Jethro Tull - The Zealot Gene Cover

Review Jethro Tull – The Zealot Gene

In der Rockmusik hat sich die Flöte nie als gebräuchliches Instrument durchgesetzt. Dabei hat eine gewisse britische Band schon Ende der 60er Jahre bewiesen, dass man auch mit diesem unscheinbaren Blasinstrument ordentlich die Fetzen fliegen lassen kann: Die Rede ist natürlich von JETHRO TULL. Nicht immer traf die Band um Ian Anderson mit ihrem wechselhaften und doch stets unverkennbaren Stil ins Schwarze. Während ihre Hard-Rock-Platten wie „Aqualung“ (1971) und ihre folkigen Werke ab „Songs From The Wood“ (1977) heute als Klassiker gelten, haben sich ihre übertrieben proggigen Alben wie „A Passion Play“ (1973) und ihre Liebeleien mit elektronischer Musik auf „Under Wraps“ (1984) nicht sonderlich gut gehalten. Immerhin durfte man aber stets gespannt sein, was JETHRO TULL auf ihrer nächsten Platte aus dem Hut zaubern würden – im Fall von „The Zealot Gene“ mehr denn je.

Nicht nur handelt es sich hierbei um die erste Veröffentlichung der Gruppe mit neuem Songmaterial seit der Jahrtausendwende, Anderson hat sie zudem mit einer komplett neu besetzten Band eingespielt. Das Ergebnis zieht jedoch Ernüchterung nach sich. Im Gegensatz zu den beiden gut zwanzig Jahre zurückliegenden Vorgängeralben, auf denen JETHRO TULL auf erfrischende Weise mit asiatischer Musik experimentiert haben, bietet die Comeback-Platte kaum Neues oder Aufregendes. Stilistisch rangiert „The Zealot Gene“ zwischen Folk und sanftem Progressive Rock, gewagte Ausreißer gibt es unter den zwölf neuen, großteils von Geschichten aus der Bibel inspirierten Songs nicht.

Den rockigeren Nummern merkt man leider überdeutlich an, wie sehr JETHRO TULL in die Jahre gekommen sind. Andersons Stimme, die vermutlich unter seiner Lungenerkrankung gelitten hat, fehlt ebenso der Biss wie den Gitarren und Drums. Folglich klingt insbesondere der Titeltrack, der mit der Spaltung der Gesellschaft im Zeitalter der Radikalisierung durch die sozialen Medien eigentlich ein brisantes Thema aufgreift, enttäuschend seicht und aufgrund der unpassend kecken Komposition sogar ein wenig albern. Die mitunter plump dazwischenfunkenden Keyboards – besonders schlimm anzuhören im Opener „Mrs Tibbets“ – lassen die Tracks nicht substanzieller, sondern eher aufgeblasen wirken.

Besser steht es um die an sich ruhigeren Stücke wie etwa das von einer schwungvollen Mundharmonika und Akustikgitarre getragene „Jacob‘s Tales“, das leichtfüßige Folk-Lied „Where Did Saturday Go?“ und das melancholische „In Brief Visitation“ mit seinen verspielten, luftigen Gitarrenleads. „Mine Is The Mountain“, das die Tragik eines vom Menschen nach dessen Ebenbild erdachten Gottes thematisiert, ringt der/dem Zuhörenden mit seinem tristen Piano und Andersons kurzen, weltfernen Falsetto-Einschüben sogar eine gewisse Bewunderung ab, krankt aber auch an ein paar trivialen Passagen.

Letzten Endes fühlt man sich von JETHRO TULL auf „The Zealot Gene“ mit gemischten Gefühlen zurückgelassen. In der ungewohnt modernen, glasklaren Produktion wollen die verschiedenen Instrumente nicht so recht zueinanderfinden – womöglich eine Folge des aufgrund der COVID-19-Pandemie bruchstückhaften Aufnahmeprozesses. Andersons gesetzter, manchmal ziellos erscheinender Gesang, das teilweise unsinnige oder banale Songwriting und der allzu gediegene Sound stehen einigen Tracks gar nicht gut zu Gesicht. Vielleicht hätten JETHRO TULL gut daran getan, sich ganz ihrer folkigen Seite und dem nach wie vor gewitzten Flötenspiel ihres Frontmanns hinzugeben – zum Abrocken sind die Herrschaften inzwischen offenbar schon zu betagt.

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Wertung: 5 / 10

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2 Kommentare zu “Jethro Tull – The Zealot Gene

  1. Eine sehr kluge Musikerin hat mal gesagt , das Musik kein Wettbeweb sein sollte .Nehmt die Sache doch einfach mal wertungsfrei , so wie sie ist.

    1. Hi!
      Welche Musikerin war das denn, wenn ich fragen darf?
      Ich fürchte, Musik wertungsfrei zu betrachten, läuft dem Sinn eines Reviews zuwider. Und letztlich bewertet doch jede:r von uns alles, was einer Bewertung zugänglich ist – manches mag man, anderes eben nicht. Ich versuche jedenfalls stets, Musik vorurteilsfrei zu beurteilen, und sehe sie auch keinesfalls als Wettbewerb – eine einfach gestrickte Folk-Platte kann mich genau so begeistern wie ein komplexes klassisches Stück. So bin ich auch an dieses Album herangegangen. Mir wäre es auch lieber gewesen, wenn Jethro Tull mich hier noch einmal so abgeholt hätten wie zB mit „Songs From The Wood“, aber das war leider einfach nicht der Fall. Dennoch freue ich mich für alle, die der Platte mehr als ich abgewinnen können.

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