Interview mit Markus Riedler von Napalm Records

Dass nach Century Media auch noch Nuclear Blast in einem Großkonzern aufgegangen sind, lässt erkennen: Independent-Labels sterben aus. Einer, der dem zumindest für die nächsten zehn Jahre noch die Stirn bieten will, ist Markus Riedler, Gründer von NAPALM RECORDS und damit einflussreichster Österreicher im Metal. In Teil 7 unseres Label-Specials erklärt Riedler, wie er im obersteirischen Eisenerz einen weltweit agierenden Konzern geschaffen hat, wie er die Zukunft der Musikindustrie einschätzt und was ein Newcomer mitbringen muss, um ihn zu überzeugen.

NAPALM RECORDS gibt es jetzt seit 28 Jahren. Was war deine Motivation, ein eigenes Label zu gründen?
Ich war Schüler der Handelsakademie Eisenerz, stark an Metal interessiert – das war ja Ende der 1980er-Jahre, Österreich war noch nicht in der EU, man hat die Produkte hier deswegen relativ schwer bekommen. Für mich war die Motivation einfach, Metal nach Österreich zu importieren und so gut wie möglich zu verbreiten. Daran hatte ich riesengroße Freude – aber ohne irgendeinen großen kommerziellen Hintergrund oder den Plan, dass das irgendwann mal mein Lebensinhalt sein könnte: Ich bin international mit verschiedenen Labels in Kontakt getreten, habe Ware getauscht und bald einen eigenen, kleinen kopierten Katalog an mögliche Interessenten geschickt. Dann habe ich das Management für die Band Disastrous Murmur [aus Klagenfurt, A. d. Red.] übernommen. Und eines Tages haben mich die gefragt, ob ich nicht eine CD mit unveröffentlichtem Material von ihnen herausbringen will. Und ich dachte mir: Warum eigentlich nicht. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings null Ahnung, was die Arbeit eines Labels betrifft. Ich war damals ja erst 16 oder 17. Ich hab das Produkt dann trotzdem veröffentlicht und mit der ersten Mini-CD von Disastrous Murmur sofort einen Vertriebsvertrag bei SPV erhalten. Das war natürlich ein glücklicher Zufall, damit ging es relativ steil los.

Die Anfänge von NAPALM RECORDS: Markus Riedler mit Rechner und Fax. © Privat

Wie bist du damals auf den Namen NAPALM RECORDS gekommen?
Ich wollte in meinen jungen Jahren etwas so richtig Metal-typisches finden. Mir war auch wichtig, ein Stück weit provokant zu sein. Ich habe den Namen dann auch in Verbindung mit Feuer gebracht, die feurigen Aufnahmen, die beim Hörer hängen bleiben sollen. Mir ging es gar nicht so sehr um die Waffe Napalm … es gab ja auch eine US-amerikanische Band Napalm, und Napalm Death … für mich war das einfach ein simpler Name, der hängen bleibt. Das war so mein Beweggrund.

Wie stehst du heute dazu? Würdest du das Label wieder so nennen?
Ich bereue es nicht, das Label so genannt zu haben … aber natürlich ist immer wieder die Frage gekommen, warum ich Gewalt verherrliche, und ich wurde auf die Napalm-Bomben und Vietnam angesprochen. Aber mittlerweile wissen die Leute, was hinter dem Namen steckt, dass darüber Musik veröffentlicht wird. Hätte ich gewusst, dass es so viele Fragen aufwirft, hätte ich vielleicht einen anderen Namen gewählt, aber ich bereue es eigentlich in keiner Weise.

Gegründet wurde NAPALM RECORDS in Eisenerz, noch immer habt ihr euren Hauptsitz dort. Wie wichtig ist dir dieser lokale Bezug?
Ich bin gebürtiger Eisenerzer, meine Tochter wächst hier auf … ich habe am Anfang viel Unterstützung von der Familie erhalten. Jetzt ist es einfach so, dass ich dem Ort auch etwas zurückgeben möchte. Mittlerweile wird die Logistik von Eisenerz aus betrieben, auch A&R und die Geschäftsführer sitzen hier, weil wir auch einfach der Natur und der Schönheit hier verbunden sind.

