / 10

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