Full Of Hate (Cannibal Corpse w/ Behemoth &Support)

  • München, Backstage Werk
  • 18. Februar 2012


Wenn bei einer Tour so ziemlich jeder Gig in einer größeren Stadt ausverkauft ist, und man nach zehn Shows auf eine sagenhafte Bilanz von fünf Sold-Outs kommt, scheint der Organisator mit dem Line-Up wohl den Nerv der Fans getroffen zu haben. So sei bereits an dieser Stelle vorgewarnt, wer eines der verbliebenen Konzerte der FULL OF HATE-TOUR 2012 besuchen möchte: Sich auf Abendkassen-Tickets zu verlassen, könnte zu bösen Überraschungen führen.
Sonderlich verwundern sollte das jedoch in diesem Fall auch niemanden – schließlich ist die Bandzusammenstellung, die Rock The Nation hier durch die Hallen Europas jagen, für Fans der härtesten Gangart im Metal-Sektor wohl kaum zu überbieten…

Sechs Bands gilt es heute zu bewältigen, so dass auch der heutige Konzertabend bereits um 17:45 mit NEXUS INFERIS beginnt. Als Glück im Unglück für die Briten erweist sich dabei der günstige Wochentag: Denn während die Opener-Bands bei vergleichbaren Touren unter der Woche oftmals auch vor fast leerem Hause aufspielen müssen, ist am heutigen Samstag um diese frühe Uhrzeit schon einiges los im Münchner Backstage. Bereut haben dürfen das frühe Erscheinen die wenigsten, bieten NEXUS INFERIS doch eine überraschend gute Show: Zusammengehalten wird diese durch einen groß angelegten Einsatz von Soundsamples, welche die Songs miteinander verbinden, aber auch innerhalb der Stücke für Atmosphäre sorgen. Dies verleiht den Songs der „Future Extreme Metaller“, welche 2011 den „Rock The Nation Award“ gewonnen hatten und so ihr Debüt unlängst über Noise Art Records veröffentlichen konnten, zum einen einen recht charakteristischen Sound, zum anderen erfordert es absolute Perfektion in Sachen Timing. Entsprechend tight bringen die Maskenmänner ihre extrem schnelle, blastlastige Musik unters Volk, welches die Truppe für eine Vorband überraschend wohlwollend feiert. Doch zu recht, ist der Auftritt doch in sich stimmig und absolut professionell.

Absolut professionell ist auch das Stichwort für die nach der lediglich 15 Minuten andauernden Umbaupause folgenden SUICIDAL ANGELS: Wer die Band kennt, weiß, was er hier zu erwarten hat. Gewiss, musikalisch ist die Truppe alles andere als innovativ unterwegs, spielerisch und vor allem hinsichtlich ihrer Fähigkeit, das Publikum für sich zu gewinnen, macht den Griechen jedoch kaum jemand etwas vor: Egal, ob Sänger Nick Melissourgos einen Circlepit oder eine Wall Of Death fordert – das mittlerweile wirklich auf eine beachtliche Größe angewachsene Publikum erfüllt ihm jeden Wunsch mit Begeisterung. Spätestens, als er die Fans schließlich zum letzten Song auf die Bühne bittet, und diese der Aufforderung so zahlreich nachkommen, wie es die Kapazität der Bühne nur eben zulässt, ist klar: Die SUICIDAL ANGELS wissen, wie man es richtig macht. Unterstützt durch das Rock The Nation-Netzwerk wird man von dieser Band wohl in Zukunft noch einiges hören. Denn auch wenn die Band meines Erachtens nach musikalisch nicht ansatzweise mit Truppen wie Evile, Warbringer oder Municipal Waste mithalten kann, und sich statt dessen mitunter arg auf anderer Formationen Lorbeeren ausruht (Stichwort: Slayer), bringen sie offensichtlich alles mit, was für Höheres qualifiziert.