War die Lage am Anfang nicht auch mal ein Nachteil, verglichen mit einer Großstadt?
Für mich war das alles viel Learning by Doing, ich habe keine Einschulung bekommen oder so. Das ging dann step by step durch Auslandsaufenthalte und so weiter. Ich habe viele Leute ausgebildet. Österreicht ist ja generell – unabhängig von Eisenerz – nicht unbedingt für die Musikwirtschaft bekannt. Graz oder Wien wären vielleicht einfacher gewesen, aber mein Ziel war eigentlich sowieso immer das Ausland. Am Anfang habe ich natürlich den Traum gelebt, die Firma hier in Einsenerz zu gründen. Ein kleiner Ort, das war eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wir haben auch viele deutsche Mitarbeiter gehabt, die dann wieder zurückgegangen sind … Ich habe dann relativ schnell begriffen, dass ich raus ins Ausland und Büros vor Ort haben muss. Aber wir haben ein super Kernteam hier in Eisenerz. Jetzt noch den Standort innerhalb Österreichs zu wechseln, würde nicht viel Sinn haben. Zumal wir das arbeitstechnisch zwischen den Büros jetzt sehr sauber aufgeteilt haben.

Mittlerweile gehört ihr zu den führenden Labels in der Metal-Branche. Wie darf man sich den Standort Eisenerz heute vorstellen – und wie viele Mitarbeiter arbeiten heute bei NAPALM?
Ich denke, dass wir mittlerweile überhaupt das größte Independent-Label sind, seit Nuclear Blast verkauft wurden. Hier in Eisenerz bauen wir gerade eine neue Lagerhalle mit fünf Kilometern Regalstellflächen. Es arbeiten etwa 30 Leute hier in Eisenerz bei NAPALM, insgesamt sind wir mittlerweile bei 55 Mitarbeitern. Aber Mailorder, Logistik und das alles kommt aus Eisenerz.

Die neue Laterhalle von NAPALM RECORDS in der Bauphase. © Napalm Records

Wie fing das an, was war die erste Band, die du unter Vertrag genommen hast?
Das waren wie gesagt Disastrous Murmur, deren Mini-CD „Where The Blood For Ever Rains“ ist unsere Katalognummer NPR 001. Unvergessen und heute noch stolz, wie ich die CD bekommen habe. Dann ging es eigentlich recht schnell weiter mit Black-Metal-Bands, Thrash-Metal-Bands … NPR 005, Abigors „Verwüstung/Invoke The Dark Age“ [1994, A. d. Red.] war dann sowas wie der Durchbruch für uns. Da ging es dann von den Verkäufen her steil bergauf.

War das für dich persönlich, aber auch für den Erfolg von NAPALM RECORDS, dann auch das wichtigste Signing?
Wir haben für NAPALM RECORDS in den Anfangstagen keine großen Kredite von Banken erhalten, es war mir sehr früh schon sehr wichtig, mit dem eigenen Cashflow zu arbeiten und diesen auch zu erwirtschaften. Mit dem Black-Metal-Trend und in einer Zeit, in der das physische Produkt noch ganz stark gekauft worden ist, war das ganz klar Abigors „Verwüstung/Invoke The Dark Age“. Das waren ja sensationelle Zeiten vom Verkauf her. Ohne große Werbung hast du einfach viele Einheiten verkaufen können. Dann kamen Summoning, Tristania … die Bands der Anfangstage. Weil die den Weg geebnet haben für NAPALM RECORDS. Hätten wir da nur unerfolgreiche Künstler veröffentlicht, würde es das Label vielleicht gar nicht mehr geben.

