Gorgoroth w/ 1349, Nebelheer

  • Osnabrück-Georgsmarienhütte, Tor 3
  • 02. Oktober 2004

Nachdem die im Landkreis Osnabrück gelegene Stadt Georgsmarienhütte im Mai diesen Jahres bereits von den Norwegern Mayhem beehrt wurde, öffneten sich die Pforten des Tor 3, einer netten, in der Altstadt befindlichen Musikkneipe mit anhängendem Konzertsaal, an diesem 2.Oktober 2004 erneut für Angehörige der schwarzmetallischen Zunft. Denn zwei sehr hochkarätige Bands aus dem Land der Fjorde hatten auf ihrer Reise durch germanische Gefilde auch den Weg nach Georgsmarienhütte gefunden: Gorgoroth und 1349. Ein Package, dessen namentlicher Klang für hohe Erwartungen sorgt. Ursprünglich sollte die aus dem Norden herbeiziehende Front noch von Khold verstärkt werden, jedoch fand deren Auf- bzw. Einmarsch letztendlich nicht statt. Immerhin durfte sich die langhaarige „Sippschaft“ des Weiteren auf Nebelheer freuen, welche als lokaler Support-Act geladen waren. Die Kartenpreise (Vorverkauf: 14,50 Euro ; Abendkasse: 18 Euro) mochten in Anbetracht der bevorstehenden Darbietungen wohl vollends vertretbar sein. Wir erreichten den Austragungsort der akustischen Schlacht sehr pünktlich, der Einlass sollte offiziell um 19.00 Uhr erfolgen. Vor dem Gebäude hatten sich mittlerweile schon viele andere Besucher eingefunden. Dennoch wollte sich die Klinke einfach nicht rühren, sodass die Warteschlange von Minute zu Minute länger wurde – und mit ihr auch die Vorfreude. Nach mehr als anderthalb Stunden Verspätung war endlich der Zeitpunkt des Einlasses gekommen, jedoch vollzog sich dieser leider auch nur ziemlich schleppend. Um kurz vor Neun erblickte ich schließlich das Innere der Halle und zeigte mich äußerst zufrieden. Die feine Location begann sich nämlich immer rascher zu füllen und es herrschte schon jetzt eine gute Stimmung.

Nicht allzu viel Zeit war verstrichen – wir schrieben es wohl so gegen Viertel nach Neun – da positionierten sich Nebelheer an ihren Instrumenten, um den Abend gebührend zu eröffnen. Das Trio ist momentan des Zweifels ohne auf dem ansteigenden Ast, denn neben diesem Gig wird die Band demnächst auch im Vorprogramm von Desaster sowie Dissection und Watain zu sehen sein – regional, versteht sich. Kompromisslos verwöhnten sie das Publikum mit ihren atmosphärischen Black Metal-Hymnen, die einen Hauch von klassischem Bay Area Thrash enthalten, jedoch keineswegs zu oberflächlich kategorisiert werden sollten. Wie mir schon vorher bekannt war, verfasst der erst achtzehnjährige Sänger Veromoth seine Texte gänzlich auf Deutsch. Den Titeln zu Folge müsste es durchaus lohnenswert sein, sich intensiver mit den dahinter verborgenen Zeilen zu befassen. Veromoth offenbarte sich als äußerst stimmgewaltig und spielte nebenbei noch sehr souverän den Bass. Bei einigen Versen erhielt er von Gitarrist Styrum aus vollem Halse Unterstützung. Dieser verzierte einen Song sogar mit sehr professionellem, cleanen Gesang. Auch Feyst leistet hinter seinen Kesseln überaus präzise Arbeit. Nachdem sich die Band für ihre beiden Demos „ANNO 1635“ und „Ad Gladios“ auf einen Drum-Computer beschränken musste, scheint in ihm nun genau der richtige Mann gefunden worden zu sein. Den Zuschauern merkte man deutlich an, dass sie der Musik von Nebelheer etwas abgewinnen konnten. Mich wusste ihr Auftritt ebenfalls zu begeistern. Der Sound war zwar noch ein bisschen leise, aber dafür angenehm klar und differenziert. Während den Ansagen wirkten die Gebrüder Veromoth und Styrum zudem stets sympathisch und selbstsicher. Am Ende forderte das Publikum verdientermaßen eine Zugabe, die sich Nebelheer natürlich nicht nehmen ließen. Ich hätte zum Abschluss sehr gerne „Spiegelmeister“ gehört, jedoch wurde mit „Im ewigen Eis“ ein mehr als nur ebenbürtiges Stück zum Besten gegeben. Ich hoffe wirklich von ganzem Herzen, dass die Band schon bald unter der Obhut eines Labels stehen wird. Ein Dankeschön an Nebelheer, für diesen engagierten und vollends gelungenen Auftritt, der rund 40 Minuten in Anspruch nahm. Übrigens steht bei dem Trio einzig und allein die Musik im Vordergrund, weshalb es Corpsepaint und anderen modischen Beiwerken strikt abschwört. Eine Attitüde, die ich sehr begrüße.

