Cult Of Luna w/ The Ocean, LO!

  • München, Hansa 39
  • 05. Mai 2013

Nach über vier Jahren hat sich die Post-Metal-Größe CULT OF LUNA wieder zusammengesetzt und Anfang 2013 ihr sechstes Studioalbum „Vertikal“ veröffentlicht, das thematisch an Fritz Langs „Metropolis“ anknüpft. Seit einigen Monaten spielen sie Shows in ganz Europa und nun machen sie auch in München Halt. Dazu haben sie eine der außergewöhnlichsten deutschen Bands im Gepäck: THE OCEAN begeistern sowohl Progressive-Liebhaber als auch Fans des Post-Metals und haben sich im Laufe der Jahre einen Ruf als powervolle Liveband erarbeitet.

[Michael H.]

Den Anfang am heutigen Tage machen LO! aus Sydney im fernen Australien. Und was für einen. Denn dafür, dass es sich hier um ein Quartett mit nur einer Gitarre handelt, drückt der Sound, mit dem die Herren von der nur spärlich erleuchteten Bühne aus auf das Publikum feuern, gewaltig. Warum die Band, die ausgeschrieben eigentlich Look And Behold heißt, auf Wunsch des Headliners mit von der Partie ist, zeigt sich dabei schon nach den ersten Minuten – passt die Kombination aus schleppendem Groove, dröhnenden Sludge-Riffs und einer Nuance Post-Hardcore doch perfekt in den Kontext des heutigen Abends. Auffälligstes Merkmal ist hier jedoch der Gesang, welcher ein wenig an Crowbar denken lässt. Das mag stellenweise ganz cool kommen, auf die Dauer wird es dann aber doch etwas anstrengend, so dass zumindest ich nach der halben Stunde Spielzeit gut bedient bin. Gewiss aber keine schlechte Band – und definitiv ein gelungener Anheizer für einen langen Konzertabend – denn Energie wissen die vier Jungs aus Down-Under auf der Bühne definitiv freizusetzen. Alles in allem ein gelungener Einstieg, der seinen Höhepunkt definitiv im Gastauftritt von The-Ocean-Sänger Loïc Rossetti findet.
[Moritz Grütz]

Der betritt wenig später mit seiner eigenen Band die Bühne. Von „seiner“ Band zu sprechen ist ein bisschen verkehrt, denn einziges dauerhaftes Mitglied des Berliner/Schweizer Kollektivs THE OCEAN ist Gitarrist Robin Stabs. Das aktuelle Lineup spielt so erst seit 2009 zusammen. Auf der Stage sind sie jedoch eine absolute Einheit.
Die Ozeanthematik wird auf dem aktuellen Release „Pelagial“ wieder aufgegriffen und auch das Bühnenbild lehnt sich daran an: Gänzlich tiefblau gehaltene Lichtshow trifft auf wasserbezogene Naturvisuals. Musikalisch beschreibt eine Sturmflut eher das Geschehen. Vertrackte Songs treiben irgendwo zwischen Sludge und Post-Hardcore und brausen sich in kürzester Zeit von leichtem Wellengang in mitreißende Tsunamis auf. Während die Stücke auf Platte nicht eingängig und anstrengend rüberkommen, entfalten sie live einen viel größeren Auf-die-Fresse-Eindruck. Auf verschiedenste Arten walzen die Riffs der hoch begnadeten Musiker das Publikum platt, bevor mit Clean-Passagen wieder etwas Ruhe einkehrt. Sänger Loïc Rossetti ist in Topform, seine Stärke liegt jedoch eher in den kraftvollen Screams als im klaren Gesang. Ungewöhnlich, wie der dürre Schweizer das komplette Set über nicht nach vorne zur Menge gerichtet singt, sonder meist seitlich mit seinem Mikrofonständer in der Hand rumbrüllt. Wie in der Musik von THE OCEAN Stillstand ein Fremdwort ist, so hält es die Protagonisten kaum auf ihren Plätzen. Die Energie strömt förmlich von der Bühne in die vordersten Reihen, wo die Fans sich ebenfalls auspowern. Sänger Loïc Rossetti springt, ohne mit der Wimper zu zucken zum Stagediven in die Menge und geht auch dabei zum Glück nicht unter. Während THE OCEAN bei der ersten Hälfte des Sets ausschließlich vom aktuellen Werk schöpft, kommen zum Schluss hin auch Stücke von den Alben „Anthropocentric“ und „Heliocentric“. Alte Songs haben es leider bis auf „Swoon“ nicht mit ins Boot geschafft. Die Gruppe schwimmt seit Langem gegen den Strom und unterstreicht, warum sie als eine der ungewöhnlichsten und kraftvollsten deutschen Liveacts gilt. THE OCEAN haben ordentlich vorgelegt. Für Cult Of Luna gilt es jetzt den Headlinerstatus zurechtfertigen.
[Michael H.]

