Interview mit András Nagy von Sear Bliss

Fünf Jahre hat es gedauert, bis die Black Metaller SEAR BLISS ein neues Album fertiggestellt haben – gut investierte Zeit, wie sich unlängst herausgestellt hat, ist „Eternal Recurrence“ doch vielleicht der Geheimtipp des Jahres für alle, die an avantgardistischem Black Metal Freude finden.
Wieso man sich mit dem Album so viel Zeit gelassen hat, worum es auf dem mittlerweile siebten Werk der Ungarn geht und warum das neue Material live noch besser funktioniert als das alte, erzählte uns Bandleader András Nagy in einem ausführlichen Gespräch.
Doch lest selbst…

sear bliss

Gratulation zunächst zu eurem neuen Album – ich finde, die ist CD äußerst interessant ausgefallen. Habt ihr schon Feedback bekommen?
Danke für das Kompliment. Ja, wir haben schon einiges an Feedback bekommen, und das meiste davon war sogar sehr positiv, auch wenn es ein bisschen den Anschein hat, dass dieses Album die Fans unserer Musik spaltet. Ich gebe schon zu, dass der musikalische Wandel verglichen mit unseren früheren Alben dieses Mal ziemlich extrem ausgefallen ist, aber ich glaube an Weiterentwicklung und es hat sich einfach so ergeben. Wir haben erschaffen, was wir in uns gespürt haben, genau, wie wir es früher auch immer getan haben.

Wie wichtig sind die generell Reviews? Liest du so etwas überhaupt, und wenn ja, was hältst du von der Meinung eines Journalisten über deine Musik?
Ich lese Reviews schon, weil mich die Meinung von Außenstehenden interessiert. Es hat dann zwar keinen direkten Einfluss auf mein Schaffen, aber mich interessiert trotzdem, was die Presse von unseren Alben hält.


Ok, kommen wir gleich mal auf euer neuestes Album zu sprechen:
Euer letzter Release, „The Arcane Odyssey“, ist bereits 2007 erschienen, es sind also fünf Jahre ins Land gegangen, bevor die neue CD nun erschienen ist. Warum hat es so lange gedauert, bis das Album fertig war?

Es gibt diverse Gründe, warum wir fünf Jahre gebraucht haben, um ein neues Album an den Start zu bringen: Wir haben hart an unsere DVD gearbeitet, die unsere 15. Jubiläumsshow aus dem Jahre 2008 enthält. Bedauerlicherweise ist die Veröffentlichung dieser DVD aus anderen Gründen momentan alles andere als sicher, aber wir haben da verdammt viel Zeit investiert. Später, im Jahr 2009, hatten wir einen kompletten Lineup-Wechsel und einige Mitglieder unserer Original-Besetzung kamen zurück in die Band. Da hat es natürlich auch viel Zeit und viele Auftritte gebraucht, bis man wieder Normalzustand erreicht hat. Dann habe ich noch mit unserem ehemaligen Keyboarder Winter unter dem Namen Nefarious eine CD aufgenommen, und 2010 bin ich schließlich aus beruflichen Gründen nach Amsterdam gezogen, so dass wir uns auf das neue SEAR BLISS-Album erst konzentrieren konnten, als ich zurück war… also haben wir im Sommer 2011 mit den Aufnahmen begonnen. Zudem haben einige von uns Familie und Kinder, um die sie sich kümmern müssen… all das hat seinen Teil zu der Verzögerung beigetragen.
Ihr braucht nicht meinen, dass wir zu Hause herum sitzen und musikalisch nichts zu Stande bringen – wir waren einfach mit einer Menge anderer Sachen ausgelastet.

