Iced Earth w/ Annihilator

  • Hamburg, Markthalle
  • 28. Oktober 2007

Wenn der innere Schweinehund zum größten Feind wird: In Wacken hatte ich sowohl ICED EARTH als auch TURISAS (schon zum zweiten Mal) erfolgreich sausen lassen und stattdessen dem Reich der Träume einen Besuch abgestattet – Asche auf mein Haupt. Doch das Glück ist mit die Dummen: ICED EARTH, TURISAS und die Alt-Thrasher von ANNIHILATOR, jeweils mit (verhältnismäßig) neuem Album im Gepäck, machten sich zusammen auf die Socken, um Europa gute Musik zu bringen. Das Paket verspricht Abwechslung: Power-, Thrash- und Folkmetal in einem. Am vergangenen Sonntag, dem 28.10., machte der Dreierpack in Hamburg halt.

Nach einem spaßigen Interview mit Mathias „Warlord“ Nygård, seineszeichens Sänger und Frontsau von TURISAS (das, zu meiner tiefsten Bestürzung, aufgrund technischer Probleme verlorengegangen ist) ging es eine Stunde später in den noch leeren Saal, der sich während des Auftritts von TURISAS auch nicht sehr stark weiter füllte; viele Leute rechneten sogar damit, dass Dark Tranquillity als Support auftreten würden, doch diese hatten ja zugunsten einer anderen Europa-Tour abgesagt. Tja, mit Metal1.info wäre man schlauer gewesen!

Doch die Folk-Finnen stellten einen mindestens gleichwertigen Ersatz dar. Mittlerweile haben sich die Herren und die eine Dame (eine charmante blonde Lady am Akkordeon – Tourmusikerin?) ja einen ausreichend großen Fundus geschaffen, um auch einen längeren Auftritt ohne Längen zu bestreiten, doch ihre Spielzeit blieb leider minimal. So war gerade mal Zeit für „Holmgard and beyond“ und „A Portage to the Unknown“ vom neuen Album „The Varangian Way“, dazu „One more“ und „Battle Metal“ vom Debüt – und natürlich noch ein weiteres Lied. „Who is here for heavy metal?“, fragt der Warlord. Lautes Gejohle. „And who is here for disco?“ Einer meldete sich tatsächlich, und nun folgte natürlich „Rasputin“, das kongeniale Boney M-Cover, das vielmehr eine höchst gelungene Neuinterpretation darstellt und einfach nur einen Heidenspaß macht. Mit Geige und Akkordeon auf der Bühne verbreiteten TURISAS besonders bei den ruhigen Passagen ihrer Lieder viel Schunkelstimmung und luden sonst zum ausgelassenen Headbangen und Mitsingen ein. Ein toller, leider viel zu kurzer Auftritt!

Nach kurzer Umbaupause waren nun die Thrash-Dinos von ANNIHILATOR an der Reihe. Vor dem Konzert hatte ich noch gegrübelt, wie Mastermind Jeff Waters wohl die mit Gastauftritten gespickten Songs des letzten Albums „Metal“ auf die Bühne bringen wollte – doch das klappte wunderbar! Wohl auch deshalb, weil man die Songs wählte, bei denen man am besten auf die Gäste verzichten konnte. Die Wahl fiel auf „Clown Parade“ und das rockige „Operation Annihilation“, bei dem sich Waters selbst vors Mikro stellte, eine Aufgabe, die sonst größtenteils der langjährige Tourgitarrist und -sänger Dave Padden bravourös erfüllte. Der Mann am Bass sah unterdessen mit seinem beim Spielen zusammengekniffenen Augen und den gebleckten Zähnen aus wie eine Southpark-Figur und ging dabei teilweise so tief runter, dass ich schon meinte, seine Bänder knirschen zu hören. Nach dem ebenfalls verhältnismäßig kurzen Auftritt sprach ich mit einigen anderen Besuchern, und anscheinend konnten ANNIHILATOR mit ihrem Auftritt, bei dem auch klasse arschtretende Klassiker wie „Never, Neverland“ oder „Alison Hell“ zum Besten gegeben wurden, viele überzeugen, die sonst nichts von der Band hielten. Und das kann ich nur unterschreiben: Der Auftritt war herrlich, irgendwo hinter mir war, wie ich später erfuhr, ein mörder Moshpit im Gange, und die Band wurde mit großem Applaus verabschiedet.

