Das hat sogar für BLIND-GUARDIAN-Verhältnisse lang gedauert: Zwischen „Beyond The Red Mirror“ (2015) und „The God Machine“ sind satte sieben Jahre vergangen. Selbst die Krefelder Perfektionisten schaffen es für gewöhnlich zumindest im Vierjahresrhythmus, eine neue Scheibe zu produzieren. Seit „Nightfall In Middle-Earth“ (1998) waren die Gitarren und Drums nicht mehr so dominant im Sound von BLIND GUARDIAN wie hier, „Blood Of The Elves“ oder das knüppelharte „Violent Shadows“ zeigen das ganz deutlich. Mit ihrem Orchesteralbum „Twilight Orchestra: Legacy Of The Dark Lands“ (2019) scheinen BLIND GUARDIAN den Weg der 2000er Jahre zur orchestralen Gigantomanie auf gewisse Weise abgeschlossen zu haben – mehr Symphonieorchester als ein komplettes Album voll davon geht schließlich nicht. Die Barden rücken mit „The God Machine“ wieder mehr den Metal, die Härte und die Band an sich in den Mittelpunkt.
Was also macht eine Metalband mit fast 40-jähriger Historie, die eine mehr als 15-jährige Entwicklung zu immer mehr Bombast und Progressivität abgeschlossen hat? BLIND GUARDIAN fahren den Bombast tatsächlich zurück und sind für ihre Verhältnisse ziemlich straight unterwegs: Das Songwriting schreit förmlich „Bock auf Power und Speed Metal“, die Strukturen wurden entschlackt und gehen direkter nach vorne. Der charakteristische Gitarrensound, den BLIND GUARDIAN über die Jahre immer beibehalten und weiter verfeinert haben, kommt so wieder deutlicher zum Tragen als zuletzt. Die nostalgische Keule mit purer Rückbesinnung gibt’s aber trotzdem nicht – die progressiven Elemente, der hohe Anspruch, häufige Rhythmuswechsel und mächtige Chöre sind nach wie vor omnipräsent.
Am eindrucksvollsten schlägt „Architects Of Doom“ die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Auf ein düster-orchestrales Intro folgen thrashige Riffs, über die Hansi Kürsch harsch, fast schon rumpelig singt und dem Ganzen einen ungewohnten Anstrich verleihen. Das erinnert damit sogar etwas an die ersten Alben Ende der 80er. Der getragene, lieblich gesungene Refrain steht im krassen Kontrast dazu und repräsentiert die moderne Ausrichtung. Die fantastischen Leads passen dabei gleichermaßen zu „Imaginations From The Other Side“ (1995) wie auch „A Twist In The Myth“ (2006). Der Song wirkt damit wie eine eindrucksvoll komprimierte Zusammenfassung der gesamten Schaffensphase BLIND GUARDIANs und stellt eines der großen Highlights eines überragenden Albums dar.
BLIND GUARDIAN bedienen sich aber nicht nur all ihrer bekannten Stärken, sondern richten den Blick weiter nach vorne, was sich nicht nur am futuristischen und an „Neon Genesis Evangelion“ erinnernden Albumcover zeigt. „Life Beyond The Spheres“ ist die wohl sperrigste Nummer der Platte und hätte von den neun neuen Tracks am ehesten noch auf „Beyond The Red Mirror“ gepasst. Midtempo-Riffs mit Demons-And-Wizards-Färbung wabern getragen vor sich hin, spacige Klänge pumpen den Sound auf und überhaupt wirkt der Track mit seinen spannenden Queensryche– und Queen-Anleihen wie etwas völlig Neues, bisher Ungehörtes. Kürsch zeigt hier, wie auf dem ganzen Album, dass er wie eine gute Flasche Wein mit dem Alter immer besser und besser wird. Eine eindrucksvolle Gesangsleistung, sowohl in hohen wie mittleren Tonlagen und harschen Momenten, er überzeugt in jeder Situation vollends und präsentiert sich als einer der besten und charakteristischsten Sänger der metallischen Gegenwart. Erfreulicherweise wird seiner Stimme endlich wieder mehr Raum gegeben: So viel durfte Kürsch schon lange nicht mehr ohne dicke Chöre singen. Mehr Konzentration auf seine Stimme ist eine großartige Entscheidung. Erst dadurch entfaltet beispielsweise die starke Halbballade „Let It Be No More” eine ganz besondere Kraft.
