Frage nicht, was die Metalszene für dich tun kann, sondern was du für die Metalszene tun kannst! Das Musikkollektiv AUDIO AGGRESSION organisiert Metalabende und Konzerte für die alternative Szene in Bonn und Umgebung. Dabei sind sie ganz vorne im Kulturzentrum „Alte-VHS“ am Start, welches jedoch 2025 kurz vor dem Aus stand. Wie die Idee hinter dem Kollektiv entstand, was sie als Truppe genau umsetzen, wie für den Erhalt der Alten-VHS gekämpft wurde und wie wichtig Kulturzentren für Jugend- und Subkultur sind, haben wir mit den Jungs im Interview besprochen.

Stellt euch doch einmal kurz vor: Wer seid ihr, was macht ihr?
Tilman: Hallo! Wir sind AUDIO AGGRESSION und wir veranstalten Metal-Konzerte und Metalabende in Bonn!

Wie habt ihr euch zusammengefunden und woher kam die Idee hinter AUDIO AGGRESSION?
Phil: Stef und ich kennen uns hier aus der Alten-VHS, insbesondere durch die Punkkneipe. Irgendwann saßen wir mal zusammen in der Bahn und da meinte ich so: „Boah, es wäre echt cool, wenn wir sowas wie die Punkkneipe auch für Metalheads machen würden.“ Da haben wir darüber gesprochen und dann haben wir beschlossen es einfach mal auszuprobieren und mal an einem Freitagabend den Salon der Alten-VHS zu mieten, etwas Werbung zu machen und dann einfach mal zu schauen, was passiert. Es kamen dann auch tatsächlich einige Leute, es war immer gut besucht und dann dachten wir uns, dass wir das weiter machen werden.
Stef: Die Punkkneipe war immer jeden Mittwoch und den Metalabend haben wir, um das Ganze erstmal zu testen, einmal im Monat immer freitags gemacht. Bei der Terminfindung haben wir auch immer geschaut, dass zeitgleich keine Konzerte in der Umgebung stattfinden. Damit auch Leute kommen. Wir haben damit zu zweit begonnen und irgendwann kam dann auch Anfragen seitens Tilman und Vincent, ob sie mitmachen können. Als wir dann immer mehr wurden, haben wir beschlossen ein Kollektiv draus zu machen.
Welche Probleme kamen auf euch zu, als ihr angefangen habt Konzert- und eure Metalabende zu organisieren? Habt ihr zu Anfang irgendetwas unterschätzt?
Tilman: Ja, da haben wir wirklich was unterschätzt. Nämlich wie ruhig Metaller draußen beim Rauchen sein können. (lacht) Der Dezibel-Unterschied draußen zwischen Punkern und Metallern ist wirklich erstaunlich. Da gabs keine Beschwerden. (lacht)
Stef: Genau! Aber es lief eigentlich von Anfang an echt gut. Wir sind alle hier in der Alten-VHS recht aktiv und wussten demnach, wie alles funktioniert. Eben auch durch die Organisation der Punkkneipe und Konzerte. Das war dann auch ein Vorteil später, als wir mit dem Kollektiv dann auch anfingen Metal-Konzerte zu organisieren. Wir haben sehr von dem Wissens- und Erfahrungsschatz aller profitiert, die auch vorher schon bei unserem Punkkollektiv DISTURBANCE dabei waren und sind.
Welche Hürden und Aufgaben kommen dann auf einen zu, wenn man so ein Untergrundevent organisiert?
Stef: Die GEMA. Damit sie sich nicht meldet. (lacht) Aber, Bands allgemein: Also, welche Bands laden wir ein? Wir wollen hier keine stumpfen Dorfmetaller, die sich scheiße benehmen. Die hatten wir hier auch schon, aber nicht bei unserem Kollektiv. Wir wollen hier Leute, die wissen, was das hier für ein Haus ist. Demnach die Bands auszuwählen, könnte man schon als „Hürde“ bezeichnen.
Vincent: Ansonsten sind die Hürden eigentlich recht gering. Dadurch, dass wir hier in einem selbst verwalteten Haus sind, ist alles wahrscheinlich etwas einfacher, als wenn man es in einem kommerziellen Umfeld macht. Man spricht sich ab, man plant und dann geht’s los.
Phil: Ja. Ohne die Alte-VHS wäre es wahrscheinlich wesentlich schwerer gewesen, sowas auf die Beine zu stellen.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltern, anderen Kollektiven, Musikern usw.?
