Interview mit Theodor Kapnas von Hamferð

Wenn eine Band mit ihrem Debüt direkt den Titel „Album des Monats“ für sich verbuchen kann und danach auch noch mit Amorphis auf Tour geht, ist klar, dass mit dieser Band zu reden ist. Wir trafen Gitarrist Theodor Kapnas, um mit ihm über seine Musik, seine Heimat und mythische Legenden zu sprechen.

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_IGP6361Zuerst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst mit uns zu sprechen. Da einige unserer Leser euch noch nicht kennen werden – magst du euch einfach kurz selbst vorstellen?
Na klar. Wir sind HAMFERÐ fHvon den Färöer Inseln und spielen Doom Metal. Die Texte sind komplett in Färöisch und es gibt uns seit 2008. Wir haben einfach zwei Shows bei einem Bandwettbewerb gespielt und nicht wirklich damit gerechnet, dass wir fünf, sechs Jahre später durch Europa touren würden. Es fing als Idee unseres Gitarristen an, der etwas komplett anders machen wollte, als er vorher gemacht hatte. Dann haben wir 2010 einen lokalen Bandwettbewerb gewonnen, was uns ein bisschen Studiozeit und einige Festivalauftritte bescherte. Also nahmen wir unsere erste EP auf und versuchten so viele Shows wie möglich zu spielen. Im November 2013 veröffentlichten wir unser Album „Evst“ in Deutschland und der Schweiz, sowie weltweit Digital. Jetzt sind wir mit Amorphis unterwegs – es geht also in die richtige Richtung.

Sieht ganz so aus. Wenn wir gerade davon sprechen: Glückwunsch zu eurem Debüt, dass bei uns den Titel „Album des Monats November“ gewann. Wie wurde es von anderen Medien und vor allem von den Fans aufgenommen?
Sehr gut. Ich denke wir bekamen großartige Reviews dafür – es schien den Leuten zu gefallen. Es ist ein bisschen anders als die erste EP. Die mochten die Leute allerdings auf. Wir waren halt eine neue Band, einige Songs hatten wir schon gespielt, einige waren ganz neu, einiges wurde super, anderes würden wir wohl verändern, wenn wir es jetzt aufnehmen würden, wobei das wohl bei jeder Band so ist. Bei dem Album haben wir viel Zeit mit dem Schreiben und dem Arrangieren verbracht und auch einfach ein paar Sachen ausprobiert. Wir sind sehr zufrieden mit dem Endergebnis und es wurde großartig aufgenommen, die Leute schienen es echt zu mögen.

Was bedeutet es dir persönlich oder euch als Band, wenn ein Review negativ ausfällt oder es Kritik an eurer Musik gibt? Wie geht ihr damit um?
Ich persönlich habe folgendes Motto: Wenn jeder mag was du machst, machst du was verkehrt. Wir machen die Musik für uns. Zu allererst machen wir Musik, die uns Freude bereitet, von der wir glauben, dass sie ausdrückt, was wir ausdrücken wollen. Und natürlich gibt es beim Doom Metal Leute, die es nicht mögen. Wir sind total überwältigt von der Anzahl an Menschen, die eigentlich keinen Doom Metal hören und unser Album trotzdem mögen. Wir haben hier [im Hirsch in Nürnberg] schon mal im November mit Corvus Corax gespielt und die Corvus-Corax-Fans bei der Show – naja, ich glaube denen gefiel unsere Musik nicht so sehr. Aber wir hatten das Glück, nicht so viele schlechte Reviews zu bekommen, aber Leute haben natürlich immer das Recht auf ihrer eigenen Meinung, das hat keinen Effekt auf uns.

