CD-Review: Devin Townsend Project - Epicloud

Besetzung

Devin Townsend – Gesang, Gitarre, Keyboard
Anneke Van Giersbergen – Gesang
Dave Young – Gitarre
Mike Young – Bass
Ryan Van Poederooyen – Schlagzeug

Tracklist

01. Effervescent!
02. True North
03. Lucky Animals
04. Liberation
05. Where We Belong
06. Save Our Now
07. Kingdom
08. Divine
09. Grace
10. More!
11. Lessons
12. Hold On
13. Angel


Kein Jahr ohne Devin-Townsend-Release, danach kann man eigentlich die Uhr stellen. Nachdem uns der Meister aus Kanada im Sommer schon mit einem dicken Live-Boxset beglückte, folgt nun unter dem aktuellen Banner DEVIN TOWNSEND PROJECT die Rückmeldung aus dem Studio. Mit von der Partie ist wieder Anneke van Giersbergen, die schon die 2009er Scheibe „Addicted!“ mit ihrem Gesang veredelte. Mitgebracht hat sie die poppige, unbekümmerte Ausrichtung, die nach dem extremen „Deconstruction“ und dem selbst für manche Townsend-Fans zu seichten „Ghost“ wohl so etwas wie einen Mittelweg darstellt.

Mittelweg – aber keinen Kompromiss. „Epicloud“ bietet zwar wieder leichter verdauliche Kost, die auf ausufernde Tracklängen und abgefahrene Songstrukturen verzichtet. Nichtsdestoweniger geht Townsend weiterhin seinen eigenen Weg und macht, was er will, ganz ohne Zugeständnisse – ein Luxus, den sich das musikalische Genie durchaus erlauben darf. Dabei fällt schon nach dem ersten Durchlauf auf, dass sich „Epicloud“ wie ein Best-Of seiner bisherigen Solo-Laufbahn anhört, nur eben mit neuen Songs.

Business as usual also? Nicht ganz. Denn auch wenn die aktuelle Platte als adäquater Karrierequerschnitt durchginge, so war Townsend ja noch nie für musikalische Stagnation bekannt. Und so erfindet er sich auch auf „Epicloud“ wieder ein bisschen neu – zum Beispiel mit dem überraschenden Gospel-Chor-Intro, das die Scheibe einleitet. Moment mal, Gospel? Wandelt der Nordamerikaner etwa auf den Pfaden von Stryper und wirft demnächst Bibeln von der Bühne? Bei Songtiteln wie „Save Our Now“, „Divine“, „Grace“ oder „Angel“ könnte man das durchaus denken, aber die Botschaft ist dann doch eine ganz weltliche: „Let’s rock, the time has come to forget all the bullshit!“, wie es im Refrain von „Liberation“ heißt, das mit bratigen Gitarren und flottem Uptempo aus den Boxen röhrt.

„Epicloud“ ist allerdings mehr als nur ein einfaches Rockalbum. Episch und laut ist es, klar, das kann man sich auch ohne Englisch-Leistungskurs denken, und es bewahrheitet sich auch beim Anhören. Was die Platte jedoch zu etwas Herausragendem macht, sind die Vielzahl unterschiedlicher Stimmungen und zugleich der permanente optimistische Grundton. Das trifft auf das zuckersüße „True North“ mit seinen Hab-dich-lieb-Lyrics ebenso zu wie auf das rhythmisch-elektronische „Save Our Now“ mit seinen ruhigen, verhaltenen Strophen und seiner hymnischen Lead-Melodie. Songs wie das sanfte, emotionale „Where We Belong“ und das akustische bzw. cleane „Divine“ hätten dabei ebenso auf das „Terria“-Album gepasst. „More“ wiederum ist eine geradlinige Nummer mit metallischem Riffing, die man am liebsten laut im Auto auf der Überholspur hört, und auch „Grace“ wartet trotz schleppendem Tempo mit Chören, Gitarrenwand und Doublebass, sprich: ordentlich Wumms auf. Nennenswert ist zudem die Neueinspielung des „Physicist“-Tracks „Kingdom“ mit Anneke-Stimmbonus, die noch bombastischer und satter als das Original klingt und somit eine fette Verbesserung darstellt. Lediglich der Rausschmeißer „Angel“, der gegen Ende das Gospel-Thema aus dem Opener wieder aufgreift, hinterlässt einen leicht faden Beigeschmack.

Von kreativen Verschleißerscheinungen ist also auch beim mittlerweile fünften Studio-Release im Lager des DEVIN TOWNSEND PROJECTs größtenteils keine Spur. Der Kanadier bietet mit seinen Mitmusikern einen musikalischen Rundflug über sein bisheriges Schaffen, bleibt dabei jedoch fest in der Gegenwart verwurzelt, anstatt sich zu wiederholen, und versprüht mit seinen Kompositionen und Instrumentalisierungen reichlich futuristischen, spacigen Flair, wie man es von vielen seiner Outputs bereits gewohnt ist. Wenn man „Epicloud“ auch jedem Fan des „Mad Scientists“ ans Herz legen kann, so dürften doch insbesondere diejenigen, die mit den bisherigen Platten des PROJECTS nicht so recht warm geworden sind und Townsend eher für seine vorherigen Veröffentlichungen unter den „Devin Townsend Band“- und „Devin Townsend“-Bannern schätzen, hier wieder mehr auf ihre Kosten kommen. Käufer des Digipaks können sich außerdem an einer Bonus-CD mit zehn weiteren, neuen Songs erfreuen.

Bewertung: 9 / 10

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