Interview mit V.I.T.R.I.O.L. (Dave Hunt) von Anaal Nathrakh

Kenner wissen seit mittlerweile elf Jahren, dass der Superlativ zu „extrem“ nicht „am extremsten“, sondern ANAAL NATHRAKH lautet. Vier Alben brachte das britische Duo Mick Kenney und Dave Hunt zwischen 1998 und 2007 heraus, dieses Jahr legten sie mit ihrem fünften Werk „In The Constellation Of The Black Widow“ gar deftig nach. Grund genug, Mikrofonquäler Dave aka V.I.T.R.I.O.L. mit Fragen zu bombardieren. Im Verlaufe des Gesprächs verriet er nicht nur, was Freud so alles erfreut hätte, was passiert, wenn Musikjournalisten Promos leaken und beweißt eindrucksvolle Eloquenz bezüglich der Frage, ob man mit einer Neuaufnahme des Original zu übertreffen gedachte. Aber lest selbst…

Hy Dave, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nehmen konntet, es ist mir eine Ehre und eine große Freude, die Gelegenheit zu haben, dir ein paar Fragen zu stellen. Bevor wir aber dazu kommen, wie geht’s dir, wie geht’s euch im Augenblick?
Müde. Beschäftigt. Ich wünsch mir im Allgemeinen, dass es jeden Tag so ungefähr fünf bis sechs Stunden mehr gäbe, damit ich alles erledigen und auch schlafen könnte – meistens scheint es so, dass ich mich für eins von beidem entscheiden muss.

Wenn ich mich nicht täusche, dann solltet ihr gerade vom kontinentalen Europa zurückgekehrt sein, weil ihr da ein paar Shows gespielt habt, eine davon hier in Deutschland auf dem Summer Breeze Festival. Kannst du ein paar Eindrücke mit uns teilen, solang sie noch frisch sind?
Ja, wir haben beim Brutal Assault in Tschechien und beim Summer Breeze in Deutschland gespielt, beide innerhalb von einer Woche, und die waren fantastisch. Wir hatten vorher nur einen vergleichbaren Auftritt – Hellfest in Frankreich im letzten Jahr (das auch großartig war) – deswegen wussten wir, wie jedes mal, nicht so wirklich, was wir erwarten sollten. Aber wie gesagt, die Reaktionen der Fans waren phänomenal. Wir wurden gefragt, ob wir beim Brutal Assault eine Autogrammstunde geben würden und wir hatten erwartet ein paar Leute da zu sehen, ein paar Fotos zu machen und so weiter, und dass es das dann wäre. Aber dann stand da eine riesige Schlange von Leuten, die auf uns gewartet haben, noch bevor wir überhaupt da angekommen sind. Das Festival findet in einem gewaltigen antiken Militärlager statt, das ist ein ziemlich besonderer Ort. Und bei den Shows selbst war das Publikum einfach großartig. Wenn du im Zelt bei einem Festival wie dem Summer Breeze spielst, dann ist da offensichtlich eine wesentlich größere Band, die gleichzeitig auf der Hauptbühne spielt, aber trotzdem waren da tatsächlich tausende von Leuten, die alle geschrien und nach einer Wall of Death gerufen haben. Wir waren etwas perplex und sehr dankbar. Eine besonders lustige Sache ist uns passiert – wir sind nach unserer Show im öffentlichen Bereich herumgelaufen und haben was zu Essen gesucht. Da kam ein Typ zu mir und fragte mich auf Deutsch, ob ich wüsste, wie man zur Hauptbühne kommt. Also hab ich ihm auf Deutsch den Weg erklärt. Dann hat er mich angeschaut und (wieder auf Deutsch) gesagt: „Weißt du, du siehst genau so wie der Sänger von Anaal Nathrakh aus.“ Also hab ich geantwortet: „Der bin ich.“ Er schaute mich an, dann bemerkte er Mick, der neben mir stand, und dann ist ihm die Kinnlade runtergeklappt, haha! Es zeigte sich, dass er ein echt netter Kerl war, ein Fan der Band und sich richtig darauf gefreut hat uns spielen zu sehen, und dass, obwohl der Sound scheiße war, die Performance sehr cool war und es wirklich großartig war, uns zu sehen. Und die andere Sache, die mir am Summer Breeze besonders im Gedächtnis blieb, war die Kuh. Ich hab das, was wir „hog roasts“ nennen, schon mal gesehen – ein ganzes Schwein, das am Spieß gebraten wird. Aber bei dem Festival hatten sie das auch bei einem Verkaufsstand, aber anstatt eines Schweins war es eine ganze verdammte Kuh.

