Interview mit Ville Friman von Insomnium

Am 3. Mai 2004 erscheint europaweit „Since The Day It All Came Down“, das zweite Album der Finnen Insomnium. Gitarrist und Songschreiber Ville Friman stand uns schon einen Monat vor Veröffentlichung Rede und Antwort und plauderte mit Stefan über das neue Album und andere Dinge.
Besucht die offizielle Seite der Band für die aktuellsten Infos dazu. Dort könnt ihr euch durch MP3s und auch Videoclips ein Bild der Gruppe machen.

Hallo! Ich konnte euer neues Album „Since The Day It All Came Down“ schon vorab hören und es gefällt mir wirklich sehr gut. Wie liefen die Aufnahmen und wie zufrieden seid ihr mit dem Endergebnis?
Ville Friman: Wir haben Mitte Juni mit den Aufnahmen begonnen, also vor fast einem Jahr. Wir haben hart an den neuen Songs gearbeitet, aber unseren letzten Song („The Day It All Came Down“) haben wir erst eine Woche bevor wir ins Studio gingen fertig stellen können. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir auch erst ein paar Texte geschrieben, mussten die meisten also während den Aufnahmen verfassen. Im Sommer hatten war’s natürlich sehr warn, dass war auch recht stressig da das Studio keine Klimaanlage hatte. Als wir dann Tag für Tag aufgenommen haben, mussten die Türen immer geschlossen sein, du wirst dir die Hitze und den Gestank da drin wohl vorstellen können. Das alles hat die Aufnahmen für uns sehr hart und stressig werden lassen, aber jetzt, wo ich das Album hören kann, denke ich dass es das alles wert war. Auf der anderen Seite hätten wir manche Dinge noch besser machen können, aber die Aufnahme-Umstände waren eben so wie sie waren und wir sind alle zufrieden mit dem Album. Viele Dinge, die einen im nachhinein ärgern, sind im Endeffekt aber eigentlich auch nur nebensächlich und unwichtig.

Von welchem Tag spricht der Albumtitel? Steckt da ein Konzept dahinter?
Ville Friman: Ja. Grundsätzlich erklärt der Eröffnungssong die Story dieses „one day when it all came down“ und die restlichen Lieder setzen diese Geschichte fort. All die Songs bestehen aus einem losen Konzept und einer Story als ganzem. Es ist eine Geschichte über Entscheidungen und wie man selbst die Verantwortung für das eigene und das Leben der Menschen die einem nahe stehen trägt. Die Aussage dabei ist, dass man sein Leben selbst führt und man es so gestalten kann, wie man will.

„In The Halls Of Awaiting“ ist ein Ort aus Tolkiens Silmarillon. Hat der große Meister auch Einzeug auf euer neues Album gefunden? Habt ihr auch textlich Bezug oder Inspiration aus seinen Geschichten?
Ville Friman: Nun, für mich persönlich ist der Einfluss nicht so groß, aber ich kann nicht beurteilen wie sehr das bei Niilo und Ville V. der Fall ist, die ja wie ich auch an den Texten des neuen Albums geschrieben haben. Ich hab alle Tolkien-Bücher ein paar mal gelesen, und sie sind auch alle wirklich gut, aber ich denke ich habe mich diesmal darum bemüht, mehr von traditioneller finnischer Mentalität in meine Lyrics einfließen zu lassen. ich habe einige Werke von finnischen Dichtern gelesen, die die Natur in einer traurigen und wehmütigen Art schildern, und als ich meine Texte geschrieben habe, wurde ich davon mehr als durch alles andere inspiriert. Da wir in Finnland vier Jahreszeiten haben, haben wir hier auch nie wirklich trübes Wetter. Wir geben ständig irgend etwas auf und nehmen dafür irgend etwas neues. Zum Beispiel verzichten wir momentan auf den Winter und bereiten uns nach einer langen Zeit der Dunkelheit auf den Frühling und den Sommer vor. Ich denke, die Jahreszeiten sind auch sehr inspirierend hier in Finnland.

