CD-Review: Alcest - Shelter

Januar 2014

Besetzung

Neige – Gesang, Gitarre, Bass, Keyboard
Winterhalter – Schlagzeug
Gastmusiker:
Neil Halstead – Gesang (Track 7)

Sessionmusiker:
Billie Lindahl – Gesang
Hildur Ársælsdóttir – Geige
María Huld Markan – Geige
Edda Rún Ólafsdóttir – Bratsche
Sólrún Sumarliðadóttir – Cello

Tracklist

01. Wings
02. Opale
03. La Nuit Marche Avec Moi
04. Voix Sereines
05. L'Eveil Del Muses
06. Shelter
07. Away
08. Délivrance


Die Franzosen ALCEST waren bislang nicht unbedingt der Typ Band, der seine Fans durch gewagte Experimente oder übereifrige stilistische Progression auf die Probe gestellt hätte. Viel mehr gilt für die bisherigen drei Alben das Credo: Mag man eines, mag man alle. Damit ist, soviel war schon aus den Vorreden zum neuen Album zu entnehmen, nun Schluss: Die Metal-Elemente würden der Vergangenheit angehören, die Melodien etwas mehr Zeit brauchen, um sich zu entwickeln, ließ Bandkopf Neige seine Fans bereits während der Aufnahmen aus dem fernen Island wissen.

Und wirklich: Hört man sich „Shelter“ zum ersten Mal an, so hört man nicht bloß einmal mehr ALCEST, wie man sie kennt. Zwar klingt das Album nicht durchwegs so soft, wie man es vielleicht erwartet hätte – dafür jedoch um Welten abgeklärter und positiver, als man das von den sonst stets eher melancholischen Franzosen gewohnt ist. Echte Metal-Elemente wie griffige Gitarren-Riffs sucht man auf „Shelter“ dafür tatsächlich vergebens. Stattdessen verlagern sich die Franzosen so stark in Richtung Post Rock und Shoegaze, dass sich allein dadurch von selbst erklärt, warum Neige das Album ausgerechnet bei Jón Þór Birgisson von Sigur Rós aufnehmen wollte. So könnte der Auftakt des Werkes mit dem einleitenden „Wings“ ebenso gut einem Album der Isländer zu „Takk…“-Zeiten entstammen, bevor Neiges charakteristischer Gesang in „Opale“ dann doch noch unverkennbar ALCEST durchschimmern lässt. Der Grundtenor bleibt jedoch auch hier derselbe: Langsam anschwellende Klangwände alternieren mit flirrenden Post-Rock-Gitarren und melancholischen Melodieläufen. Über alledem liegt, dieser Welt scheinbar gänzlich entrückt, eine makellose Stimme, die über weite Strecken eher die Rolle eines weiteren Melodieinstruments einnimmt denn sich als Gesang profilieren zu wollen.

Dass sich die Melodieführungen und mit ihnen gesamten Kompositionen tatsächlich deutlich langsamer und feiner abgestuft entwickeln, als man das bisher kannte, passt da perfekt ins Bild: So nimmt bei „Voix Sereines“, das als eine einzige durchgehende Klimax angelegt ist, allein die Heranführung an die Distortion-Gitarren gut vier der knapp sieben Minuten in Anspruch. Im Gegenzug wendet das nicht minder geniale „Déliverance“ von zehn Minuten Spieldauer fast vier nur dafür auf, den Song (und damit das Album) stimmig ausklingen zu lassen.
Etwas überraschend wirkt in diesem ansonsten so stimmigen Kontext lediglich die Ballade „Alone“, auf der Neil Halstead (Slowdive) ans Mikrophon gebeten wurde: Musikalisch nicht unbedingt herausstehend, sorgt allein der Gesang dafür, dass der Song einen gänzlich anderen Charakter entwickelt als das restliche Material. Darüber, ob das Album dieser Abwechslung bedurft hätte, lässt sich wohl trefflich streiten, zumal der Song stellenweise in Richtung des profanen Kitsches abzudriften droht – den Hörgenuss von „Shelter“ als Gesamtwerk schmälert die Nummer jedoch nur unwesentlich.

Mag der Weg auch ein neuer sein – das Ziel ist unverkennbar das gleiche geblieben: Auch auf „Shelter“ bedienen ALCEST den Wunsch der Fans nach Geborgenheit und Sinnlichkeit – nur eben mit anderen Stilmitteln. So bekommt man auf „Shelter“ eine Band zu hören, die sich neu erfunden hat und doch oft genug verträumt zurückblickt, um mit einer einzigen Melodie oder Gesangslinie genug Assoziationen zu wecken, um auch dieses Werk zweifelsfrei als ALCEST-Album erkenntlich zu machen.

Dass bei einem atmosphärischen Gesamtkunstwerk wie „Shelter“ nicht jeder Song ein „Standout Song“ sein kann, ist klar – mit „Opale“, „Voix Sereines“ und „Délivrance“ ist die Hitdichte aber definitiv hoch genug, um das Album über seine Spielzeit von 45 Minuten zu tragen.

Bewertung: 9 / 10

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6 Kommentare zu “Alcest – Shelter”

  1. Marius Mutz

    Ich verstehe immer noch nicht, was hinter diesen Artworks steckt, die am Ende doch nur aus schlechten Fotografien gegen die Sonne bestehen.

    1. Moritz Grütz Post Author

      Abgesehen davon, dass das halt grade hipp und trendy ist, find ich die konkrete Umsetzung hier schon schön. Aber vielleicht erzählt uns Neige ja auch im Interview mehr dazu.

  2. Marius Mutz

    Ja, vielleicht ist das auch mein Problem, dass es hip und trendy ist und aber trotzdem immer billig wirkt. Bin aber auch gespannt, wie sich dieses Puzzleteil ins große Alcest-Gesamtkonzept einfügt.

  3. Manuel

    Mir hat Neige erzählt, dass es genau das ist – Ein Bild, das er selbst letztes Jahr aufgenommen und das für das Albumcover als passend empfunden hat.

  4. Sebastian

    „Shelter“ ist ein grandioses Gesamtkunstwerk, mit dem Neige Alcest auf jeden Fall auf die nächste künstlerische Evolutionsstufe gehoben hat. Das schlichte Artwork stimmt den Hörer perfekt auf die Musik ein, die Songs selbst strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Sie sind so warmherzig, hoffnungsvoll und friedlich, dass sie meiner Ansicht nur zwei Reaktionen hervorrufen können: Entweder sie erobern das Herz des Hörers in Windeseile oder sie langweilen ihn zu Tode.

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