Hamferd - EvstWie wichtig sind Reviews deiner Meinung nach? Lest ihr die überhaupt?
Wir lesen die definitiv. Vor ein paar Tagen bekam wir ein Review aus Polen, das sehr detailliert war und er beschrieb genau das, was wir mit dem Album rüberbringen waren – das war natürlich großartig! Es ist immer interessant zu sehen, was andere Leute von der Musik mitnehmen, besonders da die Meisten Menschen die Texte nicht verstehen. Und natürlich werden mehr Leute das Album auschecken, wenn es gute Reviews bekommt. Besonders bei einer neuen Band wie uns – wenn wir an den richtigen Stellen ein paar gute Reviews bekommen, werden Leute, die noch nichts von uns gehört haben, einfach mal reinhören.

Dann lass uns noch ein wenig über das Album sprechen. Was bedeutet der Titel „Evst“?
Die direkte Übersetzung ist „höchste“. Der letzte Song auf dem Album heißt „Ytst“, was sich mit „äußerste“ übersetzen lässt, aber ja, „Evst“ bedeutet „höchste“.

Das Album ist nun schon ein gutes halbes Jahr auf dem Markt. Wenn du es dir jetzt anhörst, gibt es etwas was du ändern würdest?
Es gibt immer kleine Sachen, die du ändern würdest. Für mich natürlich noch mehr, da ich das Album produziert und gemixt habe. Aber alles im allem sind wir immer noch sehr stolz auf die Scheibe. Ich hoffe die nächste Platte wird auch so gut.

Gibt es schon einen Plan für das nächste Album?
Wir schreiben langsam, aber es gibt keinen Zeitplan oder so etwas – einfach ein paar Riffs hier und da.

Soweit ich das durchsteigen habe gibt es ein lyrisches Konzept hinter dem aktuellen Album, kannst du das etwas genauer erklären?
Die Band ist sehr inspiriert von färöischer Geschichte und Natur. Es ist ein sehr isolierter Ort, besonders wenn man etwas mehr als 50 Jahre zurückblickt. Damals gab es noch nicht einmal einen Flughafen, man kam nur mit der Fähre da hin, die auch heute noch 36 Stunden für die Überfahrt braucht. Es ist im Prinzip mitten im Atlantik und der Ozean kann sehr rau sein. Das bringt eine spezielle Atmosphäre mit sich und eine besondere Seele in den Menschen, etwas, das man nur schwer in Worte fassen kann, aber uns und unsere Musik sehr inspiriert. Unser Sänger hat sich alle Texte und das Konzept ausgedacht. Es ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte, die aber all diese Themen illustriert und sich ein bisschen mit färöischer Folklore beschäftigt.
Der Protagonist ist ein Mann, der mit seinem Sohn in die Berge geht und dort von einem Sturm überrascht wird. Der Sturm trägt den Sohn davon. Im zweiten Song sucht der Vater seinen Sohn im Nebel – aber wenn es in den färöischen Bergen neblig ist kann man maximal zwei Meter weit sehen und verliert total die Orientierung. Irgendwann wird der Mann ohnmächtig und dies mythischen Kreaturen, „Huldur“ genannt – das sind die großen Leute, die innerhalb des Berges leben – finden den Protagonisten, nehmen ihn mit in den Berg, wo er mit ihnen lebt, während er weiterhin seinen Sohn sucht. Er verliert jedes Gefühl für Raum und Zeit – es gibt sehr viele Mythen über Leute, die in die Berge gehen, wiederkehren und denken es waren zwei Tage, obwohl sie 30 Jahre in den Bergen waren. Er wird also vollkommen desorientiert. Nachdem er eine Weil im Berg gelebt hat, dreht er einfach durch und wird verrückt. Er tötet das „Huldur“-Mädchen, in das er sich verliebt hat, entkommt aus der Höhle und springt von einer Klippe.

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Die Texte sind komplett in eurer Muttersprache gehalten, gab es einen bestimmten Grund dafür?
Das haben wir von Anfang an so gemacht. Ich arbeite im Studio mit einer Menge Sängern und ich denke, fast alle von denen drücken sich in ihrer eigenen Sprache am besten aus. Du kannst sofort hören, wenn jemand Englisch singt, der kein Engländer ist. Meistens bekommt man, wenn man in seiner eigenen Sprache singt, eine andere Art von Emotionen und Nuancen in der Stimme. Außerdem ist Jón fantastisch auf Färöisch – die Texte sind sehr, sehr gut. Außerdem passt es zu unserem Konzept. Naja, wir haben halt so angefangen und nie wirklich darüber nachgedacht es zu ändern.