Viele Labels haben sich gleich zu Beginn auf ein Genre festgelegt. Die ersten Bands bei NAPALM RECORDS kamen aus verschiedensten Genres, Death, Black und Gothic Metal – nach welchen Kriterien hast du damals die Bands ausgesucht?
Vieles hat sich einfach aus Eigeninteresse ergeben. Das war bezüglich Black und Gothic Metal sehr groß. Da war es natürlich sehr positiv, dass diese Genres dann auch sehr gut funktioniert haben. Das hat die Firma dann wirtschaftlich rasch auf ein anderes Level gebracht beziehungsweise Geld eingespielt, das wir weiter investieren konnten. Aber natürlich legt man den Fokus dann nicht auf Genres, die sich kaum bis gar nicht verkaufen lassen. Man kann ja nur Geld investieren, um Künstler aufzubauen, das man irgendwo verdient.

Wann hast du gemerkt: Jetzt habe ich es geschafft, jetzt läuft die Sache?
Wir haben immer weiter in Künstler investiert, immer größere Bands unter Vertrag genommen, aufgebaut … NAPALM RECORDS ist ja nach wie vor für sein Artist Development bekannt. Aber der konkrete Zeitpunkt war bei Tristanias „Widow’s Weeds“ [1998, A. d. Red.], als man gemerkt hat: Uh, da geht’s jetzt richtig ab. Das war der Zeitpunkt, der Durchbruch mit Gothic Metal, dann später mit Leaves’ Eyes und so weiter, als man gesehen hat: Es geht in die richtige Richtung.

Markus Riedler mit der goldenen Schallplatte für "Blessed & Possessed" von Powerwolf.

Markus Riedler mit der goldenen Schallplatte für „Blessed & Possessed“ von Powerwolf.

Gab es einen konkreten Höhepunkt für NAPALM, an den du dich immer gerne erinnerst – etwa die Vertragsunterzeichung einer bestimmten Band?
Es gab so viele schöne Momente in meiner Arbeitszeit … die Leidenschaft von Mitarbeitern, Auszeichnungen, goldene Schallplatten, die Aufmerksamkeit der regionalen Presse – und das Ganze von der Peripherie aus geschafft zu haben, macht einen schon stolz. Auch zu sehen, was für ein Team wir weltweit aufgebaut haben, auch der Mailorder: wenn man am Kundenfeedback sieht, dass es funktioniert. Da gibt es schon Momente, in denen man richtig stolz ist. Aber nach wie vor das Schönste ist für mich eigentlich, wenn man einen Künstler am Markt etablieren kann. Das ist ein wunderbares Gefühl. Was Vertragsunterzeichnungen angeht, war es sicher die von Alter Bridge, oder auch damals noch Type O Negative. Aber da gibt es so viele positive Momente und positive Vibes, die kann man gar nicht alle aufzählen.

Gab es auch Tiefpunkte, Momente, in denen du an der Zukunft von NAPALM RECORDS gezweifelt hast?
Das waren meist persönliche Ermüdungserscheinungen. Wenn man eigentlich keinen Bock mehr hat … wenn man mit Managern zum tausendsten Mal das Gleiche diskutiert, nur auf Unverständnis stößt oder gute Mitarbeiter verliert. Oder wenn mit einer Band teilweise über ein Jahr lang verhandelt und dann unterschreibt die woanders – das sind Rückschläge, die man wegstecken muss. Aber ich denke, das ist uns im Gesamten eigentlich recht gut gelungen.