Was sind deiner Meinung nach die Hauptunterschiede zwischen „Since The Day It All Came Down“, eueren Demos und „In The Halls of Awaiting“?
Ville Friman: Bei unseren Demoaufnahmen hatten wir nur ein paar Tage zum aufnehmen und dazu noch mieses Equipment, dementsprechend klingen die Sachen eben auch. Damals waren wir auch jünger und unerfahrener an unseren Instrumenten und als Songschreiber. Fürs erste Album hatten wir mehr Zeit und bessere Ausrüstung, aber musikalisch war es mehr ein Überblick über unsere bisherige Geschichte, da es darauf fünf Demosongs und fünf neue Songs zu hören gibt. Trotzdem denke ich, dass es ein gutes Debütalbum ist. Die Lieder des neuen Albums sind über ein ganzes Jahr verteilt geschrieben worden. Wir sind älter, erfahrener und reifer geworden und das wirkt sich auch auf das Songwriting aus und ich denke, dass kann man auch hören, wenn man sich die neuen Lieder anhört. Auf diesem Album verwenden wir auch mehr Akustikgitarren. Wir werden teilweise auch schneller als auf dem ersten, gleichzeitig haben wir auch viel mehr langsame Parts eingebaut. Aber definitiv ist unsere neue CD viel reicher an Atmosphäre. Ein Unterschied zwischen „…halls…“ und den neuen Sachen ist, dass ich jetzt den Großteil der Songs geschrieben habe. Beim Vorgänger gingen die Songwriting-Credits noch zu jeweils 50% an Niilo und mich.

Wie sehr habt ihr euch seit euerer Bandgründung 1997 durch die Musik weiterentwickelt und verändert?
Ville Friman: Nun, wir haben alle gelernt mit unseren Instrumenten umzugehen (in einer etwas fragwürdigen Art) und gute Songs zu basteln, zumindest unserer Meinung nach. Seit unserer Demo-Ära gab es ja auch ein paar Wechsel bei unseren Mitgliedern, und ich denke wir sind jetzt ehrgeiziger als jemals zuvor und wir wollen nun herausfinden, wie weit wir gehen können, etwas zu tun was wir wirklich lieben. Leider habe ich festgestellt, dass mich alles manchmal sehr ermüdet, seit ich studieren und arbeiten muss und alles mögliche zu tun habe, um mein Leben in den Griff zu bekommen. Es ist wirklich eine Schande, dass ich nicht genug Zeit für meine Freundin, meine Freunde und Verwandte habe.

„Since The Day It All Came Down“ hat wie euer Debüt ein Cover, dass einfach nur schöne Natur zeigt. Erzähl doch mal ein wenig von euerer Heimat Karelien. Seit ihr alle sehr naturverbunden?
Ville Friman: Ich studiere Biologie an der Jyväskylä Universität, also liegt mir die Natur schon sehr am Herzen. Karelien ist ein wunderschöner Ort im Osten Finnlands und es ist meine Heimat. Wir haben uns dazu entschieden, diese Natur-„Sache“ weiterzuführen, was wir schon seit dem Cover unseres erstes Demos tun. Es passt besser zu uns, als Horror, Science Fiction oder irgendwas modernes oder futuristisches. Ich denke, unsere Musik und unser Erscheinungsbild ist eher historisch und zeitlos. Eben genau wie die Natur.

Mit „The Dame It All Came Down“ und „Daughter Of The Moon“ beginnt das Album mit einem schnellen und einem sehr traurigen und langsamen Song. Welche Gefühle und Stimmungen wollt ihr mit eueren Werken vermitteln?
Ville Friman: Wir meinten einfach, dass der schnelle Opener ganz gut für den Start passt. Die beiden Songs haben wir auch an den Anfang gestellt, weil wir denken das sie recht eingängig sind und einen guten Einstieg ins Album möglich machen. Wie du wohl schon gemerkt hast, stehen die „progressivsten“ Lieder am Ende des Albums. Mit den Songs wollen wir dem Hörer Gefühle wie Schönheit, Zerbrechlichkeit, Leidenschaft, Aggression, Ablehnung und so weiter vermitteln. Man kann auch sagen, wir wollen so all die Gefühle ausdrücken, denen wir im richtigen Leben außerhalb der Musik begegnen. Musik zu machen ermutigt mich und spendet mir Trost, und es wäre schön, wenn auch die, die unsere Musik hören, so etwas fühlen können.