An dieser Stelle ein Einschub zur Organisation: Denn so löblich es ist, wie souverän die Stagecrew den bereits im Vorhinein online veröffentlichten Spielplan inklusive Anfangs- und Endzeiten auf die Minute einzuhalten vermag, so unglücklich ist die Organisation seitens der Halle heute ausgefallen: Von einem kleinen Raucherbereich, welcher über einen Seitenausgang zu erreichen ist, von dem jedoch kaum ein Fan zu wissen scheint, gibt es lediglich einen Weg aus der Halle, welcher durch eine schmale Eingangstür führt. Dass dieser Engpass gerade in den kurzen Umbaupausen zu einem echten Nadelöhr im Publikumsstrom wird, wenn die einen Versuchen, der Befriedigung ihrer Nikotinsucht näherzukommen, also die Halle zu verlassen, während die anderen dem Schmuddelwetter nach Beendigung der Raucherpause möglichst schnell wieder zu entrinnen, versuchen, ist eigentlich wenig überraschend. Zumal die Halle die Möglichkeit dazu bieten würde, wäre hier eine klare Aufteilung in Ein- und Ausgang über gesonderte Zugangstüren definitiv sinnvoller gewesen.
Doch auch dieser Härtetest erweist sich im Folgenden als nützlich – ist man so bereits im Umgang mit Menschenmassen erprobt, bevor MISERY INDEX um 19:20 Uhr loslegen. Nicht von Nachteil, denn man kann es nicht anders sagen: Spätestens jetzt ist das Backstage gesteckt voll. Entsprechend frenetisch werden die Amerikaner empfangen. Gewiss, das erbarmungslose Geprügel des Quartetts aus Baltimore ist wie so vieles in der Welt der Musik Geschmackssache – Fakt ist jedoch, dass man der Band selbst, wenn man mit ihrer Musik nichts anzufangen weiß, wenig vorwerfen kann. Im Stageacting souverän liefert die Truppe eine technisch einwandfreie Leistung ab und zelebriert eine Dreiviertelstunde lang Extreme Metal auf höchstem Niveau.

Während andernorts die Tagesschau in behaglich eingerichteten Wohnzimmern das abendliche Fernsehprogramm einläutet, beginnt im Backstage mit LEGION OF THE DAMNED die zweite Hälfte des bisher wohl härtesten Konzertabend des Jahres. Mit dem selbstbetitelten Song startet das Quartett aus Holland vor brechend voller Halle seine Show – allein, bereits mit den ersten Tönen des Ohrwurm-Songs „Legion Of The Damned“ macht sich Unmut bei mir breit: Der Sound ist (zumindest im hinteren Teil der Halle) zum ersten Mal an diesem Abend nicht glasklar. Statt dessen geht die Gitarre völlig im Gewummer aus Bass und blastendem Schlagzeug unter. Begünstigt wird dieser Umstand natürlich durch die Tatsache, dass LEGION OF THE DAMNED auch nur mit einem Gitarristen besetzt sind, was sogleich zum nächsten Punkt führt: Denn auch wenn die Band mich durch ihre schneidigen Riffs ein ums andere Mal zu erfreuen wusste, fehlt mir bei der Musik schlichtweg die Auflockerung durch Melodien oder Soli, wie sie jedoch zugegebenermaßen nur mit einer zweiten Gitarre umsetzbar wären. Derart Grundsätzliches in einem Konzertbericht zu diskutieren, wäre freilich deplatziert, allein im Verlaufe der dreiviertelstündigen Show macht sich genau dieser Punkt durch einen Mangel an Abwechslung zumindest für Nicht-Fans wie mich deutlich bemerkbar: Zu gleichförmig klingt das Material der Niederländer, zu austauschbar die Riffs. In Kombination mit dem hier wirklich auffallend schlechten Sound wissen mich Sänger Maurice und Konsorten zumindest am heutigen Abend von allen Bands am wenigsten zu überzeugen – dass eingefleischte Fans das wohl anders sehen dürften, liegt in der Natur der Sache.


