Interview mit Robin Staps von The Ocean

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Musikstreaming und die damit verbundene mehr oder weniger unbegrenzte Vielfalt von Songs, ob alt oder neu, verändert unsere Art Musik zu hören nachhaltig: Viel zu oft investieren wir nur wenige Sekunden in die Beurteilung eines Songs oder gar Albums, ganz einfach weil der nächste mögliche Ohrenschmaus nur einen Klick entfernt sein könnte. Dementsprechend ändern viele Künstler:innen ihre Veröffentlichungspolitik: Statt einem neuen Album mit ein zwei Vorabsingles alle zwei Jahre gibt es immer häufiger alle paar Monate eine neue (Web-)Single auf die Ohren – was zur Folge hat, dass bei Release des neuen Albums ein Großteil der Songs bereits bekannt ist. Trotzdem ist es denkbar, dass die Strategie überlebenswichtig für die Bands sein könnte, um auf dem Radar des Hörers zu bleiben – zu groß ist die Masse an in Echtzeit verfügbarer Musik geworden.

Wenig überraschend ist das Konzeptalbum in diesen Zeiten eher die Ausnahme als die Regel geworden, erfordert es doch eine deutlich (zeit-)intensivere Auseinandersetzung als die Websingle – oftmals sowohl auf inhaltlicher als auch auf musikalischer Ebene. Die Berliner Post-Metal-Band THE OCEAN vollbringt hierbei erfolgreich die Gratwanderung, komplizierte Musik zu schreiben, die trotzdem ins Ohr geht, was den Zugang ungemein erleichtert – und somit Gehirn- als auch Nackenmuskulatur stimuliert (der Autor ist sich bewusst darüber, dass das Gehirn kein Muskel ist). Und der Erfolg gibt Robin Staps und seinen Mitstreitern recht: THE OCEAN wurden von Album zu Album populärer, spielten größere Venues vor mehr Publikum und konnten so ihren Status als eine der Speerspitzen des Post-Metal erfolgreich zementieren.

Aktuell befinden sich THE OCEAN allerdings in einer Zeit des Umbruchs – und das in zweifacher Hinsicht: Da wäre einmal das inhaltliche Neuland, welches die Band mit ihrem neuesten Streich „Solaris“ betritt – aber auch ein ziemlich umfassender Personalwechsel sorgt dafür, dass die Band durchaus anders klingt als noch zu „Phanerozoic“- oder „Holecene“-Zeiten. So haben mit David Ramis Åhfeldt (Gitarre), Loïc Rossetti (Gesang) und Paul Seidel (Schlagzeug) drei langjährige Mitglieder die Band verlassen, welche durch Enrico Tiberi (Gesang, DARK SIDE, BRIGHT SIDE), Lane Shi (Gesang, Ex-ELIZABETH COLOUR WHEEL, OTAY:ONII), Emmanuel Jessua (Gitarre, HYPNO5E), Marco Gennaro (Gitarre, ebenfalls DARK SIDE, BRIGHT SIDE) und Jordi Farré (Ex-CRIPPLED BLACK PHOENIX) ersetzt wurden – ein nicht ganz unkomplizierter Prozess, wie uns Bandleader und Gitarrist Robin Staps im Interview erklärt.

Hallo Robin, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst. „Solaris“ ist der Start einer neuen Schaffensphase in der Geschichte von THE OCEAN, auch inhaltlich/konzeptionell, da wir den von der Paläontologie inspirierten Albumzyklus und damit die bekannte Menschheitsgeschichte verlassen – „Solaris“ ist quasi Science Fiction. Kannst Du uns ein bisschen was über die Entstehungsgeschichte erzählen?
Ich habe im Laufe des letzten Jahres sehr viel gelernt. Ich habe viele andere Dinge gelesen, als die, mit denen ich mich sonst in den letzten Jahren auseinandergesetzt habe. Ich habe viele Reiseberichte von historischen Forschern und Entdeckern gelesen. Und in der Zwischenzeit natürlich auch Tarkowskis „Solaris“-Film bestimmt zehnmal geguckt. Insofern, ja, ich brauchte etwas Neues.