Würdest du sagen, dass eure Herkunft euer Songwriting beeinflusst?
Definitiv.

Wie läuft das Songwriting in HAMFERÐ?
Ich schreibe die meisten grundlegenden Sachen. Normalerweise hab ich ein paar Riffs, nehme ein Demo auf und dann gehen wir in den Probenraum, ich zeige den Jungs das Demo, wir bearbeiten es, ändern vielleicht ein paar Sachen und dann war‘s das. Normalerweise dauert das eine ganze Weile, da, meiner Meinung nach, die Songs am besten werden, wenn man nichts überstürzt. Manchmal stellen wir einen Song fertig, arbeiten an dem nächsten und zwei Monate später greifen wir den alten Sog wieder auf und verändern etwas und auf einmal funktioniert er. Ein ziemlich zweitaufwändiger Prozess, zumindest für mich, da es in deinen Hinterkopf wandern und reifen muss, bevor du irgendwelche Ideen fertigstellen kannst.

Was sind deine Haupteinflüsse, wenn du Musik schreibst?
Kommt stark drauf an. Bei diesem Album habe ich tatsächlich viel gemacht, nachdem ich zu Bett gegangen war. Nach einem langen Arbeitstag ist man manchmal etwas aufgedreht und kann nicht schlafen, dann hab ich meine Gitarre überm Bett hängen. Also schnapp ich mir die, spiele und auf einmal hab ich ein neues Riff für einen neuen Song. Man sagt, dass ganz kurz bevor man einschläft die Träume schon einsetzen und man am kreativsten ist. Ich weiß nicht ob das stimmt. Normalerweise sitze ich einfach mit der Gitarre da, spiele herum und warte einfach darauf, dass etwas coole dabei rauskommt. Manchmal dauert das ein paar Monate, manchmal hab ich fünf Riffs am Tag.

Was sind die musikalischen Wurzeln von HAMFERÐ?
Schwierige Frage, denn wir haben extrem unterschiedliche Vorlieben, was Musik betrifft. Unser Drummer ist Prog-Fan, seine Lieblingsband ist Tool, ich höre eigentlich alles von Death Metal bis klassischer Musik und da ich im Studio arbeite höre ich jeden Tag alle möglichen Sachen. Wir haben all sehr verschiedene musikalische Geschmäcker. Ich denke das gibt uns ein bisschen einen speziellen Klang, denn ich kann etwas schreiben und mit in den Probenraum nehmen, wo der Schlagzeuger oder der andere Gitarrist dem dann einen komplett andere Spin verpassen, oder einfach in anderen Bahnen denken.

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Wo du gerade von deiner Studioarbeit sprichst: Wie kann man sich die Musikszene auf den Färöer Inseln vorstellen? Kommen viele Leute von außerhalb in dein Studio?
Wir bekommen ein paar Gäste von außerhalb, aber bisher waren es hautsächlich lokale Bands, seit den rund zweieinhalb Jahren unserer Tätigkeit. Die Musikszene ist sehr stark, besonders jetzt, da es einen gezielten Versuch gibt, färöische Musik zu exportieren. Es gibt mindestens sieben oder acht Künstler, die regelmäßig durch Europa touren. Im Metal-Bereich gibt es da natürlich Tyr und uns, ansonsten gibt es ein paar Singer/ Songwriter. Die Szene ist echt stark, besonders wenn man bedenkt wie klein das Land ist.

