Interview mit Arisjel von Autumnblaze

Nach einer über 20 Jahre langen Reise als Band, die sie von ihren märchenhaften Frühwerken über intimen Trip-Rock bis hin zu kaum noch zu definierender Klangkunst geführt hat, sind AUTUMNBLAZE auf ihrem neuesten Album „Welkin Shores Burning“ schließlich beim Post-Rock angekommen. In unserem diesbezüglichen Interview erklärt Schlagzeuger Arisjel auf geradezu selbstverständliche Weise die Vielseitigkeit seines Outputs, wie er auf der neuen Platte den Kreis zu seinen frühesten Kompositionen schließt und welche allseits beliebte Hard-Rock-Band er schon immer zum Davonlaufen fand.

Die Coronapandemie ist nach wie vor nicht überstanden, die Gegenmaßnahmen werden wieder einschneidender und vor allem die Musikbranche hat schwer damit zu kämpfen. Wie kommt ihr in der derzeitigen Situation zurecht?
Die Pandemie hat uns als Band wenig bis überhaupt nicht beeinträchtigt. Darüber bin ich sehr froh. Das Album war schon vor dem Lockdown fertig aufgenommen. Da wir schon seit einigen Jahren nicht im Livesektor aktiv sind, haben uns auch abgesagte Shows und ausfallende Festivals nicht aus der Bahn geworfen. Für viele Bands ist die aktuelle Situation natürlich furchtbar und wir selbst leiden darunter, schon so lange Zeit keine Konzerte besuchen zu können. Das fehlt uns sehr. Wir haben die Zeit genutzt, um in aller Ruhe das Coverkonzept zu entwickeln und ein Label zu finden. So konnten wir Friederieke Myschik für uns gewinnen, die ein wundervolles Cover erschaffen hat, das die Stimmung des Albums perfekt einfängt, und auch die Kontakte zu unserem neuen Label Argonauta Records knüpfen.

Kaum eine Band hat einen derart vielfältigen Output wie ihr – jedes eurer Alben klingt eigenständig und ganz anders als die anderen. Muss ein Künstler deiner Meinung nach immer auch ein bisschen rastlos sein?
AUTUMNBLAZE ist für uns viel mehr als nur eine Band. AUTUMNBLAZE ist der Soundtrack unseres Lebens und ich glaube, gerade daraus ergibt sich die Unterschiedlichkeit unserer Alben. Ich würde das nicht als Rastlosigkeit bezeichnen, sondern eher als mächtigen Drang, die Dinge, die uns in unseren Leben bewegen, in Musik und Worte zu transformieren. In all der Unterschiedlichkeit unserer Alben ist daher in meinen Augen immer ein roter Faden. Das ist genau so wie im Leben, wilde Jungendzeiten, glückliche Zeiten, traurige Erlebnisse, Lebensträume, zerbrechende Träume, Liebe, Enttäuschung, Wut und alles das fließt in unterschiedliche musikalische Gewänder und klingt doch immer nach AUTUMNBLAZE.

Viele Künstler, die sich stilistisch verändern, distanzieren sich später auch von ihrem früheren Schaffen. Wie ist das bei euch – seid ihr bis heute immer noch mit all euren Veröffentlichungen zufrieden oder gibt es die eine oder andere, mit der ihr euch heute nicht mehr ganz identifizieren könnt?
Ich liebe alle unsere Veröffentlichungen und höre persönlich auch regelmäßig unsere alten Veröffentlichungen gerne an. Für mich ist das wie das Lesen in einem Tagebuch.

Es war ein recht steiniger Weg bis zu eurem neuen Album „Welkin Shores Burning“: Sieben Jahre sind seit „Every Sun Is Fragile“ vergangen, wobei ihr schon vor Jahren mit Ideen für Album- und Songtitel und musikalischen Einfällen gespielt habt. Was hat euch daran gehindert, die Platte früher umzusetzen, und warum hat sich mit der Zeit so viel daran geändert?
Nach „Every Sun Is Fragile“ haben wir uns ein wenig unter Druck gesetzt und gedacht, wir müssten unbedingt zeitnah ein weiteres Album machen. Es gab auch intensive Proben und ein paar wundervolle Songs, an denen wir intensiv gearbeitet haben. Aber wir sind in keinen richtigen Fluss gekommen und haben dann erkannt, dass die Zeit noch nicht reif ist. Trotzdem haben wir in Gedanken viele Optionen durchgespielt, was auch in mögliche Album- oder Songtitel geflossen ist. Parallel waren wir aber auch sehr in unsere privaten und beruflichen Lebenskontexte eingebunden und sind darin versunken, gelähmt und müde. In meinem Leben ist viel zerbrochen und das hat am Ende zur „Philia“-Single geführt, die quasi über Nacht entstanden ist und uns wachgerüttelt hat.

