Interview mit Christian Kolf von Valborg

Gerade einmal ein Jahr ist es her, dass die Bonner VALBORG mit ihrem dritten Album „Barbarian“ von sich reden machten. Nun steht mit „Nekrodepression“ bereits der Nachfolger in den Läden – düsterer, dreckiger und primitiver als alles, was man von dem Trio bislang zu hören bekommen hat. Worum es auf dem Album geht, wie es entstanden ist, und nicht zuletzt, was das Geheimnis hinter der scheinbar nicht enden wollenden Kreativität der drei Musiker ist, verrät uns Gitarrist Christian Kolf im Interview:

Danke für dieses Interview – alles klar soweit bei euch?
Ja, bestens. Wir sind glücklich, dass das neue Album endlich draußen ist, hat lange genug rum gelegen. Die Rückmeldungen sind bisher alle sehr positiv. Was will man mehr?

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich mit euch über euer damals aktuelles Album „Barbarian“ unterhalten – was hat sich seitdem bei VALBORG getan?
Einiges und auch gar nichts. Der gesamte Schaffensprozess hat bestimmt 2 Jahre gedauert. Als die „Barbarian“ raus kam, steckten wir schon knietief im Sumpf der „Nekrodepression“. Vor einem Jahr haben wir dann endlich die Songs aufgenommen, waren zweimal auf Tour und haben im Winter eine Pause eingelegt und auf die Veröffentlichung dieser Scheibe gewartet. Zwischenzeitlich waren wir noch in Irland auf Tour und haben uns um andere Zeitgeister-Projekte gekümmert (Owl, Gruenwald, Klabautamann, Ekyprosis).

So auffällig, dass man es nie unerwähnt lassen kann, ist eure Release-Frequenz – ihr habt jetzt in drei Jahren drei VALBORG-Alben abgeliefert, die anderen Alben eurer eben erwähnten Bands nicht mit eingerechnet. Schreibt ihr die Songs im Schlaf, oder wo nehmt ihr all die Ideen her?
Wir werden oft danach gefragt, wo wir die ganzen Ideen hernehmen, aber für uns ist das keine große Sache. Der eine ließt gerne, der andere fährt gerne Fahrrad, der andere komponiert gerne. Mach das zwei mal die Woche, dann kommst Du schon ganz locker auf deine 100 Ideen im Jahr.Wir sind locker drauf und haben sie nicht mehr alle. Das ist fruchtbarer Boden für neue Songs und neue Alben. Ganz wichtig ist auch die Fantasie. Das Gefühl, sein eigenes Ding zu machen hilft auch, um alles im Fluss zu halten.

Es sind ja nicht nur die Ideen, die es für so viele Releases braucht – auch die Zeit, die es kostet, Alben aufzunehmen, ist ja nicht zu unterschätzen. Arbeitet ihr so effizient, oder ist das einfach perfektioniertes Zeitmanagement, was ihr da betreibt?
Eine Mischung aus beidem. Aufnehmen macht immer Spaß, ist aber auch das was am meisten Zeit in Anspruch nimmt, das muss immer gut geplant sein. Es ist vor allem eine gute Verteilung der Arbeit. Jeder hat seine Aufgabe, und die anderen reden ihm nicht rein. Man braucht Gefühl für das richtige Mittelmaß an Aufwand. Wenn wir uns z.B. wochenlang mit dem Mix eines Albums beschäftigen würden, kämen wir nicht voran. Dann bleibt auch der Spaß auf der Strecke.

Ihr habt „Nekrodepression“ ja wieder live eingespielt. Könntest du uns den Recording-Prozess etwas näher erläutern?
Das sieht aus wie bei einer Probe. Nur dass überall Kabel liegen und Mikros rumstehen. Wenn dann aufgenommen wird, ist man etwas nervös, weil man nichts verhauen will. Ach, und es muss jemand auf den Aufnahme-Knopf drücken, bevor wir loslegen. Dann sind also Drums, Bass und eine Gitarre im Kasten. Die zweite Gitarre und der Gesang kommen dann später dazu. Bei der Aufnahme auch noch zu singen wäre zu kompliziert. Wollen wir’s mal nicht übertreiben!

Wo siehst du die Vor- und Nachteile dieser Methode, beziehungsweise denkst du, dass man für das Plus an Groove irgendwo anders Abstriche machen muss?
Das kommt drauf an was man für Musik spielt und wie man klingen möchte. Bei VALBORG funktioniert das im Moment gut, weil wir Musik machen, die ohnehin für die Bühne gemacht wird und roh, dreckig und unverfälscht klingen soll. Machst Du aber Musik, bei der Du die ganze Zeit über deinem Niveau spielst, solltest Du besser nicht live einspielen, sondern alles schön am Rechner zurechtschnibbeln, damit auch alle denken, dass Du voll krass an deinem Instrument bist.