Robin Staps (Gitarre) © Jovi Zhang

Die Serie von erdgeschichtlichen Konzeptalben sollte eigentlich schon mit „Phanerozoic I“ vorbei sein. Und „Holocene“ war dann quasi noch so ein Anhängsel, was sich ergeben hat, einfach dadurch, dass dieses Album relativ spontan entstanden ist. Ich hatte tatsächlich zu der Zeit schon an „Solaris“ gearbeitet, oder den Songs, die jetzt „Solaris“ geworden sind. Und dann hat mir Peter Voigtmann, unser damaliger Synthesizermann, elektronische Ideen von sich geschickt. Ich fand das zu der Zeit sehr inspirierend. Das war mitten in der Corona-Pandemie und ich habe dann angefangen, THE-OCEAN-Songs da drüber zu bauen. Das hat erstaunlich gut funktioniert. Und dann war da plötzlich dieses Album, was eigentlich so ein bisschen ein ungewolltes Kind war. (lacht) Aber wir waren dann ganz geflasht davon. Deswegen wurde das ganze „Solaris“-Material dann erst mal in die Schublade gesteckt und wir haben uns erstmal auf „Holocene“ konzentriert. Und das war dann quasi noch ein weiteres Album, was ursprünglich in dieser erdgeschichtlichen Konzeptalbum-Serie so eigentlich gar nicht angedacht war. Und eigentlich war ich nach „Phanerozoic II“ schon ein bisschen an dem Punkt, wo ich dachte, jetzt reicht’s aber auch.

Insofern Neuland, ja, und sehr interessantes Neuland. Und das ganze Album-Konzept hat sich eigentlich auch wirklich sehr langsam aus dem Prozess heraus entwickelt. Also das, was jetzt am Ende daraus geworden ist. Am Anfang war die Grundidee, ein Album zu machen, was an den Tarkowski-Film „Solaris“ angelehnt ist. Und das ist es auch geworden. Aber es ist jetzt auch kein direkter Soundtrack zum Album oder so. Das Album folgt allerdings nicht der Chronologie des Films, sondern nimmt Bezug auf bestimmte Kapitel, bestimmte Teile, bestimmte Szenen davon.

Und gleichzeitig wollten wir eine Geschichte: Es ist ja eine Reise letztendlich, weg von der Erde hin zu Solaris oder ins All, wie auch immer. Und wir wollten das halt wie eine historische Schiffsreise erzählen. Und vor diesem Hintergrund habe ich dann eben auch viele dieser Entdeckerberichte gelesen. Und das war halt auch total spannend. Für mich war es einfach wichtig, dass jetzt wirklich was Neues kommt, mit dem ich mich auch intellektuell auseinandersetzen kann. Und das ist absolut gelungen.

The Ocean Cover
„Solaris“ Cover

Ich bin vor kurzem in einem anderen Kontext über Tarkowski gestolpert: Mir wurde der Film „Stalker“ empfohlen, den ich bisher nicht gesehen habe, der aber im Hinblick auf die Produktionsumstände und Ästhetik auch sehr spannend zu sein scheint…
Du weißt, dass wir auch ein Album über „Stalker“ gemacht haben? Das ist unser „Pelagial“-Album von 2013. Das ist tatsächlich an den Film angelehnt. Und als ich ursprünglich die Texte für das Album geschrieben habe, waren das alles Original-Untertitel aus dem Film. Und dann hat unser damaliger Publisher gesagt, dass das nicht geht und wir das nicht machen können. Aber zu dem Zeitpunkt hatten wir schon angefangen, das aufzunehmen. Dann habe ich mit Loïc halt alles nochmal neu aufgenommen, neue Texte geschrieben. Ein paar Zitate sind immer noch drin, auch auf „Solaris“ gibt es einige Zitatpassagen aus dem Film. Aber ursprünglich war es eigentlich so gedacht, dass die gesamten Texte von „Pelagial“ „Stalker“-Subtitles sein sollten. Wir haben ja oft zwei Narrative, die ineinander verwoben sind. Bei „Solaris“ ist es jetzt tatsächlich wieder genauso. Und bei „Pelagial“ war das eben auch so. Das eine Narrativ ist quasi die Reise von der Meeresoberfläche durch die verschiedenen pelagischen Schichten in die Tiefe. Aber textlich ist das Album auch an „Stalker“ angelehnt, was ja eigentlich auch eine Reise durch diese „Zone“ ist, diese Stadt, wo dann die Wünsche von den Leuten wahr werden. Also die Idee war dann, diese Reise analog zu erzählen, als Reise in die Tiefen der menschlichen Psyche oder in die Abgründe der Psyche. Und das ist dann auch eine ganz passende Analogie zu der Reise in die Tiefen des Meeres. Das war damals die Idee hinter „Pelagial“.

