Review Tesseract – One

Es kann immer mal wieder für Belustigung sorgen, sich die stilistische Bandbreite eines Labels vor Augen zu führen. So präsentieren Century Media nach neuen Alben von Deicide und Turisas, die die grauen Zellen des Hörers definitiv nicht überfordern, nun das TESSERACT-Debut mit dem Namen „One“. Hier sieht die Sache fundamental anders aus, wie bereits der erste Song „Lament“ eindrucksvoll vor Augen führt.
Denn TESSERACT spielen eine äußerst schwer verdauliche Mischung aus Progressive Metal, leichter Mathcore-Stimmung und Songkonstrukten, die selbst für diese Genres undurchschaubar wirken. Dabei bilden die Basis der Songs, ganz im Sinne von Tool oder auch neueren Dark Suns, oft pulsierende Basslines, die man gerne als groovend wahrnehmen würde, die aber durch ihre eigene Rhythmik, weiter verhackstückt durch hektische Drums, effektiv doch nicht greifbar genug dafür sind. Ebenso kantig wirkt der in hohen Lagen angesiedelte Gesang, der oft klagend daherkommt, seltenst aber eingängige Melodien präsentiert. Als Kontrastprogramm gibt es Kreischgesang, wie für fast alle *Core-Sektoren üblich mit sehr exaltiertem Charakter, was den Eindruck auch nicht wesentlich bessert.
Schon aus diesen Faktoren dürfte klar ersichtlich sein, dass TESSERACT keine Spaßmacher sind und es nicht auf besonders fröhliche Stimmung, weder in der Musik noch beim Hörer, angelegt haben. Im Gegenteil, dieses Album ist ein verkopfter Overkill, ein frickellastiger Tritt in die Eier. Erst, wenn man „One“ mehrfach mit flauem Gefühl im Magen aus dem Player genommen hat, stellt sich langsam aber sicher das Verständnis für den Album-orientierten Spannungsbogen ein, den TESSERACT über 55 Minuten präsentieren und zelebrieren. Irgendwann finden sich in „Deception“, dem zweiten Teil des Herzstücks des Albums, der „Concealing Fate“-Hexalogie, sphärische, ansatzweise psychedelische Parts, das zuvor unbarmherzig hyperaktive „Nascent“ bekommt langsam den Charakter eines unheilvollen Vorboten für ebendiese und die Melodien in „The Impossible“ schmeicheln den Ohren, der Slap-Bass in selbigem bereitet nun Spaß statt Kopfzerbrechen.

Man darf Verständnis für die Platte aber nicht mit dem Trugschluss verwechseln, dass das Hören von „One“ wirklich leichter wird. 55 Minuten Musik voller fiesester Technik, die nie zum Stillstand kommt und dabei immer aufdringlich wirkt, sind einfach zu viel um mal nebenbei konsumiert zu werden. Dass diese Scheibe vielen Leuten Genuss bereitet, ist wohl quasi ausgeschlossen, es ist und bleibt doch eine Tortur, sie hochkonzentriert eine knappe Stunde durchzuhören. Wer allerdings ein Faible für wirklich hochklassigen, anspruchsvollen Metal hat, der sich wenig um Vorlieben seiner Hörer schert, muss dieses Album ohne wenn und aber erwerben. TESSERACT haben eine klare Vorstellung von dem was sie tun wollen und können dies im Gegensatz zu vielen anderen Truppen aus diesem Dunstkreis auch extrem kompetent umsetzen.

Wertung: 9.5 / 10

Publiziert am von Marius Mutz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.