CD-Review: Iron Maiden - Senjutsu

Besetzung

Bruce Dickinson - Gesang
Dave Murray - Gitarre
Adrian Smith - Gitarre
Janick Gers - Gitarre
Steve Harris - Bass
Nicko McBrain - Schlagzeug

Tracklist

CD 1:

01. Senjutsu
02. Stratego
03. The Writing On The Wall
04. Lost In A Lost World
05. Days Of Future Past
06. The Time Machine

CD 2:

01. Darkest Hour
02. Death Of The Celts
09. The Parchment
10. Hell On Earth


Kaum eine Band hat den Metal so geprägt wie IRON MAIDEN: Ihr 1980 erschienenes Debüt markiert quasi den Beginn der NWOBHM und ohne das Songwriting von Steve Harris wären singende Dual-Gitarren, wie sie sich noch heute bei jeder traditionsbewussten Metalband finden, wohl nie zu einem der stilbildenden Elemente des Genres geworden. In den über 45 (!) Jahren seit ihrer Gründung haben IRON MAIDEN nie aufgegeben, kaum nachgelassen und spätestens mit der Rückkehr ihres Ausnahmesängers Bruce Dickinson zur Jahrtausendwende wieder zu alter Stärke zurückgefunden. 2015 bewiesen die Briten mit „The Book Of Souls“ allen Befürchtungen zum Trotz, dass auch Doppelalben für sie kein Problem sind und seither ist die Truppe offenbar auf den Geschmack gekommen: Mit „Senjutsu“ haben die Heavy-Metal-Vorreiter gerade ihr 17. Album veröffentlicht und erneut war eine CD nicht genug.

IRON MAIDEN haben im Vorfeld einige Überraschungen versprochen. Die gibt es auf „Senjutsu“ durchaus: Bereits vor einigen Wochen erschien mit „Writing On The Wall“ ein eher untypischer Song, der nicht zuletzt dank seiner dem Southern Rock entliehenen Gitarren den bekannten Bombast der Briten auf innovative Weise mit bluesiger Coolness verknüpft. Das epische „Lost In A Lost World“ lässt mit seinem von Synthies geleiteten Intro sowie dezenter Amerikana-Schlagseite aufhorchen und auch der Refrain von „Darkest Hour“ birgt Überraschungen. Allerdings sind diese Momente nicht so zahlreich, wie man es bei guten 80 Minuten Spielzeit erwarten möchte.

Genau genommen haben sich IRON MAIDEN in ihrer gesamten Karriere noch nie so oft so unverhohlen selbst zitiert (kopiert?) wie auf dieser Platte. „The Time Machine“ etwa gleicht „The Talisman“ vom 2010 erschienenen „The Final Frontier“ nahezu wie ein Ei dem anderen und „Death Of The Celts“ mutet wie eine etwas langsamere Version von „The Clansman“ an. Auch ansonsten entsteht auf „Senjutsu“ oft der Eindruck, vor allem die Gitarrenmelodien bereits auf anderen Alben der Briten gehört zu haben. So ruft schon der Titeltrack die erhabeneren Momente von Alben wie „Brave New World“ und „Dance Of Death“ ins Gedächtnis und sowohl „The Parchment“ als auch „Hell On Earth“ könnten auch von „A Matter Of Life And Death“ stammen.