THE OCEAN 2026 © Jovi Zhang

In den 2010er Jahren war THE OCEAN mehr Kollektiv als Band. Viele Besetzungswechsel, viele Gastmusiker, dann ab „Heliocentric“ längere Perioden mit zumindest teilweise denselben Musikern. Wie fühlte sich der aktuelle Personalwechsel nach dieser langen Zeit mit derselben Besetzung an? Kam der Ausstieg von Paul, Loïc und David eher spontan für Dich und was passierte, nachdem klar war, dass die drei THE OCEAN verlassen würden?
Ja, das war schon ein relativ langer Prozess. Das alte Line-Up ist im Laufe des Jahres 2024 zerfallen. Aber das war natürlich auch das Ende eines Prozesses, der schon länger am Brodeln war. Wir hatten einfach eine Sackgasse erreicht. Irgendwie mit der Band und dieser speziellen Formation der Band. Paul, unser alter Schlagzeuger, hat es ganz gut auf den Punkt gebracht, der hat gesagt: „Wir spielen die fettesten Shows unserer Karriere, aber ich fühle nichts mehr dabei.“ Und als ich das gehört habe, war dann auch für mich klar: Ja, das ist jetzt vorbei. Dann ist es auch nicht richtig, weiterzumachen. Wenn man sich selbst dazu überreden muss, etwas zu machen, funktioniert das dann halt nicht. Also das war für uns alle immer das, was wir bewusst mit unserem Leben machen wollten. Und wo wir auch viel Zeit, quasi unser gesamtes Leben reingesteckt haben. Wir haben seit Pandemieende über 100 Shows gespielt. Das ist halt mehr als das halbe Leben, wenn man noch Reisetage und Proben und so weiter mitzählt. Und insofern ist auch verständlich, dass man da irgendwann dann an den Punkt kommt, wo man dieses große Commitment vielleicht nicht mehr leisten will. Und das war halt für Loïc, Paul und David so, aus ganz verschiedenen Gründen. David ist zum Beispiel Vater geworden, insofern war es eine ganz einfache Sache. Wir haben halt alle nicht mehr dieselbe Antwort auf die Frage gehabt: „Willst du deine Zeit noch dieser Band widmen?“ Und zwei von uns haben Ja gesagt, das waren Matthias und ich, und drei haben Nein gesagt. Und insofern war die Sache dann halt auch relativ schnell klar.

Aber wir haben uns dann ja noch entschieden, die bereits geplanten Shows weiterzuspielen, haben „HELLFEST“ als letzte Show mit dem alten Line-Up gespielt und da ist es uns auch gelungen, uns auf die positiven Aspekte unserer jahrelangen guten Zusammenarbeit zu konzentrieren, all das zu genießen und zu feiern. Also mir ging das zumindest so und ich denke, allen anderen eigentlich auch. Es war eine wunderbare Show, ein guter Abschluss und die Tatsache, dass wir zehn Jahre zusammen in der Band gespielt haben, ist auch im Nachhinein ein bisschen so etwas wie ein Wunder. So viel muss zusammenpassen, damit so eine Beziehung aus fünf Personen so lange hält und man sich auch gegen die üblichen Dinge, denen sich unsere Freunde in unserem Alter widmen, nämlich meistens Familie oder besser bezahlte Karrierejobs, entscheidet und mit der Band weitermacht. Also im Nachhinein finde ich, das ist wie ein kleines Wunder und etwas, worauf wir alle stolz waren und das war uns halt wichtig.