Setlist LEGION OF THE DAMNED (20:15-21:00)
01. Legion Of The Damned
02. Death’s Head March
03. Bleed For Me
04. Pray And Suffer
05. Sons Of The Jackal
06. Malevolent Rapture
07. Werewolf Corpse
08. Night Of The Sabbat
09. Cult Of The Dead
10. Taste Of The Whip

Dass die nun anstehende Umbaupause eine halbe Stunde in Anspruch nimmt, ist nicht nur deshalb gern gesehen, weil eine kleine Verschnaufpause nach vier Bands aus dem Knüppelsektor durchaus angebracht ist, sondern vor allem, weil das, was in dieser Zeit auf der Bühne passiert, vom Auftritt der Polen BEHEMOTH einiges erwarten lässt:
Metallene Deko-Mikroständer, mehrere Back- und Sidedrops sowie eigene Scheinwerfer lassen keinen Zweifel daran, dass BEHEMOTH heute Großes vor haben – sehr zur Freude des Publikums, welches die Band bereits während des Intros mit kräftigen Sprechchören auf die Bühne bittet.Los geht es dann auch gleich mit den beiden Nackenbrechern „Ov Fire And The Void“ und „Demigod“, bevor man mit „Moonspell Rites“ von der ersten EP „And The Forests Dream Eternally“ eine wirkliche Rarität aus dem Hut zaubert.
Dass die Band gar so herzlich empfangen wird, dürfte nicht zuletzt an der Sympathie für Fronter Nergal liegen, dessen Leukämie-Erkrankung vor nicht all zu langer Zeit in der Szene für Erschütterung gesorgt hatte – tut es doch in der Tat richtig gut, den charismatischen Sänger in Topform zu sehen: Spätestens, als dieser sich in einer Spielpause ans Mikro stellt und aus ganzem Herzen „It feels great to be alive“ in die Halle hinausschreit, kommt man um das Wort „Gänsehautfeeling“ tatsächlich kaum noch herum.
Topform ist in der Tat das Stichwort – denn das, was die vier Polen heute abliefern, ist an Professionalität und Perfektion kaum noch zu überbieten: Als erste (und letzte) Band des Abends fahren BEHEMOTH eine detailiert ausgearbeitete Lichtshow auf, der man ansieht, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat – und auch das Stageacting ist schlichtweg beeindruckend: Die Truppe hat die Bühne von der ersten Sekunde an komplett eingenommen und schafft es spielend, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen: Egal ob man nun seinen Blick auf den vor Energie strotzenden Nergal, den heute überraschend auffälligen Seth oder Bass-Koloss Orion richtet – hier weiß jeder, wie er sich zu präsentieren hat.
Dass zudem auch noch der Sound mitspielt und Nackenbrecher wie „Slaves Shall Serve“ mit tatsächlich so bisher selten vernommener Durchschlagskraft aus den Boxen knallen, rundet das Bild perfekt ab – einzig die Tatsache, dass die beiden Gitarren wirklich zu hundert Prozent auf die beiden Seiten des Boxensystems gesplittet sind, man also in Bühnen- bzw. Boxennähe rechts nur Nergal, links nur Seth zu hören bekommt, ist etwas schade, vermag die Begeisterung für dieses Lehrstück einer Livedarbietung jedoch nicht eine Sekunde zu schmälern.

Setlist BEHEMOTH (21:30-22:30)
01. Ov Fire And The Void
02. Demigod
03. Moonspell Rites
04. Conquer All
— Diableria (The Great Introduction)
05. The Thousand Plagues I Witness
06. Alas, Lord Is Upon Me
07. Decade Of Therion
08. At The Left Hand Ov God
09. Slaves Shall Serve
10. Chant for Ezkaton 2000 e.v.