Okay, lass uns über euer neues Album „In The Constellation of the Black Widow“ sprechen. Es ist jetzt seit einiger Zeit draußen, seit dem 29. Juni um genau zu sein. Erinnerst du dich noch, wie ihr euch vor der Veröffentlichung gefühlt hast? Wart ihr wegen den möglichen Reaktionen vielleicht besorgt, oder konntet ihr den Release vielleicht kaum erwarten?
Definitiv eher Erwartung als Besorgnis. Wir waren völlig überzeugt (und sind es immer noch), dass das Album das Beste war, das wir je gemacht haben. Wir haben wirklich gehofft, dass wir es endlich mal schaffen, das Veröffentlichungsdatum zu erreichen, bevor irgend jemand das Ding ins Internet gestellt hat – ja, es schwächt die Verkäufe, wenn das passiert, aber noch mehr lag es daran, dass wir wollten, dass die Erwartungshaltung, die Aufregung dafür sorgt, dass der Release ein richtiges Event wird, bei dem die Fans endlich die neuen Songs hören können. Wir wussten natürlich, dass das unwahrscheinlich war, aber wir haben’s halt gehofft. Aber nein, irgend ein Mädchen, das für ein Webzine gearbeitet hat, hat’s verschissen, indem sie es vorzeitig über eine Torrent-Seite verbreitet hat. So etwas kann man mittlerweile zu individuellen Leuten zurückverfolgen. Ich brauche wohl nicht zu sagen, dass sie nicht mehr für die Website arbeitet. Aber davon abgesehen waren wir ziemlich aufgeregt.

Und wie fühlt ihr euch jetzt, nachdem das Album veröffentlicht wurde?
Gut – es war großartig, die fertigen Kopien endlich in den Fingern zu haben – man muiss bedenken, wir haben die CD in den ersten paar Monaten des Jahres aufgenommen, wir mussten also ziemlich lange warten, bis wir das Endprodukt sehen konnten. Und wir waren sehr zufrieden damit, wie das aussah. Aber zugleich war der eigentliche Release von unserem Blickwinkel aus nur eine Art Grenze, die wir überschreiten mussten – wir hatten die Songs ja schon seit einigen Monaten fertig und wenn die CD erst mal veröffentlich sit, dann fängt ja erst die nächste Stufe an, wenn wir Interviews geben und uns mit Promotern über Shows unterhalten und so. Die eine Sache, die diesmal anders war, war die Tatsache, dass wir planten ein Video zu dem Song „More Of Fire Than Blood“ zu drehen – das war was neues für uns, weil wir nie zuvor ein richtiges Video für einen Song gedreht haben und es war ziemlich interessant, in diese Sache involviert zu sein. Ich glaube, das Video ist jetzt bei Youtube und so zu finden, also ist es gut zu sehen, was die Leute davon denken. Wir wollten etwas völlig ungewöhnliches machen, verglichen mit dem Großteil der Musikvideos, obwohl sich jeder wohl selbst Gedanken darum machen müssen wird, inwiefern uns das gelungen ist.