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Aber für mich war es schon auch ein Schock, weil wir so viel Zeit in das Projekt gesteckt hatten und das hat dann ja auch alles funktioniert: Die Shows wurden immer besser und die Touren wurden immer besser. Es war am Ende wirklich komfortabel, sodass wir uns wirklich auch aussuchen konnten, was wir wirklich machen wollen. Und es kamen wirklich viele Leute zu den Shows, das war auch nicht immer so. Die haben Geld für ein Ticket bezahlt und die Gagen wurden besser und als es endlich so richtig gut losging, war dann plötzlich die Luft raus. Und das war für mich halt ein bisschen schwer nachzuvollziehen.

Aber ich habe auch erkannt, dass Menschen unterschiedliche Stresstoleranzen haben. Ich habe, glaube ich, eine relativ hohe und nicht jeder hat so eine hohe wie ich, was auch völlig okay ist und insofern sind wir einfach an diesen Punkt gekommen und haben es dann, wie ich glaube, gut zu Ende gebracht. Mit dem neuen Line-Up gibt es jetzt natürlich eine völlig andere Energie und eine Dynamik, die es jahrelang bei uns nicht mehr gab.

Und jetzt kannst Du nicht mehr mithalten… (lacht)
Das kann jetzt tatsächlich auch passieren, ja genau. (lacht) Also wenn man sich mit frischen, neuen Leuten umgibt, mit denen man vorher nichts zu tun hatte, dann fängt man ja gewissermaßen bei Null an. Und das ist super aufregend und spannend und gleichzeitig merkt man aber auch, dass gewisse Routinen, die man halt vorher hatte, sich erst wieder neu bilden müssen und in diesem Prozess sind wir jetzt gerade. Und das betrifft die verschiedensten Bereiche. Das betrifft natürlich die Live-Routine auf der Bühne. Wenn man 300 Shows zusammen gespielt hat, da ist einfach alles so krass locked in und das kannst du nicht durch 30 Proben ersetzen. Man muss wirklich eine gewisse Anzahl von Shows spielen, damit das kommt. Also da haben wir jetzt, glaube ich, noch einen langen Weg vor uns. Auch wenn das alles super talentierte Musiker sind, ist es halt so, dass man dieses Zusammenspielen neu lernen muss, da gibt es kein fast forward. Da muss man einfach durch.

Und auch was die Organisation angeht und gewisse Verantwortlichkeiten, wer was macht und so weiter, das muss halt jetzt alles wieder neu aufgebaut werden. Das ist manchmal ein mühsamer Prozess, aber insgesamt ist einfach so eine frische Energie da, die total gut tut und wichtig ist. Ich bin 45 Jahre alt und ich brauche das auch. Ich brauche irgendwie auch Leute um mich herum, bei denen ich merke, die haben da Bock drauf. Wenn ich merke, ich muss die dazu überreden, doch bitte irgendeine Tour oder ein Festival in Brasilien zu spielen und eigentlich haben alle keinen Bock, dann läuft mir das halt auch nicht gut rein. Also man muss da Bock drauf haben, das ist ganz wichtig. Ich bin da ganz empfindlich, wenn ich merke, dass ich dann in so einer Bittsteller-Position bin oder versuchen muss, die Leute zu überreden. Das ist nicht gut, es muss aus eigenem Antrieb kommen. Das ist jetzt wieder so und insofern war das, was passiert ist, für alle Beteiligten gut, glaube ich. Die alten Mitglieder haben Ruhe von THE OCEAN, die Ruhe, die sie haben wollten, und ich habe ein neues Team von Leuten, die da wirklich Bock drauf haben – und das ist sehr schön.

Jordi Farré (Schlagzeug) © Jovi Zhang

Kannst Du uns ein bisschen was zu Deinen neuen Mitstreiter:innen erzählen? Wie habt Ihr Euch kennengelernt und wie kam es dann zur Zusammenarbeit?
Also Jordi Farré war der erste, den wir wirklich über Posts auf Social Media gefunden haben. Wir brauchten einen Drummer, weil Paul die „HELLFEST“-Show nicht mehr machen wollte und alle anderen vom alten Line-Up wollten die noch spielen. Und deswegen hatten wir einen ganz konkreten Termin und eine Herausforderung: Lerne ein 90- oder 70-Minuten-Set innerhalb der kommenden drei Monate. Und das haben wir halt gepostet, hatten dann jede Menge Zuschriften und Jordi war derjenige, der tatsächlich zuletzt dazu kam. Zu dem Zeitpunkt hatten wir uns eigentlich schon fast für jemanden anderen entschieden, aber dann hat er so krass abgeliefert, dass dann irgendwie klar war, dass das bei Weitem die beste Performance ist. Das hat sich alles einfach richtig angefühlt. Aber das war ein klassisches Auditioning.