2007 gab es Streit zwischen dir und dem Rock-Hard-Magazin, es ging um NSBM-Alben, die damals noch über den NAPALM-Webshop vertrieben wurden. Wie stehst du heute zu der damaligen Kontroverse?
Das hat für uns viele negative Auswirkungen gehabt, unter anderem auch einen bescheuerten Wikipedia-Eintrag. Warum auch immer … wir sind auch dagegen vorgegangen, es wurde teilweise korrigiert, weil ja Magazine als verlässliche Quellen genannt wurden, womit ich wirklich ein Problem habe. Ein bestimmter Redakteur vom Rock Hard ist einfach zum Sittenwächter geworden: Da wurden dann Künstler als NSBM hingestellt und bei anderen Bands wurde gesagt, die sind OK, obwohl die eindeutige Symbole verwendet haben. Damit habe ich ein Problem. Ganz ehrlich: Für mich gibt es da den Index, und was verboten ist, darf nicht verkauft werden. Unsere Mitarbeiter sind angehalten, die Produkte zu überprüfen, ob es irgendwelche eindeutigen politischen Symbole gibt, dann wird das Produkt natürlich zurückgeschickt. Wie ein Künstler privat denkt, können wir natürlich in der Mailorder nicht überprüfen. Wir haben mittlerweile 40.000 bis 50.000 Artikel, da ist es ein Ding der Unmöglichkeit. Damals sind wir vom Rock Hard angeprangert worden, solche Alben zu verkaufen … Amazon hat sie auch verkauft, oder andere Händler. Wir haben die dann natürlich umgehend aus dem Sortiment genommen. Aber ich bin auch der Meinung, Politik hat in der Musik nichts verloren, egal ob links oder rechts. Musik ist Unterhaltung, das sollte im Vordergrund stehen. Wir distanzieren uns da von jedem politischen Gedankengut – damit wollen wir nichts zu tun haben und nehmen dann jedes Produkt auch sofort aus dem Sortiment.

Findest du wirklich, dass der Ansatz „Musik soll unpolitisch sein“ im Metal und den verwandten Genres zutrifft?
Natürlich weiß ich, dass viele Künstler aufgrund ihres Images eine politische Meinung haben, ein Statement verbreiten. Aber wir als Firma stehen für Toleranz und Weltoffenheit und versuchen das auch zu fördern. Sofern wir jemanden suchen, ist bei uns jeder Mitarbeiter willkommen, der arbeiten will und die entsprechende Qualifikation mitbringt – unabhängig von seiner Herkunft. Das sieht man auch in unseren internationalen Niederlassungen, wie bunt gemischt die Herkunftsländer der einzelnen Mitarbeiter sind. Darüber bin ich sehr froh und auch dankbar – gerade so etwas fördert den Spirit in der Company, damit man auch mal über den Tellerrand hinausblicken kann.

Wäre nicht gerade in Zeiten wie den unseren wichtig, Toleranz und Weltoffenheit auch explizit zu fördern – und schon bei „Grauzonenbands“ einen Cut zu machen?
Der Einkauf, also welche Künstler wir verkaufen, wird ganz klar nach wirtschaftlichen Aspekten betrieben: Besteht Interesse, wird eingekauft. Natürlich wollen wir keine Produkte vertreiben, die politisch bedenklich sind, soetwas wird aus dem Sortiment genommen beziehungsweise gar nicht erst aufgenommen. Aber das ist für die Mitarbeiter im Einkauf natürlich schon immer wieder ein schwieriges Unterfangen. Die können die eingehende Ware natürlich nur darauf prüfen, ob nach außen irgendwelche Symbole oder Botschaften erkennbar sind. Generell versuchen wir aber schon, nur von verlässlichen Lieferanten einzukaufen – also solche, bei denen man schon weiß, dass sie keine verbotene oder politisch bedenkliche Ware verkaufen. Klar gibt es da auch eine Grauzone. Die ganze Politik ist voll mit Grauzone. Und da haben wir auf alle Fälle Verantwortung. Darum versuchen wir, keine bedenklichen Künstler zu verkaufen. Aber das ist natürlich schwierig. Ich bin auch jemand, der für freie Meinungsäußerung steht. Aber wir versuchen natürlich, darauf zu schauen – und wenn es diskriminierend, menschenverachtend und intolerant wird, das Produkt eben gegebenenfalls auch aus dem Sortiment zu nehmen. Aber noch einmal: Wir sind ein wirtschaftlich geführtes Unternehmen, parteiunabhängig, und deswegen gilt meine Aussage: Musik sollte Unterhaltung sein. Für mich ist auch Grindcore oder Punk Unterhaltung. Das ist meine persönliche Meinung, weil es mir persönlich gefällt. Für mich steht die Musik im Vordergrund. Aber dass das Image dann teilweise mit politischen Statements einhergeht, macht es bisweilen natürlich schwierig. Darum kann ich nur jeder Band sagen: Ich weiß nicht, ob es dem Image förderlich ist, wenn man eine politische Meinung vertritt.