Die Reviews, die ich las (inklusive dem, das ich geschrieben habe), schienen mir alle recht positiv ausgefallen zu sein, fast jeder gab Wertungen nahe am Maximum der Bewertungsskala. Wie habt ihr die Kritikermeinungen erlebt, wie fiel die allgemeine „Wertung“ des Albums aus?
Der Großteil der Reviews, die ich gelesen habe, waren ähnlich gut. Und obwohl es dem Klischee entsprechen würde, dass man ja nicht darauf achten sollte, was Kritiker sagen, tun wir es. Deswegen ist es gut zu sehen, dass die meisten das Album mochten. Es ist merkwürdig, wenn eine Band bekannter wird und mehr Alben veröffentlicht, weil die Meinungen dann in drei verschiedene Richtungen zu gehen scheinen. Da sind die Leute, die noch nie von uns gehört haben, oder zumindest noch nicht viel Zeug von uns. Die Reaktionen, die ich von diesen Leuten mitbekommen habe, waren quasi komplett sehr begeistert, was von unserem Standpunkt aus großartig ist, weil es bedeutet, dass wir neue Leute erreichen. Die zweite Gruppe sind die Leute, die unser älteres Zeug kennen und die aufgeregt und erfreut sind, neues Zeug zu hören, solange es gut ist. Die große Mehrheit der Leute in dieser Kategorie lieben das neue Album auch. Ich habe von vielen langjährigen Fans gehört, dass das entweder unser bestes Album ist oder wenigstens zu ihren Favoriten zählt. Die dritte Gruppe sind die Leute, die wenigstens ein bißchen älteres Zeug von uns kennen und diese Impressionen benutzen, um sich selbst von vorneherein eine Meinung zu bilden, wie unser neues Material klingen sollte. Diesen Leuten geht dann oft auf, dass wir uns entschieden haben etwas anderes zu machen, als sie wollten, und sie scheinen dann zu denken, dass wir einen Fehler gemacht haben, anstatt sie selbst. Erwartungsgemäß bekommen wir von diesen Leuten eher durchwachsene Reviews, aber um ehrlich zu sein, deren Meinung verwirrt uns eher und wir machen uns da nicht groß Gedanken drum. Offensichtlich gibt es zu einem gewissen Grad Überschneidungen zwischen diesen Gruppen, aber so sehe ich das grundsätzlich. Und die meisten Reaktionen zu Constellation, die ich gesehen ahbe, stammten aus einer der beiden ersten Kategorien und waren sehr positiv, also wurden wir im Großen und Ganzen definitiv von den Reaktionen bestärkt.

Ich habe „Hell Is Empty…“ bislang noch nicht gehört, aber ich hatte das Gefühl, dass obwohl euer Stil sich seit „Domine Non Es Dignus“ und „Eschaton“ relativ stark gefestigt hat, sich die eine oder andere Progression in euren Sound eingeschlichen hat. Ich hatte das Gefühl, hier und da ein paar Hardcore-Einflüsse zu hören, während ein paar der Soli vom klassischen Heavy Metal inspiriert klangen. Was würdest du persönlich sagen, was sind die größten Unterschiede zwischen „In The Constellation Of The Black Widow“ und euren vorigen Alben?
Nein, es gibt keine Hardcore-Einflüsse – keiner von uns steht auf diese Musik, abgesehen vielleicht von dem Gedanken, dass Sick of it All eine gute Live-Band sind und der Fakt, dass ich Seasons In The Size Of Days ganz gerne mag. Du könntest natürlich etwas hören, was dich an Hardcore erinnert, obwohl ich nicht weiß wo, aber wenn ja, dann ist das nur ein Zufall. Um in Sachen Progression mal ein paar grobe Worte zu verlieren, „Eschaton“ war ein großer Schritt vorwärts von „Domine Non Es Dignus“, würde ich sagen. Es war ein viel größeres, kompletter klingendes Album. „Hell Is Empty…“ war schwerlich ein leichtes Album, aber im Kontext unseres Sounds war es etwas mehr darauf ausgelegt, zugänglich zu sein. „In The Constellation Of The Black Widow“ hat die melodische Seite der letzten beiden Alben hervorgehoben und wesentlich besser in den Rest der Musik integriert, so dass sie wesentlich mehr so klingt, als ob sie ein Teil dessen wäre, was vor sich geht. Es hat auch gleichzeitig Schritte vorwärts und zurück gemacht – das ist ohne Zweifel unser bösartigstes Album seit „The Codex Necro“, aber es ist technisch wesentlich perfekter – im ersten Riff von „The Lucifer Effect“ sind mehr Noten, als in einem ganzen Song auf „The Codex Necro“ gewesen wären. Es ist kein technisches Album im Sinne von Necrophagist oder so was, es fließt immer noch in dem Sinne, wie unsere Musik es sollte, aber es ist einfach mehr drin als vorher.