Phil: Sehr positiv. Die Musiker, die wir bisher hier zu Gast hatten, waren immer sehr zufrieden mit dem Service, den wir hier anbieten. Und wir waren es auf der anderen Seite auch. Die Bands waren immer sehr große Süßmäuse, immer gut drauf, es wurde sich nie danebenbenommen.
Stef: Die Leute wissen halt, was das hier für Räume sind und was geht und demnach nicht geht. Das stellen wir auch als Kollektiv klar. Jegliche Art von Diskriminierung läuft hier halt einfach nicht. Und wenn etwas wäre: Da ist die Tür.
Vincent: Ansonsten ist es relativ easy wie wir die Bands ranholen. Wenn wir auf Konzerten in Köln oder Mülheim sind und die Bands dort auch tendenziell hier spielen könnten, quatschen wir die Leute auch einfach an. Wir erzählen dann, wer wir sind, was wir machen und fragen dann, ob die Bock haben hier zu spielen. Da hat man immer ein paar Bands in der Hinterhand. Einfach, weil die dann auch schon ein Gesicht zu uns haben.
Stef: Oder wir werden selbst angesprochen. CULT OF HYENAS sind beispielsweise von sich aus auf uns zugekommen und wir haben sie dann mal zu einem Metalabend eingeladen. So hat man sich dann kennenlernen und den Termin klar machen können. Das war sehr cool.
Wenn man sich eure Line-Ups bisher so anschaut, sieht man einen kleinen Trend was Genres angeht. Ihr bringt sehr viel Black-, Death- und Doom Metal nach Bonn. Woran liegt das? Sind diese Genres eure persönlichen Vorlieben? Bringt die lokale Szene insbesondere diese Genres hervor?
Tilman: (lacht) Das ist ja auch das Beste, was das Genre zu bieten hat!
Phil: Es liegt hauptsächlich wohl an den Musikrichtungen, die wir privat hören. Da rotiert man das so ein bisschen. Da war auch bisher jeder intern sehr zufrieden damit. So kann jeder seinen Senf dazu geben.
Tilman: Dadurch, dass wir uns auch größtenteils in linken Strukturen aufhalten, merkt man auch, welche Subgenres eher antifaschistische Bands hervorbringen. Black-Metal mit Gegenpol zum NSBM, Death-, Thrash- und Doom Metal war da auch sehr ergiebig.
Vincent: Das soll nicht heißen, dass es in anderen Genres keine stabilen Bands gibt. (lacht)
Stef: Ja, wir schauen halt, dass wir uns stabile Bands ranholen. Das ist im Punk genauso. Es gibt immer Bands, die sich dann auch mal scheiße benehmen oder nicht so cool sind. Das versuchen wir aber natürlich zu umgehen.
Aus eurer Expertensicht: Wie erlebt ihr gerade den Untergrund hier in und um Bonn? Gibt es irgendwelche musikalischen oder politischen Trends und Richtungen in die sich die Szene bewegt?
Phil: Ich persönlich sehe in Bonn unfassbar viel an Musik. Besonders der Punkeinfluss ist hier ziemlich groß, mit beispielsweise CANAL TERROR oder FUCKING ANGRY. Es gibt einige, auch relativ bekannte Metalbands hier, aber auch der Hip Hop ist recht groß. Einen genauen Trend kann man da wohl nicht feststellen. Die Metalszene an sich ist da auch recht divers. Da ist von Black- bis gediegenerem Metal alles dabei.
Timan: Und politisch so im Vergleich zur Bundesrepublik sind wir hier schon sehr links unterwegs.
Stef: Wir sind hier halt eine Studentenstadt. Der Einfluss aus damaliger Zeit mit Bonn als Bundesstadt spielt dort eventuell auch noch mit rein.
Sprechen wir über die Alte-VHS: Das linke Kulturzentrum stand ja bis vor kurzem vor dem Aus, da die Stadt euch das Gebäude gekündigt hat. Ende des Jahres 2025 wäre alles fast vorbei gewesen. Was verbindet ihr mit ihr und wie war es von den Plänen der Stadt zu erfahren?
Stef: Für mich war die Alte-VHS lange wie ein zweites Wohnzimmer. Man war gefühlt jeden Abend hier. Entweder für die Kollektive oder für die Event-AG oder für die Getränkeannahme. Es besteht auch einfach der Freiraum hier, um alternative Kulturangebote umzusetzen. Wenn es wegfallen würde, dann würde auch ein Stück Lebensqualität wegfallen.
Vincent: Die Alte-VHS ist auch ein Dreh- und Angelpunkt, wenn es um soziale und kulturelle Geschichten geht. Als wir lange Zeit dachten, dass hier alles zu Ende geht, dachte man schon: „Ja… das ist jetzt scheiße für mein Sozialleben!“ (lacht)
Auch ihr habt für ihren Erhalt gekämpft. Wie lief die Kommunikation mit der Stadt Bonn ab? Was wurde seitens der Alten-VHS organisiert, um für ihren Erhalt zu kämpfen?