Nuclear Blast Records wurden 2018 an einen französischen Medienkonzern verkauft (> mehr dazu im Special). Könntest du dir das bei NAPALM RECORDS vorstellen, wenn du irgendwann keine Lust mehr hast, alles selbst zu machen?
Es hat schon mehrere Interessenten gegeben. Ich könnte mir das schon durchaus vorstellen, aber ich möchte wenn, dann mit Minderheitsbeteiligung einen strategischen Partner, um die Firma weiter voranzubringen. Also ich muss da ganz klar eine Vision sehen, wie es weitergehen kann. Das ist mir persönlich, auch für meine Mitarbeiter, wichtig. Das ist ein Lebenswerk, da habe ich kein großes Interesse, dass das dann so zerschlagen wird wie bei Blast oder Century Media oder Roadrunner oder wie sie alle heißen. Das wäre für mich schon ein sehr großes Anliegen. Aber klar, was dann irgendwann in zehn, zwanzig Jahren mal sein wird: keine Ahnung. Aber das wäre mein Plan für die nächsten zehn Jahre.

Bei Nuclear Blast läuft seit der Übernahme nicht alles rund – siehst du NAPALM als Profiteur? Immerhin habt ihr ein paar Bands, aber auch ehemalige Mitarbeiter von Nuclear Blast übernehmen können.
Man muss natürlich sehen: Nuclear Blast hat damals ein gutes internationales Vertriebsnetzwerk aufgebaut. Jetzt versuchen sie das über ihre eigenen Kanäle von Believe zu vertreiben. Das ist ein schwieriges Unterfangen. Umstrukturierungen, die Neuaufstellung des Teams, viele Mitarbeiter haben das Unternehmen verlassen – ein paar haben ja auch wir glücklicherweise gewinnen können – da ist nicht wirklich ein Stein auf dem anderen geblieben. Wird spannend, wie das weitergeht. Klar treten viele Künstler an uns heran und fragen an, wie es aussieht, und klar spricht man mit dem einen oder anderen. Es gibt natürlich Verträge im Hintergrund, die erfüllt werden müssen – das muss man auch sehen. Wir sind momentan gut ausgelastet und wollen uns kein finanzielles Battle mit anderen Labels liefern. Ich weiß, wir können Qualität liefern, aber die hat halt auch irgendwo ihren Preis.

Markus Riedler mit Napalm-Records-Angestellten © Napalm Records

Wie siehst du generell die Zukunft der physischen Tonträgerindustrie, welche Änderungen im Geschäftsmodell sind aus deiner Sicht auf lange Sicht unerlässlich?
Das wird natürlich spannend. Die größte Sorge ist, wie beim Vinyl, dass es irgendwann keine Abspielgeräte mehr gibt, was man ja auch bei CDs schon vermehrt sieht. Die CD wird immer mehr zum Beiprodukt – es geht dann mehr um die super hochwertigen Editionen, schöne Verpackungen, oder eben Vinyl. Da weichen die Leute schon aus. Aber klar, wenn du ein liebloses Jewelcase mit 8-Seiten-Booklet anbietest, das dann um einiges teurer ist als ein Download oder ein Stream – hat das viel Sinn? Das muss man einfach überdenken, da muss man nach wie vor Qualität liefern, damit der Kunde sagt: OK, ich kaufe mir das physische Produkt, da habe ich was in der Hand, was auch wirklich schön anzusehen und qualitativ hochwertig ist. Das sehe ich schon so: Jeder wird sich später an seine erste Platte oder CD erinnern. Aber niemals an seinen ersten Stream oder Download. Man merkt da schon, dass es auch eine Gegenbewegung zur Digitalisierung gibt und Leute dann darauf kommen: Hey, es ist doch super, wenn man mal in Ruhe ein Vinyl hört und einen Bezug zu dem Produkt aufbauen kann.