Marco Gennaro (Gitarre) © Jovi Zhang

Bei allen anderen war es gar nicht so. Alle anderen waren zufällige Begegnungen, die sich zufällig im Laufe des Jahres 2025 ergeben haben. Also Jordi hat den Anfang gemacht, Anfang 2025 haben wir uns für ihn entschieden und das „HELLFEST“ war im Juni. Und im Laufe der ersten Hälfte des Jahres habe ich erst Lane kennengelernt und dann Enrico über Marco. Und Manu war der Einzige, den ich schon seit Ewigkeiten über HYPNO5E kannte und wir hatten auch schon 2006 mit THE OCEAN und HYPNO5E zusammen Konzerte gespielt.

Emmanuel Jessua (Gitarre) © Jovi Zhang

Manu war meine erste Idee für einen neuen Gitarristen, den habe ich direkt angefragt und der hat aber erst mal wochenlang nicht geantwortet, weil er busy mit HYPNO5E war. In der Zwischenzeit hat mich Marco angeschrieben, hat sich vorgestellt als Gitarrist und langjähriger Fan der Band – und das klang alles sehr gut, was er uns da geschickt hatte. Dann habe ich mir seine alte Band angehört und das ist eine Band, die er zusammen mit Enrico hatte: DARK SIDE, BRIGHT SIDE, die haben in der Pandemie ein hoffnungslos unterbewertetes bzw. in der Pandemie untergegangenes Album veröffentlicht, das sehr gut ist. Und als ich mir das angehört habe, wegen Marco an der Gitarre, bin ich dann auch auf den Sänger aufmerksam geworden und habe ihm dann geantwortet, dass ich mir das alles gut vorstellen könnte – und er doch gleich mal seinen Sänger mitbringen soll. Dann haben wir uns in Berlin getroffen, Marco, Enrico und ich, das war quasi der Anfang.

Lane Shi (Gesang) © Jovi Zhang

Und Lane endete durch einen Zufall bei mir: Wir machen regelmäßige Hot-Pot-Dinner mit der Label-Crew von „Pelagic Records“. Und einer von uns kommt aus China und ist ein unglaublich guter Koch, der macht handgemachte Nudeln – und er hat Lane mitgebracht, er kannte sie über eine Bekannte aus Shanghai und dann fiel mir auch auf, dass ich sie vom „ROADBURN FESTIVAL“ kenne, von ihrer ehemaligen Band ELIZABETH COLOUR WHEEL. Wir hatten halt viel, über das wir reden konnten und ich hab mir dann danach auch nochmal intensiv ihr Solo-Material angehört und habe mir von Anfang an gedacht, das könnte ich mir irgendwie super für THE OCEAN vorstellen. Das wäre eine völlig andere Richtung, was radikal anderes, was aber gleichzeitig wunderbar funktionieren könnte – aber ich habe sie dann nicht gefragt.

In der Zwischenzeit hatte ich dann Enrico besser kennengelernt. Er hatte sofort angefangen, Cover von alten THE-OCEAN-Songs zu machen und das hat super funktioniert. Und dann, als wir das „HELLFEST“ gespielt hatten, schrieb mir Lane dann. Ich hatte ihr ein paar Vorproduktionen vom neuen Album geschickt, sie hatte mir auch ihr neues Album geschickt, ich hatte sie ja in der Zwischenzeit auch für „Pelagic Records“ gesigned, mit ihrem eigenen Projekt OTAY:ONII und dann sagte sie, dass sie sich vorstellen könnte, über diese Vorproduktion von mir zu singen. Ich hab mir dann gedacht: „Sehr schön, den Gedanken hatte ich eigentlich auch schon, hatte dich aber nicht gefragt, weil ich nicht wusste, wie du reagieren würdest.“

Enrico Tiberi (Gesang) © Jovi Zhang

Und so kam das alles zusammen, über zwei oder drei Monate letztendlich, also eigentlich alles zufällige Begegnungen. Nach dem „HELLFEST“ waren wir dann plötzlich auch sehr schnell dabei, an diesem „Solaris“-Album zu arbeiten. Die Musik war ja wie gesagt schon da, die ursprünglichen Songideen stammten aus der Pandemiezeit und wurden damals nur wegen „Holocene“ zurückgestellt, was eben zur gleichen Zeit entstanden ist. Wir hatten also auch konkretes Material, mit dem wir arbeiten konnten, aber es war alles instrumental und der gesamte Gesang ist dann im Laufe des letzten Jahres entstanden.

