LAIBACH und der „Liberation Day“

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Nordkorea feiert mit LAIBACH seinen Staatsfeiertag. Was wie ein Scherz klingt, wurde 2015 Realität. Ein Film erzählt nun die Story dieser aberwitzigen Idee.

laibach_press_photo_19831980 im sozialistischen Jugoslawien gegründet, avancieren LAIBACH mit ihrem von faschistischer Ästhetik geprägten Auftreten schnell zu einem der umstrittensten Künstlerkollektive Europas: Kontroversen und ein absolutes Auftrittsverbot in ihrer Heimat zwischen 1983 und 1987 sind die Folge. Zwar lässt die Gruppierung später auch die weltpolitischen Geschehnisse der 90er nicht unkommentiert – verliert im zunehmend liberalen Europa jedoch an politischer Schärfe und etabliert sich als unter Gothic- und Industrial-Fans beliebte Szene-Band: Aus den geistigen Brandstiftern Jugoslawiens wird ein kultureller Exportschlager Sloweniens, als der LAIBACH bei der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover im slowenischen Pavillon auftreten.

Die breitere Öffentlichkeit erreichen LAIBACH erst im Jahr 2012 wieder, als sie die Invasion der Erde durch Mondnazis im irrwitzigen Kinofilm „Iron Sky“ musikalisch untermalen. Doch so gelungen der Soundtrack auch sein mag – vom provokativen Anspruch der Anfangsjahre sind LAIBACH damit Welten entfernt. Das Künstlerkollektiv LAIBACH am Ende, verkommen zu einer etwas beliebig wirkenden Band, deren aufmerksamkeitsträchtigste Aktion im neuen Jahrtausend ein Soundtrack zu einem Klamauk-Film ist? Mitnichten.

2015 nämlich gelingt LAIBACH der vielleicht größte PR-Coup im Rock- wie auch im Kunst-Business des 21. Jahrhunderts: Durch Beziehungen, Glück und nicht zu unterschätzenden Mut gelingt es LAIBACH, das kommunistische Regime der Demokratischen Volksrepublik Korea davon zu überzeugen, sie seien die perfekte Band, um als erste westliche Rockgruppe überhaupt in Pjöngjang aufzutreten. Der Anlass? Nichts weniger denn der höchste Feiertag Nordkoreas – der „Liberation Day“. Dass LAIBACH sich vorgenommen haben, in dem kommunistischen Land ausgerechnet das Musical „The Sounds Of Music“ zu adaptieren, das die Geschichte der zur Nazi-Zeit aus Österreich in die USA emigrierten Musiker-Familie Trapp nachzeichnet, verkommt zwischen all diesen völlig surreal wirkenden Informationen fast zur Nebensache.

laibach-the-sound-of-musicWas am 19. November nun auf der IDFA in Amsterdam unter dem Titel „Liberation Day“ internationale Premiere feiert, sollte deswegen weniger als LAIBACH-Film, geschweige denn Musik-Dokumentation im eigentlichen Sinne verstanden werden – sondern vielmehr als Protokoll der Ereignisse rund um das vielleicht skurrilste Rock-Konzert unseres zugegebenermaßen noch jungen Jahrhunderts.

Das bisherige Schaffen des Künstlerkollektivs wird im Film nur kurz anhand Videointerviews mit Rammstein-Gitarrist Paul Landers und dem slowenischen Philosophen Slavoj Žižek umrissen; die Skurrilität der gesamten Nordkorea-Aktion bringt der geschickt eingearbeitete TV-Beitrag des amerikanischen Late-Night-Talkers John Oliver auf den Punkt. Dessen Fazit könnte treffender kaum ausfallen: „Nordkorea scheint mir ein schreckliches Reiseziel zu sein. Aber wenn es wirklich stimmt, dass dieser Typ [gemeint ist LAIBACH-Sänger Milan Fras, A. d. Red.] dort ‚The Sounds Of Music‘ singt, will ich da irgendwie trotzdem hin.“