Vor Jahren habt ihr auch noch angekündigt, ein Black-Metal-Album mit deutschen Texten und/oder sogar eine Trilogie zu veröffentlichen. Habt ihr nach wie vor Pläne in dieser Hinsicht?
Warum nicht? Wir haben uns schon sehr lange von musikalischen Kategorien gelöst und machen das, was im Augenblick aus uns heraussprudelt. Wir haben aber auch gemerkt, dass ein verkopftes Herangehen an ein neues Album uns einschränkt. Wenn die Zeit für ein Black-Metal-Album reif ist, werden wir es einfach machen.

Ihr habt euch auf eurer neuen Platte nun dem Post-Rock zugewandt. Was hat euch in diese Richtung gezogen?
Ehrlich gesagt, haben wir uns überhaupt keine Gedanken über eine Stilrichtung gemacht. Die Songs sind einfach so entstanden. Wir fühlen uns ja auch schon seit langer Zeit nicht mehr einem Stil verbunden, den wir bedienen müssten.

Gerade im Post-Rock spielt die Produktion oft eine große Rolle. War euer neuer Sound für euch diesbezüglich mit neuen Herausforderungen verbunden?
Ich würde es nicht als Herausforderung bezeichnen. Wir haben uns inzwischen Heimstudios eingerichtet, in denen wir ganz frei und ohne Zeitdruck arbeiten können. Das war eine neue Erfahrung für uns, die sich sehr positiv auf den kreativen Prozess bei „Welkin Shores Burning“ ausgewirkt hat. Mix und Mastering haben wir in die Hände von Matti Reinola gegeben, der einen fantastischen Job gemacht hat. Er hat ein tolles Gespür für unsere Musik und auch die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinaus, war über digitale Wege gut umzusetzen und herausgekommen ist ein wundervoller, organischer Sound, genau so, wie wir uns das vorgestellt haben.

Obwohl euer neues Album einen melancholischen Grundton hat, klingt es doch zuversichtlicher als all eure bisherigen Platten. Wie gelingt es euch, die ihr in der Vergangenheit schon sehr bedrückende Lieder kreiert habt, gerade in so turbulenten Zeiten wie derzeit doch so hoffnungsvolle Musik zu machen?
Eine gewisse, vielleicht auch subtile Melancholie wird es wohl immer in unseren Songs geben. Gerade in turbulenten Zeiten braucht es Hoffnung, um globale und ganz individuelle Katastrophen zu überstehen. Vielleicht ist auch gerade das ein Kernelement unseres neuen Albums, das Überleben…

Ihr verzichtet in den neuen Stücken bewusst auf Screams und weitgehend auch auf raue Gitarren. Nun müssen derlei Stilmittel nicht unbedingt immer düster oder wütend klingen, sondern können auch schlicht ein Ausdruck von Ausgelassenheit sein. Warum hieltet ihr es dennoch für stimmiger, diesmal Abstand davon zu nehmen?
Es war keine bewusste Entscheidung auf Screams oder harsche Gitarren zu verzichten. Wir haben aber am Ende festgestellt, dass das zu den aktuellen Songs einfach nicht passt. Das kann bei unseren nächsten Stücken aber auch schon wieder ganz anders aussehen.

In den Songtexten arbeitet ihr wieder mit vielen bildhaften Metaphern. Kannst du uns ein bisschen genauer darüber erleuchten, welche Gedanken in die Texte eingeflossen sind?
Die Texte waren und sind für uns immer ein wesentliches Element. Musik und Worte sind bei AUTUMNBLAZE quasi gleichberechtigt. Musik erweckt Texte, Texte erwecken Musik. Wie immer sind die Lyrics auf unserem Album sehr persönlich, aber wie du auch richtig sagst, metaphorisch, sodass jeder, der sich tiefgründig damit befasst, sich darin finden kann, mit seinen eigenen Geschichten, seinen eigenen Wunden und seinen eigenen Wegen zurück ins Leben.

