Konzertbericht: Tarja w/ Chaoseum, Symphonity

06.10.2026 München, Backstage (Werk)

Im Juni hat Tarja Turunen, für immer bekannt als die Stimme von NIGHTWISH in deren größter Ära, „Frisson Noir“ veröffentlicht – ihr bereits siebtes Album als TARJA. Da könnte man die NIGHTWISH-Historie eigentlich ruhen lassen. Das gelingt jedoch auch den Protagonist:innen des Dramas auch nach über 20 Jahren nicht: In einem Interview erklärte Tarja erst im August, dass sie damals, um einen Schlussstrich zu ziehen, auf ihr Recht verzichtet habe: „Ich hätte ihnen wahrscheinlich das Leben zur Hölle machen sollen.“ Tuomas Holopainen stellte im Gegenzug wenig später klar, dass man für kein Geld der Welt noch einmal die Bühne teilen werde: „Es war eine Scheidung – und zwar eine hässliche.“

Ob hinter dem ständigen Wiederaufwärmen des Dramas nach wie vor Kränkung oder Kalkül steht, bleibt Auslegungssache – Fakt ist, dass TARJA jede Schlagzeile gut gebrauchen kann: Seit dem viel beachteten Album „My Winter Storm“ von 2007 gingen die Verkaufszahlen ihrer Werke konstant nach unten. Mit „In The Raw“ (2019) reichte es selbst im treuen Heimatland Finnland nur noch für Platz 28 der Charts (Deutschland: Platz 15) – und wenn auch etwas besser gestellt, verpasste auch „Frisson Noir“ überall die Top Ten. Das macht sich auch in den Vorverkaufszahlen für die aktuelle Tour bemerkbar: Grade einmal rund 700 Tickets finden Abnehmer, das für knapp das Doppelte ausgelegte Backstage Werk ist entsprechend luftig gefüllt.

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass das Tour-Package außer TARJA selbst nicht viel zu bieten hat: Als erster Support gehört die Bühne SYMPHONITY – die volle Aufmerksamkeit des Publikums bekommen die Tschech:innen aber nicht, da auch eine Stunde nach Einlass noch nicht alle Fans in die Halle gelassen wurden. Wer bereits im Werk steht, bekommt eine halbe Stunde Symphonic-Speed/Power Metal geboten, dessen einziges Alleinstellungsmerkmal der Gesang ist – allerdings nicht unstreitbar im positiven Sinne: Denn mit Sopranistin Lucie Červenková Mlynářová haben SYMPHONITY seit Kurzem eine Sängerin in ihren Reihen, deren Spezialität die höchsten denkbaren Tonlagen zu sein scheinen. Das ist technisch durchaus beeindruckend, wird aber schnell anstrengend – da hilft es auch nicht, dass für einen Song eine Gastsängerin hinzustößt, die sich stimmlich kaum von Mlynářová abgrenzt. Musikalisch unterdessen bedienen die vom Sextett außerdem zum Quartett geschrumpften SYMPHONITY ihr Genre solide, aber ohne jedweden Witz – daran ändert auch das bizarre NENA-Cover „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ als letzter Trumpf im Set nichts.

Nur zehn Minuten später geht es um 20:40 Uhr mit CHAOSEUM in eine ganz andere Richtung. Die Schweizer spielen der Selbstbezeichnung zufolge „Energetic Nu-Metalcore“. In der Realität fehlt der Musik der jungen Truppe, die bereits auf der letzten TARJA-Tour als (damals noch erster) Support zu sehen war, leider jede Energie. In den besseren Momenten hat der Modern Metal der Truppe frappierende Ähnlichkeit mit KORN („Smile Again“), stellenweise auch mit MARILYN MANSON. Außer bei einer Schar Die-Hard-Fans, die CHAOSEUM ins Backstage gelockt haben, verfängt der Auftritt beim Publikum aber kaum: Die Reaktionen auf die halbstündige Darbietung sind ebenso unspektakulär wie der Auftritt selbst. Das größte Plus für CHAOSEUM heute: Sie covern immerhin nicht NENA. Man wird ja bescheiden …