Zu den Gastmusikern: TANGERINE DREAM passt in Sachen analoger Sound- und Synthästhetik auf den ersten Blick gut zu einer Space Opera. Was war der Gedanke hinter der Zusammenarbeit mit Thorsten Quaeschning und wie kam es dazu?
Das war eine total spontane Schnapsidee von mir. Ich hatte eines Morgens einen Post von Thorsten in meinem Instagram-Feed gesehen, dass er irgendwas mit Christoph Hahn von SWANS gemacht hatte. Das war gerade, als wir in den „Hansa Studios“ am Aufnehmen waren und dann war da irgendwie die Connection: TANGERINE DREAM haben doch auch in den „Hansa Studios“ aufgenommen und dann habe ich mir plötzlich gedacht, das wäre doch eigentlich total geil, den mal zu fragen, ob der Bock hat, was auf dem Album zu machen. Ich habe ihn dann angeschrieben und er schrieb dann auch gleich zurück und kam am nächsten Tag vorbei, als wir da am Aufnehmen waren – und dann haben wir uns lange und sehr vorsichtig über Musik unterhalten. Es war sehr interessant, weil wir einen ganz anderen Background haben. Das gilt, glaube ich, für uns alle in THE OCEAN und Thorsten und TANGERINE DREAM: Dass wir grundsätzlich einfach eine Neugier haben, die uns dazu antreibt, mit anderen Leuten, die auch einen anderen Background haben, zusammenzuarbeiten. Denn das sind meistens die spannendsten Kollabos, da kommen die coolsten Sachen bei raus und so haben wir uns dann gegenseitig so ein bisschen im Studio abgetastet und einfach über Musik geredet.

Mattias Hagerstrand (Bass) © Jovi Zhang

Und dann sah es wirklich so aus, als ob Thorsten Bock hätte, was zu machen. Wir wussten noch nicht genau, in welchem Umfang und er wollte halt erst anfangen, wenn der Bass aufgenommen ist. Das haben wir wiederum erst Monate später gemacht und deswegen ist das Ganze dann wirklich in letzter Minute passiert, weil wir eben erst Bass aufnehmen mussten. Wir haben uns aber ungefähr eine Woche vor dem Albummix eine ganze Woche bei Thorsten im Studio eingefunden und mit ihm an diesem Album gearbeitet. Das war wahnsinnig inspirierend, der Typ ist wirklich unglaublich versiert in seinem Feld, sowohl technisch als auch musikalisch und er ist, wie gesagt, ein sehr neugieriger Musiker. Und was absolut bemerkenswert ist: Man kann ihm den Sound beschreiben und er weiß sofort, wie und an welchem Synthesizer er den herstellen kann. Alles ist verkabelt und sofort fertig, plug and play, und es war sehr cool, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Am Anfang hat er, glaube ich, ein bisschen Zeit gebraucht, um sich in unseren komischen Kosmos einzugewöhnen und da einzutauchen. Es gibt halt sehr viel rhythmische Vertracktheiten, die einem vielleicht gar nicht so klar sind, wenn man die Musik das erste Mal hört, aber wenn man dann anfängt, mitzuzählen, ist halt bei jeder Wiederholung etwas anders. Also es gibt zumindest ein paar Songs, „Belligerence“ ist zum Beispiel so ein Track auf dem neuen Album, wo sich ständig irgendwas in der Zählzeit ändert und deswegen hat er mit seinen analogen Vier-Viertel-Stepsequenzern da keine einfache Zeit gehabt. Er hat dann wirklich viel per Hand gespielt und dabei sind superschöne Sachen rausgekommen.