Insgesamt ist „Nekrodepression“ deutlich bösartiger, primitiver und roher ausgefallen als alle bisherigen VALBORG-Alben. War das eine bewusste Entscheidung, oder hat sich das beim Schreiben des Materials so entwickelt?
Beides. Wir haben meistens eine ungefähre Ahnung, wie das Album, an dem wir arbeiten, werden soll. „Nekrodepression“ sollte böse und bestialisch werden. Schön, dass Dir das auffällt.

Auch die Texte sind so kurz gehalten als nötig – „Parolen statt hochtrabend pseudo-poetische Texte“ lautet die Devise. Kann man hier eine gewisse Abneiung jener deutschen Metal-Schiene gegenüber feststellen, die sich in deutschen Texten ergeht, oder ist das schlicht ein Leitmotiv, das ihr für euch als passend empfindet?
Wir haben einfach erkannt was am besten funktioniert. Willst Du irgendwas cooles im Metal mit langen Texten ausdrücken, dann schreib auf Englisch. Schluss, Punkt. Auf Deutsch klingt das oft alles nur scheiße. Es gibt so viel Fremdschäm-Lyrics, gerade auch im deutschen Black Metal. Da denke ich direkt an Klassenfahrt mit der 8a. Lasst es einfach. Schreibt auf Englisch, das war schon immer cool. Richtig gute deutsche Texte gibt es eh nur im Schlager. Jedoch: Parolen ballern alles weg. So kraftvoll und brutal wirst Du nie im englischen klingen. Unserer Meinung nach. Was die anderen denken, ist uns wie immer total egal.

Wie entstehen VALBORG-Texte und ein wie wichtiger Teil des Gesamtkunstwerkes sind sie?
Die Texte auf der Nekrodepression sind meistens direkt beim jammen entstanden oder wir haben uns bei Obscure Fuckup bedient und sie zitiert.

Wo du von Obscure Fuckup sprichst – das Album ist ja Diedrich Hünten (1972-1991) von besagter Underground-Band gewidmet. Trotz der ausführlichen Erklärung im Booklet wird nicht ganz klar, warum ihr ihm ausgerechnet jetzt, 11 Jahre nach seinem Tod, ein Album widmet. Wie kam es dazu, beziehungsweise was verbindet „Nekrodepression“ mit Obscure Fuckup?
Wir haben Obscure Fuckup auch erst vor 3-4 Jahren entdeckt und bei den Proben immer mal wieder ihr Demo gehört. Damit fing alles an. Es gab am Anfang keinen Plan, dass wir eine Platte Obscure Fuckup widmen, das hat sich im Verlauf des Songwritings erst ergeben. Was uns mit ihnen verbindet? Nunja, die Leute stammen aus dem gleichen Kaff, ein Ort am Rande von Bonn, wo wir auch leben.

Zurück zum Album: Wo siehst du weitere Unterschiede zwischen dem aktuellen Album und seinem Vorgänger? Was macht „Nekrodepression“ in deinen Augen zum besseren Album?
Ein Stück ehrlicher und räudiger. Dem wahren Leben näher. „Barbarian“ war vielleicht mehr ein Album was sich an einer Geschichte orientiert hat und weniger daran, dass wir live alles platt walzen wollen.

Mir gefällt das Album-Cover dieses Mal auch wieder deutlich besser – es ist wieder ähnlich düster wie das von „Glorification Of Pain“ oder „Crown Of Sorrow“. Wer hat es gemalt, und warum passt es perfekt zum Album?
Peter Boehme hat es gemalt, wie immer. Er ist der Meister und er weiß was er tut, deswegen passt es auch perfekt zum Album.

In diesem Kontext wirkt das Bild auf „Barbarian“ ein wenig wie ein Ausreißer. Würdet ihr das so unterschreiben, und siehst du bei „Barbarian“ auch musikalisch einen Ausreißercharakter?
Soviel habe ich da noch nicht drüber nachgedacht. Wir sind Fans von Peter. Er schenkt uns diese Bilder, die in stundenlanger Arbeit von Hand gemalt werden, deswegen finden wir eh alles gut was er macht. Respect, you know?

Wie sieht es mit den anderen Zeitgeister-Bands aus – auf welche Releases darf man sich als nächstes freuen?
Wissen wir noch nicht so genau. Wahrscheinlich Owl oder Gruenewald.

Und wie sieht es hinsichtlich der Live-Aktivität von VALBORG aus? Gibt es diesbezüglich schon konkrete Pläne?
Es gibt Pläne, aber wir können dazu momentan noch nichts sagen.


Ok, das wars von meiner Seite, wenn du noch etwas loswerden willst, hast du dazu jetzt die Gelegenheit:
Schön, dass es Euch gibt und dass ihr zu uns haltet, obwohl wir solche nihilistischen Assis sind. Immer schlecht gelaunt, direkt beleidigt, gemein und gar nicht lieb. Wir fressen Kinder und hassen alte Menschen. Junge Menschen auch. Tiere finden wir gut.

Danke für deine Zeit!

Photos: Copyright by Soheyl Nassary