Ich hatte auch den Eindruck, dass der Klargesang jetzt öfter eingesetzt wurde als zuvor und sich deswegen besser in den kompletten Sound von Anaal Nathrakh integrierte. Habt ihr irgendwie geplant, seinen „Stellenwert“ in eurer Musik zu erhöhen, oder ist das eher eine Art natürliche Entwicklung gewesen?
Tatsächlich haben wir ihn auf „In The Constellation Of The Black Widow“ gar nicht öfter eingesetzt, als auf den letzten Alben – nur bei vier Songs auf diesem Album, glaube ich, und bei einem davon nur im Refrain und der ist nicht wiederholt. Ja, ich denke, dass der Gesang jetzt besser mit allem zusammenpasst als vorher. Aber nein, es gab keinen Plan seinen Stellenwert zu erhöhen, was dadurch demonstriert wird, dass wir’s nicht getan haben!

Wo wir schon vom Klargesang redeten, als ihr den bei „Domine Non Es Dignus“ eingeführt habt, hättet ihr euch da jemals vorgestellt, dass er so was wie ein Trademark für Anaal Nathrakh werden könnte?
Wir haben ihn nicht auf diesem Album eingeführt – wir hatten schon immer kleine Parts von Klargesang, seit unseren Demos, und das erste Album war unser einziger Release, der nicht wenigstens einen Song mit einem „großen Refrain“ hat. And sogar da gibt es ein paar klare Gesangslinien im Hintergrund bei ein paar Teilen. Aber „Domine Non Es Dignus“ war wahrscheinlich das Album, bei dem die Leute angefangen haben, ihn zu bemerken. Ein Trademark? Ich denke nicht, dass es so ist. Diese Parts sind genau das – Parts. Sie sind ein Werkzeug, das wir – unter vielen anderen – benutzen und ich denke, dass sie ziemlich effektiv sind, wenn man sie in Verbindung mit allem anderen, was unsere Alben ausmacht, sieht. Aber ich verstehe nicht, wieso sich jemand so sehr auf diesen einen Part unserer Musik versteifen würde, wie du’s tust.

Ich denke man könnte das Hervorheben des Klargesangs als einen recht innovativen Schritt bezeichnen, was euren Sound angeht. Gab es danach so eine Art Druck auf euch, eine Art Erwartungshaltung, dass ihr einfach so die nächste Innovation aus dem Ärmel schütteln müsstet? Und was würdest du zu jemandem sagen, der dir erzählen würde, dass Anaal Nathrakh seiner Meinung nach stagnieren, weil es keinen so signifikanten Umbruch in eurem Sound mehr gab?
Ich würde sagen, dass derjenige nicht genau genug zugehört hat. Ich habe das Wort „Stagnation“ in meiner Antwort über die Reaktionen der Leute vermieden, weil ich dein Review gelesen habe und dachte, dass du es wahrscheinlich erwähnen würdest. Die Wahrheit ist, wir akzeptieren keinerlei Druck von irgend jemandem, abgesehen von uns selbst. Für jede Person, die denkt, dass wir eine Sache tun sollten, gibt es andere, die denken, dass wir etwas völlig anderes tun sollten, und die einzige mögliche Reaktion, die uns dazu offen steht, ist gar nicht zu reagieren und das zu tun, wovon wir denken, dass es das richtige ist. Das haben wir schon immer getan und das werden wir auch immer tun. Was die Sache mit der Progression angeht, am Wahrscheinlichsten ist wohl, dass die Leute, die denken, dass es keine auf diesem Album gibt oder eben nicht genug, gar nicht gut genug verstehen, was sie sich da anhören. Offensichtlich haben die sich ihrer eigenen Meinung verschrieben, aber unsere Antwort wäre wohl, dass sie zu einem gewissen Grad verpassen, was überhaupt los ist. Es ist möglich von einem Album zum nächsten alles, was du schreibst, von Grund auf zu verändern, aber das wollen wir überhaupt nicht tun. Was wir tun wollen ist auf Arten fortzuschreiten, die wir zu diesem Zeitpunkt für angemessen erachten, und der größte Fortschritt auf „In The Constellation Of The Black Widow“ war wohl die technische Seite und weniger offensichtlich in Hinsicht auf die Kompositionen. Die Progression ist also da, sie findet nur auf einem subtileren Level statt und schreit nicht „Das ist anders!“ auf die Art und Weise, die du vielleicht erwartet hattest. Wenn es tatsächlich gar keine Veränderung gegeben hätte, dann könnte es gar keine Leute geben, die sagten, dass ihnen unser letztes Album nicht so sehr gefiel, die aber fanden, dass dieses eine Rückkehr zur alten Form ist. Aber es gibt Leute, die genau das gesagt haben. Wir werden sehen, was auf dem nächsten Album passiert. Wir haben schon ein paar ziemlich experimentelle Ideen. Was übrig bleibt ist die Tatsache, dass der einzig richtige Kurs wohl der ist, dass wir das produzieren, wovon wir denken, dass es richtig ist, nicht irgend etwas zu versuchen und unausweichlich etwas erschaffen, was niemandem gefällt.

