Seuche schreibt … – Teil 9

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Die Super­Die­Hard­Ultra­Fanatic­Edition mit Zehennägeln des Drummers

Ich kenne jemanden, der hat im Regal fast jede CD zweimal stehen, einmal eingeschweißt und einmal zum Hören. Ich kenne auch fleißige Vinylsammler ohne Plattenspieler. Oder Sammler mit zig Schallplatten, alle ungespielt, aber fein säuberlich auf dem Rechner digital archiviert. Von den Verrückten mit komplettierten, ganze Räume einnehmenden Iron Maiden-, Bathory- und Venom-Sammlungen mal gar nicht zu sprechen. Die kenne ich allerdings nur von Bildern aus dem Internet.

Da stellt man sich doch im Stillen die Frage „Welchen Sinn macht das“? „Meine Güte“, antwortet prompt der unwirsche Logik-Feind, „es geht ums Sammeln, muss da irgendetwas Sinn machen?“ Wer hat nicht schon mal viel zu viel Geld für etwas ausgegeben, nur um es selbst zu besitzen? Warum kauft man sich Alben, die einem wissentlich nicht gefallen, nur um die Banddiskographie komplett im Schrank zu haben?

Und wie ist es bei Dir so? Welche Auswüchse treibt es bei Dir, Musik nicht nur hören, sondern unbedingt auch besitzen zu müssen? Bei mir? Ich selbst kaufe ja wie viele andere seit einiger Zeit nur noch Vinyl. Mit der eigentlich schwachsinnigen Folge, manchmal doppelt so viel zu zahlen wie für die CD oder gar Sonderangebote alter Klassiker liegen zu lassen… weil auf CD. Oder Bands links liegen zu lassen, die nur auf CD veröffentlichen. Bescheuert irgendwie, oder?

Ich will dieses Mal allerdings gar nicht speziell über das Sammeln schreiben, sondern lediglich ein paar lose Gedanken über Limitierungen, (Neu)auflagen und Aufmachungen von Schallplatten teilen. Also ab die Post:

Leviathan - Massive Conspiracy Against All LifeAuf das Thema bin ich gekommen, weil ich im Rahmen von besagter Sammelleidenschaft mal eine Unterhaltung geführt habe, in der mein Gegenüber sich ausufernd darüber aufregte, dass eine seiner Raritäten, Leviathan „Massive Conspiracy Against All Life“, auf Vinyl neu aufgelegt wurde. Zu meiner Freude, denn ich wiederum war nicht bereit, im dreistelligen Bereich zu investieren. Klar, der feine Herr tat eben dieses, da wäre ich vermutlich auch leicht entnervt, wenn kurze Zeit später gleiches Album für ein Zehntel zu haben ist. Aber was verdammt ist bitte darüber hinaus so wild an Neuauflagen? Ist dann der eigene Besitz nicht mehr wertvoll genug? Oder einfach nicht mehr wertvoll genug für Ebay?

Zur Zeit stehe ich selbst vor dem Dilemma. Es geht um die „Apokalypse Dudes“ von Turbonegro, ein phantastisches Album. Laut Discogs läge die offizielle LP-Version derzeit bei guten 100 Euro aufwärts. Zum Glück habe ich soviel Geld für eine einzige Platte nicht übrig, auch wenn ich in schwachen Momenten echt am Überlegen bin. Und bei meinem Glück wäre praktisch mit dem finalen Klick „Kaufen“ eine längst überfällige Neuauflage zeitgleich bestätigt.

Bleiben wir doch bei Leviathan. Wrest hat ja mit seinem letzten Album den Vogel abgeschossen. Wie viele Vinyl-Varianten gibt es da? Drei! Tolle Sache, allerdings geht das Schnäppchen bei 65 US$ los. Keine Frage, bis zur Reiche-Eltern-Version mit 220 US$ alles edelst und umfangreich aufgemacht, aber mal unter uns Pastorentöchtern, wer braucht das alles? Ich hätte gerne eine einfache Version gehabt, DoLP, gerne auch Gatefold und von mir aus ein nettes Poster dabei, ist doch super, zwischen 18 und 24 EUR hätte ich da auch alles gezahlt. So habe ich jetzt leider keine „Scar Sighted“ auf Vinyl.

Leviathan - LP Box
Mal unter uns Pastorentöchtern, wer braucht das alles?

