Interview mit Askhan Avagchuud von Nine Treasures (Innere Mongolei / China)

Die rasante Entwicklung Chinas macht auch vor dem Metal nicht halt: Askhan Avagchuud von NINE TREASURES aus der inneren Mongolei berichtet im 17. Teil unserer Serie „Metallisierte Welt – Auf den Spuren einer Subkultur“ über die rapide wachsende (Metal-)Kultur im Land des Drachen.

Als in China lebende Mongolen wollen NINE TREASURES keinem der beiden Länder eindeutig zugeordnet werden. Aus diesem Grund steht über diesem Interview nicht, wie in unserer Serie üblich, eine Länderflagge mit Bandlogo.

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Wie steht es im China generell um den Metal? Gibt es in Peking eine echte Metal-Szene, oder ist Metal bei euch eher noch eine Underground-Geschichte?
In China gibt es ungefähr 500 Metal-Bands – die Szene entwächst gerade dem Underground. Wir haben 330 Metal-Festivals im engeren Sinne, aber viele Rock-Festivals laden auch Metal-Bands ein. Insgesamt gibt es in China sicher 200 bis 300 Festivals pro Jahr. Es gibt auch überall in China Konzerthallen, auch in den kleinen Städten. Die Leute fangen jetzt an, Livemusik hören zu wollen.

Könntest du die Entwicklung der Szene über die Jahre beschreiben? Wächst das Interesse der Chinesen an Metal?
Es wächst unglaublich, in rasantem Tempo! Das liegt am Internet und den Smartphones – die Leute können jetzt die Musik, die sie mögen, viel einfacher mit ihren Freunden teilen.

Wie bist du zum Metal gekommen?
Als ich in der Mittelschule
war, habe ich eine Band aus der Mongolei gehört, Hurd. Die Band wurde 1995 gegründet, sie sind die Vorreiter des mongolischen Metal. Als ich die das erste mal gehört habe, wusste ich nichteinmal, wie man diese Musik nennt.

Fühlst du dich als Metalhead anders als die „normalen Leute“?
Nein, ich denke, ich bin nicht anders als „normale Leute“.
(lacht) Ich mag einfach die Musik.

Hattest du schon einmal Probleme oder hast negative Erfahrungen gemacht, weil du Metal hörst?
Nein.nine-treasures-01Wie etabliert sind Metal-Attribute wie Tattoos, Piercings oder Kleidung im Metal-Style in China? Reagieren die Leute negativ auf Metalheads oder hattest du deshalb Probleme mit deiner Familie?

Die Leute hier in China sind heutzutage sehr aufgeschlossen für alles Mögliche – sie kommen mit allem klar. Vielleicht wissen nicht alle, was Metal-Kultur ist, aber auf den Straßen siehst du hier sehr viele verschiedene Kleindungsstile. Vielleicht glauben die Leute auch, dass jemand, der sich mit einem schwarzen T-Shirt und Jeans kleidet, wie ein tapferer Mann aussieht. Für meine Familie ist es jedenfalls auch kein Problem.

Wie steht es in der Inneren Mongolei um Metal? Gibt es auch dort eine echte Szene?
Die Innere Mongolei ist vielleicht sogar das zweitgrößte Zentrum der Metal-Szene in China! Es gibt dort viele Fans und viele Bands – aber nicht so viel unterstützende Infrastruktur wie Labels, Medien oder Promotion-Agenturen.

Metal ist in vielerlei Hinsicht von der westlichen Welt geprägt, vom europäischen und amerikanischen Lifestyle. Wie passt Metal zum Leben in der Mongolei?
Unsere Winter hier sind kalt und lang. Ich denke, das ist die Gemeinsamkeit. Die Mongolen sind auch sehr ruhige Leute, aber irgendwie können wir trotzdem etwas mit Metal anfangen. Wie alle anderen auch.

nine-treasures-03Was denken „normale“ Leute bei euch über eure Musik und darüber, dass ihr traditionelle Elemente mit Metal verbindet? Bekommt ihr dafür positives oder negatives Feedback?
Ich glaube, das Problem ist nicht der Metal. Es geht nur darum, ob deine Musik oder dein Produkt gut oder schlecht ist. Ich denke, jeder, der einmal die Chance hatte, Slipknot live zu erleben, wird die Band bewundern. Weil sie einfach gut sind.

Wie geht ihr vor, wenn ihr einen Song schreibt? Steht am Anfang eine Idee für einen traditionellen Part oder ein Metal-Riff?
Das kommt darauf an, was für einen Song du schreiben willst. Wenn der Metal-Teil der wichtigere für den Song sein soll, fange ich damit an. Ich versuche immer, am Ende auf 50-50 zu kommen.

Wo hast du gelernt, traditionelle Musik zu komponieren?
Ich denke, jeder Mongole kennt die traditionellen Melodien von Kindheit an. Die Eltern singen viel traditionelles Liedgut – vor allem, wenn sie getrunken haben. (lacht) Bei dieser Musik geht es vor allem darum, sie oft zu hören. Dann entwickelt man ein Gefühl dafür. Das ist schwer zu lernen – das braucht einfach Zeit.

Was den Metal angeht: Welche Bands haben dich am meisten beeinflusst, was sind deine Metal-Helden?
Ich höre viele verschiedene Genres, Oldschool-Thrash, Melodic Death, Nu-Metal, Hardcore, Metalcore … Ich mag beispielswesie In Flames, Children Of Bodom, Metallica, Terror und Hatebreed sehr gerne.