Im Gegensatz zu vielen anderen (finnischen) Bands spielen die Keyboards bei euch im Verhältnis zu den Gitarren eine sehr untergeordnete Rolle, was mir überaus positiv aufgefallen ist, da es so wunderbar klappt mit den Melodien, da tun schon die akustischen Gitarren ihren Teil. Wollt ihr das auch in Zukunft so beibehalten?
Ville Friman: Absolut! Gitarren sind das wichtigste an Insomnium und unser Markenzeichen. Wir werden in Zukunft auf jeden Fall wieder ein paar Keyboards und Synthesizer verwenden, aber sie werden nie so wichtig werden wie die Gitarren. Ich glaube, wir wollen die Gitarren in Zukunft so innovativ wie nur möglich einsetzen, auch die akustischen Gitarren.

Sehr gut gefallen mir hier auch die Vocals… nicht nur tiefe Gesänge und Schreie, sondern oft auch geflüsterte Passagen oder einem Erzähler ähnelnde Stellen kommen bei euch vor. Meiner Meinung nach schaffen es nur wenige Bands, das alles so gekonnt miteinander zu verbinden.
Ville Friman: Da stimm ich dir zu. Niilo gelingt beides wirklich gut, er hat auch einfach eine großartige Stimme dafür. Das Flüstern ist das meiste was wir noch rausholen konnten, da ansonsten keiner von uns ein guter Sänger ist. Aber danke für deine Kommentare. Wenn du findest, es ist uns geglückt, bin ich sehr zufrieden!

Welche Einflüsse außer der Natur gibt es noch für euere Texte und die Musik? Wie läuft es bei euch normalerweise ab, wenn ihr Songs schreibt?
Ville Friman: Wie ich vorhin schon mal erwähnt habe haben andere Schriftsteller, wie etwa Dichter beeinflussen meine Texte wie auch andere Musikgruppen. Ebenfalls sind die Natur und alle Jahreszeiten auf ihre Weise inspirierend und helfen und zwingen mich sogar dazu, in die richtige Stimmung zu bringen, etwas neues zu erschaffen. Ich habe festgestellt, das es Sommer oder Winter sein kann, dass aber nicht so sehr ins Gewicht fällt. Was ich am meisten brauche ist Zeit, denn um Songs zu schreiben reicht es nicht, nur auf die Inspiration zu warten, eher ist es ziemlich harte Arbeit. Aber natürlich kann man sich auch nicht dazu zwingen, gute Songs zu schreiben, man muss auch dafür bereit sein und das Gefühl haben, dass man das richtige tut. Manchmal hab ich irgendwie ein nostalgisches Gefühl, wenn ich meine Gitarre in die Hand nehme und anfange zu spielen. An Tagen wie diesen kann ich normalerweise anständige Sachen schreiben.

Über welche Themen würdet ihr nie einen Text schreiben?
Ville Friman: Ich denke, wir werden niemals Politik in unsere Texte einfließen lassen. das heißt jetzt nicht, dass wir keine politische Meinung haben, aber diese gehört einfach nicht in unsere Songs. Musik ist keine Politik, sondern einfach Musik. Das ist meine Meinung.