Setlist Nebelheer
01. Intro
02. Was bedeutet Tod…
03. Kind der Asche
04. Flammen kalter Winternächte
05. Seelenblut
06. Todgeweiht
07. Nebelvollmondszenerie
08. Träume längst im Dreck verscharrt
09. Was einst die Morgenröte barg
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10. Im ewigen Eis

1349. In vielerlei Augen stellten sie wohl den heimlichen Headliner des Abends dar. Feststeht zumindest, dass ihr Auftritt spürbar sehnlichst erwartet wurde. Während die entsprechenden Verantwortlichen das Schlagzeug sowie den Banner des Nebelheers von den Brettern schafften, blieb genug Zeit, um vor der Tür ein bisschen frische Luft zu schnappen und sich im Anschluss ein zwei Getränke zu gönnen. Danach nahm ich jedoch schnell einen guten Platz in der ersten Reihe ein, da es vor der Bühne zunehmend enger wurde. Fortan wartete alles dicht an dicht gedrängt, bis sich das ohnehin sehr schwache Licht verfinsterte und ein apokalyptisches Intro erschallte. Allen voran schritten Schlagzeuger Frost und Gitarrist Tjalve vor das Publikum, beide trugen sie eine Fackel mit sich. Die düsteren Gestalten verharrten kurz an dem vorderen Bühnenrand auf der linken und rechten Seite, bevor sie den ahnungslosen Gesellen in den ersten Reihen mit einer imposanten Feuerspuckeinlage kräftig einheizten. Den Bruchteil einer Sekunde fürchtete ich gar um meine Haarpracht, doch glücklicherweise rieselte lediglich ein warmer Schauer auf mich herab. Nun betraten auch Gitarrist Archaon und Bassist Seidemann die Bühne. Frost machte es sich hinter seinem Drum-Set gemütlich und zu guter Letzt wurde die Formation von Sänger Ravn komplettiert. Alle Musiker führten langsame, kontrollierte Bewegungen aus. Das Publikum brachte ihnen eine Vielzahl gehörnter Hände entgegen und ein paar Sekunden lang herrschte fast totale Stille. Der aufsteigende Nebel verwandelte das Quintett in schemenhafte Gestalten, die sich – von völliger Dunkelheit umhüllt – zum Angriff rüsteten. Diese Zeremonie zog einen wahrlich in seinen Bann. Urplötzlich wurde jegliche Atmosphäre niedergedroschen und die Band trat ein helvetisches Inferno los, welches mit „Necronatalenheten“ unbarmherzig ins Rollen geriet. Gnadenlos injizierten 1349 der Meute ihr schwarzes Gift. Die Gitarren schwirrten unentwegt voran, angepeitscht von einem Drumming, wie es schneller und versierter nicht sein könnte. Frost fegte geradezu tollwütig über sein Set und spielte dennoch so grenzenlos präzise, dass es einem schauderte. Die Double Bass-Einschübe kamen gestochen scharf und immer, wenn man zu glauben vermochte, dass der Mann nun endlich sein Tempolimit erreicht habe, schaltete er noch einen Gang hoch. Letztendlich war mein Nacken für jeden Midtempo-Part äußerst dankbar. Neben „Chasing Dragons“ und dem abschließenden „Riders Of The Apocalypse“ zählte ich vor allem „Manifest“, den Opener der Platte „Liberation“, zu meinen persönlichen Höhepunkten des diabolischen Programms. Die ultraverzerrten, flirrenden Gitarrenläufe schnitten sich beinahe durch das Trommelfell hindurch und der galoppierende Rhythmus löste geradezu automatisch permanente Impulse in der Nackenmuskulatur aus. Ravn keifte vorbildlich gegen die donnernde Instrumentalfront an. Wie auch auf den Alben war seine Stimme dabei nie zu dominant. Trotz der kleinen Bühne, welche vor allem Seidemann größtenteils in den Hintergrund zwang, machte die Band über die gesamte Spielzeit hinweg eine nahezu perfekte Figur. Selten habe ich einen derart enthusiastischen Auftritt gesehen. Das Corpsepaint verlief gar in Strömen. Obendrein spielten 1349 noch die von den Fans gewünschte Zugabe. So schien in Georgsmarienhütte wahrlich die Pest ausgebrochen zu sein.