Vincent: Es gab auf jeden Fall Protest und auch eine Demo. Ich bin auch mit dem Fahrrad durch die gesamte Stadt gefahren, um mir Leerstände anzuschauen und zu überlegen, wo die Alte-VHS ihr neues Zuhause finden könnte. So konnte man der Stadt relativ schnell einige Vorschläge schicken und Anfragen stellen. Da war dann auch relativ schnell unser neues Gebäude im Gespräch. Zwischenzeitlich ist die Kommunikation mit der Stadt dann aber echt eingeschlafen. Sei es jetzt der Mietvertrag, auf den wir eine Ewigkeit warten mussten oder die generelle Kommunikation. Man kennt das ja von Behörden. Das ist ja irgendwie normal. Aber auf der anderen Seite haben wir uns dann natürlich auch gedacht, dass die Stadt Bonn nicht unbedingt Bock auf uns hat. Da fragt man sich natürlich: Dauert das jetzt nur so lange, weil es einfach so ist oder machen die das mit Absicht, weil sie uns kein neues Gebäude geben wollen. Dann hatte die Stadt ja auch noch die Bürgermeisterwahlen, wodurch jetzt Guido Déus von der CDU im Amt sitzt und da waren wir uns auch nicht so sicher, wie wohlgesonnen er uns ist. Vorher konnten wir noch über die Grüne Jugend mit Katja Dörner, der vorherigen Bürgermeisterin, kommunizieren. Die hatten uns sogar in ihrem Flyer im Wahlkampf erwähnt.
Simon: Wir hatten echt lange gebangt, ob wir das Gebäude jetzt auch bekommen… Es wurde uns mündlich zugesichert, aber wir hatten nichts Festes. Irgendwann kam die Stadt an und hat uns spontan die Schlüssel überreicht. Danach kam ein paar Wochen später erst der Mietvertrag.
Hattet ihr den Eindruck, man nimmt die Alte-VHS in ihrer Funktion als linkes Kulturzentrum für Bonner*innen ernst?
Phil: Nein. Die subventionieren alles Mögliche, was es hier so an Kultur gibt und was vor allem kommerziell gemacht wird. Sobald man aber ein linkes Kulturzentrum ist, das in Eigenverwaltung arbeitet, alternative Kultur anbietet und supportet, wird man halt eher dicht gemacht, wenn es nicht der Mainstream-Kultur entspricht.
Stef: Wir sind halt nicht die Bonner Hochkultur, für die Bonn stehen will mit ihrem ständigen „Beethoven, Beethoven, Beethoven!“ Für wohlhabende alte Leute aus dem Villen-Viertel. (lacht) Es wird sich ständig mit dem Status der ehemaligen Bundesstadt gerühmt. Subkultur ist da eben unangenehm, weil sie immer unangenehm ist. Sie ist wichtig für die Gesellschaft, aber passt nicht jedem in den Kram.
Aus eurer bisherigen Erfahrung: Wie wichtig sind solche Kulturzentren und Orte für Subkulturen und jüngere Generationen und was hätte im konkreten Fall der Alten-VHS plötzlich für jene hier in Bonn gefehlt?
Stef: Ein Raum, wo man barrierearm sich engagieren, treffen und wo Subkultur gelebt werden kann. Außerdem ist die Alte-VHS für den Punk-, den Hardcore- und den Metalbereich mittlerweile ein Veranstaltungsort und Treffpunkt. Unkommerziell, niedrigschwellig, das würde halt einfach fehlen. Das können beispielsweise Jugendzentren nicht immer in der Form anbieten.
Vincent: Da darf man auch den Proberaum nicht vergessen. Ein kostenfreier und vollausgestatteter Proberaum, den man den jungen Leuten und jungen Bands zur Verfügung stellt und wo sie wöchentlich proben können. Was da schon alles draus entstanden ist… Wie viele Bands hier proben, was hier an Genres abgedeckt ist. Wenn man den Leuten die Mittel zur Verfügung stellt, werden sie von alleine kreativ und da kommen krasse Sachen bei rum.