Kommen wir zurück zur Band – was bedeutet der Name HAMFERÐ?
Das Wort beschreibt einen zustand, du bist solzusagen in HAMFERÐ. Es ist der Zustand, wenn deine Haut wie ein Geist wandert. Es gibt da so alte Geschichten. Die Färöer Inseln sind traditionell Fischergebiet, denn sie liegen ja mitten im Ozean. Es gibt Geschichten von Frauen, die nachts ihre Ehemänner sehen, während diese gerade auf See sind oder am Tag bevor sie auslaufen. Die Frauen sehen also die Geister ihrer Männer auf der Türschwelle, triefend vor Wasser – eine Warnung, dass etwas Schlimmes passieren wird. Da kommt das Wort HAMFERÐ her.

Wie viel habt ihr bisher mit dem Album getourt?
Wir haben eine Release-Tour gemacht, das war im November und Dezember, zehn Konzerte in ganz Europa. Jetzt sind die mit Amorphis für 15 Shows auf Tour und im Sommer stehen noch ein paar Festivals an.

Welche Festivals spielt ihr?
Wir spielen auf dem Inferno in Oslo im April, das Wave Gothic Treffen in Leipzig und das Tuska in Helsinki im Juni, Summer Breeze im August und im November das Hammer Of Doom. Es werden noch ein paar mehr, aber die sind noch nicht bekanntgegeben. Es gibt also ein ordentliches Interesse an der Band, was uns sehr froh macht. Das sind echt große Festivals und zudem mit Amorphis auf Tour zu sein – das ist echt klasse.

Wie kam die Tour mit Amorphis denn zustande?
Auf unserer letzten Tour haben wir bei einer Show für Amorphis eröffnet. Unsere Bookingagents sind alte Freunde, so kamen wir zu der Show in Hamburg. Dann hörte er, dass sie diese Tour jetzt machten und eine Supportband suchten – also bewarben wir uns, sprachen mit ein paar Leuten und nun sind wir unterwegs.

Magst du es auf Tour zu sein?
Ich liebe es. Das ist das absolut Beste.

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Wie unterscheidet sich Europa von eurer Heimat?
Bei uns zu Hause ist die größte Distanz, die du fahren kannst 100km und die schnellste Geschwindigkeitsbegrenzung ist 80km/h. Wenn du dann auf die Autobahn kommst und 500km am Tag fährst ist das eine ganz schöne Erfahrung. Außerdem schneit es daheim grad und hat ca. 20 Grad Kälte. Es ist total super, etwas Neues kennen zu lernen.

Habt ihr Zeit euch die Orte an denen ihr Spielt anzusehen?
Das kommt drauf an, wie lange man unterwegs ist und wo die Location ist. Wir waren jetzt in Osteuropa, dort waren die Locations meist mitten in der Stadt. Wenn wir also gegen Eins oder Zwei an der Location ankommen und erst gegen Fünf Soundcheck haben, können wir für ein paar Stunden die Stadt erkunden. Aber das ist leider nicht jeden Tag so und wenn wir sechs Shows die Woche spielen haben wir auch nicht jeden Tag die Energie, um durch die Stadt zu wandern. Das ist natürlich auch von der Person abhängig, aber wir versuchen schon so viel wie möglich mitzunehmen und zu erleben.

Wenn du frei wählen könntest, mit welcher Band würdest du dann am Liebsten touren?
Das ist eine schwierige Frage. Kommt drauf an, ob man von der persönlichen Vorliebe ausgeht, oder davon, was für die Band gut wäre. Persönlich…naja, für Maiden den Support machen wäre cool. Das wäre großartig. Allerdings habe ich ein bisschen Angst vor dem, was die Meng mit uns machen würde. Ich war schon bei ein paar Maiden-Konzerten und das ist wohl der härteste Support-Slot auf der Welt. Aber das wäre schon ein Traum. Selbst das gleiche Festival wie Maiden zu spielen, falls wir die Chance dazu erhielten wäre das der Wahnsinn. Für uns als Band wären Katatonia optimal, oder eine ähnliche Band.

Alles klar, dann bleibt mir nur, dir nochmals dafür zu danken, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Wenn du noch etwas loswerden möchtest, gehören die letzten Worte dir!
Danke für das Interview, sonst hab ich eigentlich nichts hinzuzufügen.

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