Vroudenspil w/ Ingrimm

  • München, Spectaculum Mundi
  • 25. März 2017


„Paul? Wer ist eigentlich Paul?“ Diese rhetorische Frage, bekannt aus der TV-Werbung von „Du darfst“, erhält im Rahmen des Musica Antiqua Viva 2017 eine Antwort: Don Santo der Graf – seines Zeichens neuer Sänger bei VROUDENSPIL und mit bürgerlichem Namen im Vorfeld über die sozialen Medien lapidar als Paul vorgestellt. Der neue Freibeuter-Fronter tritt im Spectaculum Mundi, beim alljährlichen Heimspiel des Achters, die Nachfolge von Ratz von der Planke an. Der Wechsel könnte für neuen Pulverdampf bei den Wahlpiraten sorgen, setzt das Konzert doch ein erstes Ausrufezeichen im Hinblick auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Neulings.

Einen Sängerwechsel haben auch die Regensburger INGRIMM vor einigen Jahren hinter sich. Seitdem prägt Frontmann Rene mit seinem Power-Metal-Organ den Sound der Folkmetaller. Der Fünfer kommt an diesem Abend in München besonders metallisch daher, da Drehleier und Dudelsack kaum bis gar nicht zu hören sind. Schade, hat Multiinstrumentalist Hardy seine Qualitäten z.B. schon beim TANZT! 2015 nur wenige Kilometer entfernt unter Beweis gestellt. Zusammen mit neuer Bühnenkleidung präsentieren die Ingrimmigen mit „Leviathan“ ein Vroudenspil-Cover und auch vier neue, eigene Stücke, bei denen sie u.a. den Schalk im Nacken und den Teufel auf dem Schoß begrüßen. Dazu gesellen sich etwas ältere Nummern wie „Skudrinka“ und die Zugabe „Sag mir nicht“ sowie viele Lieder des letzten Longplayers „Henkt ihn!„. Leider gerät der Aufbau der Show musikalisch unter dem Strich zu gleichförmig. Echte Abwechslung bietet das rund einstündige Set kaum. Schnell wird klar, dass in satten Riff- und Schlagzeuggewittern die Qualitäten INGRIMMs liegen. An Renes metallisch-geprägter Stimme scheinen sich im Folk-Kontext auch die Geister zu scheiden.

Frisch am Scheideweg befinden sich VROUDENSPIL mit ihrem neuen Vokalisten. Die Süddeutschen verzichteten im Vorfeld auf Hörproben oder andere Eindrücke. Nur ein paar Fotos und Videos verschafften einen ersten, vagen Eindruck des neuen Sprachrohrs, der in der (Freibeuter-)Folk-Szene ein unbeschriebenes Blatt ist. Umso überraschender fällt der erste Eindruck aus: Nach einem instrumentalen Intro betritt der neue Mann am Mikro schwungvoll und auch etwas nervös die Bühne des Spectaculum Mundi. Mit dabei hat die Kapelle neben eines neuen Sängers auch einen neuen Gitarristen namens Absolem, der seine Arbeit größtenteils unauffällig im Hintergrund verrichtet. Die Augen und Ohren richten sich auf Paul, den Freibeuter Petz schnell als Don Santo der Graf vorstellt. Sein Pseudonym ist der einzige Wermutstropfen, denn von der Stimme, Präsenz und Vorbereitung überzeugt der neue Sänger von Anfang bis Ende. Es dauert nur wenige Minuten, bis Don Santo sich auf seine neuen Bandkollegen eingegroovt hat und zur flotten Sause einlädt. Schnell ist verziehen, dass der Piratengraf keinen Schnaps trinkt, sondern statt dessen bevorzugt dem Biergenuss frönt. Die Texte sitzen und spätestens zur Mitte des Konzerts spürt keiner der Besucher wirklich, dass hier ein neuer Frontmann vorweg marschiert. Die Songauswahl speist sich mehrheitlich aus dem letzten Album „Fauler Zauber“ inklusive Titeltrack, dem überragenden „Püppchen“, „Irrlicht“, „Rebellion“ und „Am Weltenrand“. Mitunter schwenken die Musiker fröhlich ihre Flaggen und halten das Publikum auch fernab ihrer Musik bei Laune: So taucht Don Santo zum fröhlichen Massentanz ins Publikum ein, bevor zu „Reise nach Tortuga“ ein Teil der Menge eine Rudermannschaft mimt. Die Freigetränke zu „Rum für die Welt“ sind anschließend umso verdienter.

Kein Zweifel, das Publikum trägt die neu formierte Mannschaft durch den Abend und diese zahlt es auf Heller und Pfennig zurück. Zwischenzeitlich gönnen sich VROUDENSPIL mit Ausnahme von Schlagzeuger Kraken eine kurze, wohlverdiente Pause. Das Schlagzeugsolo tut der Feierlaune keinen Abbruch, im Gegenteil. Don Santo zeigt sich davor und danach textsicher, schlagfertig und gesanglich talentiert. Lediglich seine Haarpracht hätte ein stilechtes Kopftuch im Piraten-Look gut vertragen – so ist er regelmäßig damit beschäftigt, für freie Sicht zu kämpfen. Dabei beweist er ein ähnliches Durchhaltevermögen wie mit seiner Lederjacke, die er dank bandinterner Wette erst spät ablegt. Im allgemeinen Sound ist seine Stimme noch nicht zu präsent und wird ab und an durch die üppigen weiblichen und männlichen Backing Vocals verwässert. Doch wenn er wie in „Spielmannsweise“ mit seinem Bandkollegen Petz im Duett bzw. Duell auf sich allein gestellt ist, weiß sein Organ und seine eigene Note zu gefallen.
Bis auf „Ein unwichtiger Bösehold“ schrecken VROUDENSPIL vor keinem Klassiker zurück und Don Santo präsentiert seine Künste auch im Rahmen von „Meute toter Narren“, „Kurs aufs Leben“ und – vielleicht etwas überraschend – „Küss mich“. Nach über 90 Minuten lassen die Freibeuter den Abend ruhig ausklingen und der sonst eher schweigsame Seewolf richtet noch einige persönliche Worte an das Publikum. Als sich alle Musiker verabschieden, sieht man ihnen die Last an, die ihnen von den Schultern gefallen ist.

Lang ist es her, dass VROUDENSPIL mit ihrem Erstlingswerk „Lunte gerochen“ haben. Mit neuem Line-Up trifft dieser Umstand nun, rund zehn Jahre später, erneut zu. Allein optisch verkörpert Don Santo eine ganz andere Richtung als sein Vorgänger. Professionell vorbereitet, charmant und unverbraucht erobert der neue Sänger sofort die ersten Herzen der Freibeuterfans, das ist im Spectaculum Mundi von Anfang an spürbar. Nun geht es für die Meute toter Narren darum, wieder ordentlich Fahrt aufzunehmen und Pulverdampf zu geben – ganz wie in ihrer Diskografie. Die Segel sind jedenfalls gesetzt und der erste Wind könnte günstiger kaum sein.

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