Phil: Es ist ja auch so: Junge Kultur will und wird ja auch einfach stattfinden. Und wenn sie so einen Raum hat, wo sie sich entfalten kann, regen sich die Leute wenigstens nicht drüber auf, dass die ganzen jungen Leute auf der Straße saufen. (lacht)
Tilman: Das heißt: Kulturzentren müssen für Jugend und Subkultur erhalten bleiben, sonst verschönern wir das Stadtbild eben auf unsere Art. (lacht)
Bei den Veranstaltungen der Alten-VHS gibt es das Konzept, dass Getränke und Tickets gegen Spende ausgegeben werden. Wie wichtig ist das bei euren Konzertabenden und gibt es da eurer Meinung nach auch Unterschiede zwischen dem Veranstaltungsklima, wenn die Leute zahlen können, was sie möchten?
Vincent: Ja, das ist unser Konzept hier: Einlass und Getränke gegen Spende. Das ist auch ein Punkt, warum hier alles wichtig ist. Das ist für die Leute, die hierherkommen wollen, aber nicht so viel über haben, dann viel zugänglicher. Überlegt mal, wie viel Geld man mittlerweile für Konzerttickets oder Getränke ausgeben muss. Da ist man so viel Geld los. Hier ist das deutlich niedrigschwelliger.
Stef: Die Leute sind da auch deutlich dankbarer. Natürlich variiert das Ganze, ob man am Anfang oder am Ende des Monats eine Veranstaltung plant. Oft ist es aber so, dass die Leute sagen: „Ganz ehrlich? Wenn ich normalerweise weggehen würde, hätte ich das doppelte bezahlt. Hier, nimm!“ Und da geben die Leute auch gerne mal mehr. Da merkt man die Dankbarkeit und das macht Bock.
Jo: Ich habe auch so das Gefühl, dass durch den kommerziellen Anspruch, gerade bei anderen Locations, auch im Vordergrund ist, die Leute nicht direkt rauszuwerfen. Ich war letztens auf einem Konzert, da hatte jemand NSBM-Bands auf seiner Kutte und er wurde nicht rausgeworfen. Da wird der Schutzraum vielleicht nicht unbedingt umgesetzt bei Dingen, wo es wirklich nötig wäre.
Zum Umzug: Von der Rölsdorferstraße in Bonn-Beuel jetzt in die Engeltalstraße in die Innenstadt Bonns. Ein Ortswechsel ins Zentrum also! Was erhofft ihr euch als AUDIO AGGRESSION von diesem Umzug und welche Möglichkeiten sehr ihr in diesem doch sehr vorteilhaften Ortswechsel?
Stef: Definitiv mehr Leute, beziehungsweise auch mal andere Leute. Nach Beuel rüberzufahren war da bei manchen vielleicht auch eine Hürde. Warum auch immer, aber damals bei der alten Alten-VHS in der Innenstadt war es deutlich zugänglicher. Da musste man nicht über die Brücke fahren. Das ändert sich jetzt wieder.
Bleiben wir einfach mal bei den neuen Räumlichkeiten: Wird es wieder einen Proberaum und auch einen Konzertsaal geben? Wie werdet ihr euch räumlich austoben?
Baum: Es wird sich alles etwas verkleinern. Der Konzertsaal, der Proberaum und die Bühne werden etwas kleiner. Aber mit besserer Anlage! (lacht) Wir können alles stellen.
Vincent: Es wird auch wieder einen neuen Salon geben. Also so ein Raum, wie der, in dem wir jetzt gerade sitzen. Auch ein Atelier. Aber generell: Der Salon und die Veranstaltungsräume sind für uns und für die Alte-VHS am wichtigsten. Da halten sich die meisten Leute auf, da kommt das Geld rein. Es ist zwar alles etwas kleiner, aber man nimmt was man bekommt. Da müssen wir dann auch mit den künftigen Konzerten überlegen, wie wir das alles am besten planen. Wir haben Bands in der Hinterhand, die die Räumlichkeiten sprengen könnten. Deswegen müssen wir da nochmal schauen.
Stef: Ja, da müssen wir aufpassen. Da haben wir Bands, die noch nie hier in Bonn gespielt haben, die Leute anziehen würden und die richtig Bock haben und dann muss man überlegen, ob es noch realisierbar ist.
Ein Blick in die Zukunft: Wie soll es mit AUDIO AGGRESSION weitergehen? Was sind eure Ambitionen und Ziele für die Metalszene Bonns?
Phil: Mehr Metalabende!
Vincent: Ja, in den letzten Wochen und Monaten waren wir alle eher in den Strukturen rund um den Erhalt der Alten-VHS und um den Umzug beteiligt. Das war da einfach wichtiger. Da musste für das neue Haus gekämpft werden. Wenn alles fertig umgebaut ist, geht es wieder los!
Baum: Genau. Einfach wieder einen Raum schaffen, wo sich die Szene weiterhin treffen kann!
Dieses Interview wurde persönlich geführt.