Setlist 1349
01. Necronatalenheten
02. Chasing Dragons
03. Beyond The Apocalypse
04. Pitch Black
05. Satanic Propaganda
06. Perished In Pain
07. Blood Is The Mortar
08. Manifest
09. Aiwass Aeon
10. Riders Of The Apocalypse
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11. Haunting
12. I Breath Spears

Ich hatte dringend eine Regenerationsphase nötig, die mir auch hinlänglich gewährt wurde, zumal sich Gorgoroth über eine Stunde Zeit ließen, bevor sie ihre mitternächtliche Schwarzmesse anstimmten. Die erhofften Schafsköpfe sollte es nicht zu sehen geben, allerdings dekorierte man die Bühne mit einigen kerzenähnlichen Fackeln, welche von oben nach unten herunterbrannten. Dies war jedoch in der Tat eine extrem riskante Angelegenheit, denn die fröhlich lodernden Gestelle befanden sich teilweise direkt am Bühnenrand und wurden somit zu einer potenziellen Gefahr für die Matte eines jeden fleißigen Headbangers. Zwei bedienstete Aufpasser konnten dennoch schlimmeres verhindern. Einen großen Pentagramm-Banner hinter ihrem Rücken befindlich, präsentierten sich Gorgoroth dem Publikum und der grimmige Fünfer brachte durch reichlich Stachelnieten- und Nagelarmbänder sowie abartiges Corpsepaint eine gewohnt furchterregende Optik mit in den Saal. Die Setlist deckte einen Großteil der gesamten Diskografie ab, lediglich von ihrem Debütalbum „Pentagram“ spielte die Band keinen Song. Gaahl und seine Krieger gingen sehr solide zu Werke und auch die beiden Session-Musiker fügten sich nahtlos ein, sodass Gorgoroth – optisch sowie spieltechnisch – einheitlich und kompakt wirkten. Die zweite Streitaxt wurde von dem glatzköpfigen Teloch geschwungen, der hauptamtlich im Dienste von Orcustus und Nidingr steht. Er bewies nicht nur flinke Finger, sondern ließ auch einen absolut irren Blick durch die Menge kreisen und vollzog dabei krankhaft stockende Bewegungen. Die Sticks schwang der wohl allseits bekannte Dirge Rep, welcher früher in den Reihen von Gehenna und Enslaved agierte. Heutzutage findet sich sein Name auch im Line-Up der Band Orcustus. Die stimmliche Leistung des Meisters Gaahl war vollkommen – besonders die choralen Passagen haben mich sehr fasziniert. Infernus und Teloch feuerten wunderbar höllische Riffsalven ab, jedoch nahm der gesamte Ablauf eine negative Wendung, als die Gitarre von Erstgenanntem den Geist aufgab. Schnell wechselte er sein elektrisches Saiteninstrument aus, worauf sich aber noch ein weiteres Problem enthüllte: Offensichtlich hatte der Verstärker Schaden genommen, weshalb Band und Publikum nun mit einem grässlich-nervenzerrenden und leider keineswegs dezenten Pfeifton auskommen mussten. Zudem gab es wohl Unstimmigkeiten zwischen Bassist King und dem Tontechniker, die erst durch eine kleine Unterbrechung geregelt werden konnten. All diese Vorfälle haben die Band im Nachhinein sicherlich gewurmt. Nichtsdestotrotz bewiesen Gorgoroth mit ihrem Auftritt, dass sie auch in schwierigen Situationen stets gewand und kunstfertig sind.

Setlist Gorgoroth
01. Procreating Satan
02. Forces Of Satan Storms
03. Possesed By Satan
04. Bergtrollets Hevn
05. The Rite Of The Infernal Invocation
06. Profetenes Åpenbaring
07. Of Ice And Movement
08. Unchain My Heart
09. Destroyer
10. Incipit Satan
11. Ødeleggelse og Undergang
12. Blood Stains The Circle
13. Revelation Of Doom

Vollends gesättigt verließ ich zu später Stunde das Tor 3. Ein sanfter Tinnitus sollte mich noch vorübergehend an diesen denkwürdigen Konzertabend erinnern, der alles in allem eindeutig mehr Höhen als Tiefen barg. Das Ambiente war wirklich hervorragend, sehr familiär und dennoch atmosphärisch ausgelassen. Zusammenfassend wurde dem zahlenden Besucher, neben einem hoffungsvollen und konsequent aufstrebenden Lokal-Support, eine phänomenale Lehrstunde traditionsbewusster Dunkelkunst sowie eine grundsolide, wenn auch unter erschwerten Bedingungen absolvierte Headliner-Show geboten. Zwar wollen uns Gorgoroth und 1349 mit dieser Tour die schwarzmetallische Vollbedienung des Jahres bescheren, doch machen sie im Endeffekt einfach nur Lust auf mehr. Wer die Chance bekommt, derart interessante Musiker in einem so kleinen Rahmen zu erleben, sollte sie keinesfalls missen.


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