Was bedeutet es, bei euch in einer Metal-Band zu spielen? Wie steht es um Proberäume und Locations für Konzerte?
In China Metal zu machen, ist ziemlich easy. Um Proberäume oder Konzertlocations muss man sich beispielsweise keine Sorgen machen. Proberäume gibt es wirklich überall, du musst nur die Miete zahlen und kannst loslegen. Dort stellen sie sogar Verstärker, Boxen und Schlagzeug. Auch Hallen für Konzerte gibt es viele, wie gesagt, und es ist sehr einfach, mit den Betreibern in Kontakt zu treten. In China ist es auch nicht wie in Europa, wo man als Band die ganze Backline selbst mitbringen muss – hier stellt die Location das ganze benötigte Equipment.

nine-treasures-04Mit NINE TREASURES seid ihr extrem produktiv – zwei Alben, eine Live-CD, eine Split und eine Single stehen in nur sechs Jahren Bandgeschichte zu Buche. Die Alben habt ihr ohne Label veröffentlicht. Ist es in China einfach, Musik aufzunehmen und zu veröffentlichen?
Früher war es ist es vielleicht hart für chinesische Metal-Bands, die ein Album aufzunehmen und zu veröffentlichen. Aber heute hat jeder einen Computer und Musik-Equipment ist viel billiger geworden. Deswegen können die Leute ihre Alben daheim aufnehmen. Ich nehme immer erst ein paar einfache Demos auf und kümmere mich später erst darum, dass sie gut klingen. Das schwierigste ist die Kreativarbeit – du musst eine Idee haben, die deinen Song besonders macht. Das braucht viel Zeit und ist ziemlich schwierig.

Kaufen die Leute bei euch noch CDs, zumindest von lokalen Bands, um diese zu unterstützen?
Manche schon, manche nicht. Aber das ist ein Problem in China, die Leute interessieren sich nicht so für CDs. Ich kenne ein paar Leute, die in Online-Shows noch Tonträger kaufen, aber viele sind das nicht.

Wie geht es bei NINE TREASURES weiter?
Wir werden dieses Jahr unser drittes Album veröffentlichen – sehr bald sogar. Und 2017 spielen wir unsere dritte Europa-Tour … mehr Festivals, mehr Konzerte.

Ihr singt auf Mongolisch – die meisten (internationalen) Hörer verstehen eure Texte also nicht. Wie stehst du dazu?
Ich denke, wenn die Musik nur gut genug ist, sind Texte, die man nicht versteht, eine Kostbarkeit. Sie geben den Leuten Raum für Fantasie. Du kannst die Kraft und Emotion des Gesangs spüren – diese Emotion kommt trotzdem bei den Leuten an. Denk nur an Rammstein.

Spielt ihr in eurer Heimat oft live und wie ist die Resonanz beim chrinesischen Publikum auf Underground-Events?
Wir spielen jedes Jahr eine große China-Tour, bei der wir immer gut 40 Städte besuchen. Die Ticketverkäufe laufen jedes Jahr besser. Wir verkaufen zwar auch hier in China keine Hallen aus, aber es wird besser! Wie immer geht es auch hier um die Qualität, um gute und schlechte Musik. Wenn du gute Musik machst, werden die Leute dafür bezahlen.

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Gibt es auch Konzerte internationaler Künstler in China und wie viel Aufmerksamkeit wird ihnen geschenkt?
Wir haben hier jedes Jahr tonnenweise großartige Bands zu Gast – Metallica, Iron Maiden, Korn, Nightwish, In Flames, Children Of Bodom, Lamb Of God, Killswich Engage, Arch Enemy, Amon Amarth und so weiter. Über die Konzerte hört man dann auch im Radio, teilweise wird sogar im Fernsehen darüber berichtet.

Andererseits ist China für seine Zensur von Kunst verrufen – Künstler wie Ai WeiWei werden für Systemkritik ins Gefängnis geworfen. Wie steht es um Zensur in sachen Musik und Texte?
Wenn du auf einer großen Bühne spielst, einem Festival etwa, oder einer großen Location, wird zensiert. Und wenn deine Texte zu deutlich formuliert sind, lassen sie dich die Show nicht spielen. Aber weißt du … jeder Musiker weißt das sehr genau. Das lässt sich umgehen. Wenn irgendwelche ihrer Texte Probleme machen, schicken sie eben nicht die echten ans Ministerium. (lacht)

Wie steht es um repressive Einflussname auf Musiker und Bands durch Politik und Gesellschaft?
Wenn deine Texte nicht ihren Vorstellungen entsprechen, untersagen sie dir für ein paar Jahre, Konzerte zu spielen. Aber manche kümmern sich auch darum nicht – sie werden ewig dagegen ankämpfen. Cuijian [Pionier der chinesischen Rockmusik, A. d. Red.] ist so jemand.

Gibt es denn festgeschriebene Einschränkungen, Regeln oder Tabus, was die Themen von Songtexten angeht?
Es gibt dafür kein echtes Gesetz, das besagt, was du machen kannst und was nicht. Aber jeder kennt die Grenze.

Worum geht es in den Texten von NINE TREASURES?
Unsere Texte handeln vom ursprünglichen mongolischen Lebensstil, von Pferden, der Natur, dem Grasland . Nichts politisches. Deswegen können wir in China immer noch auftreten.

Was bedeuten dir Devil-Hornes?
Krieger!

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Zum Abschluss ein Brainstorming:
Deutschland:
Bier
Großer Panda: Süß.
Eine empfehlenswerte Metal-Band aus der Mongolei: Ego-Fall oder Tengger Cavalry
Fussball: Europa
Wacken:\m/
NINE TREASURES in zehn Jahren: Noch immer unterwegs!

Danke für das Interview – die letzten Worte gehören dir:
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