Übrigens, Mick hat eine großartige Gesangsleistung auf seinem Professor Fate Album abgeliefert, will er in Zukunft nicht vielleicht auch mal ein paar Vocals bei Anaal Nathrakh beisteuern?
Hm, so weit ich weiß hat Mick bei Professor Fate gar nicht so viel gesungen – du denkst wahrscheinlich an den Song, den Garm aka Kris von Ulver gesungen hat. Aber davon abgesehen, ja, Mick kann ziemlich gut singen, aber es hat ihn nie so sonderlich interessiert. Ich hätte natürlich nichts dagegen, wenn er bei einem Anaal Nathrakh Album ein wenig singen wollen würde, aber er bleibt lieber bei dem, was er tut, und überlässt mir den Gesang.

Ihr habt euch auch diesmal wieder dafür entschieden, Gastvocals auf die CD zu packen, diesmal von Zeitgeist Memento aus Mexiko. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Mick hat mit Repvblika zusammengearbeitet, um eine CD bei FETO rauszubringen. Zeitgeist ist ein sehr charakteristischer Sänger mit einem Stil, der in recht starkem Kontrast zu meinem steht, deswegen war es cool einem von den Songs einen anderen Geschmack zu verpassen, indem wir ihn dazu holen, und es war auch cool ihnen das bißchen ungewohnte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Und ich muss sagen, ich denke, dass es ziemlich gut geworden ist. Er hat großartige Arbeit getan und ist mit dem Track völlig anders umgegangen, als ich es getan hätte. Und es war großartig zu sehen, wie jemand außerhalb der Band mit Anaal Nathrakhs lyrischer Seite umgehen würde – bislang haben wir den Gastsängern immer gesagt, dass sie tun könnten, was sie wollen und haben nicht nach ihren Texten gefragt. Aber diesmal hat Zeigeist und eine Kopie der Lyrics gegeben, die er für den Song geschrieben hat, und das war sehr interessant für uns, weil obwohl ich denke, dass er versucht hat eine sehr Anaal Nathrakh’sche Herangehensweise zu benutzen, der Text etwas herausfordernder ausgefallen ist, als die apokalyptische Sicht, die ich einnehme, weswegen ich dem Song diesen Titel gegeben hab.

Ihr habt schon mit Leuten wie Attila Csihar, Dirty von Donovan und noch einigen mehr als Gastsängern zusammengearbeitet. Gibt es trotzdem noch irgend jemanden, mit dem ihr gern in Zukunft zusammenarbeiten würdet.
Das ist ein leichtes Missverständnis – Daz (aka Dirty) hat gar nicht wirklich bei einem unserer Tracks gesungen – das war so angekündigt, aber es ist letzten Endes nicht dazu gekommen. Aber ja, wir hatten Attila, Joe Horvath und so weiter. Und ja, es gibt immer Leute, mit denen wir gern für einen Track zusammenarbeiten würden – zum Beispiel hab ich mich mit Geist von G.G.F.H. in Verbindung gesetzt und er sagte, dass er was zu unserem vorigen Album beisteuern würde. Uns ist dann aber die Zeit ausgegangen, um was mit ihm aufzunehmen, aber wir hatten gehofft, dass er was zu dieser CD beisteuern würde. Aber dann fanden wir heraus, dass er sein ganzes Equipment verkauft hat und das Musikmachen aufgegeben hat. Verdammt! Ich hab mich auch mit Philip Best von Whitehouse in Verbindung gesetzt – leider konnte er diesmal nichts für uns tun, aber wie gesagt, es gibt immer Leute, mit denen wir gern arbeiten würden. Ich habe ein oder zwei Ideen bezüglich interessanter Menschen, mit denen wir für das nächste Album sprechen könnten, und ich schätze Mick hat auch ein paar Ideen, aber du wirst wohl noch etwas warten müssen, um herauszufinden wer…

