Nightwish w/ Pain

  • Bamberg, Jako Arena
  • 27. Februar 2008

So gespannt war man selten auf ein Konzert, von totalem Reinfall bis zur grandiosen Überwältigung konnte alles drin sein. Auf ihrer „European Passion Play“-Tour machten NIGHTWISH inklusive neuer Frontdame Anette Olzon Halt in der Jako Arena in Bamberg vor geschätzten sechs- bis secheinhalbstausend Zuschauern. Zum ersten mal ohne Diva Tarja Turunen, mit der wir die frischen Echo-Gewinner aus Finnland insgesamt dreimal auf ihrer „Once“-Tour 2004/2005 sehen konnten. Wie würde die Neue die „alten“ Lieder singen, das war die große Frage schon ein halbes Jahr vorher, als die Tour angekündigt wurde.

Bis diese Frage aber endgültig geklärt werden konnte, „mussten“ wir uns erstmal die einzige Vorband PAIN ansehen (Anmerkung: Krieger waren angekündigt, da wir aber vor der auf der Eintrittskarte angegebenen Anfangszeit da waren gehen wir davon aus, dass sie nicht gespielt haben, oder eben es begann alles reichlich früher als geplant). Freude herrschte erstmal, dass sie überhaupt spielen konnten nach dem weniger schönen Vorfall in Leipzig, als sie von Unbekannten zusammengeschlagen wurden. Anmerken ließen sich die Schweden um Peter Tägtgren nichts davon und ließen um Schlag 20:15 Uhr den „Same Old Song“ erklingen. Toller Sound, tolle Ausstrahlung, tolle Stimmung auch in den vorderen Teilen des Publikums, PAIN konnten sich heute sicherlich einige neue Fans erspielen. Leider hatten sie dazu allzu wenig Zeit, gerade mal eine halbe Stunde dauerte der Auftritt. Kein Wunder, dass der lädierte Peter weitgehend auf Ansagen verzichtete und versuchte, so viele Lieder wie möglich durchzudrücken. Um 20:45 Uhr war es nach „Shut Your Mouth“ eben leider schon vorbei, hätte gerne noch ein paar Minuten länger dauern dürfen.

Nun stellten wir uns erfahrungsgemäß auf eine reichlich lange Umbaupause ein und philosophierten über die im Vergleich zu Nürnberg 2004 und Bayreuth 2005 vermeintlich zurückgegangene Menge an anwesenden kleinen Mädchen im Publikum. Überraschenderweise erschloss bereits nach einer guten halben Stunde das Licht und unsere Philosopiearbeit entpuppte sich als reichlich schlecht recherchiert: In Sekundenschnelle füllte sich die Halle mit ohrenbetäubendem Kreischen, welches die Backstreet Boys erwarten ließe. Aber das mal ausgeblendet stieg die Vorfreude inzwischen in reichlich hohe Bereiche, nach dem nicht zu kurzen Intro (das in seiner Länge ein gefühltes Drittel des gesamten Konzertes einzunehmen schien) ließen sich NIGHTWISH dann auch endlich blicken und eröffneten discotauglich mit der aktuellen Single „Bye Bye Beautiful“ – welche erstmal großzügig verhaut wurde. Jeder in der Band verpasste komplett seinen Einsatz, das Schlagzeug spielte trotzig gegen den Bass an, die Gitarre schien sich in ein eigenes, schalldichtes Kämmerlein zurückgezogen zu haben. Abstimmungsprobleme hin oder her, das zweite Lied „Cadence Of Her Last Breath“ (mit leider nur eingespieltem Gestöhne, äußerst schade ;)) präsentierte sich gleich wesentlich besser und stimmiger und wie bei Pain war der Sound gleich überaus druckvoll und einfach gut. Nun folgte auch endlich er wirkliche Moment der Wahrheit, der so vieles entscheiden sollte: Anette sang zum ersten mal am heutigen Abend ein Nicht-“Dark Passion Play“-Lied, „Dark Chest Of Wonders“ war angesagt. Und schnell war klar: Anette will Tarja keinesfalls kopieren, setzt ihre warme, tiefere, leicht rauchige und emotionalere Stimme ein und macht damit alles mehr als nur richtig. Sie verpasst dem Stück ebenso wie dem folgenden „Ever Dream“ ihre eigene Note und lässt schnell den Gedanken aufkommen, dass ihr Einstieg das beste ist, was NIGHTWISH passieren hätte können. Von nun an ist dauerhafte Gänsehaut angesagt, einfach eine unglaubliche Vorstellung, die durch den stets in Bewegung bleibenden Tuomas, den wild umherwuselnden Emppu, den hinter dem Schlagzeug nahezu tanzenden Jukka und den ausdrucksstarken Marco perfekt ergänzt wird.

