Wardruna w/ Kaunan

  • Heidelberg, Kongresshaus Stadthalle
  • 17. Oktober 2017
Konzertfotos: Wardruna w/ Kaunan

„A Once In A Lifetime Experience“ – so nennt Einar Selvik von WARDRUNA selbst die Konzerte der Herbsttour 2017. Von einem dieser in der Tat unglaublichen Events möchten wir euch heute berichten.

Am 17. Oktober 2017 versammeln sich im wunderschönen Heidelberg ca. 1300 Besucher vor dem romantischen Kongressgebäude, das direkt neben dem Neckar gelegen im Jahre 1903 im Stil der Deutschen Renaissance erbaut wurde und mit romantischen Event-Sälen und eigenem Park direkt vorm Gebäude besticht. Doch nicht nur die Wahl dieser beeindruckenden Location hebt neben bestem Spätherbstwetter die Stimmung, sondern auch die Outfits der Besucher, von denen ein großer Teil in fast stilechten Vikinger-Gewändern angereist ist. Die Stimmung ist schon im Vorfeld gelöst: Die zum Teil aus den Nachbarländern angereisten Fans nutzen die Chance, Kontakte mit Gleichgesinnten zu knüpfen.

Nachdem alle in dem prunkvollen Hauptsaal und in den Emporen ihren Platz gefunden haben, eröffnen 20 Uhr zunächst KAUNAN die illustre Runde. KAUNAN wurden vor kurzem vom Label By Norse, das unter anderem von Wardrunas Einar Selvik und Enslaveds Ivar Bjørnson gegründet wurde, unter Vertrag genommen. Nach neun Jahren veröffentlichten sie dort ihr erstes Album „Forn“, das verschiedene Gastbeiträge enthält – unter anderem natürlich auch von Einar Selvik. Das Trio besteht aus Musikern aus Schweden, Deutschland und Österreich und spielt nordischen Folk mit besonderen Instrumenten, unter anderem der Nyckelharpa (Schlüsselgeige). Die Post geht also ordentlich ab, sobald die Herren loslegen und einen mitreißenden Folksong nach dem anderen zum Besten geben. Passend zum Auftritt in Deutschland muss das deutschsprachige Mitglied Oliver S. Tyr (Faun) ran und sorgt mit viel Witz für die Ansagen zwischen den Songs. Die Stimmung ist gelöst: KAUNAN schaffen es, das Publikum 40 Minuten lang mit ihren schwungvollen Folk-Krachern in ihren Bann zu ziehen.

Punkt 21 Uhr steigt die Spannung fast ins Unermessliche. Endlich betreten WARDRUNA zu sechst die Bühne. Einar Selvik und Eilif Gundersen sorgen mit einer Art riesiger Alp- bzw. Jagdhörner (bzw. einem skandinavischen Äquivalent dazu) für den Auftakt dieses atemberaubenden Gigs. Noch bevor Einar die erste Silbe singen kann, hat ein Fan in der ersten Reihe den Song erkannt und brüllt „Tyr“, den Titel des Eröffnungssongs. Eben jener ruft im Refrain dann das Wort „Tyr“ zusammen mit der Band und die anderen Besucher in den vorderen Reihen steigen ein, so dass es durch den ganzen Saal hallt: „Tyr“! Somit ist von der ersten Minute an klar, dass die Stimmung hervorragend ist und wohl bleiben wird.

Sofort schließt sich eines der schönsten Lieder des Albums „Runaljod – Ragnarok“  namens „Wunjo“ an. In der Original-Version werden die wichtigen Parts von den Kindern des Skarvebarna-Kinderchors gesungen, was dem Lied eine echte Gänsehaut-Atmosphäre verschafft. Heute übernimmt Sängerin Lindy-Fay Hella diese Aufgabe: Sie gibt der Band seit Anbeginn mit ihrer unvergleichlichen, eindringlichen Stimme diesen ganz besonderen Touch, den man mit Worten nicht beschreiben kann. Man muss es fühlen. Und so erhebt sich ihre Stimme bei Liedern wie „Bjarkan“, „Runaljod“ oder dem fesselnden „Fehu“ mit gewaltiger Kraft und tiefer Hingabe über die Halle und lässt Jung und Alt staunend und gebannt zurück.

Nach und nach kommen bei den sechs Musikern neben allen Arten von Trommeln und Percussions eine Reihe selbstgebauter Instrumente zum Einsatz, für die es zum Teil kaum deutsche Übersetzungen gibt. Da hätten wir Taglharpe oder Kraviklyra im Angebot. Gerade noch übersetzen kann man Birkenholz-Horn, Ziegenhorn oder Jagdhorn, wenngleich es sich immer um selbstgebaute, abgewandelte Variationen handelt. Aber auch einfache Hölzer kommen zum Einsatz, deren Klopfgeräusche dem Klang einen gewissen Natur-Charakter geben. Alle Klänge vermischen sich zum typischen WARDRUNA-Sound, der den Hörer in hymnische Sphären außerhalb des Gewohnten versetzt. Zusammen mit Einars rauer und Lindy-Fays eindringlicher Stimme ergibt das Ganze einen Hörgenuss, den man so schnell live wahrscheinlich nicht wieder erleben kann.

Die Songauswahl für diese Tour dürfte schwergefallen sein, denn jedes Album der „Runaljod“-Trilogie beinhaltet im Prinzip von Anfang bis Ende vollwertige, eingängige Lieder, von denen keines ein Lückenfüller ist. Und so finden „Heimta Thurs“, „Isa“, „Jara“, „Algier-Stien Klarnar“, „Dagr, Rotlaust Tre Fell“ und nicht zuletzt „Raido“, zu welchem es das wunderschöne Video von Einar mit Pferd in der Natur gibt, ihren Einzug in die Setlist. Rund 20 Minuten vor Ende des Auftritts wird klar, dass das Beste zum Schluss kommt, denn ein aufwühlendes, gefühlvolles Finale in Form von „Naudir“, „Odal“ und „Helvegen“ steht an.

Hierbei wird neben vollem Einsatz aller Instrumente und allem, was klopfen und klappern kann, auch an Lichteffekten nicht gespart: Oftmals sieht man die Schatten der Musiker riesengroß an die Wand projiziert, dann wechselt es und man sieht Lindy-Fays Schatten mystisch hinter Einar und Einars Schatten hinter Lindy-Fay, sowie viele andere kleine Besonderheiten,  die das Konzert neben den authentischen Outfits der Musiker und Lindy-Fays elfengleichen Tanz auch optisch zu einem Highlight machen.

Nachdem es nach „Helvegen“ Standing Ovations bis in die hinteren Reihen der Emporen gegeben hat, verlassen alle Musiker bis auf Einar die Bühne und der Frontmann erzählt einen Schwank zu „Ragnar Lodbrok“ (den es nicht nur in „Vikings“ gab, sondern der real existierte) bevor er allein, nur mit einer kleinen Handharfe „bewaffnet“, die wirklich letzte Zugabe „Snake Pit Poetry“ performt.

Unter frenetischem Jubel verlässt Einar sodann die Bühne, um sich sofort zur anschließenden Autogrammstunde der Band zu begeben, bei der gefühlt jeder Konzertbesucher anwesend ist. Doch die Band nimmt sich die Zeit: Am Ende sieht man kaum einen Fan, der nicht zufrieden strahlt. Was bleibt, ist die Erinnerung an ein atemberaubendes, faszinierendes Konzert, das seinesgleichen sucht.

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