  1. Life 4 Sale
  2. Freakin‘ Head
  3. Smile Again
  4. Stay Away
  5. Price Of Reality
  6. For You

All das ist vergeben und vergessen, als um 21:45 Uhr endlich zum letzten Mal erlischt: Denn mit dem Titeltrack des brandneuen TARJA-Albums als Opener setzt Tarja Turunen direkt ein Zeichen des Selbstvertrauens. Und zu Recht: Der merklich erhöhte Härtegrad der neuen Songs funktioniert nicht nur auf dem Album außerordentlich gut, sondern auch im Konzert-Kontext: So reicht die stilistische Bandbreite nun von Bangern wie „At Sea“ bis zu einem im Sitzen akustisch dargebotenen Mittelteil. Langweilig wird es also so schnell nicht – auch, weil die Musik durch eine stimmungsvolle Lichtshow begleitet wird.

Vor allem aber begeistert die Spielfreude, mit der die ganze Band performt. Hier geht Turunen mit gutem Beispiel voran: Anders als viele andere Musiker:innen, die sich auf vorbereitete Ansagen beschränken, lässt sich die Fronterin einfach treiben: Glaubhafte Dankesbekundungen an das Münchner Publikum gehören genauso dazu wie Klagen über unbequeme Bühnenoutfits für Frauen und die fixe Idee, ihren deutschen Gitarristen Alex Scholpp vor dem Akustik-Part zu überreden, einen Witz zu erzählen. Mit einem Kommt-ein-Mann-zum-Arzt-Klassiker sind Scholpp die Lacher sicher – vor allem aber zeigt sich gerade darin eine Leichtigkeit und Authentizität, die vielen von der ersten bis zur letzten Minute durchkonzipierten Shows heute fehlt. Dem Zufall überlässt zwar auch TARJA nichts: Trotz mehrerer Outfitwechsel und des Auf- und Abbaus des Akustik-Sets läuft die Show wie am Schnürchen, und insbesondere „At Sea“ sowie das finale „Against All Odds“ erweisen sich heute als Stimmungsgaranten. Der Charme der Show liegt trotzdem in ebenjenen spontanen Einlagen.

  1. Frisson Noir
  2. Lost Northern Star
  3. Neverlight
  4. Love To Hate
  5. At Sea
  6. Little Lies
  7. Tears In Rain
  8. I Walk Alone
  9. Akustik-Medley
  10. Ciarán’s Well
  11. I Don’t Care
  12. Dead Promises
  13. The Trace Outlives
  14. Until My Last Breath
  15. Against The Odds

Warum man unter der Woche ein Konzert mit zwei Vorbands erst um 20:00 Uhr beginnen lässt und dann, obwohl bereits alles für TARJA von Anbeginn an aufgebaut ist, weitere 35 Minuten vor dem Headliner verstreichen lässt, ist an einem Dienstagabend rational nicht zu erklären. Sieht man von diesem organisatorischen Manko ab, bietet der Abend genau das, was Fans sich erwartet haben dürften: Die Band TARJA begeistert mit einer rundum stimmigen Performance, die über 1:45 Stunden hinweg gut unterhält – dank einer guten Setlist und einer stimmungsvollen Lichtshow, vor allem aber dank Tarja Turunen persönlich: Stimmlich nach wie vor in Topform, begeistert sie musikalisch, gewinnt die Fans aber auch mit ihrer – entgegen allen Klischees über Finn:innen – offenen Art in Windeseile. Mag das Publikum auch nicht mehr so groß sein wie damals bei NIGHTWISH: Diese Show zeigt, dass weder die Sängerin noch ihre Anhängerschaft den alten Zeiten nachtrauern muss.

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Moritz Grütz

Publiziert am von

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