Ich war besonders überrascht und erfreut, als ich merkte, dass ihr „Satanarchist“ für „In The Constellation Of The Black Widow“ neu aufgenommen habt, nicht nur weil es meiner Meinung nach der beste Song ist, den ihr je gemacht habt, sondern auch einer meiner liebsten Songs überhaupt. Warum habt ihr euch für die Neuaufnahme von genau diesem Track entschieden?
Naja, ohne jetzt irgendwie klischeehaft zu klingen – wegen Leuten wie dir. Uns gefällt die Idee, alte Songs von den Demos neu aufzunehmen, aus zwei Gründen – Erstens weil eine Menge Leute es wahrscheinlich nie gehört haben. Zweitens zeigt es unsere Fortschritte – was auch immer Leute darüber denken mögen, wie wir uns im Laufe der Zeit verändert haben, es zeigt, dass ein Song von unseren Demos a) im Vergleich mit unserem aktuellen Zeug relativ ruhig klingen kann, aber b) trotzdem noch perfekt zu den neuen Songs passt. Im Fall von „Satanarchist“ lag es daran, dass viele Leute, die den Song kannten, die alte Version liebten und sagten, dass sie sich wünschten, sie könnten ihn mal neu aufgenommen mit einer besseren Produktion hören. Et voilà. Und ich schätze es zeigt einen anderen Aspekt der Themen und Ideen, mit denen wir uns beschäftigen – „Satanarchist“ ist ein ziemlich alberner Name für einen Song. Was die ideologische Seite von Anaal Nathrakh betrifft, so arbeiten wir mittlerweile auf einem wesentlich höheren Level. Aber letztendlich ist es immer noch ein guter Song.

Lass mich diese Frage auf eine eher provokante Art und Weise fragen: Als ihr euch entschieden habt „Satanarchist“ neu aufzunehmen, konntet ihr da überhaupt hoffen, das fantastische Original zu übertreffen? ;-)
Nein.

Nun ja, das neue „Satanarchist“ ist großartig (nicht so gut wie das Original), genau wie der Rest des Albums, trotzdem hab ich ein winziges Problem damit und das betrifft den Sound des Albums. Bis „Eschaton“ fand ich den Sound von jeder Anaal Nathrakh CD perfekt. Aber „In The Constellation Of The Black Widow“ klingt hin und wieder etwas… „krachig“ in meinen Ohren, besonders bei „Satanarchist“ hab ich das Gefühl, dass der Sound hier und da ein bißchen zu clippen anfängt. Naja… was ist da los?
Nichts ist los, es klingt ungefähr genau so, wie wir’s wollten. Tatsächlich sind wir sehr zufrieden mit damit, wie der Sound geworden ist – Mick hat ein paar neue Dinge über die Produktion gelernt und auch darüber, wo er seine Technik verbessern könnte. Und ich finde, dass er einen brillanten Job gemacht hat, besonders beim Mastern. Komisch, dass du meinst, dass der Sound jetzt „zu weit“ geht – bei unsem ersten Album war Distortion über alles gelegt, weil es komplett „into the red“ gemastert wurde. Wir mögen das Geräusch von dingen, die explodieren. Gleichzeitig ist das neue Album aber auch viel klarer als vorher, das wird ziemlich offensichtlich, wenn du dir Tracks von allen Alben im Vergleich anhörst. Ich höre auch kein Clipping und niemand sonst hat das uns gegenüber erwähnt, ich kann also nur annehmen, dass es vielleicht an deiner Ausstattung liegt.

