CD-Review: Saor - Aura

Besetzung

Andy Marshall – Gesang, Gitarre, Bass, Synthesizer, Tin Whistle

Tracklist

01. Children Of The Mist
02. Aura
03. The Awakening
04. Farewell
05. Pillars Of The Earth


SAOR ist der Name einer schottischen Folk-Black-Metal-Band, die aus lediglich einem Mitglied besteht. Das Wort ist gälisch und bedeutet übersetzt „frei“. Es gibt wohl kein Wort, das die Essenz ebenjener Band besser einfangen würde, denn die Musik von SAOR drückt einerseits Heimat- und Naturverbundenheit aus, erweckt im Hörer aber andererseits den urtypischen Drang nach Ungebundenheit, nach Freiheit. Das Artwork, die Texte, die Instrumentalisierung – SAORs zweites Album „Aura“ ist von allen Seiten betrachtet eine fesselnde musikalische Reise durch die schottische Landschaft, unwirtlich und doch herzergreifend schön.

Das Album besteht lediglich aus fünf Tracks, die jedoch jeweils zwischen 8 und 14 Minuten lang sind, sodass man auf knapp eine Stunde Gesamtspielzeit kommt. Dabei wiederholen sich natürlich einige der Melodien, dennoch wirken die Songs nie langweilig oder uninspiriert. Man verliert sich so sehr in den Kompositionen, dass deren Länge gar keine Rolle mehr spielt, Gänsehaut ist da vorprogrammiert. Kriegerische Screams, hymnenhafte Klargesänge, episch-majestätische Gitarren-Riffs sowie gefühlvolle Streicher und Tin Whistles wirken in vollkommener Harmonie zusammen und erschaffen eine dichte Atmosphäre, die stellenweise sogar an Ambient heranreicht. Und obwohl SAOR durchaus kraftvoll und rau musizieren (vor allem über die brachialen Drums und Rhythmusgitarren), ist ihr Ausdruck nie von destruktivem oder bösartigem Charakter, wie es bei anderen Black-Metal-Truppen oft der Fall ist.
Wer nun befürchtet, dass dies einem überbordenden Einsatz der Folk-Instrumente geschuldet sei, befindet sich auf dem sprichwörtlichen Holzweg. Zwar lenkt vor allem die Tin Whistle als Erkennungsmerkmal SAORs oftmals die Aufmerksamkeit auf sich, doch letztlich spielen alle Instrumente eine gleichgewichtige Rolle. Es kommen alle erwähnten Stilmittel mehr oder minder in jedem der fünf Tracks zum Zug, doch im Rampenlicht wechseln sie sich stetig miteinander ab, sodass jede Nummer für sich eigenständig mit verschiedenen Höhepunkten besticht. So sind es im beinahe 14-minütigen Titeltrack vor allem die ruhig einleitenden Clean-Gitarren, die daran anschließenden unglaublich epischen Dual-Leads und schließlich die einfachen und doch stimmungsvollen Pianos, die zu begeistern wissen, während das Intro von „The Awakening“ mit verspielten Akustik-Gitarren und Geigen ungeniert dem Folk frönt, bis plötzlich ein Blast-Beat-Ausbruch die Ruhe durchbricht und die Geigen sich immer mehr aufbäumen.
Besonders atmosphärisch wird es dann in „Farewell“, dessen anfängliche Clean-Gitarren schließlich in eine Tin-Whistle-Melodie übergehen, die wie ein erfrischender Wasserfall die Lebensgeister des Hörers erweckt. „Pillars Of The Earth“ ist von einem Gefühl der Ankunft erfüllt und eignet sich somit perfekt dazu, der Platte ein stimmiges Ende zu bereiten. Bevor die Reise endet, sei jedoch, um der Objektivität Genüge zu tun, ein kleiner Störfaktor erwähnt: die Produktion. Zwar hört man praktisch alles heraus, was es zu hören gibt, um trves Black-Metal-Getue haben SAOR zum Glück einen Bogen gemacht, doch vor allem die Vocals, Rhythmusgitarren und Drums werden zu ungeschliffen wiedergegeben. Da jedoch das Hauptaugenmerk wesentlich mehr auf den Instrumenten liegt, ist das bei Ersteren zu verzeihen und bei letzteren Beiden zumindest in gewisser Weise der Härte zuträglich.

Sieht man also über diesen Fauxpas hinweg, kann man „Aura“ eigentlich nur noch als gelungen bezeichnen. Obwohl die Stilmittel auf allen Tracks dieselben sind und die Geschwindigkeit zumeist recht hoch ist, spielen sich SAOR gekonnt mit Variationen in Tempo und Dynamik, sodass die Melodien schnell hängenbleiben. Die Musik wirkt unglaublich aufrichtig, sodass der Folk nie kitschig und der Black Metal nie erzwungen klingt. Wer Musik als Medium versteht, um sich geistig fallenzulassen und sich voll und ganz einem Gefühl hinzugeben, sollte sich dieses Album unbedingt zu Gemüte führen.

Bewertung: 9 / 10

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2 Kommentare zu “Saor – Aura”

  1. Simon Gröger

    Musikalisch ist an diesem Album wohl kaum etwas auszusetzen, die Produktion ist leider jedoch wirklich ziemlich schrecklich und vermiest zumindest mir einiges an Hörspaß an einem eigentlich hervorragenden Stück Musik.
    Ich hoffe in der Hinsicht auf Besserung beim Nachfolger und lege lieber wieder den Vorgänger ein, der den etwas weniger schrecklichen Klang besitzt ;) (könnte allerdings Ansichtssache sein ^^)

    1. Stephan Rajchl Post Author

      Hallo, Simon! Zuallererst vielen Dank für deinen Kommentar. Ich lese da heraus, dass wir grundätzlich in Bezug auf das Album einer Meinung sind, was mich sehr freut. Ich sehe das mit der Produktion zwar nicht ganz so tragisch bzw habe mich mit der Zeit daran gewöhnt, aber ich schrieb ja bereits, dass auch ich sie als nicht gelungen ansehe. Mich persönlich bewegt die Platte zwar so sehr, dass ich darüber hinwegsehen kann, aber das ist selbstverständlich Ansichtssache.
      Nach allem, was man von SAOR auf FB lesen bzw hören konnte, sollte das nächste Album besser produziert werden, da darf man also gespannt bleiben. ;)

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