Juli 2016

Review Nocte Obducta – Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken…)

  • Label: MDD
  • Veröffentlicht: 2016
  • Spielart: Black Metal

Es gibt wenig, worauf man sich als NOCTE-OBDUCTA-Fan wirklich verlassen kann. Black Metal, Post- und Progressive Rock – die Stilmixtur der Mainzer variiert von Album zu Album. Trotzdem gibt es mindestens drei Konstanten im NOCTE’schen Œu­v­re: Eine heißt Qualität. Eine weitere Atmosphäre. Die dritte – und vielleicht wichtigste – heißt Eigenständigkeit. Denn egal welcher musikalischen Ausdrucksformen sich die Band gerade bedient: Ein Song von NOCTE OBDUCTA ist immer eindeutig als solcher zu identifizieren. Dennoch spaltet jede Veröffentlichung der Gruppe die Fangemeinde aufs Neue. Doch wie steht es mit „Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken…)“?

Das Spektakel beginnt mit wabernden Synthies. Vorsichtig gesellt sich die Rhythmusgruppe hinzu. Dann eine perlende Clean-Gitarre. „Am Ende des Sommers“ eröffnet das Album instrumental. Die Nummer knüpft mit ihren spacigen, trippigen Vibes und 70s-Rock-Einflüsse atmosphärisch direkt an die Vorgängerplatte „Umbriel (Das Schweigen zwischen den Sternen)“ an. Wer jetzt meint, NOCTE OBDUCTA würden zum ersten Mal in ihrer Karriere auf hohem Niveau stagnieren, liegt jedoch falsch.

Die Band hat den Härtegrad insgesamt wieder nach oben geschraubt. Wenig verwunderlich, wenn man weiß, dass sich „Mogontiacum“ unter anderem auf Material stützt, das ursprünglich als Nachfolger der beiden „Nektar“-Platten geplant war, dann aber in den Wirren der Bandgeschichte unterging. Folglich wirkt das Album musikalisch auch wie ein Bindeglied zwischen den alten, schwarzmetallisch-ruppigen („Löschkommando Walpurgisnacht“, „Am Waldrand“) und den neuen, psychedelisch-entrückten NOCTE OBDUCTA („Am Ende des Sommers“,  „Im Dunst am ewigen Grab der Sonne“).  Der ausladende 19-Minüter „Desîhra Mogontiacum“, das melodische „Glückliche Kinder“ und das doomige „Die Pfähler“ vermählen beide Pole virtuos. Hart trifft zart. Aggression trifft Melancholie.

Textlich scheint das Werk über weite Strecken ein in Metaphern gekleideter Rückblick auf die eigene Bandhistorie zu sein. Dass der Begriff „Mogontiacum“ die lateinische Bezeichnung für Mainz, die Heimatstadt der Band, ist, dürfte kein Zufall sein. Außerdem strotzen die Texte nur so vor Referenzen auf frühere Songs und Platten: Der Nordwind trägt einen Hauch Anis, es wird Nektar getrunken, die Galgendämmerung wieder beschworen und was, wenn der Aschefrühling kommt? Ja, „Mogontiacum“ ist ein nostalgisches Album. Eines, das die verlorenen Tage der Jugend noch einmal hochleben lässt.

Ein herrlich knarziger Analogsound setzt dem Gesamtwerk schließlich die Krone auf. NOCTE OBDUCTA widersetzen sich dem Trend hin zu überzüchteten Sound-Konstrukten. Das gefällt sicher nicht jedem. Auf meiner Hifi-Anlage klingt’s fantastisch. Die Gitarren haben ordentlich Crunch und das Schlagzeug klingt wie live im Proberaum. So und nicht anders klingt eine lebendige Metal-Produktion!

„Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken…)“ könnte früher oder später tatsächlich zu der NOCTE-OBDUCTA-Platte avancieren, auf die sich alle Fans einigen können. „Mogontiacum“ mag zwar nicht so stürmisch sein wie „Schwarzmetall“, nicht so emotional wie „Nektar“, nicht so verträumt wie „Sequenzen einer Wanderung“ und nicht so verspielt wie „Umbriel“ – dafür vereint es aber alles, was man an NOCTE OBDUCTA gut finden kann.

Wertung: 9 / 10

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