Interview mit Andras Nagy von Sear Bliss

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„Letters From The Edge“ gehört zu den Alben, bei denen das Cover schon viel über die Musik verrät. Noch mehr über das Meisterwerk progressiven Black Metals verrät dann aber doch SEAR-BLISS-Mastermind Andras Nagy im Interview.

Warst du – nach all den Jahren im Geschäft – vor der Veröffentlichung von „Letters From The Edge“ noch nervös?
Nicht nervös, aber sehr aufgeregt. Eigentlich hatte ich das gleiche Gefühl und die gleiche Begeisterung, die ich empfand, als wir unser erstes Album „Phantoms“ im Jahr 1996 herausgebracht haben. Der Grund dafür ist, dass die Chemie in der Band jetzt so gut ist und wir das Album ziemlich „oldschool“ geschrieben haben.

Wie reagieren die Fans auf das Album? Es ist etwas progressiver und vielfältiger, wieder etwas weniger Black Metal. Gibt es Leute, die sich darüber beschweren?
Die Reaktionen sind wirklich gut. Die Leute scheinen das Album zu mögen, auch wenn es ziemlich schwierig ist und Zeit braucht. Ich habe nur von einigen wenigen Beschwerden gehört, die sagen, dass unser neues Album Post-Black-Metal sei. Ich habe noch nicht einmal von dem Begriff „Post-Black-Metal“ gehört und ich weiß nicht, wofür er steht. Wir sind viel zu alt, um auf einen neuen Trend zu setzen.

Das Album ist vielfältiger, aber stellenweise auch etwas kitschiger. Was inspiriert dich zu dieser kleinen Veränderung am musikalischen Ansatz?
Unser vorheriges Album ist vor sechs Jahren erschienen und wir haben in den letzten zehn Jahren eigentlich nur zwei Alben veröffentlicht, daher ist es selbstverständlich, dass es mit zunehmendem Alter Veränderungen in unserer Musik gibt. Wir sind demgegenüber ziemlich aufgeschlossen und haben keine Angst davor, verschiedene Dinge auszuprobieren. Der Hauptgrund für die Änderung des musikalischen Ansatzes ist jedoch, dass wir dieses Album auf eine sehr altmodische Weise geschrieben haben. Ganz anders als die letzten Alben, die wir gemacht haben. Wir haben mitten im Winter ein altes Schloss auf dem Land gemietet und das ganze Album als Band zusammengestellt. Wir wollten den unpersönlichen Ansatz des Musikschreibens über das Internet vermeiden. Am Ende führten all diese Änderungen zu einem andersartigen Album. Außerdem finde ich, dass wir jetzt das beste Line-Up in der Geschichte der Band haben.

Im Vergleich zu „The Arcane Odyssey“ von 2007 ist es kein echter Black Metal mehr, könnte man sagen. War diese Entwicklung beabsichtigt? Was hältst du von Black Metal, hörst du immer noch viel traditionellen Black Metal?
Oh ja, ich höre immer noch viel Black Metal. Aber auch viele andere Stile. Andererseits war SEAR BLISS nie eine traditionelle Black-Metal-Band. Unsere Einflüsse waren schon immer vielfältiger. Außerdem hatten wir nie zwei Alben hintereinander das gleiche Line-Up! Aber ich denke, diese Regelmäßigkeit wird jetzt fallen. Um deine Frage zu beantworten: Nichts war beabsichtigt. Wir haben einfach ausgedrückt, was wir empfinden. Wir haben uns nicht um Genres oder Erwartungen gekümmert. Im Black Metal mochte ich schon immer innovative Bands. Ich glaube, Black Metal muss innovativ sein. Die Einhaltung bestimmter Klischees und Regeln ist nicht mein Ding.

Als Black-Metal-Band mit Posaune waren SEAR BLISS immer schon etwas Besonderes – hast du keine Angst, diesen Status aufzugeben, wenn ihr jetzt in den riesigen Pool von avantgardistisch angehauchten Black-Metal-Bands springt?
Im Alter von 40 Jahren fürchte ich mich nicht mehr davor, was andere denken. Die Leute wissen bereits, dass sich alle unsere Alben voneinander unterscheiden. Außerdem war unser Vorgängeralbum „Eternal Recurrence“ viel avantgardistischer. Bei „Letters From The Edge“ ist das Einzige, was für uns zählt, dass es unser bisher persönlichstes Album ist. Ein solches Album zu schreiben ist eine sehr aufrichtige Sache. Es liegt jenseits der Grenzen von Genres.