Ich sehe auf dem neuen Album die eine oder andere Parallele zu eurem Debüt „Dämmerelbentragödie“: Der Albumtitel und die Leads gegen Ende von „Explosions“ erinnern ästhetisch ein wenig daran, es gibt mit „Shore“ wieder ein Spoken-Word-Outro und sogar eine Neuversion von „Flamedoves“. Kann es sein, dass ihr euch da ein bisschen von eurer Vergangenheit inspirieren lassen habt?
Es war keine Inspiration aus der Vergangenheit, so würde ich das nicht sehen, eher eine Konsequenz aus dem roten Faden, der sich durch all unsere Werke zieht. „Flamedoves“ war der erste Text, den ich für AUTUMNBLAZE geschrieben habe und „Shore“ ist der jüngste meiner Texte. All das umspannt mein Leben.

Dass ihr eine neue Interpretation von „Flamedoves“ kreieren würdet, hattet ihr schon vor einiger Zeit angekündigt. Was hat euch ursprünglich dazu inspiriert, gerade diesen Song zu überarbeiten?
„Flamedoves“ ist in der ursprünglichen Version ein kraftsprühender Song, für mich sehr, sehr persönlich, voller Energie, um allen Verletzungen des Lebens zu trotzen. Er ist ein Stück weit der Anfang von AUTUMNBLAZE. „Flamedoves“ ist auch ein Symbol des Trotzes gegen alle Widrigkeiten des Lebens. Daher macht es Sinn, diesen Gedanken auch im Heute aufzugreifen und in ein neues musikalisches Gewand zu kleiden.

Die Version auf eurem Debütalbum hatte noch einen deutschsprachigen Part in der Bridge. Warum hieltet ihr es für passend, auf diesen in der Neuversion zu verzichten?
Der deutschsprachige Textteil fehlt tatsächlich. Die neue Version greift das Motiv auf einer neuen Ebene auf, auf der Ebene des Verlustes, einer sehr traurigen Ebene. Unsere Herzen sind voller Liebe, aber am Ende können wir niemanden retten. Die Liebe ist so oft ohnmächtig, das ist eine bittere Erkenntnis.

Auf der CD-Version von „Welkin Shores Burning“ finden sich als Bonus auch die beiden Songs der „Philia“-EP, die ihr aber anscheinend noch überarbeitet habt. Warum wolltet ihr die beiden Lieder nicht einfach wie auf der EP belassen?
„Philia“ ist ja nur als digitale Single erschienen, die von vielen unserer Fans auch als Download gekauft wurde. Uns war es daher wichtig, auf dem Album alternative Versionen zu haben, die ins Soundgewand des Gesamtalbums passen und auch einen Mehrwert haben, für alle, die „Philia“ bereits erstanden haben.

Herausgebracht habt ihr die Platte über Argonauta Records – ein Label, das ansonsten eher für Stoner, Psychedelic Rock und Sludge bekannt ist. Warum fiel eure Wahl dennoch gerade auf dieses Label?
Wir sind dieses Mal ganz unabhängig gestartet. Wir haben uns mit einem komplett fertigen Album auf Labelsuche begeben und mit Gero von Argonauta Records einen Partner gefunden, der von Anfang an für unsere Musik gebrannt hat. Der Kontakt kam übrigens über Niklas Sundin (ex-Dark Tranquillity) zustande, mit dem wir seit Ewigkeiten befreundet sind und der sein erstes Soloalbum auch bei Argonauta veröffentlicht hat.

Habt ihr trotz der aktuell angespannten Lage schon eine grobe Vorstellung, wie es mit AUTUMNBLAZE weitergehen wird? Werdet ihr euch mit dem nächsten Album wieder länger Zeit lassen?
Es wird weitergehen. Wir haben viele Ideen und proben wieder regelmäßig. Wenn Corona vorbei ist, wären durchaus auch wieder Liveauftritte in einem akustischen Rahmen denkbar. Alles kann, nichts muss.

Zum Abschluss möchte ich mit dir gerne ein kurzes Brainstorming durchgehen, wie es bei uns auf Metal1.info üblich ist. Was kommt dir bei den folgenden Begriffen in den Sinn?
Streaming-Konzerte: Besser als nichts.
Reverb: Weniger ist mehr.
Verschwörungstheorien: Die Dummheit stirbt zuletzt.
Alcests „Shelter“: Habe ich noch nicht gehört.
Klimakrise: Ein übles Problem. Flugreisen oder Kreuzfahrten sind für mich ein Tabu. Meine Enkel sollen auch noch eine lebenswerte Welt vorfinden.
AC/DC: Fand ich schon immer zum Weglaufen.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit. Gibt es noch etwas, das du den Lesern mitteilen möchtest?
Bleibt alle gesund und habt viel Spaß mit „Welkin Shores Burning“.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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