Doch der (offizielle) Hauptact stand ja immer noch aus. Während der ziemlich langen Umbaupause (ein ganzes Schlagzeug und eine ganze Reihe von Verstärker-Boxen-Duos mussten weggeschafft werden) wurde man vor der Bühne zu allem Überfluss auch noch mit direkt nach vorne gepustetem Kunstnebel ausgeräuchert, wirklich unnötig wie ein Kropf, da kann man auch sonstwohin pusten, wenn der Auftritt noch lange nicht losgeht. Schließlich war es dann soweit, und im Dunkeln betraten die Herren vom kalten Erdreich die Bühne, begleitet von einem orchestralen Intro, und nun ging die Gaudi auch endlich los mit „Something wicked Pt. I“. Kraft wie Sau haben die ICED EARTH-Songs, das ist bekannt, und auch live drückte das Ganze ordentlich. Aber während TURISAS und ANNIHILATOR noch astreinen Sound hatten, lag hier auf einmal einiges im Argen: Sowohl Kreischsäge „Ripper“ Owens als auch Leadgitarrist Troy Seele waren oft kaum, stellenweise gar nicht mehr zu hören, speziell Seeles Soli wurden zur Pantomime. Owens bekam weiterhin über die gesamte (und verdammt lange) Dauer des Auftritts die Probleme mit seinen In-Ear-Monitors nicht in den Griff, die ihm ständig aus dem Ohr flogen; die Handzeichen zum Mischer sahen irgendwie nach „Der hat Elefantenohren“ aus. Trotzdem wusste der Ripper zu überzeugen, auch wenn sein Gesangsstil immernoch Geschmackssache ist. Die Songs vom neuen Album, unter anderem „Setian Massacre“, „A Charge to keep“ und „Ten Thousand Strong“, waren zwar nicht schlecht, aber wirklich überzeugen konnten sie auch nicht und wirkten irgendwie uninspiriert. Ganz anders das legendäre „Violate“ oder „Stormrider“ mit Gesang vom ergrauten Jon Shaffer, da ging die Sau richtig ab. Doch weh und ach, was hat der Ripper mit „Dracula“ angestellt? Sein Kreischen verunstaltete das schöne Lied vollständig, hier passte sein Gesangsstil nun wirklich überhaupt nicht. Aber wenigstens machte er es wieder gut, indem er mir einen Traum erfüllte: Zwei der drei Teile der „Gettysburgh“-Trilogie wurden live dargeboten! Und das war auch wirklich göttlich, so viel sei gesagt. Die gesamte Wucht, samt Orchester vom Band und Kanonendonner, kam live eins zu eins rüber; hier konnte Owens auch wieder zeigen, was er kann, und das ist beileibe nicht wenig – es muss nur halt passen. Die Krone des Ganzen war dann vor dem letzten Song ein ca. zwanzig bis dreißig Sekunden langer Schrei vom Ripper, der während des darauffolgenden frenetischen Jubels benommen wankte. Respekt, sehr amtlich!

Insgesamt war der Auftritt schon eine runde Sache, und die Band wurde auch entsprechend von ihren euphorischen bis teilweise fanatischen Fans abgefeiert, aber ein fader Nachgeschmack bleibt, denn es zündeten zumindest bei mir hauptsächlich die alten Sachen richtig gut. Weiterhin gibt es Lieder, die „Ripper“ Owens einfach nicht singen sollte, hier eben das erwähnte „Dracula“. Trotzdem war dies ein gelungener Konzertabend mit zwei makellosen und einem soliden Auftritt, der mir persönlich ANNIHILATOR noch ein ganzes Stück näherbrachte, und endlich durfte ich auch TURISAS einmal live erleben.

Setlist Turisas:
Holmgard and beyond
A Portage to the Unknown
One more
Rasputin
Battle Metal

Setlist Annihilator:
King of the Kill
Operation Annihilation
Clown Parade
Set the World on Fire
W.T.Y.D.
Never, Neverland
Phantasmagoria
Alison Hell

Setlist Iced Earth:
Overture (Intro)
Something Wicked Pt. I
Invasion
Motivation of Man
Setian Massacre
Burning Times
Declaration Day
Stormrider
A Charge to keep
Violate
Vengeance is mine
Waterloo
Dracula
The Hunter
Ten Thousand Strong
Hold at all Costs
High Water Mark
———————————–
Melancholy (Holy Martyr)
My own Savior
Iced Earth


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