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Am Ende hatten wir nach dieser einen Woche viel mehr, als wir auf dem Album unterbringen konnten, weil ja eigentlich alles schon fertig war. Gesang war fertig und ohnehin war „Solaris“ soundtechnisch schon sehr dicht, auch ohne Thorsten – und außerdem hatte eben Orestis Zafiriou auch am neuen Album gearbeitet und elektronische Passagen beigesteuert.

Was hat Orestis Zafiriou noch konkret beigetragen?
Orestis war der erste, den ich darauf angesprochen hatte, weil ich seine Elektronikarbeit bei PLAYGROUNDED, auch eine „Pelagic-Records“-Band, supergeil finde. Er macht halt sehr moderne Sachen, die eigentlich eher aus dem Techno-Bereich kommen, aber auch im Rahmen von harter Musik eben sehr passend untergebracht – wie eben bei PLAYGROUNDED, die übrigens jetzt am Freitag ein grandioses neues Album veröffentlichen. Deswegen war er eigentlich mein erster Gedanke und der hatte auch die ganze Zeit parallel schon am Album gearbeitet und hat genauso viel dazu beigetragen wie Thorsten. Er spielt auch auf jedem Track, aber die beiden haben überhaupt nicht miteinander gearbeitet, weil das mit Thorsten so ein Last-Minute-Ding war. Und da hatten wir plötzlich zwei Interpretationen der Elektronikkomponente für dasselbe Album von zwei Leuten, die kein Wort miteinander geredet hatten.

Das war eine total absurde Situation, die aber am Ende sehr gut funktioniert hat, weil das harmonische Grundgerüst natürlich für beide dasselbe ist. Insofern haben sehr viele Sachen dann tatsächlich sehr gut zusammengepasst und wir hatten selten den Fall, dass die beiden was so Ähnliches gemacht haben, wo man sich dann entscheiden musste. Das war alles total superspannend. Aber das Album war eben schon sehr voll beladen und deswegen haben wir nicht alles untergekriegt.

Wir haben dann den Plan gefasst, dass wir eine parallele Instrumentalversion des Albums veröffentlichen werden, wo wirklich die Synths im Vordergrund stehen – aber zu einem späteren Zeitpunkt. Wir haben bereits angefangen, mit Jens Bogren daran zu arbeiten. Aktuell ist es sehr überladen, aber wenn man schon mal den Gesang rausschmeißt, wird es besser. Wir werden auch eine ganze Menge Gitarren rausschmeißen und wirklich überwiegend Drums, Bass und Synths auf dieser Version vom Album fahren. Und dadurch entstehen Songs, die grundsätzlich dieselben sind wie auf dem „Solaris“-Hauptalbum, was wir jetzt veröffentlichen, aber gleichzeitig völlig anders klingen. Das ist eine sehr spannende Sache, für die jetzt im Moment aber leider einfach gar keine Zeit da ist, weil wir gerade in diesem ganzen Album-Release-Trubel sind. Aber sobald das vorbei ist, freue ich mich sehr darauf, da auch mit Thorsten weiter dran zu arbeiten.

Diese Kollabo hat uns beiden oder uns allen, glaube ich, sehr viel Spaß gemacht, und da wird auf jeden Fall noch mehr kommen, denke ich. Aber wir wollen es diesmal wirklich separat machen, weil das wird schon ein anderes Album und das wäre ertrunken neben dem Hauptalbum. Daher die Entscheidung, das diesmal nicht gleich parallel rauszuhauen, sondern uns dafür auch noch ein bisschen Zeit zu nehmen und es dann wirklich als getrenntes Release zu machen. Und dann vielleicht auch in der Besetzung mit Thorsten mal live zu spielen. Das wäre was, was wir beide oder was wir alle sehr gerne machen würden, aber das braucht halt Zeit für die Vorbereitung und das war jetzt einfach noch nicht gegeben.