Wie gesagt, davon abgesehen ist die CD toll und es wäre großartig eucht irgendwann mal live zu sehen. Wenn ich mich nicht irre, dann habt ihr in letzter Zeit mehr Shows gespielt. Wir die Frequenz, mit der ihr im Augenblick auftretet, das Maximum sein, was wir von euch zu sehen bekommen, oder werdet ihr vielleicht in näherer Zukunft sogar so was wie eine komplette Tour auf die Beine stellen?
Danke. Ja, wir haben ein paar mehr Shows als sonst gespielt – eine gute Show ist eine erfrischende Erfahrung und es scheint so, als ob es da draußen wirklich viele Leute gibt, die uns gerne sehen würden. Die Reaktionen des Publikums bei fast jeder unserer Shows waren fantastisch. Besonders bei den letzten Festival-Auftritten. Ich denke wir haben genau so viele Shows für den nächsten Monat geplant, wie wir im ganzen letzten Jahr gespielt haben – fünf Stück! Wir haben keine festen Regeln darüber, wie oft wir spielen – wir haben immer gesagt, dass wir nicht so eine Band werden wollen, die immer auf Tour ist, und dass wir wollen, dass es immer eine spezielle Sache für uns und für die Leute, die kommen, bleiben soll. Deswegen haben wir nicht aktiv nach Touren gesucht. Tatsächlich habe ich vor ein paar Tagen ein Angebot für eine Europatour abgelehnt, weil es einfach nicht richtig gewesen wäre. Aber wenn es ein Angebot geben würde, das für uns spannend werden würde, dann würden wir darüber nachdenken, weil das immer noch etwas spezielles wäre. Wir haben in der letzten Woche über ein paar ziemlich große Touren gesprochen, die wir wohl machen würden, wenn es klappen würde. Wie immer müssen wir wohl einfach abwarten, was passiert.

Ich weiß nicht, wie lang ein durchschnittlicher Anaal Nathrakh Gig dauert, aber ich schätze mal, dass er nicht so kurz ist. Wie schwierig ist es, über längere Zeit hinweg zu performen? Ich kann mir vorstellen, dass eure Songs ziemlich anstrengend sind…
Offensichtlicherweise kommt es halt drauf an, wieviel Zeit wir haben – bei Festivals zum Beispiel ist der Zeitplan ziemlich eng. Aber ja, für mich ist eine Show, die länger als 15 Minuten dauert, total entkräftend! Ich kann tatsächlich nicht mehr Kraft reinstecken, als ich eh schon tue, ich gehe dann normalerweise von der Bühne und sitze für die nächste halbe Stunde einfach nur da und starre in die Luft. Aber das Merkwürdigste ist unser Schlagzeuger – Steve hat mir erzählt, dass er normalerweise vor dem fünften Song nicht wirklich aufgewärmt ist. Ich versteh’s nicht – der Typ wärmt sich zwei Stunden lang auf, bevor wir auf die Bühne gehen! Wir haben mal einen Auftritt in London gehabt, wo er mit der anderen Band, bei der er zu der Zeit war (die hieß Theoktony), gespielt hat, dann kam noch eine Band und dann kam er wieder auf die Bühne um mit Anaal Nathrakh zu spielen. Und es ging ihm gut! Tatsächlich sagte er, dass er mit Anaal Nathrakh besser gespielt hat als sonst, weil er da aufgewärmt war. Der Mann ist kein Mensch!

Was gibt es sonst für Pläne für die Zukunft? Arbeitet ihr schon an neuen Anaal Nathrakh Songs oder ist irgend etwas mit euren anderen Projekten geplant?
Es entstehen schon Blasen von neuem Anaal Nathrakh Material im Tümpel. Es wird noch eine Weile dauern, bis die zur Oberfläche hochgestiegen sind, aber ich denke, dass die Zeitspanne zwischen diesem Album und dem nächsten verhältnismäßig kurz wird. Ich weiß, dass Mick auch mit The Deliverance arbeitet, eine Band mit der er in Amerika arbeitet, ich bereite mich darauf vor Texte für das nächste Benediction-Album zu schreiben. Die Musik ist fast fertig, also werden wir mit etwas Glück vor dem Ende des Jahres aufnehmen.

Was ist mit Professor Fate? Ich mag „The Inferno“ sehr gerne und würde gerne einen Nachfolger hören.
Ja, ich wäre auch daran interessiert, neues Zeug zu hören, aber so weit ich weiß hat Mick keine Pläne, in nächster Zeit neues Professor Fate Material zu produzieren. Das heißt nicht, dass das Projekt tot ist, ich bin ziemlich sicher, dass irgendwann was neues rauskommen wird.

Wenn ich mir die Promofotos so anschaue, dann kommt mir folgende Frage: Habt ihr jemals lange Haare gehabt und/oder würdet wieder welche tragen? Und wieso nicht? ;-)
Mick hatte etwa einen Meter lange Dreadlocks als er ein Teenager war. Ich hatte nie lange Haare, mein Haar würde sich eh nicht dafür eignen. Aber um ehrlich zu sein, obwohl ich verstehe, dass einige Leute eine symbolische Signifikanz mit langem Haar verbinden, ist es für uns einfach nur Zeug, das aus unserer Kopfhaut wächst. Das ist nichts, worüber wir uns jetzt großartig Gedanken machen würden.

