CD-Review: Neun Welten - The Sea I'm Diving In

Besetzung

Meinolf Müller – Gesang, Gitarre
David Zaubitzer – Gitarre, Bass, Cello
Aline Deinert – Geige, Piano

Gastmusiker:
Niko Knappe (Dark Suns) – Schlagzeug

Tracklist

01. Intro
02. Drowning
03. The Dying Swan
04. Cursed
05. Nocturnal Rhymes
06. Floating Mind
07. Earth Vein
08. Lonesome October
09. Lorn
10. Human Fail
11. In Mourning


Eine deutsche Band, bei Prophecy Productions unter Vertrag, wendet sich nach einer jahrelangen Ruhepause ausgehend vom Neofolk hin zum Post-Rock – diese Beschreibung klingt verdächtig nach Empyrium, die diesen Schritt mit ihrer 2014er Platte „The Turn Of The Tides“ gewagt haben. Tatsächlich geht es hier jedoch um „The Sea I’m Diving In“, das inzwischen dritte Album von NEUN WELTEN, die es ihren Labelkollegen gleichtun und acht Jahre nach „Destrunken“ neue stilistische Wege gehen. Obwohl besagte Bands auf dem Papier somit praktisch dasselbe machen, ist das neue Werk des Trios mit seiner Wasserthematik und seinen zum Teil von Edgar Allan Poe adaptierten Texten weit davon entfernt, ein müder Abklatsch zu sein.

Wo „The Turn Of The Tides“ mit Bombast und Erhabenheit auf sich aufmerksam machte, liegt die Stärke von „The Sea I’m Diving In“ in seiner Subtilität. War die Musik von NEUN WELTEN vormals von Gegensätzen geprägt, die gleichermaßen einfühlsame, erdige Folk-Nummern wie enthemmte Crescendos, ja sogar Blast-Beats zuließen, so sind ihre Songs nun wesentlich einheitlicher, die Wogen wurden etwas geglättet. Introvertiert, in sich gekehrt – so klingen NEUN WELTEN im Jahr 2017.

Das liegt (vermeintlich paradoxerweise) vor allem an dem Gesang, der nun nicht mehr nur einzelnen Tracks vorbehalten ist, sondern die ganzen 50 Minuten über eine tragende Rolle spielt, ohne sich jedoch zu sehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu drängen. Tief melancholisch und sanft, fast flüsternd singt Meinolf Müller erstmals ganz in englischer Sprache über allerlei Mystisches und Herzergreifendes. In manchen Passagen leider etwas zu unsicher und schwachbrüstig („Nocturnal Rhymes“) fügen sich die Vocals im Großen und Ganzen passend in die unaufdringlichen Kompositionen ein.

Diese sind in gleichem Maße von Neofolk und Post-Rock geprägt, eine ganzheitliche Abkehr von akustischer Musik haben NEUN WELTEN also nicht durchlaufen. Geheimnisvolle Akustikgitarren und sehnsüchtige, getragene Geigen („Lonesome October“) gehen Hand in Hand mit facettenreichen, sphärischen Clean-Gitarren, die die im unglaublich ästhetischen Artwork und in den Texten zum Ausdruck kommende Wassersymbolik auch auf musikalischer Ebene umsetzen und sich dabei bisweilen zu einem intensiven Tremolo auftürmen („In Mourning“).

Obwohl die einzelnen Tracks einander in Ausdruck und Stilistik ähneln, ist es doch bemerkenswert, wie weit das emotionale Spektrum ist, das NEUN WELTEN damit abdecken. Die Melancholie, die einen Großteil der Platte ausmacht, mündet etwa auf „In Mourning“ in schwere Trostlosigkeit, auf „Lonesome October“ in Einsamkeit und weicht auf „Earth Vein“ sogar einer schwelgenden Verzückung.

Völlig gleich ob NEUN WELTEN sich an ihre Neofolk-Vergangenheit halten („Human Fail“), sich ganz dem Post-Rock hingeben („Earth Vein“) oder beide miteinander vermengen, wie es auf „The Sea I’m Diving In“ weitgehend der Fall ist: Fest steht, dass sie mithilfe von Gastdrummer Niko Knappe (Dark Suns) und Produzent und Filmmusikkomponist Matthias Raue ein wirklich außergewöhnliches Album kreiert haben. Mag der Gesang teilweise auch noch etwas zu kraftlos erscheinen, ist „The Sea I’m Diving In“ doch ein rundum faszinierendes, unkonventionelles Stück Musik, in dem viel Herzblut steckt. Der Wandel, den NEUN WELTEN damit vollzogen haben, ist ihnen also zweifelsohne gelungen.

Bewertung: 8 / 10

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