Konzertbericht: Hämatom w/ Gloomball

04.04.2015 München, Backstage

Vergangenes Jahr feierten die NDH-Grenzgänger HÄMATOM ihr zehnjähriges Bestehen. Trotz aller Widerstände und Vorurteile ist es den vier Musikern besonders in den letzten Jahren gelungen, sich in der hiesigen Szene immer weiter zu etablieren und musikalische Alternativen aufzuzeigen. Dabei führte der Weg des Quartetts über umstrittene Gesellschaftskritik in Form von Kinderliedern zu ausgewogenen NDH-Rock-Metal-Hybriden mit Biss. In München zelebrieren HÄMATOM ihren Bandgeburtstag zwar nachträglich, doch dafür umso lauter.

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Nach zwei fulminanten Rohrkrepierern anno 2013 eröffnen die Mannheimer GLOOMBALL dieses Mal als einziger Support den Abend. Im Alternative-Metal-Bereich angesiedelt hat das Quintett mit “The Quiet Monster” sein zweites Album frisch in den Startlöchern. Zusammen mit dem Debüt “The Distance” präsentieren die fünf Musiker ein solides Set, welches erst nach etwas Anlaufzeit ein gewisses Klangspektrum abbildet. Immerhin stimmt der instrumentale Teppich durchgehend, so dass die Köpfe und Knie beinahe von selbst im Takt wippen. Dass GLOOMBALL im Laufe ihrer 45 Minuten konstant zulegen und stetig variabler agieren, beschert ihnen am Ende verdienten Applaus.

Die Headliner lassen sich nicht lange von der annähernd ausverkauften Backstage Halle bitten: HÄMATOM und besonders Sänger Nord nehmen die Bühne bereits beim erprobten Opener “Leichen pflastern unsern Weg” ein. Zum anschließenden “Sturm” stimmt die Menge erwartungsgemäß sofort in den Refrain ein und auch “Ahoi” lässt die Körper zappeln. Trotz technischer Probleme legen die vier Himmelsrichtungen früh den Grundstein für einen gelungenen Abend, der mit Ausnahme des fast vollständig akustischen “Totgesagt doch neugeboren” und dem vergleichsweise melodischen “Sing” stetig vorwärts marschiert. Zur äußerst starken Coverversion von Marterias “Kids” nimmt der Mosh Pit erstmals konkrete Formen an. Verglichen mit dem letzten Gastspiel bleiben die Schups- und Rangelorgien eher moderat, dies ist aber weniger dem Konzert als vielmehr dem beengten Raum geschuldet.

Genau wie beim Publikum haben HÄMATOM auch beim Bühnenbild aufgestockt: So zieren nun insgesamt vier Bildschirme, auf denen neben einigen Videos auch die Songtexte abgespielt werden, die Wand hinter den vier  Musikern. Dazwischen pranken wiederum zwei grell leuchtende X, passend zu zehn Jahren Bandgeschichte. Beim bereits angesprochenen “Sing” fungiert erneut eine umgebaute Glühbirne als stimmungsvolles Mikro, während die EAV-Coverversion “Neandertal” von einem maskierten Gorilla an einer Trommel unterstützt wird. Insgesamt allesamt nette Gimmicks, die die gesamte Präsentation spürbar aufwerten, aber niemals zu sehr von der Musik ablenken.

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Vor der einzigen Headlinertour 2015 befragten HÄMATOM ihre Fans, welche Songs unbedingt Teil der Setliste sein sollten: Die Wahl fiel auf “Genug ist genug” und “Bester Freund, bester Feind”. Bei Ersterem schwingt Nord einige Sekunden lang die imposante Bandfahne über den ersten Reihen, ehe bei “Auge um Auge” aus einer waschechten Kanone einige kostenlose T-Shirts verteilt werden. Im Hinblick auf Einsatzbereitschaft und rohe Gewalt in der Stimme ist der Hämatom-Frontmann und Rampensau in Personalunion über jeden Zweifel erhaben und so verliert die Schminke in seinem Gesicht immer weiter ihre Daseinsberechtigung, noch ehe Nord seine Sangeskarriere beim wahnwitzigen “Panik” gefühlt um ein paar Monate verkürzt.

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Mit “Seelenpiraten” haben HÄMATOM einen ihrer stärksten Live-Songs inzwischen als Vorboten für den temporären Rausschmeißer “Alte Liebe rostet nicht” platziert. Im Kombination mit dem anklagenden Bandklassiker “Eva” funktioniert der Abschluss ebenfalls tadellos, wenngleich die Bassanteile den gesamten Konzertabend über zu präsent über die Lautsprecher dröhnen. Andererseits wird durch dieses Klangbild auch mehrfach offenkundig, wie sehr Süd von seiner Schießbude aus den gesamten Laden zusammenhält. “Yippie Yippie Yeah – Krawall und Remmidemmi” steht im Zugabenblock sinnbildlich für den gesamten Abend.

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Dass HÄMATOM nicht ohne den erhobenen Mittelfinger zu “Leck mich” und die damit einhergehenden Gedanken an das individuelle Lieblingsarschloch von dannen ziehen, ist inzwischen obligatorisch. So klingt der Konzertabend nach rund 90 fulminanten Minuten mit einem letzten Mittelfinger-Gewitter aus. Musikalisch gibt es im etwas gehobenen Anspruchsbereich irgendwo zwischen NDH und Thrash Metal derzeit kaum bessere Alternativen als Süd, Ost, West und Nord. Kritisch zu sehen ist lediglich die zur Schau gestellte Attitüde von Teilen des Publikums, die fernab von allem nur auf Saufen und Refraingröhlen aus sind. Dies mag im deutschsprachigen Raum einigen anderen Bands mit ähnlicher Ausrichtung gerecht werden, HÄMATOM sind und verdienen inzwischen mehr als das.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von:
Peter Seidel / http://www.metalspotter.de (hier findet ihr auch die vollständige Galerie zu diesem Konzert!)

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