11. 23 (The Youth Manifesto)
12. Lucifer

Nicht wenige dürften wohl bereits im Vorhinein BEHEMOTH für den heimlichen Headliner gehalten haben – und in der Tat gibt es wohl dankbarere Aufgaben, als nach einer derartigen Show auf die Bretter zu müssen.
Einzig die Tatsache, dass der Name der Band, die diesen Job zu erfüllen hat, CANNIBAL CORPSE lautet, macht diese Herausforderung zu einer halbwegs lösbaren – ist das Publikum doch offensichtlich auch nach über fünf Stunden noch Feuer und Flamme, sich den Todeshymnen der Tech-Death Legende hinzugeben. Doch auch, wenn die Halle sich zwischen Behemoth und CANNIBAL CORPSE zumindest nicht leert (was nach einem solchen Konzertmarathon gewiss keine Selbstverständlichkeit ist), so kann die Stimmung doch nicht im Ansatz mit der verglichen werden, welche nur wenig vorher zu beobachten war. Direkt vergleichen kann man die beiden Auftritte jedoch freilich nicht, ist das Konzept hinter einer CANNIBAL CORPSE-Show doch ein gänzlich anderes: Denn während bei Behemoth das Gesamtkonzept aus Musik und Visualisierung im Mittelpunkt steht, die Verwendung von Masken, Kostümen und Bühnenausstattung ein zentrales Element der Show darstellt und dem Ganzen durch entsprechende Beleuchtung die richtige Atmosphäre verliehen wird, ist das Konzept hinter einer Show der US-Deather etwas simpler, und ließe sich wohl mit „Wir gehen da raus und spielen für die Jungs“ zusammenfassen.
Wer die Musik der Herren aus Buffalo verehrt, wird daran auch durchaus Gefallen finden – ist die Setlist doch durchaus hitlastig zusammengestellt und der Sound auch hier gut gemischt. Wer jedoch erwartet hätte, ein weiteres Live-Spektakel zu erwarten, wird definitiv enttäuscht. Denn sei es die quasi nicht vorhandene Lightshow, die sich darauf beschränkt, die Bühne pro Song monochrom in eine andere Farbe zu tauchen oder das quasi nicht vorhandene Stageacting der Herren um George „Corpsegrinder“ Fisher, welches sich darauf beschränkt, dass sich fünf starke Kerle in eine Reihe stellen und Musik machen – sonderlich viel fürs Auge ist hier nicht geboten.
Auch showtechnisch ist nichts dabei, was man nicht bereits auf jedem anderen CANNIBAL CORPSE-Gig miterlebt hätte – bis hin zu den seit ewigen Zeiten gleich gebliebenen Ansagen wie „This song is dedicated to all the women out there… this is ‚Fucked By A Knife'“. Einzig der Moment, in dem ein Fan per Zwischenruf einen Six Feet Under-Song fordert, und Corpsegrinder damit kurz dazu verleitet, ausfällig zu werden, kann hier für einen kurzen Moment die Routine unterbrechen.
Das mag alles gewissermaßen „oldschool“ sein und damit zum Konzept der Band passen – so ganz will ich diese „Entschuldigung“ jedoch nicht durchgehen lassen, sind Bands wie Asphyx oder Hail Of Bullets doch mindestens genauso oldschool, ohne dabei derart dröge und stumpf zu wirken. Wie dem auch sei, die Fans von CANNIBAL CORPSE scheinen derartige „Nebensächlichkeiten“ wenig zu stören, und alle anderen hält schließlich nichts davon ab, die Halle zu verlassen, so dass auch dieses zumindest fragwürdige Vergnügen niemandem mehr den Abend zu verderben vermögen.

Setlist CANNIBAL CORPSE (23:00- 24:00)
01. Evisceration Plague
02. The Time To Kill Is Now
03. Death Walking Terror
04. Demented Aggression
05. Scourge Of Iron
06. I Cum Blood
07. Sentemced To Burn
08. Fucked With A Knife
09. Priests Of Sodom
10. Unleashing The Bloodthirsty
11. Make Them Suffer
12. Devoured By Vermin
13. A Skull Full Of Maggots
14. Hammer Smashed Face
15. Stripped, Raped And Strangled


Als um kurz nach Mitternacht schließlich Schluss ist, und das Publikum die Halle verlässt, dürften wohl nur wenige kein seliges Grinsen im Gesicht haben – war diese Veranstaltung doch definitiv, was man als einen rundum gelungenen Konzertabend bezeichnet. Mit Ausnahme von LEGION OF THE DAMNED waren die Rahmenbedingungen hinsichtlich des Sounds perfekt, und auch wenn gewiss nicht jeder mit jeder Band gleich viel den Rahmenbedingungen anzufangen wusste, so dürfte der durchschnittliche Fan der Knüppelsparte im Metal heute voll auf seine Kosten gekommen sein. Dass sich das Ganze mit unter 30€ Eintrittspreis auch noch durchaus in einem preislich fairen Rahmen bewegt, kann man bei einem derart hochkarätigen Lineup kaum bestreiten – dass die Tickets für die Tour offensichtlich weggehen wie warme Semmeln, spricht schließlich Bände.

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Geschrieben am

Fotos von: Diana Muschiol

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