Da, am Flughafen Pjönjang, startet die eigentliche Dokumentation „Liberation Day“ dann auch – als der vielleicht bedrückendste Roadmovie, der je gedreht wurde: Zwar werden Unterdrückung und Not der Bevölkerung in dem ohne jeden Zweifel staatlich zensierten Video-Material nie offensichtlich – vielmehr könnte man angesichts der bunt gekleideten, scheinbar rundum zufriedenen Nordkoreaner meinen, Bilder vom einzigen Ort auf Erden zu sehen, an dem die Welt noch heil ist.liberation-day-1_credits_-daniel-miller-2Gestört, oder besser gesagt geradegerückt, wird dieser Eindruck durch die gekonnt eingefangene Atmosphäre, die während der gesamten Vorbereitungen zur Show herrscht: Von einer Begrüßungsrede angefangen, in der die Slowenen alles andere als Willkommen geheißen werden, wird man selbst als Zuschauer das ständige Gefühl von Kontrolle, Beobachtung und Unwägbarkeit nicht mehr los: Mal ist ein Text auf Koreanisch in Ordnung, dann klingt er zu Süd-Koreanisch, mal stört sich die Zensurbehörde an einer Visualisierung, mal am Tempo eines Songs – ständig scheint das gesamte Projekt auf der Kippe zu stehen. Die vermeintliche Höflichkeit schlägt bald in deutliche Worte um – da ist es fast schon erleichternd komisch, wenn zwischendurch die eine Steckdose gezeigt wird, an der die Versorgung der gesamten Bühnentechnik hängt.

liberation-day-4_credits_-daniel-millerGenialität und Wahnsinn der Aktion scheinen in jeder Szene durch – Improvisationstalent und starke Nerven lassen schlussendlich trotz allem aus einer verrückten Idee verrückte Realität werden: Wenn auch nur ein Song des tatsächlichen Konzertes Eingang in den Film gefunden hat, reichen die gezeigten Reaktionen des Publikums doch aus, die Aktion als Erfolg zu werten: Zweifelnde Blicke, verschreckte Reaktionen auf die Lautstärke und viel Unverständnis, sowie wohltrainierter Applaus mit Standing Ovtions schlagen LAIBACH aus dem riesigen Saal des Opernhauses entgegen. Aber: Das Konzert fand statt.

liberation-day-3_credits_-tor-jorund-f-pedersenÜber Sinnhaftigkeit oder Wirksamkeit der Aktion zu urteilen, ginge zu weit – nicht zuletzt, da nie ganz klar herausgearbeitet wird, was sich LAIBACH selbst eigentlich von dem Auftritt erwartet hatten. Fakt ist jedoch, dass LAIBACH mit dem Konzert ohne Frage Geschichte geschrieben haben. Und wer Geschichte schreibt, verändert die Welt – ob nun im Großen oder Kleinen, wie im Fall des nordkoreanischen Konzertbesuchers, der, nach seiner Meinung zur Show gefragt, sehr rational zu Protokoll gibt: „Es gibt alle Arten von Musik. Jetzt wissen wir, dass es auch diese Art von Musik gibt.“

Liberation Day feiert am 19. November, mit exklusivem Laibach-Konzert internationale Premiere beim IDFA in Amsterdam.

>> Zum Konzertbericht der europäischen „The Sounds Of Music“-Tour

Laibach-Klein-4 Foto-Credits in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Text:

Daniel Miller (Making-Of-Fotos) / Tor Jørund F. Pedersen (Bandfoto) / Afra Gethöffer (live)

2 Kommentare zu “LAIBACH und der „Liberation Day“”

  1. Marius

    Weiß man schon, inwieweit man außerhalb der IDFA die Dokumentation sehen kann? Von einem breitgefächerten Kinoauftritt kann man vermutlich ja nicht rechnen.

    1. Moritz Grütz Post Author

      Auf der IDFA wird der Film an Verleiher verkauft – erst dann entscheidet sich, ob/wann der Film ins Kino kommt oder im Fernsehen ausgestrahlt wird. Eine DVD-Veröffentlichung ist wohl für Sommer 2017 geplant.

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