„The God Machine“ wirkt zu Beginn, als würde man vier neue Alben von vier verschiedenen Bands hören – BLIND GUARDIAN überwältigen trotz der direkteren Ausrichtung mit einzigartigem Abwechslungs- und Detailreichtum. „The God Machine“ erschließt sich nicht beim ersten Hören; es will nicht nur Aufmerksamkeit und Geduld, es fordert und verlangt danach. Für viele Hörer dürfte das elfte BG-Album durch die Rückbesinnung auf alte Zeiten und die perfekte Verbindung aus Alt und Neu zum besten BLIND-GUARDIAN-Album der 2000er Jahre werden. „The God Machine“ ist in jedem Fall eine Machtdemonstration an brillantem Songwriting, überwältigenden Melodien und überlebensgroßen Songs. BLIND GUARDIAN bewegen sich in ihren ganz eigenen Sphären und stellen das selbstbewusst und makellos zur Schau.
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Wertung: 10 / 10



Darf ich nach all den Jahren fragen, wie Du heute über das Album denkst, Stefan? Immer noch 10/10?
Ich frage, weil ich Ende der 90er mit BG so richtig zum Metal gefunden habe, aber irgendwann noch in den nuller Jahren nicht mehr viel mit dem neuen Material anfangen konnte. Zu viel Pomp, zu wenig Hits (und ich hatte wohl auch zu viel Gefallen an Death Metal gefunden). Nach der „A Night at the Opera“ könnte ich jetzt keinen einzigen Song hervorheben – aber die mehrfach gehörte Rückbesinnung der Band klingt ja doch interessant.
Hi Daniel. Ja, ich bin nach wie vor bei der 10/10. An dem Album finde ich auch nach vier Jahren keine Schwäche. Von diesem Album sind meine Favoriten inzwischen wohl „Secrets Of The American Gods“ (für mich einer der besten BG-Songs überhaupt) und „Let It Be No More“, aber auch die ganzen Speed-Nummern („Deliever Us From Evil“, „Violent Shadows“, „Blood Of The Elves“) sind superstark und funktionieren auch live immer hervorragend.
Wie findest du das Album? Beim Einstieg geht es mir ähnlich wie dir – Zwischen der „Nightfall…“ und „A Night At The Opera“ kam ich zu BG und seitdem sind sie meine unangefochtene Lieblingsband und auf seine Weise mag ich auch jedes Album nach der „A Night At The Opera“. Gerade auch für die Wandelbarkeit mit gleichzeitigem Wiedererkennungswert und gleichbleibendem Kern liebe ich Blind Guardian.
Danke für die Antwort!
Ich habe keine Meinung, da ich das Album tatsächlich noch nicht gehört habe. Habe „A Twist in the Myth“, „At the Edge of Time“ und „Beyond the Red Mirror“ alle brav gekauft und dann nach zweimal hören im Schrank verstauben lassen, da war wie gesagt wenig für mich dabei. Auch die „Twilight Orchestra“ steht daneben, es war klar, worum es dabei geht (noch mehr Pomp halt), aber gepackt hat mich das nicht. Und jetzt bin ich irgendwie über Dein Review gestolpert und dachte mir, musste doch mal fragen, ob es sich lohnt, da mal reinzuhören – gerade weil ich auch vorher schon mal gehört hatte, dass es bisschen back to the roots geht. Werde ich also jetzt tun!
Bin sehr gespannt darauf, wie du als Old-School-BG-Anhänger das Album finden wirst :-) Bei den drei von dir genannten Alben kann ich zumindest sagen, dass es da bei mir nach zweimal hören auch bei weitem noch nicht geklickt hat. Die ATITM hat mit ihrem für BG-Verhältnisse seltsam modernem Sound verhältnismäßig lange gebraucht, um sich mir zu öffnen. Hab aber auch das und alle folgenden Alben dann sehr exzessiv gehört und auf ihre Weise lieben gelernt. So old school wie auf „The God Machine“ haben sich BG jedoch meiner Meinung nach in den 2000ern tatsächlich noch nie angefühlt.
Sooo, ich wollte nicht vorschnell antworten, aber vier Wochen Wartezeit waren auch nicht eingeplant…
Ich denke tatsächlich, dass „The God Machine“ ein gefühlter Nachfolger zu „A Night at the Opera“ ist. Direkt und fokussiert, teils aggressiver als alles seitdem, aber auch mal so verspielt wie z.B. „And Then There was Silence“ (in „Destiny“). Gefällt mir durchaus sehr und ich werde es mir sicher physisch zulegen. Auch der Sound geht in diese Richtung, sehe starke Parallellen zu „Night…“ gerade bei den Gitarren.
Nee, echt, gefällt mir!