Eines ist wohl absolut klar: Weder muss sich das Metal-Genre heute noch übermäßig auf die Namen seiner Veteranen stützen noch muss man sich dieser Tage ausschließlich auf die skandinavische Kultur beziehen, wenn es darum geht, der eigenen Metal-Kultur die Tür in andere Lebensräume zu öffnen. SEPTICFLESH, MOONSPELL, MELECHESH – das alles sind Namen, die man guten Gewissens mit Referenzwerken für den Metal verbinden kann, haben sie dabei doch stets auch das Gefühl ihrer Heimat und Kultur in ihre Musik einfließen lassen.
Ein vergleichsweise frischer Name auf der metallischen Weltkarte sind MAWIZA. Die Band stammt aus Wallmapu, einer historisch-kulturellen Region in Südamerika, die heute Teile von Südchile und Südwestargentinien umfasst und in dem das indigene Volk der Mapuche heimisch ist. Die Chilenen haben es sich zur Aufgabe gemacht, für den Erhalt ihrer Kultur und einen besseren Umgang mit der Natur einzustehen. Irgendwo im Spektrum zwischen SEPULTURA, SOULFLY, GOJIRA und THE HU stellt die Band nun ihr neues Album „ÜL“ vor.
Der Albumtitel bedeutet ins Deutsche übersetzt so viel wie „Gesang“. Ebenjener wird bei MAWIZA in Mapudungun, der Sprache der Mapuche, dargeboten. Diese außergewöhnliche Gesangsart trifft auf dem Opener „Wingkawnoam (To Decolonize)“ auf stampfende Riffs, die von Anfang an eine ureigene Wildheit mitbringen, sodass sich der Song eher wie ein wilder Tanz als eine klassische Metal-Nummer anfühlt. „Pinhza Ñi Pewma (Hummingbird Dream)“ bringt dann neben fetten Grooves auch immer wieder progressive Arrangements mit Blasts und starken Melodien zusammen.
Die tighte Wucht eines „Ngulutu (Western Storm)“ in Kombination mit seinen anmutigen Chören und brachialsten Bass-Gewittern ist da nur folgerichtig. Man kann sich zudem ohne Weiteres vorstellen, wie gut sich der vehemente Charakter in der neuen Musik von MAWIZA erst vor einem Festivalpublikum machen wird. Das Quartett hat aber nicht nur schwere Rhythmen zu bieten, hin und wieder gibt es gar hymnische Arrangements und ruhige Momente zu hören – wie etwa in Form von Chorgesängen und bedächtigen Strophen in „Mamüll Reke (Become A Cougar)“. Der Umstand, dass auch regelmäßig volkstümliche Instrumente implementiert werden, wertet den Klang dieser außergewöhnlichen Formation nur auf.
Was allerdings dem Eigenwillen zu eigen ist: Nicht immer lässt sich diese spielerische Willkür leicht umfassen. MAWIZA verzichten auf „ÜL“ weitestgehend auf ein klassisches Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Schema, und auch die Sache mit der Eingängigkeit steht bei den Musikern aus Wallmapu eher hinten an. Beispielsweise wenn sie den Hörer in die verqueren Build-ups der Marke „Lhan Antü (Dead Of The Sun)“ schleudern, fehlt es hin und wieder bei allem Wagemut an notwendiger Konklusion. Aber seien wir ehrlich: Wenn wir an „Terra Incognita“ und „The Link“ von GOJIRA denken, haben wir uns am Ende ernsthaft an dem einen oder anderen Knoten im Kopf gestört? Am Ende ist es schon fast unverschämt konsequent, sich für den Schlusstitel „Ti Inan Paw-Pawkan (The Last Harp Call)“ dann tatsächlich Joe Duplantier ins Feature-Boot zu holen, um einen der besten Songs des Albums ins Werk zu setzen.
Unter dem Strich ist MAWIZA mit „ÜL“ ein Album geglückt, das vielleicht nicht die leichteste Kost ist, dafür aber einen gänzlich neuen Charme und wichtige gesellschaftskritische Impulse in die müde Metal-Landschaft bringt. Der Rezensent kann das an dieser Stelle nur honorieren und sieht in der Andersartigkeit von MAWIZA deren größte Stärke. Vielleicht etwas, das man dieser Tage grundsätzlich mehr wertschätzen sollte.
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Wertung: 8 / 10



In diesem Zusammenhang nicht mit Alien Weaponry-Verweisen um sich zu werfen, grenzt ja an ein Kapitalverbrechen ;) (mag ja sein, dass diese sich mehr an konventionelle Aufbaugepflogenheiten halten)!
Ein echt gutes Review, das die Besonderheiten schön herausarbeitet und „anders“ als Stärke wunderbar herausstellt.
Hey Fenrir,
vielen Dank für dein Feedback. Der Verweis auf AW ist durchaus treffend, da stimme ich dir zu. Schön wenn dir die Review ansonsten gefällt. ;)
Liebe Grüße