Nachtgeschrei w/ Cumulo Nimbus

  • München, Spectaculum Mundi
  • 18. März 2011

Trotz des antiquierten Namens bot das alljährliche „Musica Antiqua Viva“ im Münchner Spectaculum Mundi den idealen Rahmen für die Ardeo Clubtour der Frankfurter Folkmetaler mit Namen NACHTGESCHREI (u.a. präsentiert von Metal1.info). Eine kleine heimelige Location, in der eine überschaubare Menge bereit ist, zusammen mit einer der inzwischen vielversprechendsten Nachwuchskombos im Bereich der mittelalterlich-modernen Klänge die Sau rauszulassen.Zwar kamen Sänger Hotti, Sane und Co. direkt von einem Auftritt in ihrer hessischen Heimat, doch von Ermüdungserscheinungen war nichts zu spüren. Selbst Akkordeon- und Drehleierspieler Joe war nach überstandener Krankheit wieder mit an Bord.
Gut gelaunt und voller Spielfreude betraten die Musiker um kurz vor 21 Uhr geschlossen die (zu) kleine Bühne in der bayerischen Landeshauptstadt. Hätte ich 2007 nach meinen ersten Eindrücken vom Schlosshof Festival an dieser Stelle eher panisch die Flucht ergriffen, sind Nachtgeschrei anno 2011 der bereits im ersten Album prophezeite Hoffnungsschimmer im Folkgenre.
Im Gegensatz zu anderen Auftritten im Rahmen der Clubshows verzichteten die Musiker dieses Mal auf ihr Instrumentalintro namens „Ad Astra“ und legten direkt mit „An mein Ende“ los, dem vielleicht besten Stück auf ihrem letzten Album „Ardeo“. Übersetzt bedeutet der lateinische Albentitel so viel wie „Ich brenne“, doch das wäre für dieses Konzert gelinde gesagt eine harmlose Untertreibung: Denn Nachtgeschrei standen von Anfang an in Flammen und begeisterten besonders die ersten Reihen direkt vor der Bühne, die sich bei „Herz aus Stein“ beinahe die Seelen aus ihren Leibern schrien. Mit Songs wie „Räuber der Nacht“ und dem obligatorischen „Niob“ war die gesamte erste Konzerthälfte auf Party der härteren Gangart getrimmt und überzeugte vom ersten bis zum letzten Ton. Ruhigere Töne wurden erst später angeschlagen, als Sane und Hotti am Bühnenrand Platz nahmen und „Reise zu den Seen“ sangen. Beinahe andächtig nahm fast der gesamte Saal auf den Sitzmöglichkeiten oder am Boden Platz und lauschte dem akustisch vorgetragenen Stück, bevor der Refrain textsicher im Kollektiv angestimmt wurde. Und auch hier stimmte von der Präsentation bis zu den Ansagen und der Performance einfach alles. Nachtgeschrei schafften es sogar soundtechnisch aus den begrenzten Möglichkeiten das Maximum herauszuholen.
Konnte man über verwirrenden Ansagen von Sänger Holger letztes Jahr beim Tanzt! in Kufstein nur mit dem Kopf schütteln, so zeigte er sich dieses Mal stimmlich und auch vom Auftreten her von seiner bis dato besten Seite. Dabei erinnert er besonders mit seinem Lächeln an einen jungen Heath Ledger. Über mehrere Jahre bzw. Alben hinweg ist Hotti als echter Frontmann mit stimmlichem Wiedererkennungswert gereift, der nicht mehr wie eine ulkige Mischung aus Kermit und Herbert Grönemeyer klingt. Und so antwortete auch die gesamte Menge mit einem kräftigen „Ja!“, als er bei „Windstill“ laut „Hört ihr mich?“ fragte.
Der einzige Kritikpunkt meinerseits war die Setliste, die in der ursprünglichen Version dieses Konzert zu einem der besten in den letzten Jahren gemacht hätte. So wurden in der finalen Version u.a. die brillante Ballade „So weit wie nötig“ und das sehr harmonische „Nur ein kleines Stück vom Himmel“ gestrichen. Der Begeisterung tat dies aber keinerlei Abbruch und so wurden den viel zu kurzen Abend über fleißig getanzt, gefeiert und gerockt.
Im Herbst werden Nachtgeschrei im Vorprogramm von Subway to Sally wieder deutschlandweit zu sehen sein. Insgesamt dürfte es mit diesen vielversprechenden Perspektiven und nach solchen Konzerten voller Herzblut nur eine Frage der Zeit sein, bis aus der Ardeo Clubtour eine Hallentour wird.

Setliste Nachtgeschrei:
An mein Ende
Hinter deinen Augen
Kein reiner Ort
Herz aus Stein
Räuber der Nacht
Ardeo
Niob
Herzschlag
Meister
Reise zu den Seen
Fernweh
Windstill
Glut in euren Augen

Muspilli

Vor Nachtgeschrei gaben sich um 20 Uhr CUMULO NIMBUS aus dem Augsburger Raum die Ehre. Trotz überzeugenden Leistungen, u.a. beim Tanzt! 2010, sieht man die Musiker, die ähnlich wie Nachtgeschrei die härtere Gangart anschlagen (wenngleich durch die Flöten etwas melodiöser) , hierzulande sehr selten auf mittelalterlichen Bühnen. Dies merkte man dem knapp einstündigen Auftritt auch an. Zwar stimmte die Songauswahl mit Stücken wie „Totensonntag“, „Carpe Noctem“ und „Aderlass“ sowie einer neuen Eigenkomposition, doch besonders die ersten beiden Stücke vom letzten Album „Totensonntag“ litten unter einem furchtbar abgemischten Sound, der besonders den Gesang von Frontmann Mathis Mandjolin viel zu schlecht wegkommen ließ. Der Klang besserte sich zwar kontinuierlich, doch die Abstimmungsprobleme der sieben Musiker auf dem sehr begrenzten Raum blieben erhalten. Dennoch würdigte das Münchner Publikum den insgesamt guten Auftritt mit lautem Jubel, so dass sogar noch eine Zugabe fällig wurde. Mit einem mehrstimmigen A Capella-Stück über Frauen, die Männer zum Weinen, Lachen und Trinken bewegen, krönten Cumulo Nimbus schließlich ihren Auftritt auf eine untypische und höchst unterhaltsame Weise.

Setliste Cumulo Nimbus:
Carpe Noctem
Totensonntag
Wilder Reigen
Alte Mühle
Knochenmann
Feuerteufel
Blutrote Segel
Flammentanz
Flüssig Gold
Englischer Tanz
Wirtshaus
Aderlass

Tis Women
Kommt mit

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