Das Album trägt den Titel „Eternal Recurrence“ – welche Bedeutung steckt für dich in diesem Titel?
„Eternal Recurrence“ bezeichnet die unendlichen Kreisläufe aller Dinge, die Rückkehr von allem in das Universum. Das Gleiche gilt für die menschliche Existenz wie auch das Leben auf der Erde ganz allgemein. Alles im Universum kehrt auf irgendeine Art und Weise wieder… vielleicht in einer anderen Form oder abgewandelt in etwas anderes… aber es kehrt wieder. Dieser philosophische Ansatz ist auf dem Album sehr präsent… die Band selbst ist wiedergekehrt und unsere Gefühle dabei glichen denen, die wir hatten, als wir die Band gegründet haben.

Du hast es vorher ja bereits anklingen lassen: Das Album unterscheidet sich sehr von seinem Vorgänger. War es euer Ziel, dieses Mal etwas eklatant anderes abzuliefern, oder hat sich das einfach so ergeben?
Wir haben es nicht erzwungen… es war alles sehr natürlich. Viele Jahre sind seit dem Release unseres letzten Albums verstrichen, und wir haben uns musikalisch wie auch persönlich verändert. Zudem wollte ich nicht einfach wiederholen, was wir früher schon einmal gemacht haben. Meine Persönlichkeit ist rastlos, und genauso ist es mit meiner Musik…

Glaubst du, das neue Material wird live genauso gut funktionieren wie die älteren Songs, die ja deutlich einfacher strukturiert und gradliniger aufgebaut sind?
Das ist eine gute Frage und ich war mir da wirklich selbst nicht sicher, bis wir die Songs dann letzte Woche auf unserer Album-Release-Show in Budapest endlich das erste Mal live gespielt haben. Jetzt kann ich dir bestätigen, dass die Songs sogar noch besser funktioniert haben als die alten und die Leute sie mindestens genauso mochten. Wir haben vier Songs gespielt und sie hatten alle mächtig Power. Ich glaube, sie sind , obwohl sie komplexer und anspruchsvoller sind, gute Live-Songs, weil sie mehr Groove und Energie haben. Und sie zu spielen macht auch verdammt viel Spaß, weil es eine größere Herausforderung ist.


Mich erinnert das Material sehr an die Norwegische Avantgarde-Bands Ved Buens Ende beziehungsweise Virus. Kennst du diese Bands, und würdest du dem Vergleich zustimmen?
Nun, ich habe diese Vergleiche bereits anderweitig gehört, aber um ehrlich zu sein, bin ich mit der Musik der genannten Bands nicht all zu vertraut: Ich kenne und respektiere sie, aber ich könnte nicht sagen, dass ich sie aktiv höre, auch wenn mir die Songs, die ich vor langer Zeit mal zu hören bekommen habe, durchaus gefallen haben. Wenn dich unser Album an deren Musik erinnert, ist das also nicht, weil sie uns Beeinflusst haben, sondern weil wir offenbar die gleiche Herangehensweise haben, untypische musikalische Wege zu beschreiten und weil wir beiden nach dem Unbekannten streben.

Wenn du „Eternal Recurrence“ in einem Satz beschreiben solltest, wie würde dieser lauten?
Der akustische Ausdruck all dessen, was in der menschlichen Seele emotional düster, schwer, verwegen, hoffnungslos und verstörend ist.

Das Material von „The Arcane Odyssey“ war ja wirklich um Längen „epischer“, eingängiger und nachvollziehbarer arrangiert… „A Deathly Illusion“ beispielsweise ist ein Ohrwurm, wie er im Buche steht, so etwas gibt es auf dem neuen Album gar nicht. Habt ihr euch darüber im Vorhinein Gedanken gemacht?
Das war ja wie gesagt nichts, was wir mit Absicht so gemacht hätten. Es ist einfach so passiert, weil unsere Emotionen deutlich komplizierter und elaborierter waren, und um das perfekt auszudrücken, mussten wir es in den Strukturen der Songs zum Ausdruck bringen. Wir versuchen immer auszudrücken, was wir in uns fühlen, und unsere Emotionen waren dieses Mal gänzlich andere, verglichen mit denen, die wir hatten, als wir „The Arcane Odyssey“ geschrieben haben.