Eine letzte Frage, die ich einfach stellen muss: Wie oft werdet ihr „Anal Nathrakh“ genannt, mit irgend einer Porngrind Band verwechselt oder gefragt, was das mit dem Arsch denn soll? ;-)
Ständig, obwohl mehr Leute Probleme damit zu haben scheinen, den Nathrakh Part zu buchstabieren. Und du solltest nicht vergessen, dass in manchen Sprachen anaal mit zwei „a“ das Wort für anal ist. Und natürlich gibt man uns Namen wie Anal Anthrax und so. Stört uns aber nicht – es ist ein komisch klingender Name und man muss wohl erwarten, dass die Leute sich manchmal darüber lustig machen. Es hat wohl auch nicht besonders gut getan, dass eines unserer alten Logos wie ein Cumshot oder so aussah. Aber wenn du nach bescheuerten Porngrind-Namen suchst, da gibt es schon eine ganze Menge von, die nur auf dich warten – Bathtub Shitter, Excrementory Grindfuckers, Anal Blast und so weiter. Freud wäre mit Sicherheit erfreut.

Okay, wir sind mit dem regulären Part durch, jetzt kommt unser berühmt berüchtigtes Metal1-Brainstorming. Die Regeln sind einfach, antworte einfach das erste, was dir in den Sinn kommt, wenn du die folgenden Wörter oder Ausdrücke hörst:

Haie? – „Red Sharks“ von Crimson Glory. Normalerweise nicht mein Geschmack was Musik oder Politik angeht, aber dafür was es ist, ist’s ein großartiger Song. Wahrscheinlich die höchste, dünnste Note, die ich jemals einen Mann habe singen hören. Ich hab letztens gehört, dass Midnight gestorben ist, das ist eine wahre Schande, er hatte eine unglaubliche Stimme.
Idole? – „Twilight of the…“ Die Spaltung zwischen Wagner und Nietzsche. Ich kann mich auf manchen Ebenen mit Nietzsches Erfahrungen in Bayreuth identifizieren und ich denke, dass es ein sehr mächtiger und symbolischer Vorfall für sie war, wie sie sich zerstritten haben.
„Serpent’s breath, charm of death and life, thy omen of making“? – Dabei denke ich an den Film, in dem ich diese Phrase zuerst gehört habe. Großartiger Film, die Charakterisierung von Merlin und die Präsentation der Magie sind brillant. Noch dazu hat er sehr bodenständige Qualitäten, die gut funktionieren.
Ordo Ad Chao? – Mir gefällt die Idee, wie man feststehende Phrasen übernimmt und pervertiert, deswegen gefällt mir, wie Mayhem die Worte benutzen. Davon abgesehen – Ordnung ins Chaos? Es gibt keinen Übergang vom einen Zustand zum anderen – beide stehen fortwährend in direktem Verhältnis zueinander, weil beide nur verschiedene Facetten unserer Wahrnehmung sind, als objektive Wahrheiten. Viel interessanter finde ich die Idee von verschleierter Ordnung, die hinter offensichtlichem Chaos liegt.
Weiße Shirts? – Hä? Angestelte, Uniformen. Ich hab keine Meinung darüber, die bedeuten mir nichts. Ich vermute, dass ich wohl was verpasst habe.
Metal1.info? – Um die Wahrheit zu sagen, vor diesem Interview bin ich noch nie auf die Seite aufmerksam geworden.

Okay, das war’s wir sind fertig. Dank dir vielmals für das Interview und für deine Antworten. Ich wünsch euch alles Gute mit dem neuen Album und für die Zukunft im Allgemeinen. Die letzten Worte gehören dir, gibt es noch irgend etwas, was du unseren Lesern mitteilen willst?
Leider ist mein Vorrat an interessanten Dingen, die ich am Ende eines Interviews hätte sagen können, nach den ersten 170 Malen, die mich das am Ende eines Interviews jemand fragte, erschöpft. Danke für die Unterstützung, sowohl von Metal1.info, als auch von seinen Lesern. Wir schätzen das sehr.

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