Worum geht es bei „Letters From The Edge“, gibt es ein lyrisches Konzept und wie wichtig sind die Texte für dich überhaupt?
Oh ja, diesmal gibt es ein wirklich hartes Textkonzept. „Letters From The Edge“ handelt von dem, was ich in letzter Zeit persönlich durchgemacht habe. Früher spielten die Texte bei SEAR BLISS eine andere Rolle. Jetzt erzählen sie echte Geschichten und sind deswegen natürlich sehr wichtig für mich. Die Zeilen sind brutal ehrlich und das Schreiben hat mich im Nachhinein sehr erleichtert. Die Menge an Schmerz, Wut und Frustration in den Texten ist erschreckend, aber auch eine Art Therapie.

Das Cover ist ein sehr modernes, expressionistisches Gemälde. Warum ist dieses Bild die perfekte Visualisierung für die Musik, und was kannst du uns über das Bild erzählen?
Wie gesagt, das ganze Album ist in jeder Hinsicht sehr persönlich, also haben wir beschlossen, auch dem visuellen Aspekt etwas Persönliches hinzuzufügen. Bei diesem Gemälde handelt es sich eigentlich um einen sogenannten Bodyprint, der von unserem Gitarristen Attila angefertigt wurde. Er hat mit sorgfältig ausgewählten Farben seinen Körper bemalt und sich anschließend auf einer Leinwand herumgerollt. Das Ergebnis ist einerseits symbolisch, hat aber auch eine Message. Außerdem haben wir im Booklet meine Handschrift verwendet, was auch zu dieser persönlichen Atmosphäre beiträgt.

Würdest du sagen, dass die Arbeit an deinem Soloprojekt Arkhē dich bezüglich des Songwritings für „Letters From The Edge“ beeinflusst hat?
Vielleicht ein bisschen. Aber nur in Bezug auf die Erfahrung. Das Arkhē-Album zu schreiben war eine wirklich große Anstrengung und wahrscheinlich habe ich dabei einiges gelernt und es hat mir wohl auch geholfen, mich besser auszudrücken – aber ich schreibe Musik für SEAR BLISS in einem völlig anderen Geisteszustand. Das Arkhē-Album war ja eine Art Soloalbum. SEAR BLISS ist eher eine Band.

Wird es in Zukunft eine weitere Arkhē-Alben geben?
Ja, definitiv. Ich habe bereits angefangen, Musik für ein neues Album zu schreiben, aber im Moment hat SEAR BLISS alle Priorität. Mein Plan ist es, im nächsten Jahr konzentriert daran zu arbeiten. Arkhē ist inzwischen eine komplette Band, also wird es hoffentlich nicht mehr so lange dauern. Ich bin ziemlich aufgeregt, ich habe bereits einige sehr interessante neue Stücke geschrieben. Ich kann es kaum erwarten, sie aufzunehmen!

Und wie geht es mit SEAR BLISS jetzt weiter? Plant ihr, mit dem neuen Album auf Tour zu gehen?
Wir wollen mit diesem Album unbedingt auf Tour gehen und haben bereits viele Shows für 2019 gebucht. Was die deutschen Termine betrifft, werden wir im April beim Dark Easter Metal Meeting in München und im Mai beim Dark Troll Festival in Bornstedt spielen. Ich kann es kaum erwarten!

Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Deutschland:
Gutes Bier und Krautrock.
Religion: Eine Ausrede für Kriege, Werkzeug für Massenhypnose, Quelle der Dummheit.
Posaune: Zoltan, unser Posaunenspieler.
Black Metal: Darkthrone – „Under A Funeral Moon“.
Dein Lieblingsalbum im Moment: Manes – „Slow Motion Death Sequence „.
SEAR BLISS in zehn Jahren: Wahrscheinlich immer noch da.

Die letzten Worte gehören dir:
Vielen Dank für deine Unterstützung. Ich weiß das sehr zu schätzen.

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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