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„Ultima Esperanza“, „Milk Of My Dreams“ und das Outro verbindet ein Synth-Sample, obwohl die drei musikalisch sehr unterschiedlich sind. Die letzten beiden Songs sind extrem krautrockig, wenn nicht sogar technoid und quasi vollständig ohne Metaleinflüsse, was sehr ungewöhnlich und neu für THE OCEAN-Verhältnisse scheint. Was ist der Gedanke dahinter?
Ja, also „Milk Of My Dreams“ ist so das Prime-Stück, wo Torsten wirklich massiv abgeliefert hat. Da hat er an so einem Novation-Synth in Echtzeit an den Filtern gedreht und das ist sehr wichtig geworden für den Song. Der Synth am Anfang, auf den du dich beziehst, ist ein Korg MS-20, den hatte ich tatsächlich in meiner Vorproduktion schon so mit irgendeinem billigen Logic-Instrument gebaut und er hat es dann halt echt an einem echten Hardware-MS-20 nachgebaut – und am Ende ist es die Summe von zwei Sounds. Aber ja, bei „Ultima Esperanza“ hört man sehr viel Thorsten, auch bei „Belligerence“, auch bei „Simulacra“, also eigentlich spielt er auf jedem Track des Albums. Aber wie gesagt, das Album war so dicht, dass wir das bei der Vocal-Version nicht so in den Vordergrund stellen konnten, wie es das eigentlich verdient. Deswegen eben auch der Gedanke, da noch diese zweite Version zu machen.

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Im Gegensatz zu den letzten Alben, die Stück für Stück an verschiedenen Orten auf der Welt und in verschiedenen Studios aufgenommen wurden, seid Ihr diesmal in die legendären Berliner „Hansa Studios“ gegangen. Wie kam es zu dieser Entscheidung und habt Ihr wirklich alle Instrumente da aufgenommen?
Wir wollten in den „Hansa Studios“ eigentlich nur Drums aufnehmen. Es war dann aber so, dass wir dort so viele geile alte Vintage-Keyboards gefunden haben und Enrico ist eben auch ein virtuoser Pianist. Deswegen haben wir dann am Ende einen Teil der Drums-Session dafür verwendet, da zusätzlich noch Celesta, Rhodes und Klavier aufzunehmen, neben den Drums. Alles andere haben wir dann selber gemacht: Gitarren, Bass und Gesang haben wir in unserem eigenen Studio in Berlin aufgenommen. Also in den „Hansa Studios“ wirklich nur Drums und die ganzen analogen Keyboards und Synths. Und dann die Thorsten-Sachen bei Thorsten. Und dann noch Orestis und Simon, der Posaune spielt auf dem Album – wie auch schon bei den „Holocene“-Live-Shows, die wir gespielt haben. Da hatten wir ihn auch live mit dabei. Die haben das halt auch bei sich zu Hause aufgenommen.

Wie fertig war „Solaris“ schon, als die anderen dazugekommen sind? Konnten die Neulinge sich nochmal so richtig einbringen und hat sich dadurch viel von dem verändert, was du vorproduziert hattest?
Also die eigentlichen Song-Strukturen haben sich nicht viel geändert. Die Songs bestanden in derselben Reihenfolge. Das Album wurde auch tatsächlich so geschrieben. In einer bestimmten Reihenfolge. Diese Songs sind alle so nacheinander passiert und daran hat sich eben nicht viel geändert.

Aber es war alles instrumental. Das heißt, der gesamte Gesang ist neu entstanden. Es gab auch keine Basslinien. Das hat alles Matthias komponiert oder wir beide zusammen im Laufe des letzten Jahres. Und Jordi hat natürlich die programmierten Drums auch auf seine Art und Weise neu gestaltet und einfach musikalisch gemacht. Also ich bin halt kein Drummer. Ich programmiere Drums und zum Teil hat er sich sehr akribisch daran gehalten. Er hat das Material auch wirklich gelernt, was ich sehr geil fand. Aber ein echter Schlagzeuger macht das natürlich am Ende einfach auch viel besser.

Insofern hat jeder Einzelne da auf jeden Fall seine Persönlichkeit und sein Talent massiv in „Solaris“ eingebracht. Und das, was man jetzt am Ende hört, ist die Summe aller Einzelteile. Also natürlich nicht nur meine Komposition, sondern eben alle haben da einen sehr wichtigen Teil dazu beigetragen.

Vielen lieben Dank für das Gespräch und die Zeit. Alles Gute für das Album-Release und die nächsten Shows.

Stephan Gossen

Publiziert am von

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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