Aber natürlich ist das rückläufig, ganz klar, Streaming wird immer stärker werden. Ich denke, Vinyl wird noch bedingt wachsen, aber es gibt ja nicht wirklich die Kapazitäten, um unlimitiert Ware herzustellen. Und auch die Nachfrage gibt es nicht. Aber das ist eine spannende Sache. Wir sind sehr breit aufgestellt, Mailorder, Verwertung, physisch, digital, Merchandise, Booking … für mich war relativ früh klar, dass ich mich nicht nur auf den Verkauf von physischen Produkten konzentrieren will.

Kerngeschäft eines Labels ist der Verkauf von Musik. Ist diese Aussage 2020 noch korrekt?
Da gibt es schon so viele unterschiedliche Verträge – welche Vereinbarung treffe ich mit dem Künstler, bin ich nur der Vertriebspartner, nur fürs Marketing oder habe ich einen Profit-Split? Es gibt so viele verschiedene Verwertungsformen, dass man gar nicht genau sagen kann, was das Kerngeschäft eines Labels heute ist. Als Label nur Musik zu verkaufen, ist auf alle Fälle zu wenig und auch relativ uninteressant geworden.

Was ist für ein Label wie NAPALM wichtiger – große Namen oder die richtigen Newcomer?
Es muss eine gute Mischung sein zwischen großen Namen und guten Newcomern. Aber klar, einen guten Newcomer zu etablieren ist für ein Label natürlich lukrativer, weil die Verträge anders aussehen. Das Problem bei großen Bands ist natürlich, dass die teilweise auch überbezahlt werden wollen, oder zumindest darauf hoffen, wo du aber vielleicht schon im Vorhinein weißt, dass die Band schon auf dem absteigenden Ast ist. Da musst du dich natürlich fragen, ob es überhaupt noch Sinn hat, so ein Demo anzufassen. Wenn du hingegen einen Newcomer etablieren kannst und auch im Booking noch mit drin bist, dann macht es ja von der ganzen Energie, die man für den Künstler aufwendet, viel mehr Sinn, als wenn du weißt, du bist bei einem großen Akt nur der Kreditgeber, wo du dann gar nicht wirklich recoupen kannst. Es braucht natürlich eine Mischform: Du brauchst natürlich Namen, du brauchst einen gewissen Umsatz. Aber NAPALM RECORDS war immer bekannt für Artist Development, darauf sind wir stolz und das wollen wir auch weiter so betreiben. Da haben unsere A&Rs auch klare Richtlinien, in diese Richtung weiterzusuchen und die nächste Generation zu finden.

Unbekannte Acts sind natürlich immer ein Risiko und selten schnell rentabel. Was muss eine Band heute mitbringen, um für dich trotzdem interessant zu sein?
Du musst für einen Künstler eine Zukunftsvision aufbauen können. Da muss man sich so vieles anschauen! Wie sind die aufgestellt? Wie ist die Bereitschaft, live zu spielen? Die Social-Media-Aktivität? Ticken die richtig? Haben sie ein Management im Hintergrund? Sind sie kooperativ oder Verhinderer? Wer macht das Booking? Das komplette Setup im Hintergrund … Nur einen Künstler unter Vertrag zu nehmen, der jetzt ein gutes Album hat, und auf das hin in die Band zu investieren, funktioniert meistens nicht.