Setlist THE OCEAN
01. Epipelagic (Intro)
02. Mesopelagic: Into The Uncanny
03. Bathyalpelagic I: Impasses
04. Bathyalpelagic II: The Wish In Dreams
05. Hadopelagic II: Let Them Believe
06. Demersal: Cognitive Dissonance (w/ LO! Singer)
07. Benthic: The Origin Of Our Wishes
08. Shamayim
09. The Grand Inquisitor II: Roots & Locust
10. Swoon (Final Sample)
11. The Origin Of Species
12. The Origin Of God

Nach einer weiteren Umbaupause von knapp 30 Minuten füllt sich das Hansa 39 erneut mehr als ansehnlich, bis pünktlich um 22 Uhr das Licht erlischt und untermalt von einer Lichtshow mit „The One“ das Intro von „Vertikal“, dem aktuellen Album von CULT OF LUNA erklingt. Nach und nach betreten die einzelnen Mitglieder die Bühne, bis die Band schließlich mit „I: The Weapon“ ordentlich in die Instrumente langt. Sofort verwandelt sich das Publikum in eine rhythmisch kopfnickende Masse, während die einzelnen Musiker auf der Bühne in Nebel getaucht und nur von hinten beleuchtet gänzlich in ihrer Musik verschwinden. Immer wieder taucht Sänger Johannes mit seiner Gitarre posend am vorderen Bühnenrand auf, immer wieder headbangen die anderen Mitglieder zu den mächtigen Riffs – alleine, irgendetwas scheint hier hinsichtlich des Sounds absolut nicht zu stimmen. Während die Songs auf Platte in den lauten Abschnitten extrem mächtig und druckvoll klingen, wirken die Gitarren hier zwar immer noch laut, dabei aber besonders in den musikalischen Explosionen schlichtweg drucklos. Wenn man bedenkt, dass CULT OF LUNA live zwei Schlagzeuger, ein Keyboard, einen Bass und drei Gitarristen aufbietet, ist diese Schwachbrüstigkeit kaum zu erklären. Zusätzlich ist der Gesang im Vergleich zu den Instrumenten zu laut abgemischt. Dass diese Problematik keine Eigenheit der neuen Songs ist, die ja bewusst darauf angelegt sind, kühler und mechanischer zu klingen, zeigt sich an den beiden Klassikern „Ghost Trail“ und „Finland“, welche live einfach nicht so packen können, wie dies auf Platte der Fall ist.
Doch was auch immer der Grund dafür ist: Mit „Vicarious Redemption“ funktioniert der Sound im Hansa 39 plötzlich. Die hypnotischen, monotonen und repetitiven Songs ziehen plötzlich nahezu jeden in seinen Bann und auf einmal kommt die gesamte Wucht der beiden Schlagzeuge im Zusammenspiel mit den Gitarren voll zur Geltung – ob sich irgendetwas in der Abmischung geändert hat, oder ob diese Verbesserung nun doch an den Songstrukturen liegt, bleibt unbeantwortet. Überraschenderweise bremst die Band ihr Set kurz vor Schluss noch einmal durch das sehr ruhige „Passing Through“ komplett aus und sorgt so schließlich doch noch für Gänsehaut, bevor CULT OF LUNA mit „In Awe Of“ ihr 90-minütiges Set ohne Zugabe und ohne Publikumsinteraktion beenden. Unterstützt von einer beeindruckenden Lichtshow bleibt aufgrund der Soundprobleme trotz eines überzeugenden Auftritts, der den Schwerpunkt auf das neue Album „Verikal“ legte, dennoch irgendwie ein fader Beigeschmack.
[Bernhard Landkammer]

Setlist CULT OF LUNA
01. The One (Intro)
02. I: The Weapon
03. Ghost Trail
04. Finland
05. Vicarious Redemption
06. Dark City, Dead Man
07. Passing Through
08. Disharmonia (Interlude)
09. In Awe Of

FAZIT: Ein langer Abend, gefüllt mit schleppender, häufig repetitiver und mächtiger Musik, egal, wie großartig diese auch dargeboten wird, ermüdet einfach. Dass THE OCEAN, dem Status als Co-Headliner gemäß, ein einstündiges, hochkomplexes Set spielten, ist zwar prinzipiell mehr als vertretbar, in der Kombination mit dem 90-Minuten-Set von CULT OF LUNA allerdings auch extrem anstrengend. Dennoch bleibt festzuhalten, dass im Genre des Post-Metal weiterhin kein Stillstand und keine Ruhe angesagt sind und CULT OF LUNA, trotz einer längeren Bühnenabstinenz und den Soundproblemen am heutigen Abend, ihr Handwerk immer noch beherrschen.


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