Spätestens nach „Ever Dream“ hatte NIGHTWISH den Saal in ihrer Hand, als danach mit dem fantastisch umgesetzten „The Islander“ inklusive Feuerschalen Lagerfeuerstimmung aufkam dürften die meisten völlig von der Atmosphäre gepackt worden sein. Von nun an bin ich mir der chronologischen Reihenfolge in der Setlist nicht mehr ganz sicher, ist aber auch egal, da alles großartig umgesetzt wurde, sogar der Viertelstünder „The Poet And The Pendlum“, der trotz der vielen vom Band kommenden Orchesterpassagen nicht an Wirkung verlieren konnte. Vor allem der letzte Teil des Songs war unheimlich packend, als Anette auf der abgedunkelten Bühne alleine vor dem Publikum stand und die traurigen Schlusszeilen hoch emotional gesungen hat. Bei „Nemo“ klatschte und feierte wenig überraschend der gesamte Saal bis hinten, und Anette holte aus dem Lied sunjektiv mächtig mehr raus als Tarja, als sie den Refrain mit tiefer und rockiger Stimme intonierte. Die obligatorische Zugabe begann mit dem sehr tollen „Seven Days To The Wolves“ und danach wurden wir von „Wishmaster“ überascht. Nicht, dass NIGHTWISH das Teil nicht gerne live bringen würden, nur dachten wir, Anette traut sich da nicht ran. Falsch gedacht, positiv überrascht worden und auch wenn wohl das halbe Lied vom Band kam, machte Anette ihre Sache hier richtig gut, wie auch im abschließenden Halb-Techo-Kracher „Wish I Had An Angel“.

Pyros von oben, unten und hinten (auch im Titty-Twister-Style ;)), Konfettiregen, Kunstschneebombardement, eine wahnsinnige Lichtshow – nach dem immerhin fast 100 Minuten weiß man schon, wo seine schlanken 43 Euro hingeflossen sind. Und auch wenn das nicht gerade geschenkt ist, muss man am Ende doch (wieder) sagen, dass es sich voll und ganz gelohnt hat. Auch, oder gerade, mit Anette an der Front bieten NIGHTWISH Auftritte, an die man gerne noch lange zurückdenkt. Die wenigen Negativpunkte fallen im Endeffekt auch so gut wie gar nicht ins Gewicht. Zwar wurden nur drei Lieder aus der Vor-“Once“-Phase gespielt, doch wenn ich an das „Sacrament Of Wilderness“-Livevideo von vor ein paar Monaten denke, bin ich da auch mächtig froh drum… Die zahlreichen Orchestrierungen kamen natürlich auch vom Band, das war aber natürlich zu erwarten und das störte die Gesamtstimmung auch nicht wirklich. Interessant zu sehen war die Mischung im Publikum, vom Herren im reichlich gesetzten Alter bis zum (spontan geschätzt) fünfjährigen und kräftig headbangenden Mädchen hinter uns (saucooler Anblick! :D) war alles vertreten. Lustig waren auch die fragenden Gesichter, als „Wishmaster“ gespielt wurde, viele sahen so aus, als hätten sie diesen alten Schinken noch nie gehört, wirklich spaßig. Zum Schluss sein nochmal erwähnt, dass Anette eine absolut tolle und sympathische Ausstrahlung besitzt und Tarja damit tatsächlich in die Tasche steckt, nicht zuletzt wegen ihrer Natürlichkeit (trotzdem hätte es ein besseres Outfit als der schwarze Kartoffelsack und die schwarzroten Ringelstrümpfe sein können ;)). Ihre Ansagen, teils auch in Deutsch, waren durch ihren harten Akzent richtig süß. Die nächste Tour kann kommen, und solangs nicht die 50 Euro übersteigt, bin ich zu gerne wieder dabei.

Setlist NIGHTWISH:

01. Bye Bye Beautiful
02. Cadence Of Her Last Breath
03. Dark Chest Of Wonders
04. Ever Dream
05. The Islander
06. The Siren
07. Amaranth
08. The Poet And The Pendulum
09. Sahara
10. Slaying The Dreamer
11. Nemo
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12. 7 Days To The Wolves
13. Wishmaster
14. Wish I Had An Angel


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