Wie also reagiert man auf solch ein Album? Man freut sich, denn „Senjutsu“ ist – auch das kommt für Fans kaum überraschend – für sich genommen eine verdammt starke Platte ohne einen einzigen echten Tiefpunkt. Selbst wenn IRON MAIDEN „nur“ mit soliden Songs daherkommen – und die bilden nun mal die Mehrzahl auf diesem Doppelalbum –, sind sie noch stärker als gute 90 Prozent der übrigen Bands. Denn egal ob schon mal gehört oder nicht, die Melodien und Gesangslinien auf „Senjutsu“ sind allesamt gänsehautverdächtig. Selbst Songs wie das 13-minütige „The Parchment“ werden trotz ihrer beachtlichen Länge zu keiner Zeit langweilig und IRON MAIDEN schreiben nach wie vor bessere Texte als jede andere Band. In diesem Zusammenhang sei auch die grandiose Gesangsleistung von Frontmann Bruce Dickinson erwähnt, der trotz fortschreitenden Alters keinerlei Ermüdungserscheinungen zeigt. Dessen oftmals eindringliche Performance macht nicht zuletzt ruhigere Nummern wie „Lost In A Lost World“ zu geradezu intimen Erlebnissen, die jedem Fan der Band das Herz erwärmen. Und man ist wenigstens ein kleines bisschen enttäuscht, denn IRON MAIDEN haben es eigentlich gar nicht nötig, derart auf Nummer sicher zu spielen. Typische Riffs, typische Melodien, typische Gesangslinien – all das stellt Fans zufrieden, aber es haut sie nicht um. Mitunter ist die größte Überraschung, wie sehr ausgerechnet diese Band hier nach „Schema F“ agiert: Die drei von Steve Harris komponierten Songs „Death Of The Celts“, „The Parchment“ und „Hell On Earth“ beispielsweise beginnen alle auf die gleiche Weise mit von Akustik-Bass getragenem Intro nebst seichten Gitarren – und folgen auch noch direkt aufeinander. Natürlich sind das alles starke Songs, aber selten wird auf „Senjutsu“ deutlicher, wie sehr sich IRON MAIDEN bisweilen auf ihr Standardrepertoire beschränken. Längere Songs bedeuten eben nicht automatisch innovativere Kompositionen.

Das phänomenale „The Book Of Souls“ konnte guten Gewissens als Querschnitt durch das Schaffen von IRON MAIDEN bezeichnet werden und in gewisser Weise trifft das auch auf „Senjutsu“ zu – nur eben nicht so elegant. Steve Harris und seine Mannschaft lassen hier fast alle Alben seit der Rückkehr von Bruce Dickinson Revue passieren, was prinzipiell nicht verkehrt ist. Allerdings geschieht das mitunter auf unerwartet plumpe Art und Weise, denn viele der Riffs, Melodien und Gesangslinien haben Fans von IRON MAIDEN nicht nur ähnlich, sondern fast genauso schon auf früheren Alben der Engländer gehört. Was früher gut war, ist heute nicht schlecht und obendrein ist diese Platte ja auch für ein paar Überraschungen gut, weshalb „Senjutsu“ trotzdem eine gelungene Platte ist. Dennoch wäre es schön, wenn sich IRON MAIDEN beim nächsten Mal wieder etwas mehr Innovation beim Songwriting zutrauen würden.

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Bewertung: 7 / 10

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1 Kommentar zu “Iron Maiden – Senjutsu”

  1. Michael

    Iron Maiden sind eben Iron Maiden. Man bekommt genau das, was man kennt, garniert mit einigen kompositorischen Neuerungen und Überraschungen.
    Den Gesamtmix hätte man sicher auch noch besser hinbekommen.
    ABER: wie schon lange nicht mehr ist es auf Senjutsu gelungen, die vorhandenen Stilmittel derart genial einzusetzen um aus diesen kraftvolle, bisweilen monumentale Hymnen zu komponieren.Dazu originelle Intros, Stimmungen, exzessive Gitarrenarbeit, gute Drums und Bruce in einer Form, die man sich in diesem Alter doch eigentlich kaum noch vorstellen kann.
    UND: Der Energielevel bleibt durchweg auf hohem Niveau, die Midtemposequenzen rocken hart und treibend, unzählige geile Melodieläufe und Harmonien und Gitarrensolos bis zum Abwinken.
    Natürlich hat es einzelne schwächere Stellen aber alleine die drei Bretter über 10min auf der zweiten Disc, sind schon fast ein Album für sich. Für mich das beste Album seit Brave New World.
    Den Gesamtmix hätte man sicher auch noch besser hinbekommen.
    9/10

    Michel

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