Ähnlich ist es mit der „Sun“ von Secrets Of The Moon. Ich mag Secrets Of The Moon. Auf dem letzten Party.San haben sie auch was von der Neuen gespielt, klang gut. Also aufs Release gewartet, ab in den Shop und… Ja, war jetzt nicht so schlimm wie bei Leviathan und es gab auch nur eine Version. Für 28 Euro. Ist jetzt kein ultimativer Hammerschlag, aber für mich war´s das dann. Wegen einem Booklet und „speziellem Papier“. Mag ja sein, dass das total toll aussieht. Klingt aber gleichzeitig wie „Alternative gibt’s nicht, Vinyl ist eh angesagt, das wird schon gekauft.“ Kann der Band scheißegal sein, ob dieser Seuche sich deren Album nun kauft oder lieber bei seinem scheiß Punkzeug bleibt, wo er hingehört. Aber ähnliche Gedankengänge schienen irgendwie auch hinter der Bethlehem-Komplettes-Werk-Vinyl-Box für 200 Euro gestanden zu haben. Und da habe ich zugeschlagen. Obwohl ich bereits fast alle 7inches habe und die Alben fast alle auf CD. Wahrscheinlich, weil Bethlehem eine meiner Lieblingsbands ist. Und die „Dictius Te Necare“-CD bei mir springt. Und ich die „Schatten aus der Alexanderwelt“, ähm, „nur“ als Extended-Version mit Hörspiel habe, ich aber gern mal nur die Musik am Stück hören möchte. Und, final, weil das aktuelle Album „Hexakosioihexekontahexaphobia“ bei Prophecy zwar auf CD, aber nicht einzeln auf Platte rauskam. Toller Schachzug! Was soll´s, die Box ist super. Aber würde ich halt auch nicht für jede Band tun. Eigentlich für sonst gar keine.

Bethlehem - LP Box
Bethlehem-Komplettes-Werk-Vinyl-Box für 200 Euro. Was soll’s – die Box ist super.

Steigerungen gibt es immer. Blood Music aus Finnland bietet eine Emperor-Box mit den gesammelten Werken für schlappe 700 Euro an. Und findet seine Abnehmer, was ich sehr erstaunlich finde. Bei gleichem Anbieter kommt eine meiner letzten Neuentdeckungen, Perturbator, raus. 80er Nostalgie-Elektro-VHS-Soundtrack. Wie immer war ich zu spät, das Vinyl zur „Dangerous Days“ war bei meiner Entdeckung lange ausverkauft. Aber zur Abwechslung mal Glück im Unglück, fast zeitgleich mit der aktuellen Albumankündigung zu „The Uncanny Valley“ kamen flugs Nachpressungen. Da mir 23 Euro Porto für zwei Platten dann aber zu viel war, suchte und fand ich einen Anbieter hier im Nachbarland, der das alte Zeug noch komplett im Sortiment hat. Für den waren die Neuauflagen alles andere als eine Freude, da er nun auf seinen teuer eingekauften Erstpressungen sitzen bleibe. So kauft er infolge dessen bei Blood Music nicht mehr ein und hat das neue Album somit nicht im Sortiment. Aus Underground-Händler-Sicht verständlich.

Froh über unkomplizierte Neuauflagen war ich kürzlich bei Mgla. Nachdem die Erstauflage von „Exercises In Futility“ innerhalb von Sekunden ausverkauft war, für den Normalsterblichen also unerreichbar, wurde kurz darauf unspektakulär und sympathisch die wohlgemerkt identische Neuauflage angekündigt, welche dann auch zügig erhältlich war. Der nie Zufriedene könnte sich jetzt über die wirklich spartanische Aufmachung aufregen, aber lästerlich mit Hang zum Eigentor gesprochen: Wer kann, der kann…

Mantar - Ode To The FlameMantar sind jetzt bei Nuclear Blast. An Mantar vorbei kam in der letzten Zeit wohl kaum wer, ob man wollte oder nicht. Mein Fall ist die Mucke nicht, kenne aber auch nur das neue Video. Was den Jungs allerdings eingestanden werden muss, die haben hart gearbeitet für ihren Status. Mir wären derart viele Gigs massivst zu viel, da habe ich echt Respekt vor! Ob das nun bei Nuclear Blast enden musste, ist ja auch egal. Was aber spannend ist, es ging nach Bekanntgabe der Labelwahl im Netz plötzlich mit garstiger Intention vor allem darum, in wie vielen Farben und Ausführungen denn die Vinylversion des neuen Album erscheinen würde. Dass die Jungs von Anfang an klar machten, es gäbe diese in gold, schwarz und fertig, war praktisch nicht von Belang, es wurde konsequent weiter genörgelt. Da frage ich mich, wer sich warum über sowas lapidares aufregt. Lass das Album von mir aus in 20 Farben erscheinen, in der Super-Die-Hard-Ultra-Fanatic-Edition mit Zehennägel des Drummers, wen interessiert das überhaupt? Es gibt die schlichte schwarze für preislich erschwinglich, ist doch super. Klar, Ausverkauf / Kommerz ist das Stichwort, aber mein ernstes Nicht-Verstehen besteht naiv in der Beantwortung der Frage „Warum kaufst Du es dann (einfach nicht)?“

Oder mal so rum: Da stolziere ich stolz wie Bolle mit meinem Ván-Einkauf zurück zum Zeltplatz (man mag meinen, ich war letztes Jahr 365 Tage auf dem Party.San) und präsentiere stolz meine Luxus-Edition des letzten Sulphur-Aeon-Werkes. Doppel-LP, im rauen Sleeve-Karton, Poster und 12inch-Booklet. Tja, Ván kann es einfach, das war mitnichten die Luxus-, es war die Standard-Edition. Für den Preis einer Standard-Edition. So kann es gehen!

Reicht für heute!
//Seuche


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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Publiziert am von Seuche

Ein Kommentar zu “Seuche schreibt … – Teil 9

  1. Das mit der springenden CD ist natürlich ein starkes Argument. Dabei hätte doch auch einfach nur „weil wegen Betlehem“ gereicht.

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