CD-Review: Porcupine Tree - Fear Of A Blank Planet

  • Veröffentlichung: 2007
  • Label: Roadrunner
Besetzung

Steven Wilson – Gesang, Gitarre, Piano, Keyboards
Colin Edwin - Bass
Richard Barbieri – Keyboards, Synthesizer
Gavin Harrison - Schlagzeug

Gastmusiker:
Alex Lifeson - Gitarre ("Anesthetize")
Robert Fripp - Soundscapes ("Way Out of Here")

Tracklist

01. Fear Of A Blank Planet
02. My Ashes
03. Anesthetize
04. Sentimental
05. Way Out of Here
06. Sleep Together


Über Steven Wilson muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren, der Mann hat sich nicht nur mit PORCUPINE TREE einen Namen gemacht, auch als Produzent und mit seinem Nebenprojekt „Blackfield“ hat er Erfolge vorzuweisen. Mit dem zehnten Album seiner Hauptband hat er nun vielleicht sein Meisterwerk vorgelegt, auf jeden Fall ist es aber das dunkelste und konzeptionellste in der langen, erfolgreichen Geschichte der Briten. Wie der Titel „Fear Of A Blank Planet“ bereits andeutet und das Cover überdeutlich, fast unheimlich klar macht, ist Wilsons größte Angst, eine gefühlslose Zukunft erleben zu müssen. Die leeren Augen des Jungens auf dem Artwork strahlen eine Gefühlslosigkeit aus, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft und diese Augen verfolgen einen, wie es manchmal scheint, durch den Raum. Das alles wäre aber unbedeutend, wenn der Inhalt nicht mit der äußerlichen Präsentation mithalten könnte. Doch auch hier enttäuscht Wilson seine Anhänger nicht. Das Album ist ein dichtes, atmosphärisches und zudem sehr interessantes Werk geworden, das keinen Art-Rock und Progressive Rock Fan enttäuschen dürfte.

„Fear Of A Blank Planet“ startet ungewöhnlich. Man hört ein leises Tippen auf einer Tastatur, bevor eine Akustikgitarre langsam in die Welt von PORCUPINE TREE einführt. Was ein Steve Wilson Werk unverkennbar macht, ist natürlich sein gefühlvoller Gesang, der hier Lyrics vorträgt, die einem, wenn einem bewusst wird, wie real sie sind, mit voller Wucht treffen. Es mag zwar auf den ersten Blick seltsam klingen, das Wort „X-Box“ in einem Song zu hören, noch dazu in einem Kontext wie „My X-Box is a god to me!“, doch das alles beschreibt die Situation vieler Jugendlichen nur zu gut und lässt uns Wilsons Ansatz nachvollziehen. Instrumental gibt es auch gewohnt hochklassige Kost, wobei er nicht nur beim Titeltrack, sondern auch bei den meisten anderen Songs auf der Platte, oft ungewohnt harte und dunkle Geschütze auffährt, die sich aber wunderbar in die gesamte Atmosphäre einfügen. Die Songs sind großteils überdurchschnittlich lange gehalten, wobei „My Ashes“ mit etwas mehr als fünf Minuten die untere Grenze markiert. Ruhig, mit typischem PORCUPINE TREE Gitarrensound und zartem Gesang, wird dieser Song präsentiert. Leise Streicherpassagen führen über zu einem zerbrechlichen Schlagzeugspiel. Ja, man könnte den Song fast als typische Ballade der Briten bezeichnen.

Das Herzstück der CD bildet das 17 Minuten lange „Anesthetize“. Die Perkussion wird von einem leisen Glockenspiel begleitet und setzt sich auch während der Gesangspassagen fort. In diesem Song wechseln so oft die Stimmungen, von ruhig zu aggressiv, zu raserisch, zu ruhig. Mehrstimmige Gesangspassagen gehen in Geräuschkulissen über, die dem Hörer wiederum unter den Füßen weggezogen werden, um von zuerst verzerrten und anschließend klaren Riffs abgelöst zu werden. Diese Beschreibung könnte für andere Bands ein ganzes Album ausfüllen, ich habe hier nur die ersten fünf Minuten von „Anesthetize“ beschrieben. Nach und nach baut Wilson so eine überaus schöne, kopfhörerverlangende Atmosphäre auf, die in dem erhältlichen 5.1. Surround Sound noch drückender und umwerfender zu Geltung kommt. Aber schon im Stereogewand beeindruckt, wie der Gitarrensound vom linken zum rechten Stereokanal geschoben wird. Dieses Meisterwerk besticht auch wieder durch seine ungewohnte Härte, die sich in den atemberaubenden Drumparts von Harrison entladen. Dazu kommen, als wenn man die Konkurrenz nicht schon genug vorgeführt hätte, ein Refrain, der sich in das Ohr bohrt und nicht mehr hinaus will und ein wunderbares Solo von niemand geringeren als Alex Lifeson von Rush. Beendet wird dieses Stück mit einem an den Anfang erinnernden, ruhigen, melancholischen Part, der mit seinem warmen Erscheinen fast an Pink Floyds beste Phase erinnert.

Nach diesem Monster muss man erst mal wieder durchatmen und diese Chance gibt uns Steve Wilson auch. „Sentimental“ rangiert wieder am unteren Ende, wenn es um die Länge der Tracks geht. Das Pianointro lässt auf Gutes hoffen und wir werden auch nicht enttäuscht. Der Song weiß zwar nicht zu überraschen, denn diese Art von Liedern gehört quasi schon zum Standardarsenal der Band, doch „Sentimental“ ist keineswegs schlecht, sondern hält den Hörer interessiert unter den Kopfhörern. Mit dem alles überstrahlenden „Anesthetize“ kann es aber nicht mithalten. „A Way Out of Here“ fängt danach sehr melancholisch an und Wilsons fragiler Gesang unterstreicht diese Atmosphäre noch zusätzlich, die in den Chorus überleitet, der mit verfremdeten Gesang und Synthisound unglaublich tief trifft. Kurz braust der Song wieder in einem doch sehr metallastigen Riff auf, um danach wieder in einer ruhigen Klangwolke zu verschwinden. Beendet wird das Konzeptalbum mit einem sehr eingängigen Stück: „Sleep Together“. Auch der Rausschmeißer bietet gewohnte PORCUPINE TREE Qualitäten und schließt dieses Album mit mitreißenden Streicherpassagen gebührend ab.

Ob „Fear Of A Blank Planet“ Wilsons Meisterwerk geworden ist, traue ich mir auch nach zig Durchläufen nicht zu sagen. Im Gegensatz zu den Vorgängern fehlen die leichter zugänglichen Stücke aller „Blackest Eye“ oder „The Sound Of Muzak“ von „In Absentia“, doch dieses Album wurde nicht für solche Songs konzipiert. Wilson macht sich wirklich Sorgen um die Zukunft unserer Welt und auch wenn er manchmal etwas zu dick aufträgt, trifft er mit seinen Texten doch meistens den Kern der Sache. Bis auf „Anesthetize“ und den Titeltrack fehlt es bei den anderen Titeln aber etwas an Highlights. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Album ist textlich und musikalisch top, bietet mit „Anesthetize“ ein alles überstrahlendes Meisterwerk, verfehlt die Höchstwertung aber aufgrund des an einigen Stellen auftretenden Eigenplagiats.

Bewertung: 9 / 10

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