CD-Review: Obituary - Slowly We Rot

Besetzung

John Tardy – Gesang
Allen West – Leadgitarre
Trevor Peres – Rhythmusgitarre
Daniel Tucker – Bass
Donald Tardy – Schlagzeug

Tracklist

01. Internal Bleeding
02. Godly Beings
03. ’Til Death
04. Slowly We Rot
05. Immortal Visions
06. Gates to Hell
07. Words of Evil
08. Suffocation
09. Intoxicated
10. Deadly Intentions
11. Bloodsoaked
12. Stinkupuss


Your soul. Take mine. Your time. Time. Fighting it low. Yeah. You.
Ja, so einfach kann’s gehen. Das ist der vollständige Text von „Immortal Visions“, einem der zwölf gnadenlosen Abrissbirnen auf dem Debüt von OBITUARY. Warum diese Band neben ihrem Status als Pioniere des Florida Death Metals unter anderem auch aufgrund der Songtexte bzw. deren Darbietung etwas ganz Besonderes ist, lest ihr im Folgenden.

„Slowly We Rot“ geht auf das Jahr 1989 zurück, als die Death Metal-Szene in Florida schon heftig am Blühen war. Die Musiker von OBITUARY selbst waren aber schon seit 1985 unter dem Namen Executioner (später Xecutioner) im Underground unterwegs und spielten dreckigen Thrash im Stil von Venom und Hellhammer – Einflüsse, die man später vor allem im Gitarrensound deutlich heraushören konnte. Inspiriert von der neuen musikalischen Strömung in ihrer Heimatregion, brutalisierten die Jungs um die Brüder John und Donald Tardy ihren Sound und landeten schließlich bei Scott Burns in den Morrisound Studios, wo die erste Scheibe eingespielt wurde. Kurz vor der Veröffentlichung wurde der Bandname noch geändert und OBITUARY waren geboren.

Das Quintett bot in vielerlei Hinsicht innovative Musik, die man so zuvor noch nicht gehört hatte. Zunächst ist da der „Gesang“ von John Tardy. Zwar kann man seine Leistung durchaus mit der von Death-Kollege Chuck Schuldiner vergleichen, doch Tardy klingt im Gegensatz zu diesem einfach nur krank, besessen und unmenschlich. Was er auf „Slowly We Rot“ ins Mikrofon kotzte, war scheinbar nicht von dieser Welt und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unübertroffen extrem und unheimlich. Fern von gutturaler Monotonie brüllt, schreit und gurgelt Tardy, als hätte man ihm bei den Aufnahmen eine Pistole an die Schläfe gehalten. Dass die Lyrics größtenteils aneinandergereihte Variationen der Vokabeln kill, fight, death, die, rot und evil sind, ist dabei vollkommen nebensächlich. Wer braucht Songtexte, wenn man John Tardy hat? Bei OBITUARY muss man die Stimme als weiteres Instrument betrachten. Lieder wie „Words Of Evil“, „Stinkupuss“ und das eingangs erwähnte „Immortal Visions“ kann man dadurch schon als Quasi-Instrumentals bezeichnen.

Eine weitere Besonderheit, die auf „Slowly We Rot“ auffällt, sind die Song-Aufbauten. Klassische Strukturen, Strophen und Refrains sucht man hier vergeblich. Blast-Attacken, Doublebass-Gewitter zu Midtempo-Groove, zähe Doom-Parts, schräge Krakel-Soli, auf diesem Album ist alles vertreten – manchmal sogar in einem Song. Nummern wie „Gates To Hell“ oder „Intoxicated“ warten durch die etlichen Tempowechsel mit unberechenbaren Strukturen am Rande des musikalischen Wahnsinns auf, es sind Lieder wie Wutausbrüche, chaotische Blicke ins Hirn eines Geisteskranken. Doch trotz vermeintlich fehlender Systematik verleiht diese Spielart den Tracks eine unglaubliche Dynamik, die das mit 35 Minuten ohnehin schon knappe Album noch schneller vorüberziehen lässt. Mit ihren fantastischen Breaks füllten OBITUARY definitiv eine „Marktlücke“ im Death Metal. Aufs Gaspedal treten, das konnten die anderen Genre-Kollegen auch. Es war ihr unvergleichlicher, primitiver Groove, der den Fünfer aus Tampa zu einer langsam und schmerzhaft voranschreitenden Tötungsmaschine machte, die auf den folgenden Alben ihre volle Wirkung entfalten sollte.

Das Debüt „Slowly We Rot“ ist kein Meisterwerk wie „Leprosy“ (Death) oder „Altars Of Madness“ (Morbid Angel), die virtuoser und technischer ausgerichtet waren. Es mag womöglich nicht einmal die beste OBITUARY-Scheibe sein (wohl aber die härteste, trotz Standard-E-Tuning der Gitarren) – und doch haben wir es mit einem richtungsweisenden, stilprägenden Klassiker des Florida Death Metals zu tun, der die Hörer auch heute noch problemlos niederwalzen kann. Wer sich bisher noch nicht an dem bedrohlichen Doom-Einstieg und dem stumpfen Punk-Riffing des Titeltracks erfreut hat, sollte dies schleunigst ändern.

Bewertung: 8.5 / 10

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