Du hast das vorher schon kurz angeschnitten: Glaubst du, dass es Fans gibt, die von eurem Stilwechsel enttäuscht sind? Und so dem so ist: Was fängst du mit dieser Erkenntnis an?
Ich weiß, dass es Fans gibt, die von dem Wandel enttäuscht sind, aber ich hoffe einfach, dass die Leute verstehen, dass es bei jeder Form von echter Kunst das authentischste ist, dich selbst zu verwirklichen. Und dieser Stilwechsel kam direkt aus unseren Herzen, ohne, dass irgendetwas anderes uns beeinflusst hätte…


Sehr auffällig ist auch die neue Funktion der Trompete: Sie ist deutlich subtiler eingesetzt, nicht so präsent wie auf den früheren Aufnahmen. Warum habt ihr euch dazu entschieden, sie so weit in den Hintergrund der Arrangements zu stellen?
Nun, wir wollten es mit den Blasinstrumenten einfach nicht übertreiben, nur, weil wir einen Trompeter in der Band haben. Also haben wir die Blasinstrumente nur dort verwendet, wo sie wirklich der Atmosphäre der Songs dienlich waren. Es ist sehr wichtig, jedes Instrument nur da zu verwenden, wo es perfekt passt und notwendig ist. Für diese Songs mussten wir Rolle der Blasinstrumente eben an die Stimmung und Struktur der Songs anpassen: Sie sind immer noch da, aber eben in einer anderen Form.

Noch paar Worte zu den Texten, und wovon sie handeln? Ist das Album ein Konzept-Album?
Nein, Konzeptalbum ist es keines, aber es hat ein grundlegendes Thema, das ich ja vorher schon im Zusammenhang mit der Erklärung des Albumtitels erläutert habe. Die Texte wurden dieses Mal nicht von einem persönlichen Standpunkt aus geschrieben, sondern haben eher einen philosophischen Ansatz.

Eure Texte sind dabei alle auf Englisch verfasst, obwohl eure Muttersprache ja Ungarisch wäre. Habt ihr mal drüber nachgedacht, auf Ungarisch zu texten?
Wir haben tatsächlich einen kurzen ungarischen Vers in unserem Song „In The Shadow Of Another World“, der als Bonustrack auf unserer Demo-Mini-CD zu finden ist. Das ist aber alles, was wir auf Ungarisch gemacht haben. Ich denke aber in der Tat darüber nach, in Zukunft mal wieder einen Text auf Ungarisch zu schreiben. Ungarisch ist aber eine sehr eigene Sprache, die man nicht leicht an diese Art Musik anpassen kann.

Das Albumcover erinnert mich vom Stile her etwas an Ulvers „Wars Of The Roses“ – war das Absicht?
Nein, Absicht steht da keine dahinter, aber wir wollten etwas ähnlich einfaches und direktes. Ich war ein bisschen übersättigt von all diesen modernen, verkünstelten Artworks, die du überall zu sehen bekommst. Ich hatte auch genug von diesen ganzen Farben in den Artworks. Also wollten wir es so einfach wie möglich halten.

Wer ist für das Artwork verantwortlich?
Benjamin König, ein sehr talentierter Künstler aus Deutschland. Er hat das Artwork für das Nefarious-Album gemacht und ich wollte, dass er auch das Artwork für das neue Album macht. Ich mag seine sehr individuelle Kunst.

Ihr habt das Album ja wieder bei Candelight Records veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass ihr bei diesem Label gelandet seit, und wie sah damals deine Reaktion aus, als du davon erfahren hast?
Ich habe immer viele der Alben, die Candlelight veröffentlicht hat, bewundert, insofern war es für uns wirklich eine Ehre, einen Vertrag mit ihnen zu unterzeichnen.
Die Verbindung zu ihnen reicht zurück ins Jahr 2006, als sie das Debüt von Forest Silence veröffentlicht haben… das ist eine andere Band, in der ich mit unserem früheren Keyboarder Winter gespielt habe. Danach haben wir mit SEAR BLISS bei ihnen unterschrieben, weil wir nach einem neuen Label gesucht hatten, und sie Interesse hatten. Das war kurz vor dem „The Arcane Odyssey“-Album, insofern ist das jetzt schon unser zweites Album für sie.

