CD-Review: Testament - Titans Of Creation

Besetzung

Chuck Billy - Gesang
Alex Skolnick - Gitarre
Eric Peterson - Gitarre
Steve DiGiorgio - Bass
Gene Hoglan - Schlagzeug

Tracklist

01. Children Of The Next Level
02. WWIII
03. Dream Deceiver
04. Night Of The Witch
05. City Of Angels
06. Ishtars Gate
07. Symptoms
08. False Prophet
09. The Healers
10. Code Of Hammurabi
11. Curse Of Osiris
12. Catacombs


Mit der Rückkehr von Gitarrenwunder Alex Skolnick im Jahr 2005 haben die Thrash-Metal-Legenden TESTAMENT einen fast beispiellosen Neustart hingelegt. Zwar haben sich seither einige Besetzungswechsel ergeben – Drummer Paul Bostaph musste Atomuhr Gene Hoglan weichen und Ur-Bassist Greg Christian machte seinen Posten für Steve DiGiorgio frei – aber es kann dennoch guten Gewissens behauptet werden, dass bei den Kaliforniern seither eine gewisse Stabilität eingekehrt ist. Seit dem überragenden „The Formation Of Damnation“ veröffentlichen TESTAMENT im strikten Vier-Jahres-Rhythmus neue Alben, die sich allesamt auf einem erschreckend hohen Niveau bewegen und touren sich dazwischen rund um den Globus den Allerwertesten ab. Mit dem 2016 erschienenen „Brotherhood Of The Snake“ liegt die letzte Platte schon wieder vier Jahre zurück, weshalb es dringend Zeit für den nächsten Studio-Output der Mannschaft wird. Voilà: „Titans Of Creation“.

Ein Grund für die Langlebigkeit von TESTAMENT ist sicherlich der Umstand, dass die Band es über die Jahrzehnte immer wieder verstand, sich selbst neu zu erfinden. Auch „Titans Of Creation“ zeigt wieder auf beeindruckendste Art und Weise, wie gut es den Kaliforniern gelingt, ihren Sound intelligent weiterzuentwickeln und sich doch treu zu bleiben. Darum ist es auch gar nicht nötig, sich hier lange mit Songs wie der vorab veröffentlichten Single „Night Of The Witch“ oder dem in eine ganz ähnliche Kerbe schlagenden „False Prophet“ aufzuhalten. Diese Titel liefern freilich alles, was typische TESTAMENT-Songs seit „The Formation Of Damnation“ ausmacht, aber eben nicht viel mehr und fühlen sich damit arg auf Nummer sicher gespielt an. Damit bewegen sich die Tracks noch immer auf einem ziemlich hohen Niveau, wie sich im Folgenden zeigen wird, fallen sie gemessen am Rest von „Titans Of Creation“ jedoch geradezu banal aus.

Denn TESTAMENT können so viel mehr: Auf ihrer neuesten Platte gelingt den Thrashern die nahezu perfekte Symbiose aus allem, was ihren Sound seit jeher ausmacht und einem hohen Maß an Experimentierfreude. Das beginnt damit, dass die Truppe sich munter an ihrem eigenen Backkatalog bedient und so erinnert das eröffnende „Children Of The Next Level“ mit seinem knackigen Gallopp nebst rockiger Attiüde an eine Mischung aus „Electric Crown“ von 1992 und dem fünfzehn Jahre jüngeren „More Than Meets The Eye“ – noch nicht originell, aber auf jeden Fall verdammt gut. Zudem hört man „Titans Of Creation“ deutlich an, dass TESTAMENT in letzter Zeit vermehrt mit ihrem Kumpels von damals abgehangen sind. Der kompromisslose Thrasher „WWIII“ erinnert nicht selten an die stilbildenden Momente von Exodus und im ungewohnt modern dahin groovenden „City Of Angels“ wildern die Burschen schamlos im Territorium von Death Angel. Und weil das alles am Ende ja doch – nicht zuletzt aufgrund des unverwechselbaren Gesangs von Chuck Billy – unüberhörbar nach TESTAMENT klingt, fügt es dem Sound der Band neue, spannende Facetten hinzu.

Seinen besten Moment erlebt „Titans Of Creation“ jedoch mit „Dream Deceiver“. TESTAMENT hatten noch nie Angst davor, ihren aggressiven Sound mit rockigeren Momenten zu konterkarieren, jedoch wurde dieses Spannungsverhältnis noch nie so deutlich wie in dieser Nummer: Hier trifft die bekannte Thrash-Metal-Aggression der Band auf waschechtes Hard-Rock-Riffing und gipfelt in einem Refrain, der in seinem Arrangement direkt einer Hair-Metal-Platte der 80er entsprungen sein könnte. Das ist derart ungewohnt und doch cool und vor allem so unfassbar mutig, dass es sich hier sicherlich um den besten Song des Albums handelt – muss ins Live-Programm! Ähnlich experimentell wird es im angeschwärzten „Curse Of Osiris“, das mit schrammelden Riffs und einem nicht bloß growlenden, sondern gar kreischenden (!) Chuck Billy mit dem Black Metal flirtet – passend dazu gibt es im abschließenden Instrumentalstück „Catacombs“ sodann noch düstere Synthie-Streicher und infernalische Chöre. An all das muss man sich sicher erst gewöhnen, es steht der Band jedoch weit besser zu Gesicht, als man zunächst annehmen möchte.

Wie immer kommen auch auf dem neuesten TESTAMENT-Album vor allem Fans exquisiter Gitarrenarbeit auf ihre Kosten, denn Chef-Saitenhexer Alex Skolnick begeistert in jedem der Songs mit geradezu irrwitzigen Leadgitarren-Eskapaden. An dieser Stelle sei jedoch bemerkt, dass seit „Dark Roots Of Earth“ auch Eric Peterson nicht mehr nur auf die Rhythmus-Gitarre beschränkt ist. Das Zusammenspiel der beiden Gitarristen treibt auf „Titans Of Creation“ so manche spannende Blüte, die in der Vergangenheit nicht möglich gewesen wäre. Zudem wurde auch das neue Album der Mannschaft aus Oakland wieder von Produzent Andy Sneap und dessen amerikanischem Sidekick Juan Urteaga wieder in den typischen Sound verpackt, der dem Schaffen von TESTAMENT spätestens seit „The Formation Of Damnation“ das klangliche Sahnehäubchen verpasst.

Mit einer knappen Stunde Spielzeit ist „Titans Of Creation“ ein recht langes Album geworden. Weil TESTAMENT ihre gewohnte Formel hier aber um unzählige spannende Elemente erweitern, passiert auf dieser Platte ziemlich viel – so bleibt die lange Spielzeit bis auf seltene Fälle unbemerkt und die Thrash-Urgesteine liefern hier ein Album ab, auf dem es mit jedem Durchlauf mehr zu entdecken gibt. Obendrein gelingt Chuck Billy und Co. hier (abermals) die Quadratur des Kreises, denn die Herren klingen trotz aller Experimentierfreude unverkennbar nach sich selbst. Death Angel waren schon im letzten Jahr dran und was Exodus planen, ist bisher unklar, weshalb mit großer Zuversicht angenommen werden darf, dass TESTAMENT hier einen heißen Anwärter auf das Thrash-Album des Jahres geschaffen haben. Eine der besten TESTAMENT-Platten ist „Titans Of Creation“ allemal.

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Bewertung: 9 / 10

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