Wie viele andere Bands habt auch ihr am Anfang euere Lieblingsbands gecovert. Spielt ihr heute live auch noch die ein oder andere Coverversion? Was denkt ihr über Bands, die jahrelang zweimal pro Woche auf die Bühne gehen und nur covern anstatt eigene Lieder zu schreiben und damit ihr Geld verdienen? Hier in unserer Region ist das ganz schlimm verbreitet.
Ville Friman: Ja, wir spielen ab und zu zwei Coversongs: „Blinded By Fear“ von At The Gates und „Dance On The Graves“ von Sentenced. Wir können pro Gig einen davon spielen, und das auch nicht jedes mal, denn wir haben ja genug eigene Sachen. Ich glaube, diese Coverbands könnten gut sein und ich könnte auch Spaß daran haben, wenn sie alles gut spielen und einen guten Auftritt abliefern. Aber ich sehe keinen Grund für diese Bands ständig zu spielen, da es recht schnell langweilig werden kann. Ich meine, man sollte keine Band haben, die das covern so ernst nimmt. Es wird einfach erbärmlich, wenn man sein Selbstvertrauen darauf aufbaut, anderer Leute Songs zu spielen und den Lohn für ihre Arbeit zu bekommen. Für eine „richtige“ Band sind Coversongs eine schöne Sache für Auftritte, und sie sind sicherlich ein guter Weg, um das Zusammenspielen mit seinen Bandkollegen zu lernen.

Amorphis gehören ja bekanntlich zu eueren Lieblingsbands und auch Einflüssen. Welche Gruppen gehören noch zu eueren Favoriten?
Ville Friman: Da würde ich diese hier nennen: Opeth, Dark Tranquillity, Sentenced, Katatonia, In Flames, Ulver, Anathema, My Dying Bride, Sigur Ros, Gathering, Arcturus, Tenhi, Paradise Lost, Metallica, Sepultura, Edge of Sanity, Dan Swano und viele, viele mehr…

Wie sieht euere Zukunft im Livesektor aus? Festivals im Sommer? Besteht die Möglichkeit euch mal in Deutschland sehen zu können?
Ville Friman: Momentan ist da noch gar nichts sicher, aber ich hoffe wir werden noch für ein paar Festivals hier in Finnland gebucht, vielleicht sogar in Deutschland. Die Zeit wird es zeigen, und das hängt natürlich auch stark davon ab, wie unser neues Album in Deutschland ankommen wird und ob ein Festivalveranstalter Interesse an uns zeigt.

Zum Schluss noch etwas Brainstorming. Was kommt dir beim lesen der folgenden Begriffe in den Sinn…
MTV:
Nur Hitmusik

MP3: Einfacher Weg um Musik zu verbreiten

USA: Ignorante Supermacht, Möchtegern-Weltpolizei, schlechte Musik, großartige Wissenschaft, gute Filme, großes Land… Es ist falsch, alles zu sehr zu verallgemeinern

Geld: Hab ich keins

New Metal: Bis auf wenige Ausnahmen Massenwahre

Viking Metal: Nichts für mich

Amon Amarth: Mittelmäßige schwedische Band, von den Mitgliedern haben ein paar finnische Wurzeln

Blind Guardian: Hab ich mich nie wirklich damit befasst

Idols: TV-Show in Finnland

Liebe: Wichtig im Leben!

Religion: Werkzeug der Menschheit um die Essenz des Lebens und Universums zu deuten

Underground: Beschränkte Definition

Metal1.info: Gutes Zine, da sie ein Interview mit uns machen wollen, haa haa :) Sah ernsthaft wirklich gut aus als ich mal draufgeschaut habe!

Das wars dann auch schon! Vielen Dank für die Antworten. Falls du den Lesern von Metal1.info und allen deutschen Fans noch etwas sagen willst, dann mach das einfach hier und jetzt…
Ville Friman: Danke für das Interview und die Zeit, es durchzulesen. Wenn ihr jetzt interessiert seit, checkt unser neues Album ab 12.4.2004! (in Finnland, in Deutschland ab 3.5.2004; Anm. d.R.). Samples kann man sich unter http://www.insomnium.net in der Media-Sektion anhören. Hallo an alle deutschen Fans!

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