Plant ihr eigentlich eine Tour zu dem Album, vielleicht auch nach Deutschland?
Ja, wir haben mit einer deutschen Konzertagentur einen Vertrag unterschrieben – Red Lion Music – und derzeit arbeiten sie an einer Tour für uns im Herbst. Wenn das klappt, werden gewiss auch einige Deutschlandkonzerte dabei sein. Derzeit haben wir ein Konzert in Deutschland bestätigt: Am 15. September werden wir beim Fimbul Festival in Dettelbach spielen.


Das war meine letzte SEAR BLISS-Frage. Wenn es für dich in Ordnung wäre, würde ich gern die Chance, mit einem Ungarn zu sprechen, nutzen, und dich zu deiner persönlichen Meinung zur politischen Entwicklung deines Landes unter der Führung von Victor Orbán fragen… gerade bezüglich der neuen Gesetze hinsichtlich der Pressefreiheit…
Um ehrlich zu sein, war ich immer dagegen, als Musiker über Politik zu reden. Ich werde die Frage trotzdem beantworten, aber ich distanziere mich weiterhin von irgendwelchen politischen Ansichten. Es ist ja kein Geheimnis, dass die politische Situation in unserem Land seit langer Zeit ziemlich am Arsch ist. Aber der Schaden, den die vorherige Regierung verursacht hat, ist groß, und es scheint leider so zu sein, dass die kritische Situation hier nur durch einige harte Regulierungen unter Kontrolle gebracht werden kann. Ich bin mit der derzeitigen politischen Führung auch nicht einverstanden, aber ich hab auch die Schnauze voll davon, dass die Regierungschefs der anderen Länder versuchen uns ihren Willen bei unseren innerpolitischen Entscheidungen aufzuzwingen und über unser Land urteilen. Das brauchen wir nicht, wirklich.

Hast du eine Idee, wie sich das alles dann in Zukunft weitergehen wird? Wird Ungarn sich weiter von der EU isolieren, oder denkst du, dass diese Entwicklung gestoppt werden wird?
Wir hoffen natürlich, dass die Dinge besser werden… und um ehrlich zu sein, würde es uns wohl mehr nützen, von der EU etwas unabhängiger zu sein. OK, wir sind kein finanzstarkes Land, aber eine Art Unabhängigkeit wäre für dieses Land ein großer Gewinn, weil dieses Land dann in der Lage wäre, sich selbst mit allem, was wir haben (also Landwirtschaft, Wasserversorgung etc.) zu versorgen. Aber es gibt Kräfte, die versuchen, uns daran zu hindern.

Ok, dann vielen Dank für das Interview – wenn du dem Ganzen noch etwas hinzuzufügen hast, hast du dazu jetzt die Gelegenheit:
Vielen Dank für deine Unterstützung. Wir hoffen, dass wir das neue Material bald auch auf den Bühnen in Deutschland präsentieren können. Wir sehen uns!

Zum Abschluss des Interviews hätte ich da noch ein kurzes Brainstorming vorbereitet. Was fällt dir zu folgenden Begriffen als erstes ein?

Europa: Reichhaltige, aber sterbende kulturelle Vielfalt
Black Metal: Weit mehr als nur ein Musik-Genre
Facebook: Massenhypnose
Victor Orbán: Der Premierminister von Ungarn
Black Sabbath-Reunion: Ungewissheit
Jazz: Ein Musik-Genre

Vielen Dank nochmal – ich wünsche dir und deiner Band nur das Beste für die Zukunft!

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