Eleven to kill the ten: Zum 11. Todestag von Jon Nödtveidt

Mit ihren Alben „The Somberlain“ und „Storm Of The Lights Bane“ legten DISSECTION den Grundstein für eine steile Karriere. Die Schweden galten spätestens nach der Veröffentlichung ihres zweiten Albums als Vorreiter eines ganz neuen Genres: Keine Band zuvor hatte die Bösartigkeit des Black Metal und die Aggression des Death Metal so geschickt, so feinfühlig mit virtuosen Melodien gepaart.

Es kam anders: Statt zu den Stars der Szene aufzusteigen, versanken DISSECTION wenig später mit der Verurteilung von Mastermind Jon Nödtveidt wegen Beihilfe zum Mord zunächst über Jahre hinweg in der Versenkung. Später, nach Jons Entlassung, fanden Fans und Band nie mehr richtig zusammen: Zum einen war da der immer intensiver gelebte Satanismus von Noedtveidt, der auch bei DISSECTION immer weiter in den Mittelpunkt rückte, zum anderen der musikalische Wandel, den die Band mit ihrem dritten und letzten Album „Reinkaos“ durchlebt hatte, und der sie weit weg vom angestammten Black Metal geführt hatte.

Um den 13.08.2006 herum beendete Jon Nödtveidt sein Leben schließlich eigenmächtig – nicht aus einer Depression heraus, sondern in der vollen Überzeugung, alles vollbracht zu haben, und deswegen den idealen Zeitpunkt für ein selbstbestimmtes Lebensende erreicht zu haben. Eine kontrovers diskutierte Tat, und ein angemessenes Ende einer „skandalreichen“ Karriere, mag man nun meinen. Die Realität sieht anders aus.

Um Skandale ging es Jon Nödtveidt in einer Szene, die von Skandal-Jägern nur so wimmelt, nämlich nie. Dies zeigt sich bereits am ersten Skandal, dem Mord an Josef Ben Meddour, der durch Vlad, Mitglied und Kopf des Misanthropic Luciferian Order, begangen und in dessen Prozessverlauf Jon Nödtveidt wegen Beihilfe zum Mord und illegalem Waffenbesitz zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde: Während Gewaltverbrechen bei anderen Musikern – sei es Varg Vikernes (Mayhem, Burzum) oder Bård Guldvik Eithun aka. Faust (Emperor) fürs böse Image ausgeschlachtet wurden, brüstete Nödtveidt sich nicht mit dem Geschehenen: Über den Mord sprach er nie.

Aus seinem Satanismus hingegen machte Nödtveidt kein Geheimnis – warum auch. Dass er diesem gänzlich verfallen war, war spätestens mit der Veröffentlichung von „Reinkaos“ unübersehbar. Dass er seinen Glauben schlussendlich so verinnerlicht hatte, dass er nach Vollendung seiner selbstgestellten irdischen Aufgaben einen selbstbestimmten Tod wählte, mag den einen oder anderen überrascht haben und darf keinesfalls stumpf glorifiziert werden. Genauso wenig sollte man jedoch einen Menschen, der sich aus freien Stücken und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte für einen Freitod entschieden hat, dafür verteufeln.

Da das musikalische Vermächtnis von Jon Nödtveidt auch heute, elf Jahr nach dessen Selbsttötung, in seiner Perfektion einen nicht wegzudenkenden Teil extremer Musikgeschichte darstellen, soll an dieser Stelle in Form eines Specials dieses Ausnahmemusikers gedacht werden.

Das Special „Eleven to kill the ten – zum 11. Todestag von Jon Nödtveidt“ umfasst einen Konzertbericht, der nach über 13 Jahren die Erinnerungen an ein ganz spezielles Konzert in München einfängt, eine Bildergalerie mit Bildern von der letzten DISSECTION-Show auf deutschem Boden, auf dem Wacken Open Air 2005, Reviews zu allen offiziellen Veröffentlichungen sowie einen exklusiven Kommentar von Patrik Lindgren (Thyrfing).


DISSECTION live am 04.12.2004 – eine Konzerterinnerung:

DISSECTION
w/ Watain & Dark Fortress

04.12.2004
Titanic City München


DISSECTION live am 10.06.2005 – Galerie

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Die Reviews zu offiziellen DISSECTION-Veröffentlichungen in chronologischer Reihenfolge:

The Somberlain
Veröffentlichung: 1993
Label: No Fashion Records
Wertung: 8

 

Storm Of The Lights Bane
Veröffentlichung: 1995
Label: Nuclear Blast Records
Wertung: 10

 

Where Dead Angles Lie (EP)
Veröffentlichung: 1996
Label: Nuclear Blast Records
Keine Wertung

 

Live Legacy
Veröffentlichung: 2003
Label: Nuclear Blast Records
Wertung: 5.5

 

Maha Kali (Single)
Veröffentlichung: 2004
Label: Escapi Records
Keine Wertung

 

Reinkaos
Veröffentlichung: 2006
Label: Black Horizon
Wertung: 10

 

Rebirth Of Dissection (DVD)
Veröffentlichung: 2006
Label: Escapi Records
Wertung: 9.5

 


Patrik Lindgren (Thyrfing) zum 11. Todestag von Jon Nödtveidt

DISSECTION war eine einzigartige Band in der schwedischen Black- und Death-Metal-Szene. Sie hatten allen etwas voraus – sowohl, was ihren Weg durch den Underground Mitte der 90er angeht, als auch während ihrer Reunion Mitte der ’00er-Jahre. Ich habe sie während beider Phasen diverse Male live gesehen, und habe alle drei Alben unzählige Male gehört.

Sie stechen zwischen all den Bands aus dieser Zeit und Szene richtiggehend heraus. Ihre Musik ist zeitlos … sie misst sich mit diesen unsterblichen Klassikern der Rock- und Metal-Geschichte in den ’70ern und ’80ern. Mir fallen nicht viele Bands ein, für die das so gilt. Ihre Musik hatte diese unverfälschte, Kälte verbreitende Atmosphäre, die man bei vielen Black-Metal-Bands findet, aber gleichzeitig eine nicht zu überhörende Schärfte, Aggressivität und ein musikalische Virtuosität, die von jeder der großen Heavy-Metal-Bands der ’80er kommen könnte.

Jon Nödtveidt selbst war die sehr seltene Kombination aus einem fantastischen Gitarristen (übrigens sowohl was das Komponieren großartiger Extreme-Metal-Riffs angeht, als auch im Spielen von schwebenden Lead-Gitarren – auch das keine all zu häufige Kombination) und der vielleicht grimmigste Stimme im Death und Black Metal.

In meiner Favoritenliste des Metal sind sie definitiv unter den Ersten … ich kann mir nicht vorstellen, dass jemals wieder eine Band in diesem Genre ihren Standard erreichen wird. Sie fehlen definitiv vielen Leuten sehr – mich selbst eingeschlossen!“