Bandfoto JinjerHast du ein Beispiel für uns?
Ich sag’ mal: Wir haben es ja erst vor kurzem, in den letzten zwei, drei Jahren mit einer Band wie Jinjer bewiesen. Die gab es ja auch vorher schon, aber wir haben die jetzt international super am Markt etabliert. Oder auch Alestorm. Es gibt da viele positive Beispiele. Ich bin ein großer Freund von unbekannten Acts, wenn alles stimmt und in die richtige Richtung geht. Ich kann von einem Künstler 2000 Units verkaufen und mehr verdienen als bei einem Künstler, von dem ich 100.000 Units verkaufe.

Vielen Dank für das Interview! Zum Schluss ein kurzes Brainstorming:
Deine Lieblingsband:
Da gibt es eigentlich keine. Und wenn ich eine aus unserem Roster nennen würde, wären vielleicht andere beleidigt. Ich höre alles, quer durch den Gemüsegarten. Das ist bei mir stimmungsabhängig.
Kassetten: Ein nettes Goodie. Die Leute kaufen die heute wohl als Fan-Item. Ob jemand die wirklich abspielt … denke ich eigentlich nicht. Man weiß, man hat eine super Limited-Edition, das macht halt irgendwo Spaß. Und man fühlt sich in die Vergangenheit zurückversetzt.
Vinyl: Auch der Sammlertrieb. Zum Abspielen ganz toll – vor allem ist jedes Vinyl individuell. Wenn man mal gesehen hat, wie die Dinger gepresst werden: Es sieht kein Vinyl aus wie das andere. Man hört es bei mir schon raus: Ich bin ein großer Vinyl-Liebhaber.
CD: Hm. Meine große Sorge, was die Abspielgeräte angeht. Vergleichbar mit Vinyl. Das wird die CD weiter limitieren und reduzieren, was die Verbreitung anbelangt. Es wird immer mehr zum Goodie, zu einer Sonderverpackung werden.
Streaming: Es gibt auch positive Aspekte beim Streaming. Die Piraterie ist weitgehend damit eingedämmt worden, weil es einfach keinen Sinn mehr macht, etwas illegal runterzuladen. Wenn jemand illegal runterlädt, sollte er sich eigentlich dafür schämen, weil es wirklich keinen Grund mehr dafür gibt – man kann ja auch einen werbefinanzierten Account nehmen. Wo ist sonst die Bereitschaft, für etwas Kreatives dem Urheber auch einen Tribut zu zollen, damit er für sein Schaffen eine faire Entlohnung bekommt?
NAPALM RECORDS in zehn Jahren: Mailorder noch weiter ausgebaut, noch stärker. Vielleicht hat meine Tochter – die ist jetzt 14 – Bock, in die Fußstapfen von ihrem Vater zu treten. Sie ist sehr kreativ, kann aber mit der Musik momentan noch nicht so viel anfangen. Ganz klar: Vielleicht einen starken Partner an der Seite und noch viele tolle weitere Veröffentlichungen! Ich habe nie wo anders gearbeitet als in der Musikwelt und ich hoffe, ich kann damit auch noch in Pension gehen.

Danke nochmals für deine Zeit und Antworten! Die letzten Worte gehören dir:
Danke für die Fragen und dein Interesse, du hast dich wirklich damit auseinandergesetzt. Vor allem die Frage mit dem Rock Hard habe ich sehr spannend gefunden! Schönes Wochenende!

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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1 Kommentar zu “Napalm Records”

  1. Johannes

    Danke für das interessante Interview und die spannenden Fragen! Klingt sehr authentisch und Markus Riedler kommt richtig sympathisch rüber. Dürfte wirklich mit Freude dabei sein. Ich gönne ihm seinen Erfolg.

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